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Handwerk: Höhere Preise, weniger Aufträge

Energie, Material und Arbeit werden teurer. Der ZDH erwartet sinkende reale Umsätze und die schwächste Investitionsentwicklung in einem dritten Quartal seit 2009.

11 Min.

04.11.2026

Steigende Material-, Energie- und Personalkosten setzen das deutsche Handwerk unter Druck. Trotz schwacher Nachfrage rechnen viele Betriebe mit höheren Preisen für ihre Leistungen.

Die deutsche Wirtschaft soll 2026 wieder stärker wachsen. Doch im Handwerk kommt davon bislang wenig an. Im Gegenteil: Laut dem aktuellen Konjunkturbericht des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks verschlechtern sich die Geschäftserwartungen, die Auftragspolster schrumpfen und die Investitionen gehen zurück. Gleichzeitig müssen Kunden mit höheren Preisen rechnen. Die Entwicklung offenbart ein wirtschaftliches Problem, das weit über einzelne Reparaturen oder Bauvorhaben hinausgeht.

Handwerkliche Leistungen werden voraussichtlich weiter teurer. Darauf weist der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) in seiner aktuellen Konjunkturerhebung hin. Steigende Energiepreise, höhere Kosten für Baumaterialien, Metalle und elektronische Komponenten sowie zunehmende Lohn- und Lohnzusatzkosten setzen die Betriebe unter Druck.

Der Kostendruck schlägt sich zunehmend in den Angebotspreisen nieder. Der entsprechende Indikator stieg im dritten Quartal 2026 um zehn auf 32 Punkte. Auch für die kommenden Monate rechnen die befragten Betriebe mit weiteren Preissteigerungen.

ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke bezeichnet die Entwicklung als Warnsignal. Handwerkliche Dienstleistungen würden für Verbraucher teurer, notwendige Investitionen damit schwieriger zu finanzieren.

Die eigentliche wirtschaftliche Brisanz liegt allerdings in einem Widerspruch: Während die Preise steigen, entwickelt sich die Nachfrage schwach. Die Betriebe können ihre Kosten also nicht einfach dadurch ausgleichen, dass sie mehr Aufträge bearbeiten.

Mehr Umsatz auf dem Papier, weniger Geschäft in der Realität

Besonders deutlich wird die schwierige Situation in der Jahresprognose des ZDH. Der Verband erwartet, dass die nominalen Umsätze des Handwerks 2026 um rund 2,5 Prozent steigen. Auf den ersten Blick könnte das nach einer wirtschaftlichen Erholung aussehen. Preisbereinigt rechnet der ZDH jedoch mit einem Umsatzrückgang von etwa 1,5 Prozent.

Der Unterschied ist entscheidend. Ein nominaler Umsatzanstieg kann allein dadurch entstehen, dass Unternehmen höhere Preise verlangen. Damit ist noch nicht gesagt, dass sie auch mehr Leistungen erbringen oder wirtschaftlich erfolgreicher arbeiten.

Ein vereinfachtes Beispiel verdeutlicht den Zusammenhang: Erzielt ein Betrieb im Vorjahr 100.000 Euro Umsatz und im folgenden Jahr 102.500 Euro, entspricht das einem nominalen Zuwachs von 2,5 Prozent. Sind die Preise seiner Leistungen im selben Zeitraum aber stärker gestiegen, ist das preisbereinigte Geschäftsvolumen trotz der höheren Einnahmen gesunken.

Genauso wenig lässt sich aus steigenden Umsätzen unmittelbar auf höhere Gewinne schließen. Werden Material, Energie und Personal gleichzeitig teurer, kann der Betrieb sogar wirtschaftlich schlechter dastehen.

Für die Kunden bedeuten die höheren Preise wiederum, dass sie für denselben finanziellen Aufwand weniger handwerkliche Leistungen in Anspruch nehmen können.

Die Konjunkturprognose beschreibt damit keine normale Wachstumssituation, sondern eine Branche, in der Preissteigerungen einen Teil der tatsächlichen wirtschaftlichen Schwäche verdecken.

Die Auftragspolster werden dünner

Auch die übrigen Ergebnisse der ZDH-Erhebung geben wenig Anlass für eine nachhaltige Entspannung.

