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Deutschlands Energieproblem begann lange vor Putin

Wie das Ende von Bretton Woods und die Ölkrisen der 1970er Deutschlands Erfolgsmodell verwundbar machten

8 Min.

14.08.2026

17. März 1973: Während in den USA Richard Nixon regierte, zerfiel das System fester Wechselkurse endgültig – eine der internationalen Konstanten, unter denen das deutsche Wirtschaftswunder gewachsen war.

»Deutschlands Wirtschaftsweg« – Weichenstellungen, die unsere Wirtschaft bis heute prägen

Eine Serie von Stefanie S. Klief


Deutschlands Abhängigkeit von Energieimporten ist kein Problem, das erst mit dem Ende russischer Gaslieferungen sichtbar wurde. Bereits vor mehr als 50 Jahren traf ein äußerer Energieschock eine prosperierende Industrienation ins Mark. Die Ölkrisen der 1970er-Jahre zeigen zugleich, wie gefährlich historische Parallelen sein können: Die Ursachen waren andere als heute – die strukturelle Verwundbarkeit war erstaunlich ähnlich.

Als Deutschland die Arbeitskräfte ausgingen

Zu Beginn der 1960er-Jahre schien das westdeutsche Wachstumsmodell beinahe sein eigenes Problem geschaffen zu haben: Es fehlten Menschen, die all die Arbeit erledigen konnten.

Die Arbeitslosenquote war von elf Prozent im Jahr 1950 auf 1,3 Prozent im Jahr 1960 gefallen. In den meisten Jahren der 1960er und frühen 1970er lag sie unter einem Prozent. Die Bundesrepublik hatte damit einen Zustand erreicht, der später fast mythische Züge annahm: Vollbeschäftigung.

Der Arbeitskräftemangel wurde zu einem Wachstumshemmnis. Bereits 1955 hatte die Bundesrepublik mit Italien ein Anwerbeabkommen geschlossen, später folgten unter anderem Spanien, Griechenland, die Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien. Millionen Menschen kamen zum Arbeiten nach Westdeutschland und wurden zu einem wesentlichen Teil des wirtschaftlichen Aufstiegs.

Der Erfolg veränderte damit bereits seine eigenen Voraussetzungen: Deutschland produzierte mehr, exportierte mehr, konsumierte mehr – und brauchte dafür mehr Arbeitskräfte, mehr Rohstoffe und mehr Energie.

1967 bekam das Wirtschaftswunder seinen ersten Riss

Dann geschah etwas, das eine ganze Generation kaum noch kannte: Die Wirtschaft schrumpfte.

1967 sank das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt um 0,3 Prozent. Es war die erste Rezession der Bundesrepublik und das statistische Ende jener nahezu ununterbrochenen Hochkonjunktur, die seit den frühen 1950er-Jahren als Wirtschaftswunder wahrgenommen worden war. Die Arbeitslosigkeit stieg zeitweise deutlich an, blieb im historischen Vergleich allerdings noch niedrig.

Die Rezession war keine Energiekrise. Gerade deshalb ist sie für die Geschichte wichtig. Sie zeigte, dass der Boom schon vor den großen Ölpreisschocks störanfälliger geworden war.

Die Politik reagierte mit einem neuen wirtschaftspolitischen Selbstverständnis. Das 1967 verabschiedete Stabilitäts- und Wachstumsgesetz verpflichtete Bund und Länder auf vier Ziele: 

  • Preisstabilität,
  • hohen Beschäftigungsstand,
  • außenwirtschaftliches Gleichgewicht sowie
  • stetiges und angemessenes Wachstum.

Die Vorstellung dahinter war optimistisch: Konjunkturelle Schwankungen sollten sich durch staatliche Steuerung besser beherrschen lassen.

Nur wenige Jahre später sollte genau diese Hoffnung auf eine harte Probe gestellt werden.

Auch die internationale Ordnung geriet ins Wanken

Der nächste Einschnitt kam nicht von deutschen Unternehmen oder aus Bonn, sondern aus dem internationalen Währungssystem.

Seit den Nachkriegsjahren waren die westlichen Währungen über das Bretton-Woods-System eng miteinander verbunden. Der US-Dollar bildete den Anker, die Wechselkurse bewegten sich nur innerhalb enger Bandbreiten. Für eine exportorientierte Wirtschaft wie die westdeutsche bedeutete das vergleichsweise stabile Rahmenbedingungen.

