In Deutschland ist die Geburtenrate erneut gesunken. 2025 lag sie bei 1,32 Kindern je Frau – so niedrig wie seit 1997 nicht mehr. Die Entwicklung ist mehr als eine statistische Randnotiz: Sie betrifft Familien, Arbeitsmarkt, Rentensystem und die Frage, wie zuversichtlich Menschen in die Zukunft blicken.
Die Geburtenrate in Deutschland ist 2025 auf den niedrigsten Stand seit 1997 gefallen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lag die sogenannte zusammengefasste Geburtenziffer bei 1,32 Kindern je Frau. Im Vorjahr waren es noch 1,35 Kinder je Frau gewesen. Damit setzt sich der Rückgang fort, der seit 2022 zu beobachten ist.
Auch die absolute Zahl der Geburten ist deutlich gesunken. 2025 wurden in Deutschland 654.241 Kinder geboren. Das war der niedrigste Stand der Nachkriegszeit. Die Zahl der Geburten lag damit erneut deutlich unter der Zahl der Sterbefälle. Schon im April hatte Destatis von einem Geburtendefizit von rund 352.000 Menschen gesprochen.
Wichtig ist dabei: Die zusammengefasste Geburtenziffer beschreibt nicht, wie viele Kinder eine konkrete Frau im Laufe ihres Lebens tatsächlich bekommt. Sie ist eine rechnerische Momentaufnahme. Sie zeigt, wie viele Kinder Frauen durchschnittlich bekommen würden, wenn das Geburtenverhalten eines bestimmten Jahres dauerhaft gleich bliebe.
Kleine Jahrgänge bekommen selbst weniger Kinder
Ein Teil der Entwicklung ist demografisch erklärbar. Die in den 1990er-Jahren geborenen Jahrgänge sind vergleichsweise klein. Diese Generation kommt nun in das Alter, in dem viele Menschen über Kinder nachdenken oder Familien gründen. Wenn es weniger potenzielle Eltern gibt, sinkt auch die absolute Zahl der Geburten.
Doch das erklärt nicht alles. Denn zugleich bekommen Frauen im Durchschnitt auch weniger Kinder. Die Geburtenziffer sank sowohl bei Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit als auch bei Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Bei deutschen Frauen lag sie 2025 bei 1,20 Kindern je Frau. Bei Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit lag sie bei 1,78, sank aber ebenfalls.
Auch regional gibt es deutliche Unterschiede. Die niedrigste Geburtenziffer verzeichnete Sachsen mit 1,16 Kindern je Frau. Am höchsten lag sie in Niedersachsen mit 1,38 Kindern je Frau. In den ostdeutschen Flächenländern war die Geburtenhäufigkeit insgesamt niedriger als in den westdeutschen Bundesländern.
Kinder werden später geplant – oder gar nicht
Der Rückgang lässt sich nicht auf einen einzigen Grund reduzieren. Familienplanung hängt von vielen Faktoren ab: Einkommen, Wohnraum, Partnerschaft, berufliche Sicherheit, Kinderbetreuung, Gesundheit, gesellschaftliche Erwartungen und Zukunftsgefühl. Wer nicht weiß, ob die Wohnung langfristig bezahlbar bleibt, ob der Job trägt oder ob Betreuung zuverlässig funktioniert, verschiebt Kinderwünsche oft.
Hinzu kommen Krisenerfahrungen. Pandemie, Inflation, Krieg, Klimakrise und wirtschaftliche Unsicherheit haben die vergangenen Jahre geprägt. Solche Faktoren müssen nicht dazu führen, dass Menschen grundsätzlich keine Kinder wollen. Sie können aber dazu führen, dass Entscheidungen später getroffen werden. Und spätere Familiengründung bedeutet statistisch häufig: weniger Kinder insgesamt.
Gerade deshalb ist die Geburtenrate kein einfacher Indikator für »Familienfreundlichkeit«. Deutschland hat Elterngeld, Kindergeld, Mutterschutz und rechtliche Absicherung. Trotzdem erleben viele Familien den Alltag als organisatorisch und finanziell anstrengend. Kita-Plätze fehlen, Arbeitszeiten passen nicht immer zu Betreuungszeiten, Teilzeit kann Karrieren bremsen, Wohnraum ist teuer.
Mehr als eine Rentenfrage
Politisch wird die sinkende Geburtenrate häufig mit Blick auf Rente und Arbeitsmarkt diskutiert. Das ist nicht falsch. Weniger Geburten bedeuten langfristig weniger junge Menschen, weniger Fachkräfte und weniger Beitragszahler. Eine alternde Gesellschaft muss mehr Pflege, Gesundheit und Altersversorgung finanzieren.
Aber diese Perspektive greift zu kurz, wenn Kinder nur als künftige Arbeitskräfte oder Rentenbeitragszahler betrachtet werden. Eine niedrige Geburtenrate sagt auch etwas über Vertrauen aus. Menschen bekommen Kinder nicht, weil ein Rentensystem sie braucht. Sie bekommen Kinder, wenn ihr eigenes Leben dafür tragfähig genug erscheint.
Die Zahlen von 2025 zeigen deshalb eine doppelte Herausforderung. Deutschland muss mit den Folgen des demografischen Wandels umgehen. Zugleich muss es Bedingungen schaffen, unter denen Kinderwünsche nicht an Unsicherheit, Kosten und Überforderung scheitern.
Der tiefste Stand seit 1997 ist damit kein isolierter Ausreißer. Er ist ein Signal. Es geht um Demografie, ja. Aber mindestens genauso geht es um die Frage, ob Menschen in diesem Land Zukunft noch als etwas erleben, das sie weitergeben möchten.
SK