BOSS im Rampenlicht: Vorstandschef Daniel Grieder bei den BOSS Open gemeinsam mit Boris Becker - 14.06.2026
Das Übernahmeangebot galt als gescheitert, doch die Übernahmegeschichte ist damit keineswegs beendet. Die britische Frasers Group besitzt inzwischen 47,89 Prozent von Hugo Boss und kündigt nun ausdrücklich an, ihre Beteiligung auf mehr als 50 Prozent erhöhen zu wollen. Damit verschiebt sich die Frage: Es geht nicht länger darum, ob Frasers Einfluss auf Hugo Boss bekommt – sondern wie weit dieser Einfluss reichen wird.
Aus 26 Prozent wurden fast 48 Prozent
Als Frasers im Juni sein freiwilliges Übernahmeangebot für Hugo Boss ankündigte, hielt der britische Handelskonzern rund 26 Prozent des Metzinger Modeunternehmens.
Für die übrigen Aktien bot Frasers jeweils 38 Euro in bar.
Das Management und der Aufsichtsrat von Hugo Boss empfahlen den Aktionären ausdrücklich, das Angebot abzulehnen. Der Preis entspreche lediglich dem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestpreis und bilde weder den eigenständigen Wert des Unternehmens noch dessen mittelfristiges Wachstumspotenzial angemessen ab.
Bank of America und Goldman Sachs unterstützten diese Einschätzung mit externen Bewertungen. Der Angebotspreis lag lediglich 4,8 Prozent über dem Xetra-Schlusskurs am Tag vor Bekanntgabe der Offerte.
Das Angebot führte deshalb nicht zur vollständigen Übernahme. Erfolglos war es für Frasers trotzdem keineswegs.
Bis zum Ende der zusätzlichen Annahmefrist am 13. August wurden dem Konzern weitere rund 17,62 Prozent der Hugo-Boss-Aktien angedient. Insgesamt hält Frasers damit inzwischen 33.054.959 Aktien – entsprechend 47,89 Prozent von Kapital und Stimmrechten. Damit fehlen nur noch gut zwei Prozentpunkte zur absoluten Mehrheit.
Nun erklärt Frasers die Mehrheit zum Ziel
Frasers hat angekündigt, seine Beteiligung auf mehr als 50 Prozent erhöhen zu wollen. Wie und in welchem Zeitraum die zusätzlichen Aktien erworben werden sollen, ist bislang nicht konkretisiert. Wirtschaftlich wäre die Schwelle bedeutsam.
Mit mehr als der Hälfte der Stimmrechte wäre Frasers nicht mehr lediglich ein dominierender Großaktionär, sondern Mehrheitsaktionär von Hugo Boss. Für Frasers hätte dies außerdem bilanzielle Folgen: Hugo Boss könnte in den Konzernabschluss einbezogen werden, sodass Umsatz, Ergebnis, Vermögen und Schulden des Modekonzerns vollständig in der Frasers-Rechnungslegung auftauchen würden.
Auch innerhalb von Hugo Boss würde sich die Machtbalance weiter verschieben.
Allerdings bedeutet eine Aktienmehrheit bei einer deutschen Aktiengesellschaft nicht, dass Frasers das operative Geschäft nach Belieben steuern könnte. Vorstand und Aufsichtsrat besitzen eigene gesetzliche Zuständigkeiten, Minderheitsaktionäre behalten Schutzrechte. Bei Abstimmungen der Hauptversammlung wäre eine Beteiligung von mehr als 50 Prozent dennoch eine ausgesprochen starke Position.
Vorstandschef Daniel Grieder steht bislang jedoch nicht öffentlich zur Disposition. Im Gegenteil: Frasers hatte bei seinem Übernahmeangebot im Juni seine Unterstützung für Grieder ausdrücklich bekräftigt. Der CEO selbst hält an der bis 2028 angelegten Strategie »Claim 5 Touchdown« fest. Damit konzentriert sich der offene Machtkampf derzeit vor allem auf den Aufsichtsrat – nicht auf die operative Führung.
