Eine Serie von Stefanie S. Klief
Jahrzehntelang hatte in Westdeutschland eine einfache Erfahrung gegolten: Wenn die Wirtschaft wächst, entstehen Arbeitsplätze. Nach den Krisen der 1970er-Jahre funktionierte dieser Zusammenhang nicht mehr zuverlässig. Ab 1983 begann ein neuer Aufschwung – doch mehr als zwei Millionen Menschen blieben arbeitslos. Damit entstand ein Problem, das Deutschland bis heute beschäftigt: Wirtschaftlicher Erfolg kann wachsen, ohne alle Menschen, Berufe und Regionen gleichermaßen mitzunehmen.
Als aus Arbeitslosigkeit ein Dauerproblem wurde
Die Bundesrepublik ging bereits geschwächt in die 1980er-Jahre. Der zweite Ölpreisschock, hohe Zinsen und eine schwache Weltkonjunktur ließen die Wirtschaft 1982 erneut schrumpfen. Im Herbst desselben Jahres überschritt die Zahl der Arbeitslosen erstmals seit den frühen Nachkriegsjahren die Marke von zwei Millionen.
Das allein wäre noch kein historischer Bruch gewesen. Rezessionen hatte es inzwischen mehrfach gegeben, und bisher war die Arbeitslosigkeit mit dem nächsten Aufschwung wieder deutlich gesunken.
Diesmal geschah etwas anderes.
Die Rezession erreichte 1982 ihren Tiefpunkt. Ab 1983 wuchs die Wirtschaft wieder. Mitte des Jahrzehnts befand sich die Bundesrepublik bereits seit mehreren Jahren im Aufschwung. Trotzdem blieb die Arbeitslosigkeit hartnäckig hoch. Zeitgenössische Arbeitsmarktforscher fassten das Problem 1986 erstaunlich knapp zusammen: Die Wirtschaft florierte – aber die Arbeitslosigkeit blieb.
1989, nach Jahren wirtschaftlicher Expansion, waren im früheren Bundesgebiet noch immer mehr als zwei Millionen Menschen arbeitslos.
Damit war etwas verloren gegangen, das während des Wirtschaftswunders beinahe selbstverständlich erschienen war: die Erwartung, dass Wachstum nahezu automatisch Vollbeschäftigung erzeugt.
Nicht zu wenig Wachstum allein war das Problem
Ein Grund lag darin, dass sich der Arbeitsmarkt selbst veränderte.
In den ersten fünf Jahren des Jahrzehnts stieg das Angebot an Arbeitskräften weiter. Geburtenstarke Jahrgänge drängten auf den Arbeitsmarkt, zugleich nahm die Erwerbsbeteiligung von Frauen zu. Um all diese zusätzlichen Menschen zu beschäftigen, hätte die Wirtschaft nicht nur die in der Rezession verlorenen Stellen ersetzen, sondern darüber hinaus neue schaffen müssen. Tatsächlich gingen zwischen 1980 und 1984 per saldo Arbeitsplätze verloren.
Doch auch das erklärt nur einen Teil. Denn gleichzeitig veränderte sich die Art der Arbeit.
Kohle, Stahl, Werften und andere traditionelle Industrien standen unter immer größerem Anpassungsdruck. Im Ruhrgebiet hatte der Niedergang des Steinkohlenbergbaus bereits früher begonnen, doch in den 1970er- und 1980er-Jahren wurden die Folgen des industriellen Strukturwandels für ganze Städte und Regionen unübersehbar. Wo zuvor gut bezahlte Industriearbeit über Generationen hinweg Lebensläufe geprägt hatte, verschwanden Arbeitsplätze dauerhaft.
Ein neuer Auftrag für eine Maschinenfabrik ersetzte eben nicht automatisch den Arbeitsplatz eines entlassenen Stahlarbeiters.
Die Industrie produzierte anders
Hinzu kam der technische Fortschritt.
Mikroelektronik, automatisierte Fertigung, computergestützte Steuerung und neue Produktionsverfahren erhöhten die Produktivität. Unternehmen konnten mehr herstellen, ohne ihre Belegschaften im gleichen Verhältnis zu vergrößern. Zeitgenössische Analysen nannten den verstärkten Einsatz arbeitskräftesparender Technologien bereits Ende der 1980er-Jahre ausdrücklich als einen Faktor für die verfestigte Arbeitslosigkeit.
