Bergleute des Kalibergwerks in Bischofferode am 04.07.1993. Der Hungerstreik von 100 Bergleuten dauerte 80 Tage.
Eine Serie von Stefanie S. Klief
35 Jahre nach der Wiedervereinigung ist Deutschland politisch längst ein Land. Wirtschaftlich ist die Angleichung noch nicht abgeschlossen. Vollzeitbeschäftigte in den östlichen Ländern verdienten 2024 durchschnittlich 3.973 Euro brutto im Monat, in den westlichen Ländern einschließlich Berlin waren es 4.810 Euro. Auch am Arbeitsmarkt bestehen Unterschiede. Die offene Rechnung der Einheit besteht deshalb nicht nur aus Milliardenbeträgen. Sie zeigt sich in Strukturen, die 1990 innerhalb weniger Monate neu geschaffen wurden – und sich sehr viel langsamer verändern.
Die Einheit begann mit der D-Mark
Die staatliche Wiedervereinigung fand am 3. Oktober 1990 statt. Wirtschaftlich war die entscheidende Weiche bereits drei Monate zuvor gestellt worden.
Am 1. Juli trat die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion in Kraft. Die D-Mark wurde Zahlungsmittel in der DDR, gleichzeitig hielten zentrale Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft Einzug: Wettbewerb, freie Preisbildung und Privateigentum. Löhne, Renten und andere laufende Zahlungen wurden grundsätzlich im Verhältnis 1:1 umgestellt, viele Guthaben und Verbindlichkeiten – abgesehen von Freibeträgen und Sonderregelungen – im Verhältnis 2:1.
Für viele Ostdeutsche war die D-Mark weit mehr als neues Bargeld. Sie stand für Stabilität, westliche Konsummöglichkeiten und die Erwartung, wirtschaftlich möglichst schnell auf das Niveau der Bundesrepublik aufzuschließen.
Der politische Druck war enorm. Nach dem Mauerfall verließen weiterhin viele Menschen die DDR. Auf Demonstrationen brachte ein Satz die Stimmung auf den Punkt: »Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, dann gehen wir.« Die Einführung der westdeutschen Währung sollte deshalb auch ein Signal zum Bleiben sein. Die freien Volkskammerwahlen im März 1990 hatten zudem ein deutliches Votum für eine schnelle politische und wirtschaftliche Vereinigung nach bundesdeutschem Muster erbracht.
Bundeskanzler Helmut Kohl verdichtete diese Hoffnung 1990 in das später berühmt gewordene Bild der »blühenden Landschaften«. Die Formulierung stand für die Erwartung, dass Soziale Marktwirtschaft, Investitionen und Aufbauhilfen Ostdeutschland innerhalb weniger Jahre wirtschaftlich grundlegend verändern würden.
Die Entscheidung war also nicht bloß eine ökonomische Rechnung. Und genau darin lag ihr Problem.
Was politisch sinnvoll war, konnte wirtschaftlich teuer werden
Schon vor der Währungsunion war umstritten, zu welchem Kurs Löhne und Renten umgestellt werden sollten.
Die Bundesbank plädierte für einen Kurs von 2:1, vor allem um die Wettbewerbsfähigkeit der DDR-Unternehmen zu schützen. Selbst im Bundesfinanzministerium war bekannt, dass eine Umstellung laufender Zahlungen im Verhältnis 1:1 die Betriebe unter Druck setzen würde. Zugleich hatten frühere Berechnungen die Produktivität der DDR-Wirtschaft offenbar überschätzt.
Das Problem lässt sich auf einen einfachen Mechanismus herunterbrechen: Ein Unternehmen kann höhere Löhne dauerhaft tragen, wenn seine Beschäftigten entsprechend produktiv arbeiten und die hergestellten Produkte zu passenden Preisen verkauft werden können.
Genau das war bei vielen DDR-Betrieben nicht der Fall.
Gegen Ende der DDR lag die durchschnittliche Arbeitsproduktivität nach späteren Berechnungen nur bei knapp 30 Prozent des westdeutschen Niveaus. Viele Produktionsanlagen waren veraltet, Investitionen über Jahre ausgeblieben, Produkte auf andere Märkte ausgerichtet. Mit der Währungsunion stiegen die in D-Mark ausgedrückten Arbeitskosten erheblich schneller als die Produktivität. Die Lohnstückkosten vieler Betriebe schossen nach oben – ihre Wettbewerbsfähigkeit verschlechterte sich praktisch über Nacht.
Die stabile D-Mark, die den Menschen Sicherheit brachte, war für einen Teil der ostdeutschen Industrie deshalb zugleich eine sehr harte Währung.
Dann verschwanden auch noch die Kunden
Selbst wettbewerbsfähigere Betriebe standen vor einem zweiten Problem.
Rund zwei Drittel der DDR-Exporte waren zuvor in andere Staaten des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe gegangen, also in den Wirtschaftsraum der sozialistischen Länder. Mit dem politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch Osteuropas zerfielen diese Handelsbeziehungen. Durch die Umstellung auf D-Mark wurden ostdeutsche Waren für viele frühere Kunden zusätzlich deutlich teurer.
