Wirtschaft

Deutschland ohne Chance in der Liga amerikanischer Techkonzerne mitzuspielen

Peter Thiel verbindet Deutschlands wirtschaftliche Schwäche auch mit zunehmender politischer Unzufriedenheit.

10 Min.

26.09.2026

Mathias Döpfner im Gespräch mit Peter Thiel im Videopodcast MD MEETS, am 25.09.2026, am Rande der Preisverleihung des Axel Springer Awards 2026.

Über Peter Thiels politische Positionen wird viel gesprochen. In seinem gestrigen Auftritt zieht sich jedoch eine andere Frage fast durchgehend durch: Warum fällt es Deutschland und Europa so schwer, neues Wachstum, technologische Führungspositionen und Unternehmen von globaler Größe hervorzubringen? Der PayPal- und Palantir-Mitgründer sieht ein Problem, das für ihn weit über Bürokratie oder Risikoscheue hinausgeht. Deutschland habe möglicherweise nicht nur Angst vor dem Scheitern, sondern auch eine »Angst vor Erfolg«. Hinter der Provokation steckt eine wirtschaftliche Frage, mit der sich inzwischen auch Bundesregierung, EU und Kapitalgeber beschäftigen: Was passiert zwischen einem erfolgreichen Start-up und einem neuen Weltkonzern? 

Anlass für die Aussagen war ein 65-minütiges Gespräch mit Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner im Format »MD MEETS«. Es wurde im Umfeld des Axel Springer Awards 2026 aufgezeichnet, mit dem Thiel in Berlin für seinen Einfluss auf Unternehmertum, Technologie und gesellschaftliche Debatten ausgezeichnet wurde.

Thiel beginnt bei Technologie, nicht bei Parteien

Am Anfang seiner Diagnose steht eine These, die Thiel seit Jahren vertritt: Der technologische Fortschritt des Westens habe sich seit den Siebzigerjahren stark auf die digitale Welt konzentriert.

Computer, Software und Internet hätten enorme Fortschritte gemacht. In vielen Bereichen der physischen Welt – von Energie über Verkehr bis zu Medizin und Industrie – sei die Entwicklung dagegen langsamer verlaufen.

Künstliche Intelligenz könnte diese lange Phase der von ihm diagnostizierten Stagnation durchbrechen. Im Gespräch mit Döpfner beschreibt Thiel KI deshalb nicht nur als nächste Internetwelle, sondern als Technologie, die Produktivität auch außerhalb der klassischen Digitalwirtschaft verändern könnte. Europa sieht er in diesem Wettbewerb allerdings bereits erheblich zurückliegen.

Dass Produktivität und technologische Innovation für Deutschland tatsächlich zu einer immer wichtigeren Wachstumsfrage werden, ist nicht nur Thiels Einschätzung.

Die Bundesbank warnt, dass der demografische Wandel das Produktionspotenzial in den kommenden zehn Jahren zunehmend begrenzt. Mit dem Ausscheiden der Babyboomer schrumpft das Arbeitsangebot. Langfristig seien deshalb Produktivitätsfortschritte durch Innovation und den erfolgreichen Einsatz neuer Technologien entscheidend für Wachstum und Wohlstand.

Thiels Ausgangsfrage trifft damit auf ein reales Problem.

Seine Erklärung dafür ist wesentlich kontroverser.

Nicht nur Angst vor dem Scheitern – sondern vor dem Erfolg

Wenn über die deutsche Gründerszene gesprochen wird, lautet eine verbreitete Erklärung: Deutschland sei zu risikoscheu. Scheitern werde gesellschaftlich stärker sanktioniert als im Silicon Valley, Kapital sei schwieriger verfügbar, Unternehmer gingen deshalb weniger große Risiken ein.

Thiel hält das für möglich. Er dreht die These jedoch um.

Vielleicht gebe es neben der »fear of failure« auch eine »fear of success«. Wenn ein Unternehmen funktioniere, werde es in Deutschland beziehungsweise Europa häufig verkauft oder die Gründer stiegen aus, bevor daraus ein Konzern von der Größenordnung eines von Elon Musk oder Mark Zuckerberg aufgebauten Unternehmens entstehen könne. Auffällig sei für ihn, wie wenige wirklich große neue Unternehmen Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten hervorgebracht habe.

Das ist zunächst Thiels Interpretation, keine nachgewiesene kulturelle Eigenschaft deutscher Unternehmer. Aber sie verschiebt die Frage an einen interessanten Punkt.

Die Herausforderung besteht dann nicht nur darin, mehr Unternehmen zu gründen. Sondern darin, erfolgreiche Unternehmen über Jahre weiter zu finanzieren, international wachsen zu lassen und ihre Gründer davon abzuhalten oder es unnötig zu machen, früh zu verkaufen.