Der Geschäftsklimaindikator des Handwerks sank gegenüber dem Vorjahreszeitraum um fünf auf 105 Punkte. Die aktuelle Geschäftslage wird schlechter eingeschätzt, und auch die Erwartungen für die kommenden Monate haben sich eingetrübt.

Insgesamt aufschlussreich ist die Entwicklung des Auftragsbestands. Die durchschnittliche Auftragsreichweite ging von 8,3 Wochen im dritten Quartal 2025 auf aktuell acht Wochen zurück. Der Indikator für die Entwicklung der Auftragsbestände liegt weiterhin bei minus 13 Punkten. Zugleich sank die durchschnittliche Kapazitätsauslastung auf 78 Prozent.

Das bedeutet nicht, dass jeder Handwerksbetrieb zu wenige Aufträge hat. Je nach Region und Gewerk unterscheiden sich die wirtschaftlichen Bedingungen erheblich. Gerade bei spezialisierten Tätigkeiten können Kunden weiterhin lange Wartezeiten erleben.

Für das Handwerk zeigen die Zahlen jedoch, dass die vorhandenen Kapazitäten weniger stark ausgelastet sind und die Auftragsreserven schrumpfen. Damit entsteht eine schwierige Situation: Die Betriebe benötigen höhere Preise, um ihre Kosten zu decken, treffen aber gleichzeitig auf Kunden, die bei steigenden Preisen zurückhaltender werden.

Wenn höhere Preise neue Aufträge verhindern

Bei vielen handwerklichen Leistungen können Verbraucher ihre Nachfrage zumindest zeitweise verschieben. Eine größere Renovierung, der Austausch einer noch funktionierenden Heizungsanlage oder eine energetische Sanierung lassen sich unter Umständen um Monate oder sogar Jahre aufschieben.

Je höher die erwarteten Kosten ausfallen, desto sorgfältiger müssen private Haushalte abwägen, ob sie solche Investitionen tatsächlich finanzieren können. Hinzu kommen Finanzierungskosten. Wer ein umfangreiches Bau- oder Modernisierungsvorhaben plant, muss häufig nicht nur das Angebot des Handwerksbetriebs bezahlen, sondern auch einen möglichen Kredit finanzieren.

Das verändert die wirtschaftliche Entscheidung erheblich. Wird ein Vorhaben verschoben, fehlen dem Handwerksbetrieb entsprechende Aufträge. Gleichzeitig bleiben viele seiner laufenden Kosten bestehen: Werkstattmieten, Fahrzeuge, Maschinen, Versicherungen und Personal müssen weiterhin finanziert werden.

Steigen diese Kosten weiter, wächst der Druck, neue Angebote ebenfalls höher zu kalkulieren. So kann eine wirtschaftliche Wechselwirkung entstehen, bei der steigende Preise die Nachfrage bremsen, während die schwache Nachfrage den Unternehmen kaum Spielraum lässt, ihre Kosten durch eine höhere Auslastung aufzufangen.

Anders liegt die Situation bei unaufschiebbaren Reparaturen. Ein defektes Dach, eine ausgefallene Heizung oder ein sicherheitsrelevanter Schaden muss häufig auch dann behoben werden, wenn die Kosten unerwartet hoch ausfallen.

Für betroffene Haushalte können steigende Handwerkerpreise deshalb zu einer unmittelbaren finanziellen Belastung werden.

Energie und Rohstoffe verteuern die Leistungen

Dass sich der Kostendruck tatsächlich verschärft hat, zeigen auch die amtlichen Außenhandelsdaten.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lagen die deutschen Importpreise im September 2026 um 10,4 Prozent über dem Vorjahresniveau. Das war der stärkste Anstieg seit November 2022. Besonders stark verteuerten sich importierte Energieträger. Hier betrug der Preisanstieg gegenüber September 2025 durchschnittlich 61,8 Prozent.

Auch bei wichtigen industriellen Vorprodukten gab es erhebliche Veränderungen. Importierte Nicht-Eisen-Metalle und entsprechende Halbzeuge verteuerten sich um 26,8 Prozent. Bei Kupfer und Kupferhalbzeug lag der Anstieg sogar bei 37,9 Prozent.

Solche Entwicklungen sind für verschiedene Handwerkszweige relevant.

