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Unternehmen bereiten sich auf Gasabschaltungen vor

Die Speicher sind so leer wie seit 15 Jahren nicht – trotzdem hält die Bundesregierung eine Mangellage für beherrschbar

9 Min.

11.09.2026

Noch fließt das Gas, die Bundesnetzagentur bezeichnet die Versorgung als stabil und die Bundesregierung sieht keinen Anlass für zusätzliche staatliche Eingriffe. Gleichzeitig verschickt ein großer Gasnetzbetreiber wieder Krisenschreiben an Industriekunden, Unternehmen lassen vorsorglich begründen, warum ihre Produktion auch bei einer Mangellage weiterlaufen müsste, und der Branchenverband der Speicherbetreiber warnt vor einem außergewöhnlich kalten Winter. Die Lage erinnert an 2022 – allerdings unter deutlich veränderten Bedingungen.

Westnetz will wieder wissen, wen es im Notfall erreicht

Der Verteilnetzbetreiber Westnetz hat seine größeren Gaskunden aufgefordert, Kontaktdaten für einen möglichen Krisenfall zu aktualisieren. Betroffen sind sogenannte RLM-Kunden, deren Verbrauch fortlaufend gemessen wird und zu denen vor allem größere Industrie- und Gewerbebetriebe gehören.

Nach Angaben eines Westnetz-Sprechers gegenüber dem Handelsblatt waren solche Schreiben bis 2024 jährlich verschickt worden. 2025 verzichtete das Unternehmen darauf, nachdem die seit der Energiekrise geltende Alarmstufe des Notfallplans Gas aufgehoben worden war. Nun werden die Daten wieder abgefragt. Westnetz verweist auf die Möglichkeit, dass eine Verkettung aus Witterung, wirtschaftlichen Entwicklungen, politischen Ereignissen und anderen Faktoren Engpässe verursachen könnte.

Die Abfrage bedeutet nicht, dass eine Abschaltung unmittelbar bevorsteht. Sie zeigt aber, dass die praktische Krisenvorbereitung wieder an Bedeutung gewinnt.

Auch einzelne Unternehmen äußern sich vorsichtiger. BASF verweist nach Angaben von n-tv auf langfristige Lieferverträge. Covestro sieht dagegen ein gewisses Risiko für die Gasversorgung im kommenden Winter.

Unternehmen schreiben wieder ihre Argumente für den Ernstfall auf

Noch auffälliger ist eine zweite Entwicklung. Die auf Energierecht spezialisierte Anwältin Yvonne Hanke berichtete dem Handelsblatt, erstmals seit 2022 ließen Unternehmen wieder sogenannte Schutzschriften vorbereiten.

Darin legen Betriebe dar, welche Folgen eine Reduzierung oder Unterbrechung ihres Gasbezugs hätte. Ein Unternehmen kann beispielsweise geltend machen, dass es Produkte für Krankenhäuser oder andere besonders wichtige Einrichtungen liefert. Bei bestimmten Produktionsverfahren kann außerdem eine abrupte Unterbrechung dazu führen, dass Anlagen beschädigt oder dauerhaft unbrauchbar werden.

Solche Eingaben gab es bereits während der Energiekrise 2022 in großer Zahl. Nach damaligen Angaben aus der energierechtlichen Praxis gingen bei der Bundesnetzagentur rund 1.000 entsprechende Schreiben ein. Unternehmen versuchten damit, ihre besondere Bedeutung und die Folgen einer Abschaltung frühzeitig darzustellen.

Sie verschaffen einem Betrieb allerdings keinen Status als geschützter Kunde.

Wer gesetzlich geschützt ist, bestimmt § 53a des Energiewirtschaftsgesetzes. Dazu gehören insbesondere private Haushalte, kleinere Gewerbekunden, grundlegende soziale Dienste wie Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen sowie bestimmte Fernwärmeanlagen. Unternehmen können sich diesen Status nicht durch einen Antrag oder eine Bescheinigung verschaffen. Die Bundesnetzagentur weist ausdrücklich darauf hin, dass sie entsprechende Registrierungen nicht anerkennt.

Die vorsorglichen Schreiben erfüllen einen anderen Zweck: Sie liefern Informationen für die Abwägung, falls der Staat tatsächlich entscheiden muss, wo Gas eingespart werden kann.