Das bedeutet nicht, dass Technik insgesamt Arbeitsplätze vernichtet.
Sie schafft neue Produkte, Berufe und Unternehmen und kann zusätzliches Wachstum ermöglichen. Aber neue Stellen entstehen nicht zwangsläufig dort, wo alte verschwinden – und sie verlangen häufig andere Qualifikationen. Genau darin lag ein Teil des Problems.
Wer jahrzehntelang im Bergbau, im Stahlwerk oder auf einer Werft gearbeitet hatte, konnte nicht ohne Weiteres in eine Tätigkeit wechseln, die technisches Spezialwissen, kaufmännische Kenntnisse oder eine andere Ausbildung verlangte. Strukturwandel findet volkswirtschaftlich häufig als Statistik statt. Für den einzelnen Menschen bedeutet er unter Umständen den Verlust eines Berufs, einer Perspektive und eines sozialen Status.
Deutschland wurde zur Dienstleistungsgesellschaft
Gleichzeitig wanderte Beschäftigung zunehmend aus der klassischen Produktion in andere Bereiche.
1970 arbeiteten noch 46,5 Prozent aller Erwerbstätigen im produzierenden Gewerbe. Bis 1995 war dieser Anteil auf 31,9 Prozent gefallen. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungssektor von 45,1 auf 65,9 Prozent.
Das war keine deutsche Besonderheit und auch kein Beleg für einen generellen wirtschaftlichen Niedergang. Reife Industrieländer verändern ihre Wirtschaftsstruktur. Dienstleistungen in Handel, Banken, Versicherungen, Gesundheit, Bildung, Beratung oder Information gewinnen an Bedeutung, während effizientere Fabriken mit weniger Beschäftigten mehr produzieren können.
Aber dieser Wandel verteilte Chancen neu.
Ein Industriearbeitsplatz mit Tariflohn, klarer Berufslaufbahn und langfristiger Betriebszugehörigkeit ließ sich nicht immer durch einen gleichwertigen Arbeitsplatz im Dienstleistungssektor ersetzen.
Damit begann auch das sogenannte Normalarbeitsverhältnis – unbefristete Vollzeitarbeit mit stabiler sozialer Absicherung und einer weitgehend kontinuierlichen Erwerbsbiografie – langsam an Selbstverständlichkeit zu verlieren. Seit den 1980er-Jahren wurden Beschäftigungsformen vielfältiger und Erwerbsverläufe weniger einheitlich.
Auch die Politik änderte ihre Antwort
Mit den wirtschaftlichen Problemen änderte sich zugleich die Vorstellung davon, was Wirtschaftspolitik leisten sollte.
Die 1960er- und frühen 1970er-Jahre waren noch stark von der Idee geprägt gewesen, Konjunktur und Beschäftigung durch staatliche Nachfragepolitik stabilisieren zu können. Nach Inflation, Ölpreisschocks und Stagflation verlor dieses Modell an Überzeugungskraft.
Seit Beginn der 1980er-Jahre verschob sich die Gewichtung. Preisstabilität, solide Staatsfinanzen und bessere Bedingungen für private Investitionen gewannen gegenüber dem Ziel möglichst vollständiger Beschäftigung an Bedeutung. Diese Entwicklung begann bereits vor dem Regierungswechsel von 1982, wurde unter der christlich-liberalen Regierung Helmut Kohl aber weitergeführt.
Die dahinterstehende Logik war ebenfalls nachvollziehbar: Wenn Unternehmen investieren, produktiver werden und wettbewerbsfähiger sind, entstehen daraus langfristig Wachstum und neue Arbeitsplätze.
Nur stellte sich heraus, dass der zweite Schritt deutlich langsamer funktionierte als erwartet.
Wachstum kehrte zurück. Massenarbeitslosigkeit blieb.
Stahlarbeiter blockieren die Rheinbrücke zwischen Duisburg und Rheinhausen aus Protest gegen die geplante Stilllegung des Krupp-Stahlwerks in Duisburg
Erreichte Wachstum wirklich früher alle?
An dieser Stelle lohnt eine Korrektur der nostalgischen Erzählung.
