Die Vorstellung der Geimeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsforschungsinstitute am 24.09.2026 auf der Bundespressekonferenz
Noch im Frühjahr sah es nach einem weiteren enttäuschenden Wirtschaftsjahr aus. Die führenden Forschungsinstitute erwarteten gerade einmal 0,6 Prozent Wachstum. Fünf Monate später steht dort 1,3 Prozent. Deutschlands Wirtschaft hat sich deutlich robuster entwickelt als gedacht. Nach Jahren von Rezession und Stagnation ist der Aufschwung damit nicht mehr nur Hoffnung. Doch die neue Gemeinschaftsdiagnose enthält zugleich eine Warnung: Schon 2028 soll das Wachstum auf 0,4 Prozent zurückfallen. Deutschland hat sein akutes Konjunkturproblem damit noch nicht mit seinem strukturellen Wachstumsproblem verwechselt.
Aus 0,6 werden 1,3 Prozent
Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Prognose für das laufende Jahr überraschend deutlich angehoben.
Für 2026 erwarten DIW, ifo Institut, Kiel Institut für Weltwirtschaft, IWH und RWI nun ein preisbereinigtes Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,3 Prozent. Im Frühjahr hatten sie lediglich 0,6 Prozent prognostiziert. Die Erwartung wurde damit um 0,7 Prozentpunkte angehoben und liegt mehr als doppelt so hoch wie noch vor wenigen Monaten.
Für 2027 rechnen die Institute mit 1,1 Prozent Wachstum statt bislang 0,9 Prozent. 2028 soll die Wirtschaftsleistung dagegen nur noch um 0,4 Prozent zulegen.
Nach zwei Rezessionsjahren war das deutsche BIP 2025 gerade einmal um 0,2 Prozent gewachsen.
Der Unterschied zu damals ist inzwischen auch in den amtlichen Daten sichtbar: Im ersten Quartal 2026 legte die Wirtschaftsleistung um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu, im zweiten Quartal noch einmal um 0,3 Prozent. Im Vorjahresvergleich lag das BIP im zweiten Quartal bereits ein Prozent höher.
Ausgerechnet die Industrie überrascht
Besonders bemerkenswert ist, woher der zusätzliche Schub kommt. Noch im Frühjahr hatten die Institute mit einer schwachen Industrie gerechnet. Nun entwickelten sich im ersten Halbjahr ausgerechnet die Exporte und die Wertschöpfung des Verarbeitenden Gewerbes stärker als erwartet.
Die Institute führen das unter anderem auf die robuste Weltkonjunktur und den anhaltenden internationalen KI-Boom zurück. Gleichzeitig waren konkurrierende Produzenten in der Golfregion infolge des Iran-Krieges teilweise eingeschränkt. Auch der Staatsverbrauch legte kräftig zu.
Die amtlichen Außenhandelsdaten stützen das Bild: Im zweiten Quartal lagen die preisbereinigten deutschen Exporte 3,7 Prozent über dem Vorjahresniveau. Die Warenexporte stiegen sogar um fünf Prozent. Besonders gefragt waren chemische Erzeugnisse, Datenverarbeitungsgeräte sowie elektrische und optische Produkte und Fahrzeuge außerhalb des klassischen Automobilbaus. Das ist bemerkenswert, weil die Exportindustrie über Jahre zu den größten Sorgenkindern der deutschen Wirtschaft gehörte.
Der Energiepreisschock fiel kleiner aus als befürchtet
Noch im April hatte die Gemeinschaftsdiagnose ihre Prognose kräftig gesenkt. Damals erwarteten die Institute, dass die durch den Iran-Krieg gestiegenen Energiepreise das Wachstum 2026 um rund 0,3 Prozentpunkte drücken würden. Für das Gesamtjahr wurden deshalb lediglich 0,6 Prozent Wachstum veranschlagt.
Diese Befürchtung hat sich bislang nur teilweise erfüllt. Die hohen Preise für Kraftstoffe und Heizöl belasten zwar Unternehmen und private Haushalte. Auf die übrigen Verbraucherpreise sind sie nach Einschätzung der Institute jedoch wesentlich weniger stark übergesprungen als zunächst erwartet. Der Energiepreisschock bremst also – er hat den Aufschwung aber nicht abgewürgt.
