Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger am 18.12. 2007 bei einer Veranstaltung zur amerikanischen Immobilienkrise in Stockton - der Stadt die höchste Quote unter den 100 größten US-Metropolregionen.
Eine Serie von Stefanie S. klief
Warum konnte die Zahlungsunfähigkeit amerikanischer Eigenheimbesitzer eine deutsche Mittelstandsbank in Düsseldorf und eine Landesbank in Sachsen an den Rand des Zusammenbruchs bringen? Die Antwort steckt in einem Finanzsystem, das Kreditrisiken so lange bündelte, zerlegte und über den Globus verkaufte, bis kaum noch erkennbar war, wer sie am Ende tatsächlich trug. Deutschland war dabei keineswegs nur Zuschauer.
Deutschlands Krise begann in Düsseldorf
Ende Juli 2007 musste die IKB Deutsche Industriebank gerettet werden.
Das Institut war vor allem als Finanzierer mittelständischer Unternehmen bekannt. Trotzdem lag ein erhebliches Risiko der Bank Tausende Kilometer entfernt auf dem amerikanischen Immobilienmarkt. Über die Zweckgesellschaft Rhineland Funding hatte die IKB in strukturierte Wertpapiere investiert, die unter anderem Risiken aus US-Hypotheken enthielten. Als diese Papiere plötzlich kaum noch handelbar waren, drohte der Bank eine existenzielle Krise. Die staatliche Förderbank KfW, damals mit 37,8 Prozent an der IKB beteiligt, und die deutsche Kreditwirtschaft spannten noch am Wochenende des 28. und 29. Juli einen ersten Risikoschirm auf.
Das geschah mehr als ein Jahr vor der Insolvenz von Lehman Brothers.
Und die IKB blieb nicht allein.
Schon wenige Wochen später musste auch die Sachsen LB gestützt werden. Ihre außerbilanzielle Zweckgesellschaft Ormond Quay hielt Wertpapiere im Umfang von 17,1 Milliarden Euro – sämtlich mit AAA bewertet –, darunter auch Engagements am amerikanischen Subprime-Markt. Als die kurzfristige Refinanzierung austrocknete, mussten andere Landesbanken und die DekaBank eine Liquiditätslinie von bis zu 17,1 Milliarden Euro bereitstellen.
Die deutsche Finanzkrise hatte begonnen.
Nur wirkte sie zunächst noch wie ein Problem einzelner Banken.
Wie aus einem Hauskredit ein Wertpapier wurde
Am Anfang standen amerikanische Hypotheken.
Während des Immobilienbooms hatten Banken und andere Kreditgeber in den USA zunehmend Darlehen auch an Haushalte mit schwächerer Bonität vergeben. Viele dieser sogenannten Subprime-Kredite blieben jedoch nicht bei der Bank, die sie vergeben hatte.
Sie wurden verkauft, mit Tausenden anderen Krediten gebündelt und in Wertpapiere verwandelt.
Das Grundprinzip der Verbriefung ist zunächst keineswegs unseriös: Viele einzelne Kreditforderungen werden zusammengefasst, anschließend können Investoren Anteile an den daraus entstehenden Zahlungsströmen erwerben. Risiken lassen sich dadurch verteilen.
Vor der Finanzkrise wurde das Verfahren allerdings immer komplizierter. Hypotheken wurden in Asset Backed Securities und Mortgage Backed Securities gebündelt, daraus entstanden wiederum strukturierte Produkte wie Collateralised Debt Obligations. Unterschiedliche Risikoklassen wurden so kombiniert, dass große Teile der daraus entstehenden Wertpapiere von Ratingagenturen sehr gute Bewertungen erhielten. Die Bundesbank beschrieb bereits Ende 2007 einen Verbriefungsmarkt, auf dem Kreditrisiken gebündelt, strukturiert und weiterverkauft wurden – und auf dem die große Nachfrage nach überwiegend gut bewerteten Papieren zugleich zu sinkenden Anforderungen bei der ursprünglichen Kreditvergabe beigetragen hatte.
Aus einem riskanten amerikanischen Hauskredit konnte auf diese Weise schließlich ein Bestandteil eines Wertpapiers mit Spitzenrating werden.
Und genau solche Papiere lagen in deutschen Bankportfolios.
Warum kauften deutsche Banken dieses Zeug überhaupt?
Die kurze Antwort lautet: weil es rentabel und gleichzeitig sicher aussah.
Gerade deutsche Banken litten schon vor der Krise unter vergleichsweise niedrigen Margen. Klassisches Kreditgeschäft allein versprach manchen Instituten nicht mehr die Renditen, die sie erzielen wollten. Seit den 1990er-Jahren hatten Deregulierung und Kapitalmarktboom deshalb auch große deutsche Banken stärker ins Investmentbanking und in internationale Wertpapiergeschäfte geführt. Die Bundesbank beschreibt diese Jahre rückblickend als Phase, in der insbesondere größere Institute ihr Geschäft zunehmend in Richtung Eigenhandel und Kapitalmarktaktivitäten verschoben.
Bei einigen Landesbanken kam ein besonderer Anreiz hinzu.
Sie hatten lange von öffentlichen Garantien profitiert und konnten sich dadurch sehr günstig Geld beschaffen. Nach einer Einigung mit der Europäischen Kommission mussten diese Garantien 2005 auslaufen. Eine spätere Analyse der EU-Kommission kam zu dem Ergebnis, dass einige Landesbanken vor dem Ende der Garantien noch in großem Umfang günstige Mittel aufnahmen und diese unter anderem in hoch bewertete Hypothekenpapiere investierten. Solange die Rendite dieser Papiere über den eigenen Finanzierungskosten lag, sah das nach beinahe risikolosem Gewinn aus.
