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Kanada rückt an Europa heran – und Deutschland könnte zu den Gewinnern gehören

Trumps Handelskrieg beschleunigt einen strategischen Kurswechsel in Ottawa. Maschinenbau, Rohstoffe, Energie, Verteidigung und KI rücken ins Zentrum

10 Min.

15.09.2026

Kanada gehörte über Jahrzehnte zu den Volkswirtschaften, für die wirtschaftliche Geografie fast Schicksal war. Der riesige US-Markt beginnt unmittelbar südlich der Grenze; Lieferketten, Automobilindustrie und Energiehandel sind tief miteinander verflochten. Rund 70 Prozent der kanadischen Exporte gehen weiterhin in die Vereinigten Staaten. Doch der Handelskonflikt mit Donald Trump verändert die Rechnung. Premierminister Mark Carney sucht nun ausdrücklich eine engere wirtschaftliche Verbindung mit Europa – und für Deutschland könnte daraus mehr entstehen als nur zusätzlicher Export.

Carney spricht von einer »einzigartigen Allianz«

Kanadas Premierminister Mark Carney hat eine EU-Mitgliedschaft ausgeschlossen, strebt aber eine deutlich engere Form der Zusammenarbeit an.

Er spricht von einer »unique alliance«, einer einzigartigen Allianz mit der Europäischen Union. Berichte über einen möglichen künftigen Status als assoziiertes Mitglied bestätigte er bislang nicht; einen solchen etablierten EU-Status für Kanada gibt es derzeit auch nicht. Klar ist jedoch die Richtung: Waren, Dienstleistungen und teilweise Arbeitskräfte sollen in strategischen Bereichen leichter zwischen beiden Wirtschaftsräumen verkehren können.

Die Gespräche reichen inzwischen weit über klassische Zollfragen hinaus.

Auf der Agenda stehen Energie, künstliche Intelligenz, Verteidigung, kritische Rohstoffe sowie gemeinsame Infrastrukturprojekte – darunter Rechenzentren, Unterseekabel und Einrichtungen für Energietransport.

Der Zeitpunkt ist kein Zufall.

Kanada steckt in einem verschärften Handelskonflikt mit den Vereinigten Staaten. Neue amerikanische Zölle treffen beziehungsweise bedrohen gerade jene Branchen, deren Lieferketten seit Jahrzehnten über die gemeinsame Grenze verlaufen. Rund 70 Prozent aller kanadischen Exporte gehen noch immer in die USA.

Europa kann diesen Markt nicht ersetzen. Aber Ottawa will offenkundig verhindern, dass wirtschaftliche Abhängigkeit künftig zugleich politische Verwundbarkeit bedeutet.

Heute reist Carney nach Straßburg

Der politische Kurs wird in diesen Tagen sichtbar. Carney reist vom 15. bis 17. September nach Straßburg und anschließend nach Großbritannien. In Straßburg soll er vor dem Europäischen Parlament sprechen, an Ursula von der Leyens Rede zur Lage der Union teilnehmen und Gespräche über Handel, Investitionen und Sicherheit führen.

Parallel richtet Kanada seine eigene Investitionspolitik neu aus.

Bei einem großen Investorenforum in Toronto wirbt Carney derzeit für mehr als 160 Projekte aus Bereichen wie Bergbau, Energie, Technologie und Infrastruktur. Ziel ist es, in den kommenden Jahren Investitionen von mehr als einer Billion kanadischer Dollar zu mobilisieren.

Damit verbindet Ottawa Außenhandel und Standortpolitik.

Kanada will nicht nur zusätzliche Absatzmärkte für vorhandene Produkte finden. Das Land will internationales Kapital dafür gewinnen, Rohstoffe stärker selbst zu verarbeiten, Energieprojekte aufzubauen, Rechenzentren anzusiedeln und neue industrielle Wertschöpfung zu schaffen.

Europa ist für diese Strategie ein naheliegender Partner. Und Deutschland besonders.

Der deutsch-kanadische Handel wächst bereits

Die wirtschaftlichen Beziehungen beginnen keineswegs bei null.

Nach Angaben der kanadischen Regierung überstieg der bilaterale Waren- und Dienstleistungshandel zwischen Deutschland und Kanada 2025 einen Wert von 38 Milliarden kanadischen Dollar. Deutschland gehört zugleich zu Kanadas wichtigsten Partnern bei Wissenschaft, Technologie und industrieller Innovation.

Kanadische Außenhandelsdaten zeigen zudem eine auffällige Entwicklung.

Kanada exportierte 2025 Waren im Wert von rund 9,2 Milliarden kanadischen Dollar nach Deutschland – etwa 35 Prozent mehr als im Vorjahr. Umgekehrt bezog Kanada deutsche Waren im Wert von 25,1 Milliarden kanadischen Dollar. Diese Importe stiegen um 6,3 Prozent; einen wesentlichen Beitrag leisteten Maschinen.