Deutschland hat durchaus Start-ups – schwieriger wird es beim Skalieren

Die aktuellen Zahlen widersprechen jedenfalls der Vorstellung, Deutschland habe grundsätzlich kein funktionierendes Gründungsökosystem.

2025 stieg die Zahl der Existenzgründungen nach dem KfW-Gründungsmonitor deutlich. Besonders junge Menschen prägen die Gründerszene zunehmend, digitale Geschäftsmodelle gewinnen weiter an Bedeutung.

Auch beim Wagniskapital gab es 2026 eine deutliche Belebung.

Im zweiten Quartal sammelten deutsche Start-ups rund 3,4 Milliarden Euro ein – das stärkste Quartal seit vier Jahren. 72 Prozent des investierten Kapitals gingen sogar bereits an Unternehmen in der Scale-up-Phase, also Firmen, die die frühe Start-up-Phase hinter sich gelassen haben und stark wachsen.

Das klingt zunächst nicht nach einem Land, in dem Wachstum grundsätzlich unmöglich wäre. Doch die Zahlen zeigen auch Schwächen.

Im ersten Quartal stammten mehr als drei Viertel des in deutsche Start-ups investierten Kapitals von ausländischen Geldgebern. US-Investoren allein stellten 34 Prozent. Und während KI-Finanzierungen auch in Deutschland zunahmen, fiel der Boom nach Einschätzung der KfW deutlich kleiner aus als in anderen Märkten – insbesondere den USA.

Damit verschiebt sich das Problem tatsächlich stärker in Richtung Wachstumskapital und Skalierung.

Die Bundesregierung versucht genau dort gegenzusteuern: Über die WIN-Initiative sollen künftig insgesamt 25 Milliarden Euro für das deutsche Wagnis- und Wachstumskapital-Ökosystem mobilisiert werden.

Thiel schaut deshalb auf die Superreichen

Für seine These verwendet Thiel im Gespräch einen ungewöhnlichen Indikator.

Er habe sich die 50 reichsten Menschen in Deutschland und den USA angesehen und nach jüngeren Vermögenden gesucht. In seiner eigenen Auswertung seien unter den nach 1965 geborenen Amerikanern die meisten Vermögen selbst aufgebaut worden. Bei den von ihm identifizierten jüngeren Deutschen seien dagegen sämtliche Vermögen geerbt gewesen.

Thiel macht selbst deutlich, dass dies nur ein extremer Ausschnitt ist.

Die Liste der Superreichen ist keine wissenschaftliche Messgröße für Innovationsfähigkeit. Sie sagt wenig über Mittelstand, Hidden Champions oder Unternehmen aus, deren Gründer nicht zu den vermögendsten Menschen eines Landes gehören.

Sein eigentliches Argument dahinter ist jedoch ökonomisch: Ein neu entstehender Großkonzern schafft nicht nur Vermögen für seinen Gründer. Er kann neue Zulieferer, hochbezahlte Arbeitsplätze, Aktienvermögen für Mitarbeiter und weitere Unternehmensgründungen hervorbringen.

Im Silicon Valley lässt sich dieser Mechanismus tatsächlich beobachten. Frühere Mitarbeiter erfolgreicher Technologieunternehmen wurden später selbst zu Gründern, Investoren oder Kapitalgebern.

Thiel vermisst einen vergleichbaren Kreislauf in Deutschland.

Deutschland ist trotzdem kein innovationsfreies Land

Auch hier lohnt die Gegenprobe.

Im European Innovation Scoreboard 2026 gehört Deutschland weiterhin zur Gruppe der Strong Innovators. An der Spitze Europas stehen allerdings Schweden, Dänemark, die Niederlande und Finnland. Die EU insgesamt hat ihre Innovationsleistung seit 2019 verbessert, während China im internationalen Vergleich besonders schnell aufholt.

Auch regional gibt es deutsche Spitzenpositionen. Oberbayern gehörte im jüngsten europäischen Regionalvergleich zu den fünf innovationsstärksten Regionen Europas.

Das Problem ist damit weniger ein völliger Mangel an Forschung oder Innovation.

Die wirtschaftlich spannendere Frage lautet, wie häufig aus dieser Innovationskraft neue Unternehmen von globaler Größe entstehen.

Hier liegt Thiels eigentlicher Angriffspunkt.

Deutschland besitzt große Forschungsorganisationen, Hochschulen, Patente, einen starken industriellen Mittelstand und traditionsreiche Weltkonzerne.

Was seltener entsteht, sind neue Unternehmen, die innerhalb weniger Jahrzehnte in Größenordnungen von Microsoft, Amazon, Nvidia, Meta oder Tesla wachsen.