Es gibt keine Liste: Betrieb A zuerst, Betrieb B zuletzt

Während der Krise 2022 entstand häufig der Eindruck, Privathaushalte würden vollständig geschützt und anschließend werde die Industrie nach einer festen Reihenfolge abgeschaltet. So funktioniert das Verfahren nicht.

Sollte eine echte Gasmangellage eintreten und die Bundesregierung die Notfallstufe ausrufen, übernimmt die Bundesnetzagentur die Funktion des Bundeslastverteilers. Sie kann Unternehmen dann verpflichten, ihren Gasverbrauch zu reduzieren oder vollständig einzustellen.

Eine allgemeine Rangliste der Unternehmen gibt es jedoch nicht. Die Behörde begründet das mit der Vielzahl der Faktoren, die erst im konkreten Krisenfall bekannt sind: Speicherstände, Wetter, verfügbare Importe, Einsparerfolge, europäischer Bedarf und die tatsächlichen Gasflüsse in den Netzen. Auch die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Folgen einer Reduzierung sollen berücksichtigt werden.

Industrieunternehmen sind damit grundsätzlich stärker exponiert als Haushalte, aber nicht jeder Betrieb würde automatisch gleich behandelt.

Für besonders große Verbraucher hat die Bundesnetzagentur inzwischen ein detailliertes Verfahren vorbereitet. Verbrauchsreduktionen sollen möglichst mit einem Vorlauf von 72 Stunden angeordnet werden. Vorgesehen sind sowohl allgemeine als auch individuelle Verfügungen; bei großen Anschlussleistungen kann die Behörde absolute maximale Verbrauchsmengen vorgeben.

Selbst für den Fall, dass ein Unternehmen einer vollständigen Einstellung des Gasbezugs nicht folgt, existiert inzwischen ein Vollstreckungskonzept. Netzbetreiber könnten im Auftrag der Bundesnetzagentur den Bezug technisch unterbinden.

Deutschland ist damit organisatorisch besser auf eine Mangellage vorbereitet als 2022.

Die Speicher sind trotzdem ungewöhnlich leer

Die Nervosität entsteht vor allem aus den Füllständen.

Anfang September waren Deutschlands Gasspeicher nach Angaben des Speicherverbandes INES nur zu rund 53 Prozent gefüllt. Das war der niedrigste Stand zu diesem Zeitpunkt seit Beginn der entsprechenden Aufzeichnungen vor 15 Jahren. Nach Berechnungen des Verbandes könnten die Speicher bis zum 1. November bestenfalls etwa 77 Prozent erreichen. In einem außergewöhnlich kalten Winter könnte dies nicht ausreichen.

Die gesetzlichen Zielwerte sehen für die meisten deutschen Speicher am 1. November eigentlich einen Füllstand von 80 Prozent vor. Für einige Anlagen gelten niedrigere Vorgaben.

Auch im europäischen Vergleich ist wenig Reserve vorhanden. Die Speicher in der EU waren zuletzt nur zu rund zwei Dritteln gefüllt, deutlich weniger als im langjährigen Durchschnitt.

Paradoxerweise liegt das nicht daran, dass niemand Gas kaufen könnte. Es liegt auch am Preis.

Warum Händler teures Gas nicht freiwillig einlagern

Normalerweise kaufen Händler im Sommer Gas, wenn die Nachfrage gering und der Preis niedriger ist. Sie speichern es und verkaufen es im Winter zu höheren Preisen.

Diese Logik funktioniert derzeit schlecht.

Der Iran-Krieg und die Beeinträchtigungen von LNG-Lieferungen durch die Straße von Hormus haben den europäischen Gaspreis stark steigen lassen. Gleichzeitig ist Gas zur Lieferung im kommenden Winter teilweise günstiger als Gas, das heute gekauft werden müsste.

Wer gegenwärtig teuer einkauft und anschließend Lagerkosten bezahlt, um das Gas später billiger zu verkaufen, macht Verlust.

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist es deshalb nachvollziehbar, Speicher nicht maximal zu füllen. Aus Sicht der Versorgungssicherheit entsteht daraus ein Problem: Was für den einzelnen Händler rational ist, muss für das gesamte Energiesystem nicht optimal sein.

Der europäische Referenzpreis TTF erreichte in dieser Woche zeitweise mehr als 75 Euro je Megawattstunde und damit den höchsten Stand seit Anfang 2023. Der Krieg im Nahen Osten erschwert insbesondere LNG-Lieferungen aus Katar und erhöht den Wettbewerb Europas mit asiatischen Käufern um alternative Mengen.

