Seit Ende August wird europaweit nach Hendrik Holt gefahndet. Der wegen bandenmäßigen Betrugs verurteilte Unternehmer kehrte von einem genehmigten Ausgang nicht in seine Berliner Justizvollzugsanstalt zurück. Doch fast noch bemerkenswerter als seine Flucht ist, was zuvor geschah: Während Holt bereits seine Haftstrafe verbüßte, vermittelte er nach Angaben des heutigen Flughafenbetreibers den Verkauf des Flughafens Rostock-Laage. Wenige Monate später wurde in Berlin eine Holt Family Office GmbH mit einer Million Euro Stammkapital gegründet. Dass beide Geschichten miteinander zusammenhängen, ist nicht bewiesen. Zeitlich und personell berühren sie sich dennoch an mehreren Stellen.
Ein Flughafen-Deal, bei dem Holt zunächst kaum auftauchte
Als die Zeitfracht-Gruppe im Sommer 2025 den zivilen Teil des Flughafens Rostock-Laage verkaufen wollte, war von Hendrik Holt öffentlich zunächst kaum die Rede.
Anfang Juli bestätigte Zeitfracht, einen strategischen Investor gefunden zu haben. Wenig später trat die Berliner Beteiligungsgesellschaft Crisp Partners als Käuferin auf. Sie kündigte an, den Regionalflughafen langfristig weiterzuführen, den Flugverkehr wieder auszubauen und zugleich große Photovoltaikanlagen und Speicher auf bislang wenig genutzten Flächen zu errichten.
Das Energieprojekt war offenbar keine zufällige Ergänzung.
Karsten Lauth, Projektleiter von Crisp Partners und Ehemann der Flughafen-Geschäftsführerin Ira Lauth, erklärte nach Holts Flucht gegenüber der »Neuen Osnabrücker Zeitung«, Holt sei mit der Idee für den Kauf auf das Unternehmen zugekommen. Auch der Plan, die großen Flächen des Flughafens für Photovoltaik und Energiespeicher zu nutzen, sei von ihm gekommen. Offizieller Geschäftspartner sei Holt bei dem Deal jedoch nicht gewesen. Lauth betonte ausdrücklich, Holt sei weder an Crisp Partners noch am Flughafen beteiligt.
Das ist die bestätigte Version. Andere Recherchen zeichnen ein weitergehendes Bild.
Interne Unterlagen beschreiben eine größere Rolle
»Business Insider« und »Welt« berichteten im August unter Berufung auf vertrauliche Dokumente und mit dem Vorgang vertraute Personen, dass Holt hinter dem Investment eine wesentlich größere Rolle gespielt haben könnte.
In einer nicht öffentlichen Firmenunterlage wird demnach eine Geschäftspartnerschaft von Crisp Energy, einer Marke von Crisp Partners, mit einer »Holt Holding S.A.« erwähnt. Diese sollte Erfahrung bei der Entwicklung großer Erneuerbare-Energien-Projekte in das Vorhaben einbringen. »Welt« berichtet zudem, Holt habe bei Gesprächen rund um den Verkauf mitgewirkt und nach Abschluss des Geschäfts mit Beteiligten in Berlin auf den Deal angestoßen.
Crisp Partners stellt die Verbindung enger begrenzt dar: Holt habe vermittelt, Potenziale erkannt und bei ersten Berechnungen für die geplante Energieinfrastruktur geholfen. Geld von Holt habe man für den Kauf nicht erhalten.
Der Unterschied ist erheblich: Zwischen Holt vermittelte einen Deal und Holt stand wirtschaftlich hinter dem Deal liegt eine Grenze, die sich mit den bislang öffentlich zugänglichen Informationen nicht sicher überschreiten lässt.
Fest steht allerdings etwas anderes: Zu dieser Zeit befand Holt sich bereits im offenen Vollzug. Seit Ende Oktober 2024 verbüßte er seine Haftstrafe unter gelockerten Bedingungen in Berlin.
Der Kaufpreis sorgt inzwischen selbst für Streit
Auch wirtschaftlich verlief die Übernahme nicht geräuschlos. Nach Recherchen von »Welt« wurde der Kaufvertrag am 4. Juli 2025 geschlossen. Der vereinbarte Preis soll 3,1 Millionen Euro betragen haben. Die erste Rate von 240.000 Euro sei zunächst verspätet, später aber gezahlt worden. Weitere vereinbarte Zahlungen blieben nach diesen Recherchen aus.
Die »Ostsee-Zeitung« berichtete zuletzt, dass vom Kaufpreis weiterhin ein großer Teil offen sei. Die Verkäuferseite betreibt demnach Zwangsvollstreckungsmaßnahmen und hat Strafanzeige wegen des Verdachts des Betrugs erstattet. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück bestätigte den Eingang einer entsprechenden Anzeige. Damit ist ausdrücklich noch keine strafrechtliche Verantwortlichkeit festgestellt.
Crisp Partners bestreitet die Vorwürfe. Karsten Lauth erklärte, Zahlungen würden wegen aus seiner Sicht nicht erfüllter Bedingungen und Problemen rund um den Verkauf zurückgehalten. Er rechnet nach eigenen Angaben mit einer zivilrechtlichen Einigung.
