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Frauen holen auf – nur an der Spitze wird die Luft dünn

Weltweit ist die Geschlechterlücke so klein wie nie. Gleichzeitig sinkt der Frauenanteil in politischen Spitzenpositionen und stagniert in den obersten Führungsetagen

8 Min.

17.09.2026

69,2 Prozent der weltweiten Geschlechterlücke sind geschlossen – mehr als jemals zuvor seit Beginn der Messung. Deutschland schafft es auf Platz neun von 145 untersuchten Volkswirtschaften. Das klingt zunächst nach einer guten Nachricht. Doch die zwanzigste Ausgabe des Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums erzählt zugleich eine andere Geschichte. Politische Gleichstellung ist heute global schwächer ausgeprägt als noch 2016. Frauen stellen nur rund ein Fünftel der CEOs. Und ausgerechnet in der künstlichen Intelligenz, einer Technologie, die gerade ganze Wirtschaftszweige neu ordnet, ist nicht einmal jeder fünfte Ingenieur weiblich. Der Fortschritt ist real. Aber er erreicht Machtpositionen deutlich langsamer als Schulen, Hochschulen und Arbeitsmärkte.

Zwanzig Jahre Fortschritt – und noch 120 Jahre vor uns

Seit 2006 misst das Weltwirtschaftsforum jährlich die Unterschiede zwischen Frauen und Männern in vier Bereichen: wirtschaftliche Teilhabe und Chancen, Bildung, Gesundheit sowie politische Teilhabe.

Für die zwanzigste Ausgabe wurden 145 Volkswirtschaften untersucht. In den 97 Ländern, die seit Beginn durchgehend erfasst werden, ist der Gleichstellungswert in zwei Jahrzehnten von 64,2 auf 69,4 Prozent gestiegen. Fast alle haben sich gegenüber 2006 verbessert. Setzte sich das bisherige Tempo unverändert fort, wäre vollständige Gleichstellung über alle Bereiche hinweg rechnerisch dennoch erst in etwa 120 Jahren erreicht.

Auch gegenüber 2025 gibt es zunächst Fortschritt: Unter den Ländern, die in beiden Jahren erfasst wurden, stieg der globale Wert von 68,8 auf 69,2 Prozent.

Vor allem die Bildung trug dazu bei. Dort beträgt der weltweite Gleichstellungswert inzwischen knapp 97 Prozent. Bei wirtschaftlicher Teilhabe sind es dagegen lediglich 61,7 Prozent, bei politischer Teilhabe sogar nur 22,1 Prozent.

Das Problem liegt damit immer weniger darin, ob Frauen Zugang zu Bildung bekommen. Es liegt zunehmend darin, was danach geschieht.

Deutschland ist gleichzeitig Neunter und Achtzigster

Kaum ein Land macht diesen Unterschied so sichtbar wie Deutschland.

Im Gesamtranking liegt die Bundesrepublik mit einem Wert von 81,7 Prozent auf Platz neun. Gegenüber 2025 verbesserte sie sich um 1,3 Prozentpunkte und bleibt damit in den globalen Top Ten. Nur Island, Finnland, Norwegen, Namibia, Großbritannien, Neuseeland, Schweden und Australien schneiden besser ab.

Betrachtet man allerdings ausschließlich wirtschaftliche Teilhabe und Chancen, fällt Deutschland auf Rang 80 zurück.

Der Gleichstellungswert beträgt dort 69,6 Prozent. Selbst innerhalb Europas landet Deutschland damit nur auf Platz 29 von 40 untersuchten Volkswirtschaften.

Das liegt nicht daran, dass Frauen aus qualifizierten Berufen verschwunden wären. Bei Fach- und technischen Berufen erreicht Deutschland im Index bereits seit 2015 vollständige Parität. Je höher die Hierarchieebene, desto deutlicher ändert sich das Bild.

