Wirtschaft

Teurer Sprit beschleunigt den Umstieg aufs E-Auto

In Großbritannien steigen die Elektro-Neuzulassungen um fast 50 Prozent – auch in Deutschland und Europa gewinnt der Antrieb deutlich Marktanteile

6 Min.

12.08.2026

Jahrelang sollte vor allem Klimapolitik Autofahrer zum Elektroauto bewegen. Nun übernimmt ausgerechnet der Ölpreis einen Teil dieser Aufgabe. Hohe Benzin- und Dieselpreise machen den Kostenvorteil elektrischen Fahrens sichtbarer – und die Verkaufszahlen reagieren. Besonders deutlich zeigt sich das derzeit in Großbritannien. Doch auch der europäische Markt verschiebt sich spürbar.

In Großbritannien wurden im Juli nach Daten von New AutoMotive rund 43.500 reine Elektroautos neu zugelassen. Das waren 49 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Der Marktanteil batterieelektrischer Fahrzeuge erreichte 27,4 Prozent. Damit übertraf der Absatz bereits zum 2. Mal in Folge den aufgrund regulatorischer Flexibilitäten tatsächlich erforderlichen Pfad der britischen Elektroquote.

Die Zahlen des britischen Branchenverbands SMMT fallen je nach Datenabgrenzung leicht anders aus, zeigen aber dieselbe Richtung: 43.106 batterieelektrische Fahrzeuge und ein Plus von 44,5 Prozent gegenüber Juli 2025.

Wenn die Tankrechnung die Kaufentscheidung verändert

Der aktuelle Schub fällt nicht zufällig mit stark gestiegenen Kraftstoffpreisen zusammen.

Der Krieg mit Iran und die Störungen am internationalen Ölmarkt haben Benzin und Diesel in Europa deutlich verteuert. Anfang August kostete eine durchschnittliche Tankfüllung Diesel in Großbritannien erstmals rund 100 Pfund. Bereits im Juni hatte der SMMT ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Auswirkungen des Nahostkonflikts auf die Kraftstoffpreise das Interesse an Elektroautos verstärken.

Damit verändert sich eine der wichtigsten Größen beim Autokauf: die laufenden Kosten.

Nach den seit Juni geltenden britischen Pauschalen werden bei zu Hause geladenen Elektroautos rechnerisch rund 7 Pence Energiekosten je Meile angesetzt. Bei Benzinern liegen die entsprechenden Kraftstoffkosten abhängig vom Motor bei 14 bis 26 Pence, bei Dieselfahrzeugen bei 15 bis 23 Pence. Wer überwiegend öffentlich lädt, verliert allerdings einen großen Teil dieses Vorteils: Dafür setzt die britische Regierung rund 15 Pence je Meile an.

Der ökonomische Anreiz ist damit stark davon abhängig, wo ein Elektroauto geladen werden kann. Ein eigener Ladepunkt macht den Unterschied zwischen Strom- und Kraftstoffkosten wesentlich größer.

Der Trend reicht längst über Großbritannien hinaus

Auch auf dem europäischen Automarkt verschieben sich die Anteile deutlich.

In der Europäischen Union wurden im 1. Halbjahr 2026 rund 1,22 Millionen batterieelektrische Pkw neu zugelassen. Ihr Marktanteil stieg von 15,6 auf 20,7 Prozent. Deutschland verzeichnete gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein Plus von 48 Prozent, Frankreich sogar von 62,9 Prozent.

Gleichzeitig verlieren klassische Verbrenner an Boden. Die Zahl neu zugelassener Benziner sank in der EU im 1. Halbjahr um 17,2 Prozent. In Deutschland betrug das Minus 18,2 Prozent. Zusammen kamen Benzin- und Dieselfahrzeuge nur noch auf 29,7 Prozent des europäischen Neuwagenmarkts – ein Jahr zuvor waren es noch 37,8 Prozent.

Eine weitere europäische Auswertung kommt für das 1. Halbjahr auf rund 1,24 Millionen verkaufte batterieelektrische Fahrzeuge in 17 Märkten und ein Wachstum von 33,7 Prozent. Als wichtige Treiber nennt sie neben Fördermaßnahmen ausdrücklich höhere Benzinpreise.

Spritpreise allein erklären den Boom nicht

Trotzdem wäre es falsch, den aktuellen Schub ausschließlich dem Ölpreisschock zuzuschreiben.

