Eine Serie von Stefanie S. Klief
Als der Euro am 1. Januar 1999 eingeführt wurde, wechselte zunächst kein einziger Geldschein den Besitzer. Trotzdem veränderte sich an diesem Tag Europas Wirtschaftsordnung grundlegend. Elf Staaten legten ihre Wechselkurse unwiderruflich fest und übergaben die Geldpolitik an eine gemeinsame Zentralbank. Für Deutschland sollte daraus ein erheblicher wirtschaftlicher Vorteil entstehen. Doch dieselbe Konstruktion ließ Unterschiede innerhalb Europas wachsen, die mit nationalen Währungen früher über Wechselkurse hätten ausgeglichen werden können.
Der Euro war nicht der Preis für die Wiedervereinigung
Eine der hartnäckigsten Erzählungen über die gemeinsame Währung lautet, Deutschland habe die D-Mark aufgeben müssen, damit Frankreich der Wiedervereinigung zustimmte.
So einfach war es nicht.
Die Planungen für eine europäische Wirtschafts- und Währungsunion waren älter als der Mauerfall. Bereits 1988 setzte der Europäische Rat den sogenannten Delors-Ausschuss ein. Im April 1989 – Monate vor dem 9. November – legte er einen konkreten Drei-Stufen-Plan für die Währungsunion vor. Im Juni 1989 beschlossen die Staats- und Regierungschefs, die erste Stufe zum 1. Juli 1990 zu beginnen. Zu diesem Zeitpunkt rechnete niemand mit einer unmittelbar bevorstehenden deutschen Wiedervereinigung.
Die Einheit beschleunigte jedoch die politische Dynamik. Ein größeres, wiedervereinigtes Deutschland veränderte das Kräfteverhältnis in Europa. Die engere europäische Einbindung Deutschlands bekam dadurch zusätzliches Gewicht. Der Vertrag von Maastricht, 1992 unterzeichnet und 1993 in Kraft getreten, verband die Währungsunion mit dem Projekt einer vertieften Europäischen Union.
Der Euro war also nicht der Preis für die deutsche Einheit.
Aber die deutsche Einheit verstärkte den politischen Willen, Europa enger zusammenzubinden.
Kohl wollte mehr als eine gemeinsame Währung
Für Helmut Kohl war das Projekt ohnehin nie bloß eine Frage von Wechselkursen und Transaktionskosten.
Er betrachtete die Währungsunion als Teil einer umfassenderen politischen Einigung Europas. 1991 erklärte er vor dem Bundestag ausdrücklich, dass eine Wirtschafts- und Währungsunion ohne politische Union auf Dauer nicht tragfähig sei. Auch die Bundesbank teilte grundsätzlich die Auffassung, dass eine gemeinsame Währung eine engere politische und wirtschaftspolitische Ordnung benötigte.
Genau diese politische Union entstand jedoch nicht im gleichen Umfang.
Maastricht schuf eine gemeinsame Geldpolitik, beließ aber wesentliche Bereiche der Wirtschafts-, Steuer- und Finanzpolitik bei den Mitgliedstaaten. Die Europäische Zentralbank sollte für Preisstabilität sorgen, während jedes Land grundsätzlich für seine eigenen Staatsfinanzen verantwortlich blieb. Die sogenannte Nichtbeistandsklausel sollte verhindern, dass Mitgliedstaaten automatisch für die Schulden anderer haften.
Damit entstand ein ungewöhnliches Gebilde:
eine gemeinsame Währung ohne gemeinsamen Staat.
Was in normalen Zeiten funktionieren konnte, sollte in Krisenzeiten erhebliche Spannungen erzeugen.
Die Deutschen gaben nicht irgendeine Währung auf
In Deutschland war die Entscheidung besonders emotional.
Die Deutsche Mark war mehr als Zahlungsmittel: Sie war die Leit- und Ankerwährung des Europäischen Währungssystems. Nach Währungsreform und Wirtschaftswunder galt sie als Symbol für Stabilität und wirtschaftlichen Wiederaufstieg. Die Geldpolitik anderer Teilnehmer orientierte sich faktisch stark an ihr. Entsprechend groß war die Skepsis gegenüber einer Gemeinschaftswährung mit Staaten, deren Inflation, Verschuldung und wirtschaftspolitische Traditionen sich teilweise deutlich unterschieden.
Die Bundesbank bestand deshalb auf strengen Voraussetzungen. Die in Maastricht festgelegten Konvergenzkriterien sollten unter anderem Haushaltsdefizite und Staatsverschuldung begrenzen sowie Preis- und Wechselkursstabilität sicherstellen. Noch im Frühjahr 1998 bezeichnete der Zentralbankrat die Währungsunion als historisch einzigartiges Projekt und prüfte kritisch, ob die Teilnehmer dauerhaft ausreichend konvergiert waren.
