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ManCitys falsches Spiel

Die Premier League spricht von Scheinverträgen, falschen Abschlüssen und mehr als 900 Millionen Pfund verzerrter Finanzdaten

10 Min.

30.09.2026

Manchester City ist längst mehr als ein Fußballverein. Der Klub erwirtschaftete in der Saison 2024/25 rund 694 Millionen Pfund Umsatz, gehört zu einem weltweiten Netzwerk von zwölf Fußballklubs und wird von Forbes mit rund 5,5 Milliarden Dollar bewertet. Umso größer ist die Tragweite eines Urteils, das zunächst wie eine sportrechtliche Angelegenheit klingt: Eine unabhängige Kommission der Premier League hat City wegen schwerwiegender Verstöße gegen Finanzregeln über neun Spielzeiten schuldig gesprochen. Nach ihren Feststellungen wurden Erlöse künstlich erhöht und Kosten reduziert – insgesamt um mehr als 900 Millionen Pfund. Manchester City weist die Vorwürfe entschieden zurück und will Berufung einlegen.

Die Kommission spricht von Scheinverträgen

Der Kern des Verfahrens betrifft die Spielzeiten 2009/10 bis 2017/18.

Nach Angaben der Premier League kam die unabhängige Kommission zu dem Ergebnis, Manchester City habe mit mehreren Geschäftspartnern sogenannte »sham contracts« abgeschlossen – Vereinbarungen, die die tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse nicht korrekt wiedergaben.

Nach den Feststellungen mussten Sponsoren teilweise nur einen Teil der offiziell ausgewiesenen Sponsoringbeträge selbst aufbringen. Den Rest habe die Abu Dhabi United Group, damals Eigentümerin des Klubs, finanziert.

Daneben seien weitere Konstruktionen genutzt worden, um Betriebskosten niedriger auszuweisen, als sie tatsächlich waren. Dazu gehörte auch eine Vereinbarung über die Vermarktung von Bildrechten von Spielern.

Insgesamt seien Erlöse künstlich erhöht und Kosten reduziert worden, sodass sich die ausgewiesene Finanzlage um mehr als 900 Millionen Pfund günstiger dargestellt habe.

Die Kommission formuliert dabei ungewöhnlich deutlich: City habe nach ihrer Auffassung beabsichtigt, die Regeln der Premier League zu umgehen. Zudem seien unzutreffende Abschlüsse eingereicht und die tatsächliche Finanzlage gegenüber Wirtschaftsprüfern und Fußballverbänden verborgen worden. 

Manchester City bestreitet die Vorwürfe vollständig

Der Klub akzeptiert diese Darstellung nicht.

Manchester City erklärte nach Veröffentlichung der Entscheidung, man sei »enttäuscht und überrascht«. Der Klub bezeichnet sich weiterhin als unschuldig und spricht von umfangreichen »unwiderlegbaren Beweisen« für die eigene Position.

Die Entscheidung enthalte nach Auffassung Citys wesentliche Fehler im Recht, in grundlegenden Prinzipien und in der Tatsachenbewertung. Der Verein will deshalb die vorgesehenen Berufungsmöglichkeiten ausschöpfen.

Geschäftsführer Ferran Soriano ging noch weiter und bezeichnete den Fall laut n-tv als Ergebnis einer »Verschwörungstheorie der Premier League«. Nach seiner Darstellung belegen Kontoauszüge, Zahlungsnachweise und Zeugenaussagen, dass die umstrittenen Gelder nicht vom Eigentümer stammten.

Warum Sponsoring für die Finanzregeln so entscheidend ist

Um die wirtschaftliche Dimension des Falls zu verstehen, muss man wissen, weshalb es überhaupt einen Unterschied macht, ob Geld als Eigentümerkapital oder als Sponsoringeinnahme in einen Fußballklub gelangt.

Europäische Fußballverbände und die Premier League führten Finanzregeln unter anderem deshalb ein, um zu begrenzen, wie stark Eigentümer sportlichen Erfolg dauerhaft durch eigenes Kapital finanzieren können.

Vereinfacht gesagt sollen Klubs einen erheblichen Teil ihrer Ausgaben aus tatsächlich erwirtschafteten Einnahmen bestreiten.

Sponsoring gehört dabei zu den regulären Geschäftserlösen.

Zahlt beispielsweise ein unabhängiges Unternehmen 50 Millionen Pfund für Trikotwerbung oder Namensrechte, ist dies grundsätzlich wirtschaftlich erwirtschafteter Umsatz.

Fließen dieselben 50 Millionen dagegen letztlich vom Eigentümer und werden lediglich über einen Sponsor geleitet, verändert sich die ökonomische Bedeutung.