Bei Abgeordneten, höheren Beamten und Führungskräften erreicht Deutschland im entsprechenden Wirtschaftsindikator lediglich einen Paritätswert von 43,4 Prozent. Zwar ist das mehr als im Vorjahr. Langfristig hat sich Deutschland hier nach der WEF-Messung jedoch sogar verschlechtert: 2006 hatte der Wert noch bei 56,3 Prozent gelegen.

Mit anderen Worten:

Frauen sind im qualifizierten Arbeitsmarkt angekommen. Die Spitzenpositionen haben sich deutlich weniger angeglichen.

Das Muster wiederholt sich weltweit

Nach LinkedIn-Daten ist der Frauenanteil an der Erwerbsbevölkerung in den untersuchten Märkten seit 2015 von 39,9 auf 41,8 Prozent gestiegen. Bei höheren Führungspositionen erhöhte er sich im selben Zeitraum von 26,7 auf knapp 30 Prozent.

Doch seit 2023 stagniert dieser Anteil weitgehend. Und bei Neueinstellungen in Top-Führungsfunktionen zeigt die Entwicklung inzwischen sogar nach unten: In den sechzehn untersuchten Märkten sank der Frauenanteil seit 2022 von 34,8 auf 32,3 Prozent im ersten Halbjahr 2026.

Das WEF beschreibt diesen Effekt als »drop to the top«.

Auf der Einstiegsebene stellen Frauen in den ausgewerteten Daten etwa 46 Prozent der Beschäftigten. In der C-Suite sind es nur noch rund 23 Prozent.

Und selbst dort verteilt sich Macht unterschiedlich. Frauen besetzen 19,1 Prozent der CEO-Positionen. Bei Finanz- und operativen Vorständen liegt ihr Anteil ungefähr bei einem Viertel – also gerade in jenen Funktionen, die besonders häufig den Weg an die Unternehmensspitze eröffnen. Dagegen stellen Frauen etwa zwei Drittel der Personal- und People-Verantwortlichen.

Der Unterschied ist deshalb nicht nur quantitativ. Er betrifft auch die Art der Positionen, in denen Frauen vertreten sind.

Die politische Entwicklung läuft inzwischen sogar rückwärts

Noch deutlicher ist die Gegenbewegung in der Politik.

Politische Teilhabe war seit 2006 zwar der Bereich mit den größten Fortschritten. Der Paritätswert der 97 langfristig beobachteten Länder stieg von 14,4 auf 22,4 Prozent. Doch seinen bisherigen Höchststand hatte dieser Bereich bereits 2020 erreicht.

Und der Vergleich mit 2016 zeigt inzwischen eine echte Umkehr: Politische Gleichstellung ist heute geringer als vor zehn Jahren. Im vergangenen Jahr sank der entsprechende globale Wert nochmals um 0,4 Prozentpunkte.

Besonders sichtbar wird die Entwicklung an der Staatsspitze. 2022 wurden in 27 Prozent der langfristig beobachteten Volkswirtschaften Frauen von einer Frau an der Staatsspitze geführt. Seitdem ist der Anteil wieder auf das Niveau von 2016 gefallen.

Auch Ministerposten sind nicht gleich verteilt. Zwar werden heute deutlich mehr Ressorts von Frauen geführt als noch vor zwanzig Jahren. Doch nur etwa eines von zehn Ministerien unter weiblicher Führung zählt das Weltwirtschaftsforum zu den besonders einflussreichen Ressorts. Dieser Anteil hat sich seit 2008 kaum verändert.

Deutschland schneidet im politischen Teilindex vergleichsweise stark ab und liegt dort auf Platz fünf. Im WEF-Indikator erreicht die Bundesrepublik 2026 Parität auf Ministerebene; bei der parlamentarischen Repräsentation beträgt der Paritätswert dagegen 48,2 Prozent.

Dabei ist eine methodische Einschränkung wichtig: Der Report verarbeitet jeweils die neuesten verfügbaren Daten, die nicht für jedes Land und jeden Indikator exakt aus demselben Zeitpunkt stammen. Das WEF weist selbst darauf hin, dass es bei einzelnen Datensätzen zeitliche Verzögerungen geben kann.