Doch die wachsenden amerikanischen Defizite setzten das System unter Druck. 1971 musste die Bundesbank innerhalb weniger Wochen Milliarden US-Dollar kaufen, um den vereinbarten Wechselkurs zu verteidigen. Im August setzte US-Präsident Richard Nixon die Einlösbarkeit des Dollars in Gold aus. Im März 1973 zerfiel das System fester Wechselkurse endgültig.

Damit verschwand innerhalb kurzer Zeit eine jener internationalen Konstanten, unter denen das deutsche Wirtschaftswunder groß geworden war.

Und noch im selben Jahr fiel die nächste.

Vier Sonntage zeigten das ganze Problem

Am 25. November 1973 waren die Autobahnen der Bundesrepublik weitgehend leer.

Kinder spielten auf Fahrbahnen, Menschen fuhren Fahrrad oder gingen zu Fuß. Die Bundesregierung hatte vier autofreie Sonntage angeordnet und vorübergehend Tempolimits eingeführt. Die Bilder wurden zum Symbol der ersten Ölkrise.

Ausgelöst worden war sie durch den Jom-Kippur-Krieg. Arabische Erdölförderländer reduzierten die Produktion und setzten Öl gezielt als politisches Druckmittel ein. Gleichzeitig stiegen die Preise drastisch. Ein Barrel Rohöl, das 1973 noch rund 3 US-Dollar gekostet hatte, kostete 1974 zeitweise etwa zwölf US-Dollar. Die westdeutsche Rechnung für Erdölimporte stieg innerhalb eines Jahres auf knapp 23 Milliarden DM und damit um rund 153 Prozent.

Die eigentliche Erkenntnis lag jedoch nicht in den leeren Autobahnen.

Sie lag in den Fabriken.

Das Wachstum der vergangenen Jahrzehnte hatte eine Wirtschaft hervorgebracht, die auf große Mengen vergleichsweise günstiger Energie angewiesen war. Solange diese zuverlässig verfügbar war, erschien das kaum problematisch. Erst als die Lieferländer ihre Marktmacht nutzten, wurde aus einem preiswerten Produktionsfaktor ein strategisches Risiko.

Aus Wachstum und Inflation wurde Stagflation

Die Ölkrise traf zudem eine Wirtschaft, in der die Dynamik bereits nachließ.

1973 lag die Inflationsrate in Deutschland bei 7,1 Prozent, 1974 noch bei 6,9 Prozent. 1975 rutschte die Bundesrepublik in die Rezession. Zugleich stieg die Zahl der Arbeitslosen von rund 275.000 im Jahr 1973 auf mehr als eine Million im Jahr 1975.

Damit entstand eine Kombination, die den bisherigen wirtschaftspolitischen Vorstellungen widersprach: stagnierende oder schrumpfende Wirtschaft, steigende Arbeitslosigkeit und gleichzeitig hohe Inflation.

Dafür setzte sich ein neues Wort durch: Stagflation.

Die Erfahrung war wirtschaftspolitisch tiefgreifend. Ein Staat konnte Nachfrage stimulieren, Zinsen verändern oder Investitionen fördern. Er konnte aber kein billiges Erdöl herbeiregeln. Und Maßnahmen gegen Inflation konnten Beschäftigung und Wachstum zusätzlich bremsen.

Eine externe Abhängigkeit hatte damit die Grenzen nationaler Wirtschaftspolitik sichtbar gemacht.

Deutschland reagierte – aber löste die Abhängigkeit nicht

Die Ölkrise blieb nicht folgenlos.

Energiesparen wurde zum politischen Thema, die Suche nach neuen Lieferquellen intensiviert und der Ausbau der Kernenergie vorangetrieben. 1974 entstand zudem die Internationale Energieagentur, damit die Industrieländer ihre Reaktion auf künftige Versorgungskrisen besser koordinieren konnten.

Auch Unternehmen reagierten. Energie- und Materialeffizienz gewannen an Bedeutung, neue Produktionsverfahren entwickelten sich, und die Industrie begann sich technologisch zu verändern.

Doch eine grundsätzliche Tatsache blieb bestehen: Eine hochentwickelte deutsche Industriewirtschaft verfügte selbst nicht über ausreichend eigene fossile Energieressourcen für ihren Bedarf.