Die Bundesregierung sieht trotzdem keine akute Versorgungskrise

Das Bundeswirtschaftsministerium kommt derzeit zu einer weniger alarmierenden Bewertung als die Speicherbranche.

Nach einer Vorlage für den Wirtschaftsausschuss hält das Ministerium Speicherstände zwischen 60 und 70 Prozent zu Beginn des Winters für ausreichend, solange zusätzlich Gas über Pipelines und LNG-Terminals importiert werden kann.

Die Regierung unterscheidet dabei ausdrücklich zwischen zwei Risiken: einem hohen beziehungsweise stark schwankenden Gaspreis und einer tatsächlichen physischen Knappheit. Einen staatlichen Eingriff zur zusätzlichen Befüllung der Speicher hält sie momentan nicht für erforderlich.

Der wesentliche Unterschied zu 2022 liegt in der Infrastruktur.

Damals brachen die russischen Pipeline-Lieferungen weg, während Deutschland praktisch keine eigenen Möglichkeiten hatte, Flüssigerdgas direkt anzulanden. Inzwischen existieren mehrere LNG-Terminals, und Norwegen hat Russland als wichtigsten Pipeline-Lieferanten Deutschlands ersetzt.

Die norwegische Equinor hält Deutschland deshalb trotz der niedrigen Speicherstände grundsätzlich für fähig, ausreichend Gas zu importieren. Das Unternehmen warnt allerdings vor dem Preis: Versorgung könne verfügbar sein, aber teuer werden.

Eine Gaskrise kann beginnen, bevor Gas fehlt

Für die Industrie ist diese Unterscheidung erheblich. Ein Unternehmen muss nicht erst abgeschaltet werden, damit eine Energiekrise wirtschaftliche Folgen hat. Schon dauerhaft hohe Gaspreise verschlechtern die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Produktion. Deutschland hat diese Erfahrung nach 2022 bereits gemacht: Teile der Chemie-, Metall-, Glas-, Keramik- und Düngemittelindustrie reduzierten ihre Produktion oder verlagerten Investitionen.

Hinzu kommt das Beschaffungsrisiko. Stadtwerke befürchten laut Handelsblatt bereits eine Wiederholung eines Problems aus dem Jahr 2022. Damals gerieten Energieanbieter unter Druck, die ihren Kunden günstige Festpreise zugesagt hatten, die benötigten Mengen aber nicht langfristig abgesichert hatten. Einige kündigten Verträge oder stellten den Betrieb ein. Stadtwerke mussten Kunden in die Ersatzversorgung übernehmen und dafür kurzfristig zusätzliches Gas zu hohen Marktpreisen beschaffen.

Sollte der kommende Winter kalt werden und zugleich LNG knapp oder teuer bleiben, könnten deshalb mehrere Belastungen zusammenkommen: geringe Speichervorräte, hohe Weltmarktpreise, zusätzliche Nachfrage und Probleme einzelner Versorger.

Eine physische Mangellage wäre davon die schwerste Stufe – nicht zwingend die erste.

Die Vorbereitung von 2022 wird wieder hervorgeholt

Deutschland steht derzeit nicht vor derselben Situation wie im Sommer 2022. Die Importwege sind breiter aufgestellt, LNG-Infrastruktur steht bereit und die Verfahren für staatliche Eingriffe sind inzwischen detailliert vorbereitet.

Ebenso wenig sind die niedrigen Speicherstände bedeutungslos.

Die Bundesregierung setzt darauf, fehlende Vorräte im Winter durch laufende Importe ausgleichen zu können. Diese Strategie funktioniert, solange genügend Gas am Weltmarkt verfügbar ist und nach Europa geliefert werden kann. Der Preis dafür kann hoch sein.

Dass Unternehmen wieder Notfallkontakte aktualisieren und ihre Argumente gegen mögliche Verbrauchskürzungen zusammenstellen, ist deshalb noch kein Zeichen einer unmittelbar bevorstehenden Abschaltung.

Es zeigt vielmehr, dass ein Szenario, das nach dem Ende der Energiekrise wieder weit entfernt schien, in den betrieblichen Risikoplanungen zurückgekehrt ist.

Stefanie S. Klief

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