Wirtschaft

Erneuerbare decken 58 Prozent des deutschen Stromverbrauchs

4 Min.

01.07.2026

Erneuerbare Energien haben im ersten Halbjahr 2026 einen neuen Rekord erreicht. Wind, Sonne, Wasser und Biomasse deckten 58 Prozent des deutschen Stromverbrauchs. Die Zahlen zeigen: Die Energiewende kommt voran. Doch die Branche warnt, dass fehlende gesetzliche Klarheit den weiteren Ausbau ausbremsen könnte.
 

Erneuerbare Energien haben im ersten Halbjahr 2026 so viel zum deutschen Stromverbrauch beigetragen wie nie zuvor. Nach Hochrechnungen des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg und des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft deckten Windkraft, Photovoltaik, Wasserkraft und Biomasse von Januar bis Juni rund 58 Prozent des Bruttostromverbrauchs.

Damit liegt der Anteil knapp drei Prozentpunkte über dem Wert des Vorjahreszeitraums. Insgesamt speisten Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien rund 152,2 Milliarden Kilowattstunden Strom ein. Der Bruttostromverbrauch lag im selben Zeitraum bei 262,4 Milliarden Kilowattstunden, die Bruttostromerzeugung bei 263,5 Milliarden Kilowattstunden.

Der neue Höchststand ist mehr als eine technische Kennzahl. Er zeigt, dass Deutschland beim Strommix inzwischen deutlich weiter ist als in vielen energiepolitischen Debatten sichtbar wird. Mehr als jede zweite verbrauchte Kilowattstunde kam im ersten Halbjahr rechnerisch aus erneuerbaren Quellen.

Windkraft liegt wieder vorn

Den größten Beitrag leistete die Windenergie. Windkraftanlagen an Land erzeugten im ersten Halbjahr 52,9 Milliarden Kilowattstunden Strom. Damit lagen sie knapp vor der Photovoltaik, die auf 52,4 Milliarden Kilowattstunden kam. Besonders stark legte die Windenergie auf See zu. Auch an Land stieg die Stromproduktion deutlich.

Die Photovoltaik bleibt dennoch einer der wichtigsten Wachstumstreiber der Energiewende. Der Ausbau auf Dächern, Gewerbeflächen und Freiflächen sorgt dafür, dass Solarstrom immer stärker ins System drückt. Gerade in sonnigen Stunden entstehen dadurch hohe Einspeisemengen, die den Strompreis zeitweise deutlich senken können.

Genau darin liegt aber auch eine der zentralen Herausforderungen: Je höher der Anteil von Wind und Sonne wird, desto wichtiger werden Speicher, flexible Verbraucher, Netze und ein Strommarktdesign, das starke Schwankungen abfedern kann. Der Rekord ist also kein Endpunkt, sondern ein Hinweis darauf, dass die nächste Phase der Energiewende technisch und politisch anspruchsvoller wird.

Mehr Unabhängigkeit von fossilen Importen

ZSW-Vorstand Frithjof Staiß verweist auf die geopolitische Bedeutung des Ausbaus. Je mehr Strom aus heimischen erneuerbaren Quellen kommt, desto weniger abhängig ist Deutschland von fossilen Energieimporten. Das betrifft nicht nur den Klimaschutz, sondern auch die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft gegen Energiepreisschocks.

Die Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine hat gezeigt, wie teuer Abhängigkeit werden kann. Gas-, Kohle- und Ölpreise wirken nicht nur auf Haushalte, sondern auch auf Industrie, Produktion und Standortentscheidungen. Ein wachsender Anteil erneuerbarer Energien kann diese Risiken reduzieren, sofern Netze und Speicher mitwachsen.

Zugleich bleibt klar: Strom ist nur ein Teil des gesamten Energieverbrauchs. Wärme, Verkehr und Industrieprozesse hängen weiterhin stark an fossilen Energieträgern. Gerade deshalb ist der hohe Ökostromanteil relevant. Je stärker Heizen, Mobilität und Industrie elektrifiziert werden, desto wichtiger wird ein sauberer Strommix.

Branche fordert verlässliche Regeln

Trotz der Rekordzahlen warnt die Energiewirtschaft vor politischer Verzögerung. BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae fordert verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen. Aus Sicht der Branche fehlen weiterhin zentrale Gesetzesvorhaben, darunter Änderungen am Erneuerbare-Energien-Gesetz und am Wind-auf-See-Gesetz.

Der Hinweis ist nicht bloß Lobbyroutine. Windparks, Solaranlagen, Netze und Speicher brauchen lange Planungs- und Finanzierungszeiträume. Unternehmen investieren nur, wenn Vergütungsmodelle, Genehmigungen und Marktregeln halbwegs berechenbar sind. Verzögerungen in der Gesetzgebung können deshalb direkt auf den Ausbau durchschlagen.

Der Rekordanteil von 58 Prozent zeigt: Die erneuerbaren Energien sind längst kein Nischenthema mehr. Sie tragen die deutsche Stromversorgung bereits mehrheitlich mit. Die eigentliche Frage lautet nun, ob Politik, Infrastruktur und Marktregeln schnell genug nachziehen, damit aus einzelnen Rekorden ein belastbares Energiesystem wird.

SK

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