Die Größenordnungen beruhen auf kanadischer Zollstatistik und können aufgrund unterschiedlicher Erfassungsmethoden von deutschen Außenhandelszahlen abweichen. Der Trend ist dennoch eindeutig: Deutschland ist bereits tief in den wirtschaftlichen Austausch eingebunden. Und genau die Bereiche, in denen Kanada seine Beziehungen zu Europa vertiefen will, überschneiden sich auffällig mit deutschen industriellen Stärken.

Maschinenbau trifft auf kanadischen Investitionsbedarf

Kanada ist rohstoffreich, flächenmäßig riesig und verfügt über eine hoch entwickelte Volkswirtschaft. Gleichzeitig braucht das Land erhebliche Investitionen in Förderung, Verarbeitung, Energie, Infrastruktur und industrielle Automatisierung.

Für deutsche Unternehmen ist das ein vertrautes Exportprofil. Maschinen- und Anlagenbauer liefern Ausrüstung für Bergbau, Energieerzeugung, Produktion und Logistik. Deutsche Automobil- und Zulieferunternehmen sind in nordamerikanische Wertschöpfungsketten eingebunden. Chemie-, Pharma-, Elektro- und Ingenieurunternehmen profitieren ebenfalls von offenen Märkten und Investitionsprogrammen.

Das Freihandelsabkommen CETA hat dafür bereits erhebliche Hürden beseitigt. Seit seiner vorläufigen Anwendung 2017 sind nahezu alle Zölle im bilateralen Handel weggefallen. Für deutsche Hersteller können unter anderem Maschinen, Fahrzeuge und Chemieprodukte grundsätzlich zollfrei nach Kanada eingeführt werden. Zudem öffnete CETA kanadische öffentliche Ausschreibungen stärker für europäische Unternehmen.

Die neue Allianz würde deshalb nicht bei null beginnen. Sie könnte auf einem Wirtschaftsraum aufbauen, der bereits weitgehend liberalisiert ist – und die Zusammenarbeit auf Bereiche ausweiten, die 2017 noch längst nicht dieselbe strategische Bedeutung hatten.

Kritische Rohstoffe werden zum Schlüssel

Besonders offensichtlich ist das bei Rohstoffen. Europa versucht, seine Abhängigkeit von China bei Lithium, Nickel, Kobalt, Graphit, Seltenen Erden und anderen strategischen Materialien zu reduzieren. Diese Rohstoffe werden für Batterien, Elektromotoren, Windkraft, Halbleiter, Rüstung und zahlreiche Hochtechnologien benötigt.

Kanada verfügt über bedeutende Vorkommen und verfolgt selbst das Ziel, mehr Verarbeitung und Wertschöpfung im Land aufzubauen.

Für Deutschland ist das mehr als eine Frage sicherer Rohstoffimporte. Eine engere Partnerschaft könnte auch deutschen Anlagenbauern, Recyclingunternehmen, Chemiekonzernen und Rohstoffverarbeitern neue Projekte eröffnen.

Der Bedarf in Europa ist erheblich. Die EU hat zwar strategische Rohstoffprojekte ausgewählt und Finanzierungsinstrumente geschaffen, doch zahlreiche Projektentwickler klagen weiterhin über fehlende Finanzierung und langsame Umsetzung.

Kanada könnte damit nicht einfach China ersetzen. Dafür sind chinesische Verarbeitungskapazitäten und Lieferketten viel zu groß. Es könnte aber helfen, eine zweite, politisch weniger riskante Lieferstruktur aufzubauen.

Verteidigung ist bereits weiter als der Handel

In einem Bereich ist die Integration überraschend weit fortgeschritten.

Kanada ist seit Juni offiziell das erste nichteuropäische Land, dessen Unternehmen und Produkte am EU-Finanzierungsinstrument SAFE teilnehmen können. SAFE stellt bis zu 150 Milliarden Euro an Krediten bereit, mit denen EU-Staaten gemeinsam Verteidigungsgüter beschaffen und Produktionskapazitäten ausbauen können.

Das eröffnet neue industrielle Verflechtungen. Kanadische Unternehmen können Teil gemeinsamer Beschaffungsprojekte werden; europäische und damit auch deutsche Unternehmen erhalten im Gegenzug zusätzliche Möglichkeiten für Kooperationen mit kanadischen Partnern.

Deutschland und Kanada arbeiten bereits bei Dual-Use-Technologien, Luft- und Raumfahrt, kritischen Rohstoffen und Verteidigung enger zusammen.

Eine tiefere EU-Kanada-Allianz könnte daraus einen wesentlich größeren Markt machen. Gerade Verteidigung zeigt zugleich, dass Carneys Idee nicht einfach ein neues Freihandelsabkommen meint. Es geht um die Verbindung von Wirtschaftspolitik und strategischer Sicherheit.