Kupfer wird beispielsweise für elektrische Leitungen, Installationen und technische Anlagen benötigt. Andere Metalle spielen im Metallbau, in der Fahrzeugtechnik und bei der Herstellung technischer Komponenten eine wichtige Rolle. Steigende Energiepreise wirken zusätzlich über Transport, Materialherstellung und den Betrieb von Maschinen.

Allerdings lassen sich die Importpreissteigerungen nicht unmittelbar auf die Rechnungen einzelner Handwerksbetriebe übertragen. Unternehmen beziehen ihre Materialien über unterschiedliche Lieferanten, verwenden bestehende Lagerbestände und arbeiten teilweise mit längerfristigen Lieferverträgen.

Die amtlichen Zahlen belegen deshalb zunächst die gestiegenen Kosten auf vorgelagerten Wirtschaftsstufen. Wie stark sich diese in konkreten Handwerkerpreisen niederschlagen, hängt vom jeweiligen Gewerk und der betrieblichen Kalkulation ab.

Die ZDH-Erhebung zeigt jedoch, dass sich der Kostendruck inzwischen zunehmend in den Angebotspreisen der Betriebe widerspiegelt.

Warum das Wirtschaftswachstum beim Handwerk kaum ankommt

Die anhaltende Schwäche des Handwerks fällt mit verbesserten Wachstumsprognosen für die deutsche Gesamtwirtschaft zusammen. Die Bundesregierung erwartet für 2026 ein Wirtschaftswachstum von rund 1,3 Prozent.

Nach Einschätzung des ZDH wird die stärkere gesamtwirtschaftliche Entwicklung jedoch wesentlich von Faktoren getragen, die dem Handwerk bislang nur begrenzt zugutekommen. Dazu zählt eine erhöhte Auslandsnachfrage, die teilweise auf Lieferausfälle in anderen Weltregionen zurückzuführen ist. Hinzu kommen statistische Effekte aus einer Revision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung sowie staatliche Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung.

Das Handwerk ist dagegen überwiegend auf die Nachfrage innerhalb Deutschlands angewiesen. Viele Betriebe arbeiten unmittelbar für private Haushalte, regionale Unternehmen oder kommunale Auftraggeber. Wenn Verbraucher größere Ausgaben vermeiden und Unternehmen ihre Investitionen verschieben, lässt sich diese Nachfrageschwäche nicht ohne Weiteres durch zusätzliche Exporte kompensieren.

Auch die milliardenschweren Sondervermögen des Bundes haben bislang nicht zu einer spürbaren allgemeinen Belebung der handwerklichen Auftragslage geführt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass entsprechende Investitionen dem Handwerk grundsätzlich keinen Nutzen bringen.

Öffentliche Infrastrukturprojekte erfordern Planung, Ausschreibungen und Genehmigungsverfahren. Bis aus bereitgestellten Mitteln tatsächlich konkrete Aufträge entstehen, können erhebliche Zeiträume vergehen.

Zudem profitieren nicht alle Gewerke gleichermaßen. Ein großes Verkehrs- oder Verteidigungsprojekt führt nicht automatisch zu mehr Nachfrage bei einem regionalen Friseurbetrieb, einer kleinen Tischlerei oder einem Unternehmen des Lebensmittelhandwerks.

Gesamtwirtschaftliches Wachstum und wirtschaftliche Erholung einzelner Branchen können deshalb zeitlich und strukturell erheblich auseinanderfallen.

Die Investitionsschwäche wird zum eigenen Problem

Eine weitere Entwicklung dürfte für die mittelfristige Wettbewerbsfähigkeit des Handwerks besonders schwer wiegen.

Nach Angaben des ZDH ist der Investitionsindikator im dritten Quartal 2026 auf minus 16 Punkte gefallen. Das ist der niedrigste Stand für ein drittes Quartal seit der Finanzkrise 2009.

Die Betriebe investieren damit zurückhaltender in Maschinen, Fahrzeuge, technische Ausstattung und andere betriebliche Anlagen.

Kurzfristig kann das eine verständliche Reaktion auf wirtschaftliche Unsicherheit sein. Wenn Aufträge fehlen und die Kosten steigen, erscheint es für viele Unternehmen sinnvoll, größere Ausgaben zunächst aufzuschieben.

Langfristig kann eine solche Strategie jedoch neue Probleme verursachen.