In Großbritannien wirken mehrere Faktoren gleichzeitig: staatliche Zuschüsse, eine größere Modellvielfalt und erhebliche Preisnachlässe der Hersteller. Der SMMT beziffert die kumulierten Rabatte der Autoindustrie seit 2024 auf mehr als 12 Milliarden Pfund. Im Juni kamen Elektroautos dadurch bereits auf 30 Prozent Marktanteil.

Auch günstigere Modelle verändern den Markt. Neue Hersteller – insbesondere aus China – erhöhen den Wettbewerbsdruck und drücken die Einstiegspreise. In Europa haben chinesische Marken ihre Verkäufe zuletzt stark ausgebaut; BYD, Chery und Leapmotor steigerten ihre Zulassungen im Juni teilweise auf ein Mehrfaches des Vorjahres.

Für traditionelle europäische Autobauer entsteht daraus eine doppelte Herausforderung: Sie müssen gleichzeitig die Kosten ihrer Elektromodelle senken und ihre Verbrennerproduktion an einen Markt anpassen, dessen Nachfrage schneller zurückgeht als noch vor wenigen Jahren erwartet.

Ein Boom mit einem Haken

Ausgerechnet die britische Autoindustrie warnt trotz der Rekordwerte davor, den Übergang bereits für geschafft zu erklären.

Im 1. Halbjahr erreichten Elektroautos dort einen Marktanteil von rund 25 Prozent. Die gesetzliche Zielmarke für 2026 liegt formal bei 33 Prozent. Nach Berechnungen des SMMT wären ohne regulatorische Flexibilitäten im weiteren Jahresverlauf Marktanteile von mehr als 40 Prozent notwendig, um dieses Ziel vollständig zu erreichen.

Der Branchenverband argumentiert deshalb, dass ein Teil der Nachfrage derzeit teuer erkauft werde: durch Rabatte, staatliche Zuschüsse und den Druck regulatorischer Vorgaben. Das schmälere Margen und Restwerte und könne Investitionen belasten. Diese Einschätzung ist allerdings auch als Position eines Branchenverbands zu verstehen, der seit Längerem Änderungen an den britischen Elektroquoten fordert.

Genau darin liegt die wirtschaftlich interessante Verschiebung: Noch vor Kurzem musste die Politik Elektroautos vor allem über Regulierung und Förderung attraktiver machen. Nun verbessert ein externer Ölpreisschock selbst ihre relative Kostenposition.

Hohe Ölpreise könnten den Strukturwandel beschleunigen

Für die Autoindustrie ist entscheidend, ob dieser Effekt anhält.

Reuters hatte bereits im Mai und Juni berichtet, dass steigende Kraftstoffpreise die Nachfrage nach neuen und gebrauchten Elektroautos in mehreren europäischen Ländern erhöhten. Branchenvertreter warnten zugleich davor, dass ein Teil dieses Interesses wieder verschwinden könnte, sobald Benzin und Diesel deutlich billiger werden.

Doch selbst wenn sich der Ölpreis wieder beruhigt, bleiben andere Veränderungen bestehen: mehr verfügbare Modelle, zunehmende Ladeinfrastruktur und ein wachsender Bestand an Elektrofahrzeugen.

Hinzu kommt ein psychologischer Effekt. Je stärker Kraftstoffpreise schwanken, desto größer wird für Käufer der Wert kalkulierbarer Betriebskosten. Damit wird Energieabhängigkeit selbst zu einem Verkaufsargument für Elektroautos.

Der Iran-Krieg zeigt dabei einen Zusammenhang, der über Klimapolitik hinausgeht: Elektromobilität wird zunehmend auch als Frage von Energiepreisen und Versorgungssicherheit wahrgenommen.

Was bleibt

Der aktuelle Elektroauto-Boom ist nicht das Ergebnis eines einzelnen Faktors.

Hohe Spritpreise treffen auf staatliche Förderung, milliardenschwere Herstellerrabatte, mehr Modelle und wachsenden Wettbewerb. Erst diese Kombination erklärt, warum die Zulassungszahlen derzeit so stark steigen.

Trotzdem verändert der Ölpreisschock die wirtschaftliche Gleichung spürbar. Je teurer Benzin und Diesel werden, desto weniger muss ein Elektroauto allein über Klimaschutz verkauft werden. Der mögliche Vorteil zeigt sich unmittelbar an der Tank- beziehungsweise Laderechnung.

Für Europas Autoindustrie könnte das erhebliche Folgen haben. Wenn hohe Ölpreise den Umstieg dauerhaft beschleunigen, entscheidet sich der Wettbewerb weniger daran, ob das Elektroauto kommt – sondern zunehmend daran, welche Hersteller den wachsenden Markt mit bezahlbaren Fahrzeugen bedienen können.

Stefanie S. Klief

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