Wirtschaft

Die Mauer: Notbremse einer scheiternden Wirtschaft

Der DDR liefen Arbeitskräfte und Bürger davon. Am 13. August 1961 reagierte die SED nicht mit Reformen, sondern mit Stacheldraht und Beton

10 Min.

13.08.2026

In der Nacht zum 13. August 1961 begann die DDR, die Grenze zu West-Berlin abzuriegeln. Straßen wurden aufgerissen, Stacheldraht ausgerollt, Bahnverbindungen unterbrochen. Familien, Arbeitswege und ganze Viertel wurden innerhalb weniger Stunden getrennt. 65 Jahre später erinnert Deutschland nicht nur an ein Bauwerk des Kalten Krieges, sondern an den Moment, in dem eine Diktatur ihre eigene Bevölkerung daran hinderte, ihr den Rücken zu kehren.

Heute wird an der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße mit einer zentralen Veranstaltung von Bund und Land Berlin an den Beginn des Mauerbaus erinnert. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner gehört zu den Rednern; Jörg und Franz Hildebrandt erzählen von ihrer Familiengeschichte an jener Straße, an der die Teilung Berlins besonders brutal sichtbar wurde. Am Brandenburger Tor steht zusätzlich eine rund 30 Meter lange und drei Meter hohe Installation des Künstlers Hubertus Hamm, die je nach Blickwinkel undurchdringlich oder transparent erscheint.

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer warnte bei der Eröffnung der Installation ausdrücklich vor einer politischen Verharmlosung der DDR. Gerade weil die Diktatur inzwischen zeitlich immer weiter entfernt liegt, werde es wichtiger, das Grenzregime als das zu benennen, was es war: ein Instrument staatlicher Unterdrückung.

Ein Staat, dem die Menschen davonliefen

Warum die Mauer gebaut wurde, lässt sich kaum verstehen, ohne auf die Jahre davor zu schauen.

Zwischen der Gründung der DDR 1949 und August 1961 verließen nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung etwa 2,7 bis 3 Millionen Menschen das Land. Das entsprach einem erheblichen Teil der Bevölkerung. Besonders problematisch für die DDR war, dass viele Flüchtende jung und beruflich qualifiziert waren: Facharbeiter, Handwerker, Akademiker und andere gut ausgebildete Beschäftigte.

Die Gründe für die Flucht waren unterschiedlich. Politische Repression, fehlende persönliche Freiheit und mangelnde Rechtssicherheit spielten ebenso eine Rolle wie bessere berufliche und materielle Perspektiven im Westen oder familiäre Gründe. Die offene Grenze in Berlin machte die Entscheidung praktisch möglich. Während die innerdeutsche Grenze immer stärker gesichert wurde, blieb West-Berlin das letzte große Schlupfloch.

Der Druck nahm zuletzt rasant zu. Nach knapp 144.000 Flüchtlingen 1959 stieg ihre Zahl 1960 wieder auf fast 200.000. Allein bis zum Mauerbau im August 1961 verließen mehr Menschen die DDR als im gesamten Jahr 1959.

Für die SED war das gleichzeitig ein politisches und ein wirtschaftliches Desaster.

Jeder Mensch, der ging, entzog sich der Macht des Staates. Jeder Arzt, Ingenieur oder Facharbeiter, der im Westen blieb, fehlte aber ebenso in Krankenhäusern, Betrieben und Verwaltungen.

Die Mauer stoppte auch einen Brain Drain

Dass der Mauerbau eine wirtschaftliche Dimension hatte, wird in der Erinnerung häufig von der politischen und menschlichen Tragödie überlagert.

Historisch gehört sie jedoch dazu.

Die DDR kämpfte Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre erneut mit Produktions- und Versorgungsproblemen. Die forcierte sozialistische Umgestaltung von Landwirtschaft, Handwerk und Industrie verschärfte zusätzliche Spannungen. Gleichzeitig verlor die Volkswirtschaft kontinuierlich Arbeitskräfte.

Aus Sicht der SED bestand damit ein absurdes Dilemma: Der Staat investierte in Ausbildung und Qualifikation – konnte seine Bürger aber nicht daran hindern, dieses Wissen anschließend im Westen einzusetzen.

Eine historische Analyse der Bundeszentrale für politische Bildung kommt deshalb zu dem Ergebnis, dass der Mauerbau eine wesentliche Voraussetzung für die anschließende wirtschaftliche Stabilisierung der DDR war. Die Massenabwanderung wurde abrupt gestoppt, Arbeitskräfte blieben im Land und die Führung konnte ihre Wirtschaftsplanung unter veränderten Bedingungen fortsetzen.