Gleichzeitig änderte sich der Markt im eigenen Land.
DDR-Unternehmen konkurrierten plötzlich unmittelbar mit westdeutschen und internationalen Herstellern. Viele ostdeutsche Verbraucher nutzten ihre neue Kaufkraft gerade für jene Westprodukte, die ihnen jahrzehntelang unerreichbar erschienen waren.
Für Betriebe bedeutete das einen mehrfachen Schock: höhere Kosten, wegbrechende Ostmärkte, neue Konkurrenz und die Notwendigkeit, praktisch aus dem Stand neue Kunden, Produkte und Vertriebswege zu finden.
Der Einbruch war dramatisch. Nach einer Auswertung der Bundeszentrale für politische Bildung sank die ostdeutsche Industrieproduktion im Zuge der Transformation zeitweise auf 27 Prozent des Niveaus von 1989.
Damit war die Vorstellung, die DDR-Wirtschaft müsse lediglich modernisiert werden und könne anschließend rasch zum westdeutschen Niveau aufschließen, innerhalb kürzester Zeit überholt.
Die Treuhand erbte ein kaum lösbares Problem
In diese Lage geriet die Institution, die bis heute wie kaum eine andere für die wirtschaftliche Erfahrung der Wiedervereinigung steht: die Treuhandanstalt.
Ursprünglich war sie im März 1990 gegründet worden, um das volkseigene Vermögen der DDR zu bewahren. Nach der politischen Entscheidung für die schnelle Einheit änderte sich ihr Auftrag grundlegend. Nun sollte sie die staatlichen Unternehmen privatisieren, sanieren oder schließen.
Die Dimension war gewaltig. Am 1. Juli 1990 unterstanden der Treuhand rund 8.500 Betriebe mit mehr als vier Millionen Beschäftigten. Durch die Aufspaltung großer Kombinate wuchs die Zahl der Unternehmen später noch. Bis zu ihrer Auflösung Ende 1994 wurden 8.134 Betriebe privatisiert oder reprivatisiert, 310 kommunalisiert und 3.718 stillgelegt.
Die Folgen machten die Treuhand für viele Ostdeutsche zum Symbol eines »Ausverkaufs«. Arbeitsplatzverluste, Werksschließungen und Entscheidungen westdeutscher Manager wurden nicht nur als wirtschaftlicher Umbau erlebt, sondern häufig als Entwertung der eigenen Lebensleistung.
Doch die umgekehrte Erzählung – die Treuhand habe eine eigentlich gesunde DDR-Industrie mutwillig zerstört – greift ebenfalls zu kurz.
Die Betriebe kamen aus einer Planwirtschaft mit erheblichen strukturellen Problemen. Fehlender Wettbewerb, veraltete Anlagen, Investitionsstau, personelle Überbesetzung und teilweise kaum noch marktfähige Produkte waren bereits vor 1989 Realität. Zugleich verschärften Währungsunion, zusammenbrechende Ostmärkte und der enorme Zeitdruck die Krise. In der historischen Forschung bleibt deshalb bis heute umstritten, welche Betriebe durch ein langsameres Vorgehen hätten gerettet werden können und wo Schließungen wirtschaftlich kaum vermeidbar waren.
Eine einfache Täter-Opfer-Erzählung erklärt die Transformation nicht.
Aus Vollbeschäftigung wurde Massenarbeitslosigkeit
Für Millionen Menschen war diese wirtschaftshistorische Differenzierung zunächst nebensächlich.
Was sie erlebten, war der Verlust ihrer Arbeit.
Bis 1992 waren in Ostdeutschland mehr als eine Million Menschen arbeitslos geworden. Später verschärfte sich die Situation erneut: Zwischen 1997 und 2006 war zeitweise fast jeder fünfte Ostdeutsche im erwerbsfähigen Alter arbeitslos.
Dazu kamen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Frühverrentungen und Menschen, die ganz aus dem Arbeitsmarkt ausschieden. Ganze Industrieregionen verloren innerhalb weniger Jahre jene Betriebe, um die herum nicht nur Beschäftigung, sondern soziale Beziehungen und lokale Identität organisiert gewesen waren.
Wie tief die Angst um Arbeitsplätze und ganze Industriestandorte saß, zeigte sich auch in den Protesten der frühen 1990er-Jahre: Bergleute griffen 1993 sogar zum Hungerstreik, um gegen drohende Zechenschließungen und den Verlust ihrer Arbeitsplätze zu protestieren.Und viele Menschen gingen.
Zwischen 1991 und 2024 wanderten unter dem Strich rund 1,2 Millionen Menschen mehr von Ost- nach Westdeutschland als in die Gegenrichtung. Etwa die Hälfte dieses Wanderungsverlusts entstand bereits in den ersten zehn Jahren nach der Einheit. Besonders der Wegzug junger und gut ausgebildeter Menschen schwächte manche Regionen zusätzlich.
Die Transformation veränderte damit nicht nur Betriebe.
Sie veränderte die Bevölkerungsstruktur.
Der Aufbau Ost war trotzdem keine gescheiterte Geschichte
Der wirtschaftliche Absturz der frühen 1990er-Jahre ist nur eine Seite.
