Unternehmen

Kühne+Nagel-Tochter gerät wegen Nvidia-Chips ins Visier der USA

Warum Washington im Kampf gegen Technologieschmuggel nun auch die Logistikketten kontrolliert

5 Min.

28.08.2026

Nur wenige Tage nach dem Tod des langjährigen Firmenpatriarchen Klaus-Michael Kühne gerät der Name Kühne+Nagel erneut in die Schlagzeilen. Diesmal geht es allerdings um Vorgänge bei einer Tochtergesellschaft in Singapur: US-Behörden untersuchen, ob Apex Logistics an Transporten hochentwickelter KI-Technik beteiligt war, die letztlich China erreichte. Für die Logistikbranche könnte der Fall weit über das Unternehmen hinausweisen.

US-Behörden prüfen Lieferungen aus dem Jahr 2024

Nach Recherchen von Bloomberg untersucht das US-amerikanische Bureau of Industry and Security die Rolle der in Singapur ansässigen Apex Logistics. Die Behörde will demnach klären, ob das Unternehmen KI-Systeme des Serverherstellers Super Micro Computer transportiert hat, die mit exportbeschränkten Nvidia-Chips ausgestattet waren und schließlich nach China gelangten.

Apex bestätigte gegenüber Bloomberg, dass sich das Interesse der US-Behörden auf eine kleinere Zahl von Lieferungen aus dem Jahr 2024 richtet. Nach vorliegenden Berichten werden knapp 50 Sendungen geprüft. Das Unternehmen erklärte, vollständig mit den Behörden zusammenzuarbeiten.

Nach Angaben aus dem Umfeld der Ermittlungen sollen mögliche Transportrouten ungewöhnlich komplex gewesen sein. Nvidia-betriebene Server seien zunächst von Taiwan in die USA gebracht worden, anschließend in andere asiatische Staaten und weiter nach Hongkong gelangt. Von dort könnten sie schließlich auf das chinesische Festland transportiert worden sein.

Ob Apex wusste, welches endgültige Ziel die Waren hatten, und ob tatsächlich gegen amerikanische Exportbestimmungen verstoßen wurde, ist Gegenstand der laufenden Untersuchung.

Warum diesmal die Spedition entscheidend ist

Die USA versuchen seit 2022, Chinas Zugang zu besonders leistungsfähigen KI-Prozessoren zu begrenzen. Die Regeln richten sich vor allem gegen die direkte Lieferung moderner Chips und Computersysteme, die für das Training großer KI-Modelle oder militärische Anwendungen genutzt werden könnten. Doch die Exportkontrollen haben einen internationalen Umgehungsmarkt entstehen lassen.

Inzwischen geht es deshalb längst nicht mehr nur darum, wer die Chips kauft.

Im März erhoben US-Ermittler beispielsweise Anklage gegen drei Personen, denen vorgeworfen wird, exportkontrollierte Computerchips über Thailand nach China schleusen zu wollen. Erst vor wenigen Tagen wiederum klagten taiwanische Staatsanwälte neun Personen an, darunter Beschäftigte beziehungsweise ehemalige Beschäftigte von Nvidia und Super Micro. In diesem Fall sollen 130 mit Nvidia-B300-Technik ausgestattete Server unter falschen Angaben bestellt worden sein; 74 gelangten laut den Ermittlern über verschiedene Länder nach China.

Der Fall Apex setzt nun einen Schritt früher in der Lieferkette an.

Sollten die amerikanischen Behörden tatsächlich gegen das Logistikunternehmen vorgehen, wäre es Bloomberg zufolge möglicherweise das erste Verfahren gegen eine Transportgesellschaft wegen einer mutmaßlichen Beteiligung am illegalen Handel mit Hochleistungshalbleitern.

Damit wächst der Compliance-Druck für eine Branche, deren Geschäftsmodell gerade darin besteht, Waren durch komplexe internationale Lieferketten zu bewegen.

Apex gehörte 2024 bereits mehrheitlich zu Kühne+Nagel

Für Kühne+Nagel ist die zeitliche Einordnung nicht unwichtig.

Der Schweizer Logistikkonzern übernahm im Mai 2021 zunächst die Mehrheit an Apex Logistics. Die restlichen Anteile kamen erst im Oktober 2025 hinzu. Zum Zeitpunkt der untersuchten Transporte im Jahr 2024 war Apex damit bereits eine Mehrheitsbeteiligung von Kühne+Nagel, aber noch keine vollständig übernommene Tochter.

Kühne+Nagel betont, selbst nicht Gegenstand der Untersuchung zu sein. Die US-Behörden hätten den Konzern nicht kontaktiert. Apex kooperiere in der Angelegenheit vollständig mit den zuständigen Stellen.

Auch daraus lässt sich bislang weder eine Verantwortung der Konzernführung noch eine Kenntnis von möglicherweise problematischen Lieferungen ableiten.

An der Börse hinterließ die Meldung dennoch Spuren. Die Kühne+Nagel-Aktie verlor am Donnerstag im Tagesverlauf zeitweise mehr als drei Prozent.

Drei Tage nach dem Tod des Firmenpatriarchen

Dass der Fall besondere öffentliche Aufmerksamkeit erhält, hat allerdings noch einen zweiten, rein zeitlichen Grund.

Klaus-Michael Kühne war erst in der Nacht zum 24. August im Alter von 89 Jahren gestorben. Er war 1958 in das Familienunternehmen eingetreten, hatte es jahrzehntelang geführt und später als Verwaltungsratspräsident geprägt.

Mit den nun untersuchten Vorgängen verbindet ihn nach bisherigem Erkenntnisstand nichts.

Sein Tod sorgt aber dafür, dass gegenwärtig ohnehin ungewöhnlich intensiv auf den Konzern, seine Beteiligungen und sein wirtschaftliches Vermächtnis geblickt wird. Eine Untersuchung gegen eine Gesellschaft aus dem Kühne+Nagel-Konzern trifft deshalb auf eine Öffentlichkeit, in der der Name Kühne gerade besonders präsent ist.

Für Logistiker wird der Inhalt der Kiste zum Risiko

Wirtschaftlich interessanter als diese zeitliche Überschneidung ist jedoch die Frage, was der Fall für internationale Speditionen bedeutet.

Exportkontrollen lassen sich nur durchsetzen, wenn nicht allein Hersteller und Käufer geprüft werden. Je häufiger sensible Technologie über Transitländer, Zwischenhändler und wechselnde Empfänger bewegt wird, desto wichtiger werden Frachtunternehmen, Zollagenten und andere Dienstleister als Kontrollpunkte.

Für globale Logistiker entsteht daraus ein unangenehmer Spagat. Sie bewegen täglich Millionen Sendungen durch komplizierte Lieferketten – sollen zugleich aber erkennen, ob Absender, Empfänger, Warenbeschreibung und tatsächlicher Endnutzer zusammenpassen.

Der Fall Apex könnte deshalb weit über Kühne+Nagel hinausreichen. Wenn Washington beginnt, auch Transportunternehmen für problematische Lieferketten stärker in die Verantwortung zu nehmen, wird aus amerikanischer Chipkontrolle zunehmend eine globale Compliance-Aufgabe für die Logistikbranche.

Und damit wäre die wichtigste Nachricht nicht, dass Nvidia-Chips trotz Exportverboten nach China gelangen.

Sondern dass die USA nun offenbar dort ansetzen, wo diese Umgehungsrouten überhaupt erst physisch möglich werden.

Stefanie S. Klief

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach oben