Am Ende fiel die Entscheidung politisch.
Am 1. Januar 1999 wurden die Wechselkurse von zunächst elf Staaten unwiderruflich festgelegt. Erst drei Jahre später, am 1. Januar 2002, verschwanden Deutsche Mark, Franc, Lira und andere nationale Banknoten und Münzen aus dem Alltag.
Für deutsche Unternehmen verschwand ein altes Risiko
Ökonomisch bot die neue Währung einen offensichtlichen Vorteil.
Ein deutscher Maschinenbauer, der nach Frankreich, Italien oder Spanien verkaufte, musste nicht mehr fürchten, dass eine Aufwertung der D-Mark seine Produkte dort plötzlich verteuerte. Unternehmen mussten sich innerhalb des Währungsraums nicht mehr gegen Schwankungen zwischen nationalen Währungen absichern. Umtauschkosten verschwanden, Preise wurden leichter vergleichbar und Investitionsentscheidungen über Grenzen hinweg einfacher. Solche geringeren Transaktions- und Wechselkurskosten gehören zu den grundlegenden wirtschaftlichen Vorteilen einer Währungsunion.
Für eine stark exportorientierte Industriewirtschaft wie Deutschland war das attraktiv.
Aber daraus folgt nicht, dass der Euro Deutschland sofort zum Gewinner machte.
Im Gegenteil: In den ersten Jahren der Währungsunion galt Deutschland eher als wirtschaftlicher Problemfall. Wachstum und Beschäftigung entwickelten sich schwach. Um die Jahrtausendwende wurde die Bundesrepublik international als »kranker Mann Europas« diskutiert.
Die entscheidende Entwicklung kam erst danach.
Deutschland wurde innerhalb des Euroraums immer wettbewerbsfähiger
In den 2000er-Jahren stiegen die deutschen Arbeitskosten im Verhältnis zur Produktivität deutlich langsamer als in vielen anderen Ländern.
Nach Berechnungen der OECD sanken die deutschen Lohnstückkosten zwischen 2000 und 2007 sogar um rund zwei Prozent. Im OECD-Durchschnitt stiegen sie im gleichen Zeitraum um rund 22 Prozent. Deutschland verbesserte dadurch seine preisliche Wettbewerbsposition erheblich.
Innerhalb einer Welt nationaler Währungen hätte eine solche Entwicklung normalerweise zumindest teilweise Wechselkursreaktionen auslösen können: Eine besonders wettbewerbsfähige deutsche Währung hätte gegenüber schwächeren Partnerwährungen aufwerten können.
Im Euroraum war das ausgeschlossen.
Deutschland und seine Partner hatten dieselbe Währung.
Dadurch konnten Unterschiede in Preisen, Löhnen und Produktivität nicht mehr über eine Auf- oder Abwertung nationaler Währungen ausgeglichen werden. Anpassung musste nun innerhalb der Volkswirtschaften erfolgen – über Löhne, Preise, Produktivität, Beschäftigung oder staatliche Ausgaben.
Genau hier zeigte sich erstmals die Kehrseite des gemeinsamen Geldes.
Eine Geldpolitik traf auf sehr verschiedene Volkswirtschaften
Für Deutschland waren die frühen 2000er-Jahre von schwachem Wachstum und hoher Arbeitslosigkeit geprägt.
Andere Euroländer befanden sich dagegen mitten in einem kräftigen Aufholprozess.
Mit der Vorbereitung und Einführung des Euro sanken in mehreren Ländern die Finanzierungskosten deutlich. Untersuchungen der Europäischen Zentralbank zeigen, dass insbesondere Griechenland, Portugal, Irland, Spanien und Italien von erheblich günstigeren Finanzierungsmöglichkeiten betroffen waren. In einigen Ländern entstanden außergewöhnlich starke Kreditbooms.
Was zunächst nach erfolgreicher Konvergenz aussah, hatte eine problematische Seite.
Niedrige Zinsen förderten Konsum, Immobilieninvestitionen und Kreditaufnahme. Gleichzeitig stiegen in mehreren Ländern Löhne und Preise schneller als die Produktivität. Die Lohnstückkosten nahmen zu, während die preisliche Wettbewerbsfähigkeit sank.
Deutschland entwickelte sich in die entgegengesetzte Richtung.
Hier blieben Lohnentwicklung und Binnennachfrage vergleichsweise gedämpft, während die Exportwirtschaft wettbewerbsfähiger wurde.
Eine gemeinsame Geldpolitik begleitete damit zwei sehr unterschiedliche Entwicklungen.
