Uber-CEO Dara Khosrowshahi bei einem Treffen mit Indiens Minister Prahlad Joshi in Neu-Delhi im Mai 2026. Indien zählt zu den wichtigsten Wachstumsmärkten des Fahrdienstvermittlers.
Wenn Unternehmen Tausende Arbeitsplätze streichen, liegt die Erklärung meist nahe: Umsatzprobleme, Verluste, Sparzwang. Bei Uber passt dieses Muster nicht. Der Konzern wächst kräftig, verdient operativ Milliarden und erwirtschaftet so viel freien Cashflow wie nie zuvor. Trotzdem sollen rund 3.300 Stellen verschwinden. Konzernchef Dara Khosrowshahi sagt selbst, das Geschäft laufe gut. Gerade deshalb ist interessant, was Uber eigentlich abbaut – und wofür das frei werdende Geld gebraucht wird.
Zehn Prozent weniger Mitarbeiter
Uber will seine weltweite Belegschaft um etwa zehn Prozent reduzieren. Gemessen an den rund 34.000 Beschäftigten zum Jahresende 2025 entspricht das ungefähr 3.300 Stellen. Es ist der größte Personalabbau des Unternehmens seit der Coronapandemie. Fahrer und Lieferkuriere gehören nicht zu dieser Zahl; sie werden von Uber grundsätzlich nicht als reguläre Beschäftigte geführt.
Die Begründung des Konzerns fällt ungewöhnlich offen aus.
Uber sei in den vergangenen fünf Jahren stark gewachsen, der Umsatz habe sich nahezu verdreifacht. Mit diesem Wachstum seien jedoch immer mehr Hierarchieebenen, Abstimmungsprozesse und fragmentierte Zuständigkeiten entstanden, schreibt CEO Dara Khosrowshahi in einer Nachricht an die Beschäftigten. Mitarbeiter hätten selbst beklagt, zu viel Zeit mit Abstimmungen zu verbringen und zu wenig mit der eigentlichen Arbeit.
Das Unternehmen streicht deshalb insbesondere Stellen, deren Schwerpunkt auf Koordination liegt, fasst Führungsbereiche zusammen und vergrößert die Zahl der Mitarbeiter, für die einzelne Manager verantwortlich sind.
Besonders kleine Teams geraten dabei unter Druck. Die Zahl sogenannter »Micro-Teams« mit lediglich ein oder zwei direkt unterstellten Beschäftigten soll nahezu halbiert werden. Gleichzeitig reduziert Uber die Zahl der Mitarbeiter, die sieben oder mehr Hierarchieebenen unterhalb des CEO angesiedelt sind, um 20 Prozent.
Die bemerkenswerte Botschaft: Wir sparen nicht, weil wir müssen
Darin unterscheidet sich der Umbau von vielen früheren Entlassungswellen in der Technologiebranche. Uber befindet sich wirtschaftlich nicht in einer akuten Krise.
Im zweiten Quartal 2026 stiegen die Bruttobuchungen um 24 Prozent auf 58 Milliarden US-Dollar. Der Umsatz legte um zwölf Prozent auf 14,2 Milliarden Dollar zu. Das operative Ergebnis erreichte 1,9 Milliarden Dollar und lag 30 Prozent über dem Vorjahreswert. Der bereinigte operative Gewinn stieg sogar um 40 Prozent.
Auch die Zahl der Fahrten wächst weiter. Im Quartal vermittelte Uber 3,9 Milliarden Fahrten und Lieferungen, 18 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Besonders aussagekräftig ist jedoch eine andere Kennzahl: Der freie Cashflow der vergangenen zwölf Monate überschritt erstmals die Marke von zehn Milliarden Dollar. Uber entlässt also nicht zehn Prozent seiner Mitarbeiter, weil das Geld ausgeht. Der Konzern will seine Kostenstruktur verändern, bevor wirtschaftlicher Druck ihn dazu zwingt.
Aus Wachstum wurde Bürokratie
Khosrowshahis Diagnose ist damit beinahe ein Lehrstück über große Unternehmen. Neue Geschäftsfelder brauchen zunächst eigene Teams. Uber betreibt längst nicht mehr allein Fahrdienste. Hinzu kamen Essenslieferungen, Lebensmittel, Einzelhandel, Logistik und weitere Dienste.
Was in jungen Geschäftsfeldern sinnvoll ist, kann später Doppelstrukturen erzeugen. Uber führt deshalb unter anderem die bislang getrennten operativen Delivery-Teams für Restaurants, Einzelhandel und Direktlieferungen zusammen. Auch in der Technologieorganisation werden Bereiche gebündelt. Entscheidungen über Gewinn- und Verlustverantwortung sollen bei weniger Personen liegen.
Aus Sicht des Managements lautet das Problem also nicht: Uber hat zu viele Beschäftigte für zu wenig Geschäft.
Es lautet: Uber hat für seine heutige Größe zu viele Schnittstellen geschaffen.