Und wieder geht es um Stephan Sturm
Dass Frasers nicht ausschließlich an einer passiven Finanzbeteiligung interessiert ist, zeigt ein zweiter Vorgang. Der Konzern überprüft erneut, ob er den Aufsichtsratsvorsitzenden Stephan Sturm weiter unterstützt. Sollte Frasers diese Unterstützung zurückziehen, will das Unternehmen dies öffentlich mitteilen.
Das Verhältnis hat bereits eine bemerkenswerte Vorgeschichte.
Frasers hatte Sturm im November 2025 zunächst das Vertrauen entzogen, änderte seine Position jedoch im Juni dieses Jahres wieder. Nun wird die Frage erneut aufgerollt.
Hugo Boss reagiert betont sachlich. Das Unternehmen verweist darauf, dass Sturm weiterhin Aufsichtsratsvorsitzender sei, und kündigt an, die konstruktive Zusammenarbeit mit Frasers als größtem Aktionär fortsetzen zu wollen. Gleichzeitig hält Hugo Boss an seiner Strategie »Claim 5 Touchdown« bis 2028 fest.
Damit stehen zwei Botschaften nebeneinander:
Frasers sammelt seit Jahren Modebeteiligungen
Für den britischen Konzern ist Hugo Boss kein isoliertes Investment.
Die von Mike Ashley aufgebaute Frasers Group ist aus dem Sporthändler Sports Direct hervorgegangen und hat sich inzwischen zu einem weit verzweigten Handels- und Beteiligungskonzern entwickelt. Zum Portfolio beziehungsweise Beteiligungsumfeld zählen Marken und Händler aus Sport, Mode und Luxus.
Frasers hat unter anderem Beteiligungen an Unternehmen wie Asos, Boohoo, Mulberry, Burberry und Puma aufgebaut. Zuletzt übernahm der Konzern zudem das britische Luxuskaufhaus Harvey Nichols.
Das Muster ist bemerkenswert: Frasers kauft sich häufig zunächst mit Minderheitspositionen in Unternehmen ein und vergrößert anschließend seinen Einfluss. Bei Hugo Boss ist dieses Verfahren inzwischen außergewöhnlich weit fortgeschritten.
Auf Frasers entfallen rund 48 Prozent der Stimmrechte. Weitere rund 14 Prozent halten Gesellschaften der italienischen Marzotto-Familie. Nur noch etwa 38 Prozent der Aktien befinden sich im Streubesitz. Schon heute besitzt damit kein anderer einzelner Aktionär auch nur annähernd die Machtposition von Frasers.
Das gescheiterte Angebot könnte sich im Rückblick anders darstellen
Daher lohnt sich eine andere Bewertung der Übernahmeofferte aus dem Juni.
Gemessen am ursprünglichen Ziel einer vollständigen Übernahme war das Angebot für 38 Euro je Aktie nicht erfolgreich. Vorstand und Aufsichtsrat wehrten sich dagegen, und ein großer Teil der Aktionäre verkaufte nicht.
Aus Sicht von Frasers entstand trotzdem eine ausgesprochen starke Position.
Der Anteil stieg von gut einem Viertel auf fast die Hälfte des Unternehmens. Statt einen hohen Übernahmeaufschlag für sämtliche verbleibenden Aktien zahlen zu müssen, befindet sich der Konzern nun nur wenige Prozentpunkte von der Mehrheit entfernt. Damit könnte aus einer formal gescheiterten Übernahme am Ende ein schrittweiser Kontrollgewinn werden.
Ob Frasers tatsächlich über 50 Prozent geht, zu welchen Preisen weitere Aktien gekauft werden und welche Veränderungen daraus bei Aufsichtsrat, Vorstand oder Strategie folgen, ist noch offen.
Eines hat sich aber bereits verändert.
Die Frage bei Hugo Boss lautet nicht mehr, ob sich ein mächtiger neuer Aktionär etabliert. Frasers ist längst da.
Die entscheidende Frage lautet inzwischen, ob Hugo Boss künftig ein eigenständig geführtes Unternehmen mit einem dominierenden Großaktionär bleibt – oder faktisch Teil des Frasers-Konzerns wird.
Stefanie S. Klief