Auch KI wird Teil der neuen Handelspolitik

Kanada besitzt eigene KI-Forschungszentren und will zugleich erhebliche Investitionen in Rechenzentren und digitale Infrastruktur anziehen. Europa wiederum diskutiert gerade intensiver über seine Abhängigkeit von amerikanischen Cloud- und KI-Anbietern.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde warnte erst am Montag davor, Europa könne bei zentralen KI-Technologien in eine neue Form strategischer Abhängigkeit geraten. Sie forderte mehr eigene Rechenleistung und europäische Infrastruktur.

Eine kanadisch-europäische Kooperation würde diese Abhängigkeit nicht beseitigen. Kanada selbst ist technologisch eng mit den USA verbunden.

Aber sie könnte zusätzliche Investitions- und Infrastrukturbeziehungen zwischen zwei Wirtschaftsräumen schaffen, die Datenschutz, Rechtsstaatlichkeit und regelbasierten Handel wesentlich ähnlicher beurteilen als viele andere potenzielle Partner. Für deutsche Technologie-, Energie- und Infrastrukturunternehmen wäre auch das ein Markt.

CETA zeigt zugleich, wie langsam Europa sein kann

Der Kurswechsel hat allerdings einen Schönheitsfehler.

Das Freihandelsabkommen CETA wird seit September 2017 vorläufig angewendet – ist aber neun Jahre später noch immer nicht vollständig von allen EU-Mitgliedstaaten ratifiziert.

Nach Angaben der Financial Times haben bislang 17 der 27 Mitgliedstaaten ihre nationale Ratifizierung abgeschlossen. Carney drängt nun ausdrücklich darauf, dass auch die übrigen Länder folgen.

Das ist mehr als ein institutionelles Detail. Die EU und Kanada sprechen über eine neue strategische Partnerschaft, während die alte noch nicht vollständig rechtlich abgeschlossen ist. Bei Landwirtschaft und Investitionsschutz bestehen in einzelnen Mitgliedstaaten weiterhin politische Vorbehalte.

Auch eine »einzigartige Allianz« wird deshalb nicht binnen weniger Monate einen neuen transatlantischen Binnenmarkt hervorbringen.

Europa kann die USA nicht ersetzen

Hinzu kommt die wirtschaftliche Größenordnung. Die EU ist Kanadas zweitgrößter Handelspartner. Doch der Abstand zu den Vereinigten Staaten ist gewaltig.

Der gesamte Waren- und Dienstleistungshandel zwischen EU und Kanada erreichte 2025 rund 130 Milliarden Euro. Seit 2016 ist er damit um etwa 80 Prozent gewachsen. Allein im Warenhandel kamen 81,5 Milliarden Euro zusammen.

Das ist erheblich. Aber wenn rund 70 Prozent der kanadischen Exporte in die USA gehen, lässt sich diese Verflechtung nicht kurzfristig nach Europa umlenken. Automobilproduktion, Energienetze, Eisenbahnverbindungen und Lieferketten sind über Jahrzehnte auf einen gemeinsamen nordamerikanischen Wirtschaftsraum zugeschnitten worden.

Carneys Politik ist deshalb weniger als Abkopplung von Amerika zu verstehen denn als Versicherung gegen eine zu große Abhängigkeit von einem einzigen Partner.

Für Deutschland könnte aus geopolitischem Risiko ein Wirtschaftsraum werden

Deutschland sucht selbst nach Möglichkeiten, seine Abhängigkeit von einzelnen Absatzmärkten, Energiequellen und Rohstofflieferanten zu reduzieren. Kanada sucht dasselbe – nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Das Land will weniger abhängig von den USA werden. Europa will weniger abhängig von China und in einigen Technologiebereichen auch weniger abhängig von den USA sein.

Dadurch entstehen Überschneidungen, die vor wenigen Jahren erheblich weniger dringlich waren: kritische Rohstoffe, Maschinenbau, Verteidigung, Energietechnik, KI-Infrastruktur und industrielle Investitionen.

Die handelspolitische Neuordnung beginnt deshalb nicht erst mit einem neuen Vertrag. Sie ist bereits in den Zahlen sichtbar.

Kanadas Warenexporte nach Deutschland stiegen 2025 um mehr als ein Drittel, deutsche Lieferungen nach Kanada ebenfalls weiter. CETA hat viele Marktzugangshürden schon beseitigt. SAFE verbindet inzwischen sogar Teile der Rüstungsindustrien.

Carneys »einzigartige Allianz« ist bislang noch eine politische Idee, kein fertiges institutionelles Modell. Aber der ökonomische Impuls dahinter ist sehr konkret.

Die von Trump ausgelöste Unsicherheit zwingt Kanada, seine Handelsbeziehungen breiter aufzustellen. Und genau in dem Moment, in dem Deutschland selbst neue Rohstoffquellen, Absatzmärkte und strategisch verlässliche Partner sucht, schaut eine der größten Volkswirtschaften der westlichen Welt verstärkt nach Europa.

Das könnte für deutsche Unternehmen wesentlich interessanter werden als die diplomatische Formel vermuten lässt.

Stefanie S. Klief

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