Dass die erste Ölkrise kein einmaliger Unfall gewesen war, zeigte sich schon wenige Jahre später. Die iranische Revolution und die folgenden Verwerfungen auf den Ölmärkten lösten 1979/80 einen zweiten Preisschock aus. 1981 lag die Inflationsrate in Deutschland bei 6,3 Prozent, 1982 folgte erneut eine Rezession.

Damit war klar: Das Zeitalter scheinbar unbegrenzt verfügbarer billiger Energie war vorbei.

50 Jahre später ist die Abhängigkeit noch erkennbar

Die Energieversorgung Deutschlands sieht heute vollkommen anders aus als 1973. Erneuerbare Energien spielen eine große Rolle, Kohle, Öl und Gas haben unterschiedliche Gewichte, Lieferwege wurden verändert und die Klimapolitik stellt inzwischen Anforderungen, die vor 50 Jahren kaum eine Rolle spielten.

Die historische Parallele darf deshalb nicht überzogen werden.

Und dennoch ist ein erstaunlich hartnäckiger struktureller Kern geblieben.

2025 wurden nach Angaben des Umweltbundesamtes rund 98 Prozent des in Deutschland eingesetzten Rohöls importiert. Bei fossilem Gas lag der Importanteil bei rund 95 Prozent, bei Steinkohle bei 100 Prozent. Öl deckte zugleich noch etwa ein Drittel des Primärenergieverbrauchs, fossiles Gas rund 27 Prozent.

Das Problem von 1973 war also nicht, dass Deutschland die falschen Lieferländer gewählt hatte.

Das tiefer liegende Problem bestand darin, dass eine rohstoffarme Industrienation für wesentliche Teile ihrer Energieversorgung auf internationale Märkte angewiesen war – und dadurch geopolitische Risiken unmittelbar in Preise, Produktionskosten und Wachstum übertragen werden konnten.

2022 hat der Rückgang russischer Gaslieferungen diese Verwundbarkeit auf andere Weise erneut sichtbar gemacht.

Der entscheidende Unterschied zu heute

Aus der Geschichte folgt trotzdem nicht, dass sich 1973 einfach wiederholt.

Damals ging es vor allem darum, eine wachsende industrielle Wirtschaft weiterhin mit ausreichend fossiler Energie zu versorgen und Lieferquellen zu diversifizieren.

Heute lautet die Aufgabe zugleich, den Verbrauch fossiler Energieträger dauerhaft zu reduzieren, große Teile von Verkehr, Wärme und Industrie zu elektrifizieren und die Energieversorgung klimaneutral umzubauen.

Die Herausforderung ist damit größer, aber die strategische Logik ähnlich: 

Wer bei einem unverzichtbaren Produktionsfaktor stark von externen Lieferanten abhängig ist, macht seine Volkswirtschaft verwundbar.

Das weiß Deutschland spätestens seit 1973.

Vom Energieschock zum Strukturproblem

Noch tiefgreifender als die hohen Ölpreise war eine andere Folge der 1970er-Jahre.

Die Arbeitslosigkeit verschwand nach der Krise nicht einfach wieder. 1978 sank ihre Zahl zwar erstmals wieder knapp unter eine Million, doch die Rückkehr zur nahezu vollständigen Vollbeschäftigung der 1960er-Jahre blieb aus. Gleichzeitig veränderten neue Technologien traditionelle Industrien und senkten den Bedarf an Arbeit, Material und Energie.

Damit entstand ein neues Problem.

Deutschland konnte wieder wachsen – ohne dass jeder Aufschwung automatisch die Arbeitslosigkeit auf das frühere Niveau zurückdrängte.

Aus einer Konjunkturfrage wurde zunehmend eine Strukturfrage.

Und genau dort beginnen die 1980er-Jahre.

 

Damit beschäftigt sich Teil 3:
Warum Wachstum seit den 1980ern nicht mehr alle erreicht


Diese Folge ist Teil unserer Serie »Deutschlands Wirtschaftsweg – Weichenstellungen, die unsere Wirtschaft bis heute prägen«, die zentrale wirtschaftliche Weichenstellungen von der Währungsreform bis zur heutigen Standortdebatte nachzeichnet.

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