Der Flughafen selbst wird unterdessen weiterbetrieben. Im Februar 2026 kehrten reguläre Ferienflüge zurück.
Wenige Monate später entsteht das Holt Family Office
Während der Streit um den Flughafen lief, entstand in Berlin eine weitere Gesellschaft mit einem auffälligen Namen.
Der Gesellschaftsvertrag der Holt Family Office GmbH stammt vom 28. April 2026. Am 9. Juni wurde der Unternehmensgegenstand noch einmal geändert, am 12. Juni erfolgte die Eintragung ins Handelsregister. Als Geschäftsführerin ist Jana Michaela Holt eingetragen. Das Stammkapital beträgt eine Million Euro.
Der Unternehmensgegenstand ist bemerkenswert breit und zugleich eindeutig privatwirtschaftlich formuliert: Die Gesellschaft soll eigenes Vermögen ihrer Gesellschafter verwalten und anlegen sowie auf eigene Rechnung mit Luxusgütern und Kunstgegenständen handeln.
Eine Million Euro Stammkapital fällt auf. Für die Gründung einer gewöhnlichen GmbH sind gesetzlich lediglich 25.000 Euro Stammkapital erforderlich.
Doch hier ist eine wichtige Trennung nötig. Die Registereintragung beweist weder, dass eine Million Euro als frei verfügbares Bargeld auf einem Konto der Gesellschaft liegt, noch lässt sich daraus ableiten, woher das Kapital stammt. Auch eine finanzielle Beteiligung Hendrik Holts lässt sich mit dem Registerauszug nicht belegen. Genau diese Frage ist jedoch besonders brisant, weil über Holt selbst ein Insolvenzverfahren läuft.
40 Millionen Euro Forderungen – aber wem gehört welches Vermögen?
Holts Insolvenzverwalter Malte Köster beziffert die gegen Holt angemeldeten Forderungen auf rund 40 Millionen Euro. Sie stammen nach seinen Angaben vor allem von geschädigten Investoren. Das Holt Family Office sei dem Insolvenzverwalter bekannt. Sollte Geld Hendrik Holts in die Gesellschaft geflossen sein, sei ihm dies jedoch nicht mitgeteilt worden.
Mehr lässt sich daraus derzeit seriös nicht machen.
Das Family Office trägt Holts Namen. Seine Frau führt die Gesellschaft. Es entstand während seiner Zeit im offenen Vollzug. Und es verfügt nominell über ein im Vergleich zu einer gewöhnlichen GmbH sehr hohes Stammkapital.
Ob Hendrik Holt selbst wirtschaftlich an der Gesellschaft beteiligt ist oder Kapital beigesteuert hat, ist damit nicht bewiesen.
Und dann taucht dieselbe Adresse auf
Eine weitere Verbindung? Das Holt Family Office ist am Kemperplatz 1 in Berlin registriert. Auch Crisp Partners wird an dieser Anschrift geführt. Damit teilen sich ausgerechnet die Käuferin des Flughafens und das Family Office aus Holts Umfeld eine Geschäftsadresse.
Doch auch hier gilt: Eine gemeinsame Anschrift beweist keine gemeinsame Unternehmensstruktur.
Ira Lauth ließ über ihre Anwältin erklären, sie habe keine Kenntnis davon gehabt, dass auch das Holt Family Office dort registriert sei. Am Kemperplatz betreibe ein Bürodienstleister einen Standort, an dem zahlreiche Unternehmen Anschriften unterhielten. Holt selbst habe sich nach ihrer Darstellung nie in Geschäftsräumen von Crisp Partners aufgehalten.
Damit zeigt die Adresse eine bemerkenswerte Überschneidung, aber kein Beleg für eine gesellschaftsrechtliche Verbindung.
Die zweite Geschäftswelt entstand noch während der Haft
Die zeitliche Abfolge bleibt dennoch ungewöhnlich.
Man muss diese Punkte nicht zu einer großen Verschwörung verbinden, damit daraus eine bemerkenswerte Unternehmensgeschichte wird.
Ein wegen Millionenbetrugs verurteilter Unternehmer gewinnt während des offenen Vollzugs offenbar wieder Zugang zu Wirtschaftsnetzwerken. Er vermittelt nach eigener Darstellung der Beteiligten ein Millionenprojekt rund um einen Regionalflughafen. In seinem familiären Umfeld entsteht wenig später eine Vermögensgesellschaft mit ungewöhnlich hohem Stammkapital. Gleichzeitig läuft sein persönliches Insolvenzverfahren mit Forderungen von rund 40 Millionen Euro.
Was davon wirtschaftlich miteinander verbunden ist, bleibt offen.
Was nicht offen ist: Hendrik Holt war auch während seiner Haft keineswegs vollständig aus der Geschäftswelt verschwunden.
Das macht die Vorgänge um Flughafen und Family Office interessanter als die derzeitige Frage, an welchem Ort der Flüchtige gerade ein Foto veröffentlicht.
Stefanie S. Klief