Aus Eigentümerfinanzierung wird auf dem Papier Markterlös. Die Kommission kam zu dem Ergebnis, dass der Klub ohne die beanstandeten Konstruktionen die Ausgabengrenzen sowohl der Premier League als auch der UEFA erheblich überschritten hätte. 

Der Aufstieg begann 2008

Der zeitliche Zusammenhang ist auffällig. Sheikh Mansour bin Zayed Al Nahyan übernahm Manchester City 2008. Damals war der Klub zwar traditionsreich, gehörte wirtschaftlich und sportlich aber nicht zur absoluten europäischen Spitze.

Danach veränderte sich City in außergewöhnlichem Tempo. Neue Spieler, Trainingsanlagen, Nachwuchsstrukturen, Sponsoringverträge und die internationale Vermarktung machten aus einem englischen Traditionsverein eine globale Fußballmarke.

Forbes bewertet Manchester City inzwischen mit rund 5,5 Milliarden Dollar. Damit liegt der Klub weltweit auf Rang sieben der wertvollsten Fußballvereine. Für die Saison 2024/25 nennt Forbes umgerechnet rund 900 Millionen Dollar Umsatz.

Deloitte kommt nach seiner eigenen Vergleichsmethode auf 829 Millionen Euro und führt City als sechstumsatzstärksten Fußballklub der Welt.

Damit geht es bei dem Verfahren um eines der größten Sportunternehmen der Welt.

694 Millionen Pfund Umsatz in einer Saison

Manchester City selbst meldete für das Geschäftsjahr 2024/25 einen Umsatz von 694,1 Millionen Pfund. 75,1 Millionen Pfund kamen aus Spieltagen, 278,6 Millionen aus Medienrechten und 340,4 Millionen aus kommerziellen Aktivitäten.

Fast die Hälfte des operativen Umsatzes stammt inzwischen aus Sponsoring, Vermarktung, Merchandising und anderen kommerziellen Geschäften. Der Klub schrieb 2024/25 zwar einen kleinen Verlust von 9,9 Millionen Pfund, erzielte aber gleichzeitig 95,2 Millionen Pfund Gewinn aus Spielerverkäufen. Sein Nettovermögen lag bei mehr als 850 Millionen Pfund. 

Der heutige Manchester City ist damit wirtschaftlich wesentlich unabhängiger und größer als der Klub zu Beginn des Untersuchungszeitraums. Der Streit dreht sich jedoch gerade um die Jahre, in denen diese wirtschaftliche Macht aufgebaut wurde.

Aus einem Fußballklub entstand ein globales Netzwerk

Auch die Eigentümerstruktur reicht inzwischen weit über Manchester hinaus.

Manchester City gehört zur City Football Group. Deren Mehrheitseigentümer ist Newton Investment and Development LLC, die vollständig Sheikh Mansour gehört. Die amerikanische Technologie-Investmentgesellschaft Silver Lake hält knapp 17 Prozent. 

Zur Gruppe gehören nach eigenen Angaben inzwischen zwölf Fußballklubs weltweit. Dazu zählen unter anderem New York City FC, Melbourne City und weitere Vereine in Europa, Amerika, Asien und Australien. Die Gruppe spricht von mehr als einer Milliarde Followern weltweit. 

Das Geschäftsmodell verbindet Fußball, Medienrechte, Sponsoring, Spielerentwicklung, Daten, Marken und internationale Reichweite.

Manchester City ist das wirtschaftliche und sportliche Zentrum dieses Systems. Deshalb besitzt ein Urteil über die Geschäftspraktiken des Klubs zwangsläufig eine größere reputative Bedeutung als eine gewöhnliche Verbandsstrafe.

Es berührt das Vertrauen in die finanzielle Architektur, auf der eine globale Sportmarke aufgebaut wurde.

Schon 2020 ging es um ähnliche Vorwürfe

Der Fall hat eine lange Vorgeschichte.

2018 veröffentlichte der Spiegel auf Grundlage der Football-Leaks-Dokumente interne Unterlagen über Manchester City. Daraus entstanden Ermittlungen der UEFA und später der Premier League.

2020 schloss die UEFA Manchester City wegen schwerwiegender Verstöße gegen Financial-Fair-Play-Regeln zunächst für zwei Spielzeiten aus europäischen Wettbewerben aus und verhängte eine Geldstrafe von 30 Millionen Euro. 

Der Internationale Sportgerichtshof CAS hob den Ausschluss anschließend auf. Das wird heute gelegentlich verkürzt als früherer Freispruch dargestellt. Tatsächlich war die Entscheidung differenzierter.

Der CAS sah für einen Teil der Vorwürfe keine ausreichenden Beweise; andere Sachverhalte waren nach den damaligen UEFA-Regeln bereits verjährt. Wegen mangelnder Kooperation blieb jedoch eine Geldstrafe von zehn Millionen Euro bestehen. 