Aus Handelsströmen wurden wirtschaftliche Gräben
Die Unterschiede lassen sich in den Leistungsbilanzen erkennen.
Deutschland hatte während des Wiedervereinigungsbooms Anfang der 1990er-Jahre noch ein leichtes Leistungsbilanzdefizit. Bis 2007 war daraus nach OECD-Angaben ein Überschuss von 7,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geworden.
Gleichzeitig wuchsen in Ländern wie Spanien, Griechenland und Portugal große Defizite. 2007 lagen sie teilweise bei mehr als zehn Prozent der jeweiligen Wirtschaftsleistung. Innerhalb des Euroraums standen damit zunehmend Überschussländer wie Deutschland, die Niederlande und Österreich Staaten mit erheblichen Außenhandels- und Finanzierungsdefiziten gegenüber.
Aber auch hier wäre die einfache Geschichte verführerisch und falsch:
Deutschland erzielte seine Überschüsse nicht einfach auf Kosten Südeuropas.
Eine Untersuchung der Europäischen Zentralbank zeigt, dass der große deutsche Leistungsbilanzüberschuss vor der Finanzkrise überwiegend auf Überschüssen gegenüber Ländern außerhalb des Euroraums beruhte. Die gemeinsame Währung war also nicht die alleinige Ursache des deutschen Exporterfolgs.
Globalisierung, industrielle Spezialisierung, die Öffnung Osteuropas, der Aufstieg Chinas, Lohnzurückhaltung und später Arbeitsmarktreformen spielten ebenfalls eine zentrale Rolle.
Genau diese Mischung sollte Deutschlands Wirtschaftsmodell in den folgenden Jahren außergewöhnlich erfolgreich machen.
Der Euro verband Europa – aber er beseitigte seine Unterschiede nicht
Das war der zentrale Konstruktionskonflikt.
Der Euro schuf einen gemeinsamen Geldraum und vertiefte Handel und wirtschaftliche Integration. Er garantierte aber nicht automatisch, dass Produktivität, Löhne, Investitionen und Staatsfinanzen der Mitgliedstaaten dauerhaft zusammenliefen.
Die Europäische Zentralbank kam nach der späteren Staatsschuldenkrise selbst zu dem Schluss, dass die nominale Annäherung vor Einführung des Euro nicht automatisch zu einer nachhaltigen wirtschaftlichen Konvergenz führte.
Die Währung beseitigte Wechselkurse.
Sie beseitigte nicht die unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen dahinter.
So entstand eine paradoxe Entwicklung: Der Euro machte Europa wirtschaftlich enger miteinander verflochten – und machte Unterschiede zugleich schwerer zu korrigieren.
Solange Kapital floss, Wachstum anhielt und die Finanzmärkte kaum zwischen den Risiken einzelner Staaten unterschieden, wirkte das System stabil.
Doch die Bruchlinien waren bereits vorhanden.
Deutschlands Stärke entstand nicht allein durch den Euro
Gerade deshalb wäre es falsch, dem Euro rückblickend Deutschlands späteren Exportboom gutzuschreiben.
Die gemeinsame Währung schuf günstige Rahmenbedingungen: einen großen Markt ohne Wechselkursrisiken, leichteren Handel und keine Möglichkeit mehr, dass wichtige europäische Kundenländer ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Deutschland durch eine Abwertung ihrer nationalen Währung wiederherstellten.
Doch Deutschland musste seinen eigenen wirtschaftlichen Wandel erst noch durchlaufen.
Hohe Arbeitslosigkeit, schwaches Wachstum und Reformdruck prägten die ersten Jahre des neuen Jahrtausends. Dann kamen Arbeitsmarktreformen und Lohnzurückhaltung, die EU-Osterweiterung öffnete neue Produktionsstandorte und Märkte, und mit China wuchs ein Abnehmer heran, dessen Nachfrage wie geschaffen für deutsche Maschinen, Autos und Industrieanlagen schien.
Der Euro war dabei nicht das Erfolgsrezept.
Er war eine der Bedingungen, unter denen dieses Rezept besonders gut funktionierte.
Und genau hier beginnt die nächste Wendung unserer Wirtschaftsgeschichte.
Deutschland entwickelte sich innerhalb weniger Jahre vom vermeintlich kranken Mann Europas zum Exportweltmeister.
Doch der Erfolg hatte einen Preis – im Inland ebenso wie innerhalb Europas.
Damit beschäftigt sich Teil 6:
Der Preis des deutschen Exportwunders
Diese Folge ist Teil unserer Serie »Deutschlands Wirtschaftsweg – Weichenstellungen, die unsere Wirtschaft bis heute prägen«, die zentrale wirtschaftliche Weichenstellungen von der Währungsreform bis zur heutigen Standortdebatte nachzeichnet.