Das Problem liegt inzwischen woanders
So erfreulich die 1,3 Prozent aussehen: Die Zusammensetzung des Wachstums bleibt fragil. Private Unternehmensinvestitionen sind weiterhin schwach. Auch der private Konsum entwickelte sich im ersten Halbjahr zurückhaltend. Im zweiten Quartal lagen die privaten Konsumausgaben preisbereinigt lediglich 0,1 Prozent über dem Vorjahresquartal; die Bauinvestitionen gingen um 1,5 Prozent zurück.
Damit kommt ein wesentlicher Teil des derzeitigen Wachstums aus Exporten und staatlicher Nachfrage.
Steigende Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur sollen die Konjunktur auch in den kommenden Quartalen stützen. Die Institute erwarten für 2027 zusätzlich eine Belebung des privaten Konsums und allmählich wieder höhere Wohnungsbauinvestitionen. Die Unternehmensinvestitionen dürften dagegen weiterhin schwach bleiben.
Das ist der entscheidende Unterschied zwischen einem konjunkturellen Aufschwung und einem neuen Wachstumsmodell.
2028 kommt die strukturelle Grenze
Die ungewöhnlich niedrige Prognose von 0,4 Prozent für 2028 ist deshalb fast wichtiger als die 1,3 Prozent für dieses Jahr.
Nach Einschätzung der Institute stößt Deutschland zunehmend an seine strukturellen Grenzen. Das Erwerbspersonenpotenzial schrumpft aufgrund des demografischen Wandels. Gleichzeitig sinkt das sogenannte Potenzialwachstum – also jene Rate, mit der eine Volkswirtschaft langfristig wachsen kann, ohne ihre Kapazitäten zu überlasten.
Damit entsteht eine ungewöhnliche Situation. Schon vergleichsweise geringe Wachstumsraten können künftig ausreichen, um Fabriken, Arbeitskräfte und andere Kapazitäten weitgehend auszulasten. Das Problem besteht dann nicht mehr nur darin, zu wenig Nachfrage zu haben.
Die Wirtschaft kann schlicht weniger zusätzlich produzieren. Der Aufschwung stößt damit schneller an Grenzen als in früheren Jahrzehnten.
Auch am Arbeitsmarkt kommt die Erholung spät an
Von dem stärkeren Wachstum profitieren Beschäftigte zunächst nur begrenzt. Für 2026 erwarten die Institute weiterhin einen Rückgang der Erwerbstätigkeit. Die Arbeitslosenquote soll bei 6,4 Prozent liegen. Erst 2027 soll sie auf 6,2 Prozent und 2028 auf 5,8 Prozent sinken.
Auch das zeigt, wie ungewöhnlich die aktuelle Erholung ist. Die Produktion steigt bereits, während sich der Arbeitsmarkt noch kaum verbessert. Unternehmen können zunächst vorhandene Kapazitäten stärker nutzen, bevor sie zusätzliches Personal einstellen.
Die Rechnung des Staates wird gleichzeitig größer
Ein erheblicher Teil des Aufschwungs wird von höheren öffentlichen Ausgaben begleitet.
Die Institute erwarten, dass das staatliche Finanzierungsdefizit von 4,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts 2026 auf 4,7 Prozent im Jahr 2028 steigt. Zugleich wachsen Schuldenquote und Zinsausgaben. Die Gemeinschaftsdiagnose sieht deshalb zunehmenden Konsolidierungsbedarf und kritisiert den derzeitigen Kurs der Finanzpolitik.
Das ist zunächst die Bewertung der beteiligten Institute. Politisch wird darüber gestritten, wie stark kreditfinanzierte Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur kurzfristig die Konjunktur stabilisieren und langfristig das Produktionspotenzial erhöhen können.
Für die aktuelle Wachstumsprognose steht jedoch fest: Staatliche Ausgaben sind ein wichtiger Bestandteil des Aufschwungs.
Stefanie S. Klief