Der jetzige Premier-League-Fall beruht auf einem eigenen Regelwerk und einem eigenen Verfahren. Eine Berufung zum CAS ist hier nach übereinstimmenden Berichten nicht vorgesehen. 

Auch die Ermittlungen selbst wurden zum Anklagepunkt

Die Kommission beanstandet nicht nur die ursprünglichen Finanzangaben.

Manchester City wurde auch in mehreren Punkten wegen mangelnder Kooperation mit der Premier League schuldig gesprochen. Nach Darstellung der Liga habe der Klub während der vierjährigen Untersuchung wiederholt gegen seine Pflicht zur Zusammenarbeit und zum Handeln nach Treu und Glauben verstoßen. Die Kommission sprach von gezielten Bemühungen, die Untersuchung zu behindern.

Manchester City weist auch diese Darstellung zurück und betont, man habe den rechtsstaatlichen beziehungsweise verbandsrechtlichen Prozess über Jahre respektiert. Damit betrifft der Konflikt inzwischen nicht mehr allein Buchhaltung und Sponsoring.

Er ist zu einem Machtkampf darüber geworden, wie weit eine Sportliga ihre wirtschaftlichen Regeln gegenüber einem ihrer größten Mitglieder tatsächlich durchsetzen kann.

Welche Strafe droht, ist noch offen

Die Kommission hat bislang über die Verantwortlichkeit entschieden. Über die Sanktion soll separat entschieden werden. Das Regelwerk lässt grundsätzlich eine breite Palette von Maßnahmen zu. Diskutiert werden Geldstrafen, Punktabzüge bis hin zu einem möglichen Ausschluss aus der Premier League. Eine automatische Strafe folgt aus dem bisherigen Urteil nicht. 

Auch mögliche Eingriffe in vergangene Titel sind derzeit keine beschlossene Konsequenz. Der frühere City-Vorsitzende David Bernstein fordert für den Fall einer erfolglosen Berufung einen Zwangsabstieg. Andere Vertreter des Fußballs verlangen ebenfalls harte Sanktionen. Das sind Forderungen – keine Entscheidung der Kommission.

Manchester City hat angekündigt, gegen den Schuldspruch vorzugehen. Bis dieses Verfahren abgeschlossen ist, kann deshalb noch erhebliche Zeit vergehen.

Es geht um die Glaubwürdigkeit eines milliardenschweren Marktes

Die wirtschaftliche Bedeutung reicht jedoch über Manchester City hinaus. Die 20 umsatzstärksten Fußballklubs der Welt nahmen in der Saison 2024/25 laut Deloitte zusammen erstmals 12,4 Milliarden Euro ein.

Allein kommerzielle Erlöse wie Sponsoring und Merchandising erreichten 5,3 Milliarden Euro und waren damit inzwischen die größte Einnahmekategorie der Topklubs – noch vor den Medienerlösen. 

Sponsoring ist also kein Nebengeschäft des modernen Fußballs. Es gehört zu dessen ökonomischem Fundament. Wenn Vereine mit unterschiedlichen Eigentümermodellen um dieselben Spieler, Trainer, Titel und Medienerlöse konkurrieren, beeinflusst die Höhe der zulässigen Finanzierung unmittelbar den Wettbewerb. Finanzregeln sind deshalb am Ende auch Wettbewerbsregeln.

Manchester City ist heute zu groß für eine reine Fußballgeschichte

Der Klub besitzt Milliardenwert, erwirtschaftet jährlich hunderte Millionen Pfund, verkauft weltweit Medienrechte, Merchandising und Sponsoringflächen und ist Teil eines internationalen Netzwerkes von Fußballunternehmen.

  • Sportlicher Erfolg erhöht Einnahmen.
  • Höhere Einnahmen ermöglichen Investitionen in Spieler.
  • Diese wiederum erhöhen die Wahrscheinlichkeit weiteren sportlichen Erfolgs.

Somit ist die Frage nach der Herkunft der Erlöse so zentral.

Die unabhängige Kommission hat ihre Antwort gegeben: Nach ihrer Auffassung wurde dieses System über Jahre durch nicht korrekt ausgewiesene Finanzierung verzerrt. Manchester City bestreitet diese Feststellung fundamental und setzt nun auf die Berufung.

Noch ist deshalb weder klar, welche Sanktion folgt, noch ob der Schuldspruch in seiner jetzigen Form Bestand haben wird. Für den Profifußball steht trotzdem bereits mehr auf dem Spiel als eine mögliche Strafe gegen einen einzelnen Klub.

Es geht um die Frage, ob wirtschaftliche Regeln in einem Milliardenmarkt auch gegenüber seinen mächtigsten Unternehmen durchsetzbar sind.

Stefanie S. Klief

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