Veraltete Maschinen arbeiten möglicherweise weniger effizient, benötigen mehr Energie oder verursachen höhere Wartungskosten. Fehlende Investitionen in digitale Prozesse können die Verwaltung aufwendig halten. Auch die Einführung neuer Technologien und Produktionsverfahren wird erschwert.

Damit entsteht eine weitere Wechselwirkung: Die Unternehmen investieren weniger, weil ihre wirtschaftlichen Aussichten unsicher sind. Gleichzeitig können ausbleibende Investitionen ihre künftige Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit schwächen.

Die Investitionsflaute betrifft deshalb nicht nur die aktuelle Konjunktur, sondern auch die Voraussetzungen für eine spätere Erholung.

Weniger Beschäftigte trotz Fachkräftemangel

Auch die Beschäftigung entwickelt sich rückläufig.

Für das Gesamtjahr 2026 erwartet der ZDH einen Rückgang der Beschäftigungsverhältnisse um etwa 1,5 Prozent. Daraus lässt sich jedoch nicht schließen, dass das Handwerk generell keine Arbeitskräfte mehr benötigt. Der Verband weist ausdrücklich darauf hin, dass die Beschäftigungsentwicklung in erheblichem Umfang von demografischen Veränderungen geprägt wird. Viele erfahrene Fachkräfte verlassen altersbedingt ihre Betriebe, während geeigneter Nachwuchs nicht in ausreichendem Umfang nachrückt.

Hinzu kommt, dass Arbeitskräfte teilweise in andere Branchen wechseln.

Das führt zu einer Situation, die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint: Die Gesamtzahl der Beschäftigten sinkt, während zahlreiche Unternehmen weiterhin Schwierigkeiten haben, offene Stellen zu besetzen.

Für die Betriebe kann daraus zusätzlicher Kostendruck entstehen. Qualifizierte Mitarbeiter müssen gehalten und neue Fachkräfte gewonnen werden. Gleichzeitig müssen Löhne, Sozialabgaben und weitere Personalkosten aus einer wirtschaftlich angespannten Auftragslage finanziert werden.

Für die Kunden wiederum kann Fachkräftemangel bedeuten, dass bestimmte Leistungen trotz insgesamt schwächerer Konjunktur nur mit langen Wartezeiten verfügbar sind.

Die Entwicklung zeigt, dass sich die Probleme des Handwerks nicht allein durch eine kurzfristige Nachfragebelebung lösen lassen.

Welche Entlastungen tatsächlich helfen könnten

Der ZDH fordert von der Bundesregierung unter anderem niedrigere Energie- und Lohnzusatzkosten, steuerliche Entlastungen, weniger Bürokratie und verlässlichere wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen.

Diese Forderungen spiegeln die Interessen der Betriebe wider. Ihre wirtschaftliche Wirkung muss allerdings differenziert betrachtet werden.

Niedrigere betriebliche Kosten könnten den Druck auf die Angebotspreise verringern. Ob Unternehmen entsprechende Entlastungen vollständig an ihre Kunden weitergeben, hängt jedoch vom Wettbewerb, von der Nachfrage und von ihrer finanziellen Situation ab.

Auch Bürokratieabbau kann betriebliche Ressourcen freisetzen. Werden weniger Arbeitsstunden für Dokumentationspflichten und Verwaltungsaufgaben benötigt, bleibt mehr Zeit für die eigentliche Leistungserbringung.

Gleichzeitig erfüllen zahlreiche Regelungen wichtige Aufgaben, beispielsweise beim Arbeitsschutz, bei der steuerlichen Kontrolle oder bei technischen Sicherheitsstandards. Eine wirtschaftlich sinnvolle Vereinfachung muss deshalb zwischen unnötigem Verwaltungsaufwand und notwendigen Schutzvorgaben unterscheiden.

Für die Nachfrage spielt darüber hinaus Planungssicherheit eine wichtige Rolle.

Wer eine größere Gebäudesanierung erwägt, muss wissen, welche technischen Vorgaben gelten und ob staatliche Förderungen verfügbar sind. Häufige Änderungen können dazu führen, dass Investitionen verschoben werden, obwohl grundsätzlich Bedarf besteht.

Eine wirksame Konjunkturpolitik für das Handwerk müsste deshalb sowohl die Kosten der Betriebe als auch die Investitionsbereitschaft ihrer Kunden berücksichtigen.

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