Das ist keine positive Bilanz der Mauer.

Es beschreibt vielmehr die eigentliche Brutalität ihrer wirtschaftlichen Logik: Ein Problem, das ein freies System durch bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen hätte lösen müssen, löste die DDR durch die Abschaffung der Möglichkeit zu gehen.

»Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten«

Dabei kam die Abriegelung nicht völlig überraschend.

Die SED-Führung hatte bereits seit Jahren über eine vollständige Schließung der Grenze nach West-Berlin nachgedacht. Lange hatte die Sowjetunion einen solchen Schritt abgelehnt. Erst als auch Nikita Chruschtschow die zunehmende Abwanderung junger Menschen als wirtschaftliche Gefahr für die DDR betrachtete, änderte Moskau seinen Kurs.

Umso berühmter wurde später Walter Ulbrichts Satz vom 15. Juni 1961:

»Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.«

Weniger als zwei Monate später begann die Abriegelung.

In der Nacht zum 13. August rückten Volkspolizei, Grenzpolizei, Angehörige der Nationalen Volksarmee und Betriebskampfgruppen aus. Zunächst entstanden Barrikaden und Stacheldrahtsperren. Die massiven Betonbefestigungen, Wachtürme und weiteren Grenzanlagen wurden anschließend Schritt für Schritt ausgebaut.

Mehr als 50.000 Menschen in der DDR wurden über Nacht von ihren Arbeitsplätzen in West-Berlin abgeschnitten. Was bis dahin Teil eines gemeinsamen städtischen Alltags gewesen war, wurde plötzlich zur Staatsgrenze.

Aus einer Grenze wurde ein Herrschaftsinstrument

Die Mauer erfüllte ihren Zweck.

Die massenhafte Fluchtbewegung brach ein. Damit beseitigte die SED zugleich eine Möglichkeit, mit der Bürger bis dahin unmittelbar auf staatlichen Druck reagieren konnten: Wer die politischen oder wirtschaftlichen Bedingungen nicht mehr akzeptieren wollte, konnte nicht länger einfach gehen.

Historiker sehen deshalb im Mauerbau nicht nur eine Grenzmaßnahme, sondern eine Veränderung der Machtverhältnisse innerhalb der DDR.

Die offene Grenze hatte die SED bis 1961 diszipliniert. Jede drastische politische Maßnahme konnte dazu führen, dass noch mehr Menschen das Land verließen. Nach dem 13. August fiel dieses Korrektiv weitgehend weg. Die Bevölkerung war wesentlich stärker dem Zugriff des Staates ausgesetzt.

Die Mauer stabilisierte also nicht nur die Wirtschaft.

Sie stabilisierte die Diktatur.

140 Tote – und ungezählte zerstörte Lebenswege

Mit den Jahren wurde aus den ersten Stacheldrahtsperren eine der am stärksten gesicherten Grenzen Europas.

Mindestens 140 Menschen kamen an der Berliner Mauer direkt oder in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Grenzregime ums Leben. Zu ihnen gehörten Flüchtende, Menschen ohne Fluchtabsicht und auch Grenzsoldaten. Zusätzlich starben 251 Reisende vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen; sie werden in der Forschung gesondert erfasst.

Hinter diesen Zahlen stehen Lebensgeschichten.

Heute Nachmittag wird in Berlin beispielsweise an Jörg Hartmann und Lothar Schleusener erinnert. Die beiden Jungen waren erst 10 und 13 Jahre alt, als DDR-Grenzsoldaten sie 1966 bei einem Fluchtversuch erschossen.

Gerade solche Biografien erklären, warum die Bezeichnung der Mauer als bloße »Grenzsicherung« ihren Charakter verfehlt.

Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur bringt den Zweck nüchtern auf den Punkt: Die Mauer sollte keinen äußeren Gegner fernhalten. Sie richtete sich nach innen.

Die DDR nannte sie einen Schutzwall

Die politische Führung musste dieses offensichtliche Problem propagandistisch lösen.

Offiziell wurde die Berliner Mauer zum »antifaschistischen Schutzwall« erklärt. Die DDR stellte sie als Verteidigungsmaßnahme gegen westliche Aggression, Spionage und angebliche Kriegsvorbereitungen dar. Jahrestage des Mauerbaus wurden staatlich inszeniert, teilweise mit Militärparaden und Kundgebungen.