Ausgerechnet die KI-Wirtschaft startet mit einer neuen Lücke

Besonders interessant ist der Blick auf einen Arbeitsmarkt, der noch gar nicht jahrzehntelang gewachsen ist. Auch in der künstlichen Intelligenz zeigt sich bereits eine deutliche Geschlechterstruktur.

Frauen machen nach den ausgewerteten LinkedIn-Daten in KI-Unternehmen auf Mitarbeiterebene 36,6 Prozent aus. In vergleichbaren Unternehmen außerhalb des KI-Sektors sind es 44,8 Prozent. In Top-Führungspositionen der KI-Unternehmen liegt der Frauenanteil nur zwischen 25,3 und 27,7 Prozent.

Noch größer werden die Unterschiede bei den konkreten Tätigkeiten. Bei der Datenannotation – also dem Aufbereiten und Kennzeichnen von Daten für KI-Modelle – stellen Frauen 44,8 Prozent der Beschäftigten.

Unter den AI Engineers sind es dagegen nur 19,3 Prozent, unter Machine-Learning-Ingenieuren 20,6 Prozent. China ist in dieser Auswertung mangels vergleichbarer LinkedIn-Daten allerdings nicht enthalten.

Damit droht sich ein bekanntes Muster in einem noch jungen Wirtschaftszweig früh zu wiederholen:

Frauen sind beteiligt, aber deutlich seltener dort vertreten, wo Kerntechnologien entwickelt und besonders gut bezahlte technische Kompetenzen aufgebaut werden.

Das ist auch deshalb wirtschaftlich relevant, weil heute entschieden wird, wer in einigen Jahren über Erfahrung, Netzwerke und Kapital verfügt, um Unternehmen zu gründen oder Führungspositionen zu übernehmen.

Ein hoher Rang bedeutet nicht automatisch gute Lebensbedingungen

Bei all diesen Zahlen ist entscheidend, was der Gender Gap Index misst – und was nicht. Er bewertet Unterschiede zwischen Frauen und Männern, nicht das absolute Wohlstandsniveau eines Landes.

Ein Land kann deshalb relativ gut abschneiden, obwohl Frauen dort insgesamt weniger wirtschaftliche Möglichkeiten besitzen als Frauen in einem schlechter platzierten, aber reicheren Land – solange der Abstand zu den Männern entsprechend klein ist.

Auch Vorteile von Frauen gegenüber Männern erhöhen den Wert nicht über die vollständige Parität hinaus. Liegt beispielsweise die Hochschulquote von Frauen über jener der Männer, behandelt der Index dies ab Erreichen der Gleichheit als hundertprozentige Parität.

Das erklärt auch, warum ein Gesamtranking allein nur begrenzt aussagekräftig ist. Deutschlands Platz neun klingt ausgezeichnet. Platz 80 bei wirtschaftlicher Gleichstellung erzählt eine deutlich andere Geschichte. Beides ist gleichzeitig richtig.

Der Abstand schließt sich – aber nicht dort am schnellsten, wo Macht sitzt

Nach zwanzig Jahren Gender Gap Report lässt sich deshalb kein einfacher Befund ziehen, wonach die Welt bei Gleichstellung entweder vorankommt oder zurückfällt. Sie tut beides.

Bildungslücken sind in vielen Ländern weitgehend geschlossen. Frauen sind häufiger erwerbstätig, häufiger in qualifizierten Berufen und häufiger in Führung vertreten als 2006. Doch an den oberen Enden der Systeme verlangsamt sich die Bewegung.

Nur 19,1 Prozent der CEOs sind Frauen.

Die politische Gleichstellung liegt unter ihrem Stand von 2016.

Und eine der wichtigsten neuen Wachstumsindustrien beginnt mit einem Frauenanteil von weniger als einem Fünftel unter ihren KI-Ingenieuren.

Das ist womöglich die wichtigste Aussage des neuen Reports:

Zugang und Macht sind nicht dasselbe.

Stefanie S. Klief

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