Damit trifft die Entlassungswelle vor allem eine Beschäftigtengruppe, die in Unternehmen häufig mit starkem Wachstum entsteht: Menschen, deren Aufgabe weniger darin besteht, Produkte selbst zu entwickeln oder zu verkaufen, sondern andere Teams miteinander zu koordinieren.
Auch das Homeoffice wird drastisch eingeschränkt
Der Umbau beschränkt sich nicht auf den Stellenabbau. Uber will seine Mitarbeiter künftig stärker an wenigen großen Standorten konzentrieren. Globale Teams sollen vor allem in San Francisco und New York gebündelt werden, regionale und technische Einheiten ebenfalls an festgelegten Standorten.
Für Beschäftigte mit vollständig remote ausgelegten Stellen bedeutet das einen tiefen Einschnitt. Künftig sollen nur noch rund ein Prozent der Uber-Mitarbeiter ausschließlich aus dem Homeoffice arbeiten. Für den Großteil gilt weiterhin eine hybride Regelung mit mindestens drei Bürotagen pro Woche.
Uber begründet auch das mit schnelleren Entscheidungen, unmittelbarer Zusammenarbeit und einem leichteren Wissenstransfer – insbesondere für jüngere Mitarbeiter.
Der Konzern verändert damit gleichzeitig Hierarchie und Arbeitsort: weniger Managementebenen, größere Teams und mehr physische Nähe.
Hinter dem Umbau wartet die Zehn-Milliarden-Dollar-Wette
Die entscheidende Frage lautet allerdings, wohin die frei werdenden Ressourcen fließen. Uber nennt neben seinen klassischen Fahr- und Lieferdiensten ausdrücklich autonome Fahrzeuge als einen der wichtigsten Zukunftsbereiche.
Allein für den Ausbau des Robotaxi-Geschäfts will der Konzern in den kommenden Jahren mehr als zehn Milliarden Dollar Kapital einsetzen. Das Geld soll unter anderem in Beteiligungen an Technologiepartnern, Fahrzeuge, Infrastruktur und langfristige Abnahmevereinbarungen fließen.
Dabei versucht Uber etwas anderes als in seinen frühen Jahren des autonomen Fahrens. Der Konzern entwickelt den autonomen Fahrer nicht mehr primär selbst. Stattdessen will er zur Plattform werden, auf der Fahrzeuge verschiedener Robotaxi-Anbieter vermittelt werden – ähnlich wie heute menschliche Fahrer.
Das Unternehmen arbeitet dafür unter anderem mit Waymo und weiteren Entwicklern zusammen. Erst Anfang September startete Uber gemeinsam mit dem britischen KI-Unternehmen Wayve autonome Fahrten in London.
Damit entsteht für Uber allerdings ein strategisches Risiko. Solange Menschen Autos fahren, kontrolliert Uber vor allem die Vermittlungsplattform. Werden Robotaxis zum Massenmarkt, könnten Technologieanbieter wie Waymo oder Tesla selbst die Kundenschnittstelle übernehmen.
Uber muss also Milliarden investieren, um in einem Markt relevant zu bleiben, der langfristig ausgerechnet einen wesentlichen Teil des heutigen Geschäftsmodells verändern könnte.
Nicht KI streicht die Stellen – zumindest nicht offiziell
Interessant ist dabei auch, was Uber ausdrücklich nicht als Begründung nennt.
Während viele Technologieunternehmen Stellenabbau inzwischen mit künstlicher Intelligenz und Automatisierung verbinden, führt Khosrowshahi die aktuellen Einschnitte auf Organisationsstrukturen und Prioritäten zurück.
Das schließt nicht aus, dass KI langfristig auch bei Uber Tätigkeiten verändert.
Für diese konkrete Entlassungsrunde wäre es jedoch zu einfach, von 3.300 durch KI ersetzten Arbeitsplätzen zu sprechen. Der Konzern beschreibt vielmehr ein anderes Problem: Über Jahre entstanden Stellen und Managementstrukturen, deren Wert nun gegenüber den Investitionen in neue Technologien neu bewertet wird.
Ein Konzern baut sich um, bevor sein Markt sich umbaut
Und trotzdem hält die Konzernführung die gegenwärtige Organisation für zu langsam und zu teuer.
Das ist eine deutlich härtere Form unternehmerischer Priorisierung als Stellenabbau in einer Krise. Beschäftigte verlieren ihre Arbeit nicht, weil das Unternehmen zu wenig Geschäft hat – sondern weil das Management glaubt, dass sich Kapital und Personal an anderer Stelle künftig produktiver einsetzen lassen.
Dahinter steht eine strategische Verschiebung, die weit über 3.300 Stellen hinausreicht. Uber wurde groß, indem es Millionen menschliche Fahrer mit Kunden zusammenbrachte.
Nun investiert das Unternehmen Milliarden in eine Zukunft, in der ein wachsender Teil dieser Fahrer möglicherweise gar nicht mehr gebraucht wird.
Noch aber beginnt dieser Umbau nicht auf der Straße. Er beginnt in den Büros.
Stefanie S. Klief