Das Narrativ kehrte die Realität praktisch um:

Nicht die DDR-Bevölkerung sollte daran gehindert werden, das Land zu verlassen – angeblich musste die DDR vor dem Westen geschützt werden.

Doch schon die Richtung der Grenzanlagen erzählte eine andere Geschichte. Die entscheidende Aufgabe der Grenztruppen bestand darin, Menschen daran zu hindern, aus der DDR zu gelangen.

Die Mauer fiel nicht von allein

Auch das Ende der Mauer wird im Rückblick manchmal auf eine einzelne Szene reduziert: Günter Schabowskis missverständliche Pressekonferenz am Abend des 9. November 1989, danach die Menschenmassen an den Grenzübergängen.

Doch dieser Abend hatte eine Vorgeschichte.

Im Sommer 1989 nahm die Ausreise aus der DDR über Ungarn und andere osteuropäische Staaten wieder stark zu. Gleichzeitig wuchs die Opposition innerhalb des Landes. Montagsdemonstrationen, Proteste gegen Wahlfälschungen und schließlich Hunderttausende Menschen auf den Straßen entzogen der SED zunehmend die Kontrolle. Am Abend des 9. November konnten die Grenztruppen dem Andrang schließlich nicht mehr standhalten.

Darauf weist zum 65. Jahrestag auch Katrin Göring-Eckardt hin. Die frühere Bundestagsvizepräsidentin, selbst in der DDR aufgewachsen, warnt davor, den Mauerfall als quasi naturgegebenes Ereignis zu erzählen: Er war Ergebnis einer Selbstbefreiung durch Bürger, die das Regime immer offener herausforderten. Gleichzeitig kritisiert sie sowohl die Verklärung der DDR als auch westdeutsches Desinteresse an ostdeutschen Erfahrungen nach der Einheit.

Beides lässt sich miteinander vereinbaren.

Man kann die DDR eindeutig als Diktatur bezeichnen und trotzdem anerkennen, dass Menschen dort gelebt, geliebt, gearbeitet und persönliche Erinnerungen aufgebaut haben, die sich nicht auf den Staat reduzieren lassen.

Die Mauer ist verschwunden – die Teilung nicht vollständig

65 Jahre nach dem Mauerbau und fast 37 Jahre nach seinem Fall ist die physische Grenze weitgehend verschwunden.

Wirtschaftlich sind die Unterschiede zwischen Ost und West jedoch noch nicht vollständig überwunden.

2025 lag der mittlere Bruttojahresverdienst von Vollzeitbeschäftigten in den ostdeutschen Ländern ohne Berlin bei 46.013 Euro, in Westdeutschland bei 55.435 Euro.

Diese Differenz ist selbstverständlich nicht einfach »die Folge der Mauer«. Sie entstand aus 40 Jahren unterschiedlicher Wirtschaftsordnungen, der tiefgreifenden Transformation nach 1990, unterschiedlichen Unternehmensstrukturen, Vermögensverhältnissen und vielen weiteren Faktoren.

Sie erinnert aber daran, dass politische Teilung wirtschaftliche Strukturen schafft, die weit länger bestehen können als die Grenze selbst.

Auch Bundeskanzler Friedrich Merz sprach im März davon, dass trotz mehr als 35 Jahren Einheit weiterhin strukturelle Schwächen im Osten bestünden.

Warum das Erinnern gerade jetzt wieder politisch wird

Zum 65. Jahrestag richtet sich der Blick deshalb nicht nur zurück.

Weimer warnt aktuell davor, die DDR aus politischen Motiven zu verharmlosen. Evelyn Zupke, die Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur, hat sich ebenfalls wiederholt gegen eine Verklärung des Systems gewandt – zuletzt etwa nach dem öffentlichen Singen der DDR-Nationalhymne bei einer AfD-Veranstaltung in Sachsen-Anhalt.

Damit wird Erinnerung selbst zum politischen Streitfeld.

Gerade deshalb ist Präzision wichtig. Wer heutige politische Konflikte vorschnell mit einer Diktatur gleichsetzt, relativiert die Erfahrungen jener Menschen, die tatsächlich ohne freie Wahlen, unabhängige Gerichte, Pressefreiheit und Reisefreiheit lebten.

Umgekehrt darf die notwendige Erinnerung an die SED-Diktatur nicht dazu dienen, heutige wirtschaftliche oder gesellschaftliche Erfahrungen Ostdeutscher als bloße Nostalgie abzutun.

Geschichte wird nicht genauer, wenn man sie für die Gegenwart passend macht.
 

Stefanie S. Klief

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach oben