Auch während des Wirtschaftswunders erreichte Wohlstand keineswegs jeden Menschen gleichermaßen. Frauen hatten deutlich schlechtere Erwerbs- und Aufstiegschancen, viele sogenannte Gastarbeiter übernahmen körperlich belastende Tätigkeiten und soziale Unterschiede verschwanden auch in Zeiten hoher Wachstumsraten nicht.
Der Unterschied lag woanders.
In den 1950er- und 1960er-Jahren wuchs eine industrielle Wirtschaft so schnell, dass sie enorme Mengen zusätzlicher Arbeit aufnahm. Steigende Produktivität, steigende Beschäftigung und steigende Einkommen liefen über lange Phasen in dieselbe Richtung.
In den 1980er-Jahren wurde dieser Zusammenhang brüchiger.
Auch die Lohnstruktur begann sich zu verändern. Untersuchungen auf Basis westdeutscher Sozialversicherungsdaten zeigen, dass die Lohnungleichheit bereits in den 1980er-Jahren zunahm – zunächst vor allem im oberen Bereich der Einkommensverteilung. Erst ab Mitte der 1990er-Jahre öffnete sich die Schere stärker auch am unteren Ende.
Die große soziale Spaltung, die später mit Niedriglohnsektor und Agenda 2010 verbunden werden sollte, gehört deshalb noch nicht in diese Folge.
Aber ihre Vorgeschichte beginnt hier.
Der Strukturwandel hatte eine Adresse
Besonders folgenreich war, dass wirtschaftlicher Wandel räumlich sehr unterschiedlich verlief.
Regionen mit modernen Unternehmen, neuen Dienstleistungen und technologieintensiver Industrie konnten wachsen. Altindustrielle Städte dagegen verloren gleichzeitig Betriebe, Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Ausgerechnet jene Regionen, die den Wiederaufbau der Bundesrepublik mit Kohle, Stahl und schwerer Industrie ermöglicht hatten, entwickelten sich teilweise zu wirtschaftlichen Problemregionen.
Damit entstand ein Muster, das bis heute jede große wirtschaftliche Transformation begleitet.
Volkswirtschaftlich kann Wandel erfolgreich sein, während einzelne Branchen, Beschäftigte oder Regionen verlieren.
Ein neues Unternehmen irgendwo in Deutschland kompensiert statistisch möglicherweise eine Werksschließung anderswo. Für die Stadt, in der das Werk steht, tut es das nicht.
Warum diese Erfahrung heute wieder wichtig ist
Genau deshalb sind die 1980er-Jahre für die heutige Debatte über Transformation so interessant.
Auch heute wird häufig gefragt, wie viel Wachstum Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Energiewende oder neue Technologien erzeugen können. Die Geschichte zeigt jedoch: Entscheidend ist nicht nur, ob neue Wertschöpfung entsteht.
Es geht ebenso darum, wo sie entsteht, welche Qualifikationen dafür gebraucht werden und ob Menschen aus schrumpfenden Branchen tatsächlich Zugang zu den neuen Arbeitsplätzen finden.
Produktivitätsfortschritt kann eine Volkswirtschaft reicher machen und zugleich bestimmte Tätigkeiten überflüssig machen. Strukturwandel kann langfristig neue Chancen schaffen und kurzfristig ganze Regionen unter Druck setzen.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Dann kam 1989
Am Ende der 1980er-Jahre stand die westdeutsche Wirtschaft keineswegs vor dem Zusammenbruch.
Im Gegenteil: 1989 befand sie sich in einem langen Aufschwung, die Produktion wuchs kräftig und die internationale Nachfrage war hoch.
Aber sie ging mit einer Erfahrung in das nächste Jahrzehnt, die das Wirtschaftswunderland der frühen Nachkriegszeit nicht gekannt hatte: Wachstum allein beseitigte strukturelle Arbeitslosigkeit nicht mehr.
Dann fiel die Berliner Mauer.
Innerhalb weniger Monate stand Westdeutschland vor einer wirtschaftlichen Aufgabe, gegenüber der selbst der Strukturwandel von Kohle und Stahl langsam erscheinen sollte.
Damit beschäftigt sich Teil 4:
Die offene Rechnung der Wiedervereinigung
Diese Folge ist Teil unserer Serie »Deutschlands Wirtschaftsweg – Weichenstellungen, die unsere Wirtschaft bis heute prägen«, die zentrale wirtschaftliche Weichenstellungen von der Währungsreform bis zur heutigen Standortdebatte nachzeichnet.