Aus wirtschaftlicher Stagnation wird bei Thiel ein politisches Problem

An diesem Punkt verbindet Thiel im Gespräch Wirtschaft und Politik.

Den Erfolg von Parteien an den politischen Rändern erklärt er zumindest teilweise mit fehlender wirtschaftlicher Perspektive. Gerade bei jüngeren Menschen verweist er auf hohe Wohnkosten, schwieriger werdende Aufstiegsmöglichkeiten und die Wahrnehmung, dass westliche Gesellschaften stärker auf die Interessen älterer Generationen ausgerichtet seien.

Dabei übernimmt er die politischen Positionen dieser Parteien ausdrücklich nicht.

Mit Blick auf die AfD sagt er, deren Positionen zu Ukraine, China und Israel halte er jeweils für falsch. Beim Erfolg der Linken unter jungen Berliner Wählern unterscheidet er ebenfalls zwischen den Problemen, die diese Menschen wahrnehmen, und den politischen Lösungen der Partei, die er ablehnt.

Das ist für seine wirtschaftliche Argumentation entscheidend.

Thiel beschreibt politische Polarisierung nicht als isoliertes kulturelles Phänomen. Er verbindet sie mit der Frage, ob Menschen noch erwarten können, dass ihre wirtschaftliche Situation künftig besser wird.

Das ist seine Interpretation; politische Wahlergebnisse haben selbstverständlich zahlreiche Ursachen und lassen sich nicht auf Wachstum oder Wohlstand reduzieren.

Aber wirtschaftliche Aufstiegserwartungen werden damit zum Bindeglied zwischen seinen technologischen und politischen Aussagen.

Seine Kritik an Deutschland ist zudem persönlich motiviert

Thiel wurde 1967 in Frankfurt geboren und zog als Kleinkind mit seiner Familie in die USA. Im Gespräch beschreibt er Deutschland weiterhin als Teil seiner Identität. Gerade deshalb beschäftigt ihn nach eigener Aussage, ob das Land wirtschaftlich wieder stärker werden kann.

Seine Diagnose fällt hart aus.

Deutschland müsse wieder Unternehmen hervorbringen, die nicht nur erfolgreich starten, sondern über Jahrzehnte weiterwachsen. Europa müsse den Rückstand bei KI aufholen. Wirtschaftspolitik müsse stärker auf Wachstum ausgerichtet werden.

Dass Thiel dabei aus der Perspektive eines Silicon-Valley-Investors argumentiert, gehört zur Einordnung.

Sein Maßstab ist eine Wirtschaft, die außergewöhnlich große Technologieunternehmen und außergewöhnlich große Vermögen hervorbringt. Andere wirtschaftspolitische Perspektiven würden zusätzlich Verteilung, Arbeitnehmerrechte, öffentliche Infrastruktur, soziale Sicherheit oder ökologische Kosten stärker gewichten.

Auch der wirtschaftliche Erfolg der USA lässt sich nicht allein aus ihrer Start-up-Kultur erklären.

Die »Angst vor Erfolg« bleibt eine These – das Skalierungsproblem ist real

Daher muss man Thiels zugespitzte Formulierung nicht übernehmen, um die dahinterliegende Frage ernst zu nehmen. Die aktuellen deutschen Zahlen zeichnen kein Bild des Stillstands. Gründungen nehmen zu. Wagniskapital fließt. 2026 gab es wieder große Finanzierungsrunden. Deutschland gehört weiterhin zu den stärkeren Innovationsstandorten Europas.

Gleichzeitig versucht die Politik mit Milliardenprogrammen ausdrücklich, mehr Wachstumskapital für genau jene Unternehmen bereitzustellen, die aus der Start-up- in die Scale-up-Phase wechseln. Ein erheblicher Teil der bisherigen Finanzierung stammt aus dem Ausland.

Damit ist die Frage längst nicht nur Peter Thiels persönliche Deutschland-Diagnose. Sie lässt sich ziemlich nüchtern formulieren:

Warum gelingt es einem Land mit starken Hochschulen, Forschung, Industrie und Kapital immer noch vergleichsweise selten, aus einer jungen innovativen Firma einen neuen globalen Konzern zu machen?

Thiels Antwort lautet:  Womöglich bremsen nicht nur Angst vor Risiko und fehlendes Kapital. Vielleicht wird auch zu früh verkauft, zu klein gedacht oder der Erfolg nicht weit genug skaliert.

Ob seine Erklärung stimmt, lässt sich aus einem Interview nicht entscheiden.

Aber die wirtschaftliche Frage dahinter dürfte Deutschland noch weit über dieses Gespräch hinaus beschäftigen.

Stefanie S. Klief

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