Infrastruktur wurde erneuert, Innenstädte saniert, Umweltbelastungen massiv reduziert und Produktionsanlagen modernisiert. Neue Unternehmen entstanden, internationale Konzerne investierten und Regionen wie Dresden oder Jena entwickelten leistungsfähige Technologiecluster. Auch die Arbeitslosigkeit näherte sich über Jahrzehnte deutlich an das westdeutsche Niveau an.
Von einem wirtschaftlichen Scheitern der Wiedervereinigung zu sprechen, wäre deshalb ebenso falsch wie die Behauptung, die Angleichung sei abgeschlossen.
Die Wirtschaftsstruktur des Ostens unterscheidet sich weiterhin. Große Unternehmenszentralen sind seltener, viele Betriebe kleiner, und wichtige strategische Entscheidungen werden häufiger außerhalb der Region getroffen. Genau solche Strukturen verändern sich weit langsamer als Straßen, Gebäude oder Maschinen.
Das zeigt sich auch in den Einkommen.
2024 verdienten Vollzeitbeschäftigte in den östlichen Ländern durchschnittlich 3.973 Euro brutto im Monat. Im Westen einschließlich Berlin waren es 4.810 Euro – gut ein Fünftel mehr. Gleichzeitig hat sich der Abstand seit 1991 erheblich verkleinert.
Auch bei der Arbeitslosigkeit ist die Richtung ähnlich: Die gewaltige Lücke früherer Jahrzehnte ist kleiner geworden, aber nicht verschwunden. 2025 lag die Quote in den neuen Ländern einschließlich Berlin bei 8,6 Prozent gegenüber 6,4 Prozent im früheren Bundesgebiet.
Was heißt dann eigentlich »offene Rechnung«?
Nicht, dass Westdeutschland dem Osten noch eine exakt bezifferbare Summe schuldet.
Und auch nicht, dass sämtliche heutigen Unterschiede unmittelbar auf Entscheidungen des Jahres 1990 zurückgeführt werden können.
Die offene Rechnung besteht in etwas Schwierigerem: Wirtschaftliche Strukturen haben ein langes Gedächtnis.
Wer Unternehmenszentralen, Kapital, etablierte Absatzmärkte und jahrzehntelang gewachsene Netzwerke verliert oder nie entwickeln konnte, kann sie nicht binnen weniger Jahre neu schaffen. Wer gleichzeitig einen erheblichen Teil einer jungen Generation durch Abwanderung verliert, trägt die Folgen noch Jahrzehnte später.
Wie lange solche Unterschiede noch als Folge der Einheit gelten können, ist selbst rechtlich nicht erledigt. Das Bundesverfassungsgericht wies 2025 eine Beschwerde gegen den Solidaritätszuschlag zurück. Der Gesetzgeber durfte demnach weiterhin von besonderen finanziellen Belastungen des Bundes im Zusammenhang mit der deutschen Einheit ausgehen.
35 Jahre nach der staatlichen Einheit reicht die wirtschaftliche Geschichte von 1990 also noch immer bis in die Gegenwart.
Die schnelle Einheit hatte keine einfache Alternative
Rückblickend liegt eine Versuchung nahe: Man hätte die DDR-Wirtschaft langsamer an die Marktwirtschaft heranführen, Löhne vorsichtiger umstellen und den Unternehmen mehr Zeit geben müssen.
Ökonomisch spricht einiges dafür, dass ein langsamerer Übergang manche Härte reduziert hätte.
Politisch existierte dieser Übergang jedoch nicht im Labor.
Die DDR verlor Bevölkerung, ihre politischen Institutionen zerfielen, die Menschen verlangten nach der D-Mark und nach schneller Einheit. Gleichzeitig veränderte sich innerhalb weniger Monate die gesamte Ordnung Osteuropas.
Deshalb gehört zu einer seriösen Bilanz beides:
Die Geschwindigkeit der Einheit war politisch nachvollziehbar – und ihre wirtschaftlichen Folgen waren teilweise verheerend.
Gerade darin liegt die Lehre dieser Episode. Wirtschaftspolitische Entscheidungen werden nicht ausschließlich unter ökonomisch idealen Bedingungen getroffen. Manchmal besteht die Wahl nicht zwischen einer guten und einer schlechten Lösung, sondern zwischen verschiedenen Risiken.
1990 entschied Deutschland sich für Geschwindigkeit.
Die wirtschaftliche Angleichung brauchte sehr viel länger.
Und während Ost und West noch zusammenwuchsen, wurde bereits die nächste große Weiche gestellt: Deutschland sollte nicht nur mit sich selbst wirtschaftlich zusammenfinden, sondern seine Zukunft immer stärker mit Europa verbinden.
Damit beschäftigt sich Teil 5:
Wie der Euro Deutschland stark machte – und Europa spaltete
Diese Folge ist Teil unserer Serie »Deutschlands Wirtschaftsweg – Weichenstellungen, die unsere Wirtschaft bis heute prägen«, die zentrale wirtschaftliche Weichenstellungen von der Währungsreform bis zur heutigen Standortdebatte nachzeichnet.