Das ist eine der bemerkenswertesten deutschen Seiten der Finanzkrise:
Ausgerechnet Institute mit öffentlichem Hintergrund suchten einen Teil ihrer Rendite in komplizierten internationalen Finanzprodukten.
AAA bedeutete Sicherheit – zumindest auf dem Papier
Warum erschien das vernünftig?
Weil viele der Wertpapiere hervorragende Ratings besaßen.
Bei der Sachsen LB waren die Papiere der Zweckgesellschaft Ormond Quay sogar vollständig mit AAA bewertet. Noch während der Krise ging man deshalb zunächst davon aus, dass das tatsächliche Ausfallrisiko gering sei.
Das Vertrauen in solche Bewertungen war im gesamten Finanzsystem enorm. Die Europäische Zentralbank stellte später fest, dass selbst professionelle Marktteilnehmer bei strukturierten Produkten vielfach auf die Einschätzungen der Ratingagenturen vertrauten, statt die zugrunde liegenden Risiken vollständig selbst zu analysieren.
Die Modelle beruhten unter anderem darauf, dass nicht alle Hausbesitzer gleichzeitig ausfallen würden und regionale Immobilienmärkte sich unterschiedlich entwickelten.
Doch genau diese Annahmen gerieten ins Wanken.
Die amerikanischen Hauspreise sanken, immer mehr Kreditnehmer konnten ihre Hypotheken nicht mehr bedienen und Ratingagenturen begannen im Sommer 2007, strukturierte Subprime-Papiere in großem Umfang herabzustufen.
Plötzlich wollte niemand mehr genau jene Wertpapiere kaufen, die kurz zuvor noch als hochwertig gegolten hatten.
Das Risiko war ausgelagert – bis es zurückkam
Besonders gefährlich wurde nun ein zweites Konstrukt.
Banken hatten viele dieser Geschäfte in Zweckgesellschaften ausgelagert. Dadurch lagen die Wertpapiere nicht unmittelbar in ihrer normalen Bilanz. Die Zweckgesellschaften finanzierten langfristige Anlagen häufig durch ständig neu ausgegebene kurzfristige Schuldpapiere.
Solange Investoren diese kauften, funktionierte das hervorragend.
Dann verschwand das Vertrauen.
Bei der Sachsen LB refinanzierte sich Ormond Quay kurzfristig am Commercial-Paper-Markt. Mitte August 2007 trocknete dieser Markt praktisch aus. Die Zweckgesellschaft besaß weiterhin Milliarden an Wertpapieren – bekam aber das Geld für ihre laufende Refinanzierung nicht mehr.
Bei der IKB geschah Ähnliches. Banken hatten ihren Zweckgesellschaften Liquiditätslinien zugesagt, die für den Notfall gedacht waren. Als die Finanzierungsmärkte zusammenbrachen, wurde genau dieser Notfall Realität.
Damit kehrte das vermeintlich ausgelagerte Risiko durch die Hintertür zurück.
Der Bundestags-Untersuchungsausschuss fasste den Mechanismus später nüchtern zusammen: Zweckgesellschaften konnten ihre verbrieften Forderungen nicht mehr refinanzieren, mussten zugesagte Kreditlinien der Banken ziehen – und gefährdeten dadurch wiederum die Institute, die sie gegründet oder gestützt hatten.
Noch glaubte man an Einzelfälle
Wie wenig zu diesem Zeitpunkt absehbar war, was folgen würde, zeigt eine Stellungnahme der Bundesbank vom 14. August 2007.
Die Probleme der IKB wurden dort noch als institutsspezifischer Einzelfall bezeichnet; zugleich ging die Bundesbank davon aus, dass die Risiken deutscher Banken insgesamt abgeschirmt und mögliche Ertragseinbußen begrenzt seien.
Das war keine deutsche Besonderheit.
Auch international hofften Politik, Notenbanken und Finanzhäuser zunächst, die Verluste aus amerikanischen Subprime-Krediten eingrenzen zu können.
Doch das eigentliche Problem waren längst nicht mehr allein faule Hypotheken.
Niemand wusste zuverlässig, bei wem die Risiken lagen.
Banken hatten einander Geld geliehen, Wertpapiere gekauft und verkauft, Garantien gegeben und über internationale Zweckgesellschaften Geschäfte finanziert. Je unsicherer die Beteiligten über die Bilanz des jeweils anderen wurden, desto weniger wollten sie einander noch Geld leihen.
Aus einer Immobilienkrise wurde eine Vertrauenskrise des Finanzsystems.
Dann fiel Lehman
Am 15. September 2008 meldete Lehman Brothers Insolvenz an.
Was bis dahin eine schwere, aber immer wieder eingehegte Finanzkrise gewesen war, eskalierte. Das Misstrauen zwischen Banken nahm dramatisch zu, kurzfristige Finanzierungsmärkte trockneten aus und das internationale Finanzsystem geriet zeitweise in eine Schockstarre.
Auch Deutschland bekam nun ein weiteres Problem.
Die Hypo Real Estate geriet Ende September 2008 in akute Schwierigkeiten, weil sich ihre irische Tochter DEPFA nach Lehman nicht mehr ausreichend kurzfristig refinanzieren konnte.
Wichtig ist die Unterscheidung: Die HRE war kein zweiter Fall IKB.
Der Bundestags-Untersuchungsausschuss stellte später ausdrücklich fest, dass IKB, Sachsen LB und WestLB durch Wertverluste im Zusammenhang mit amerikanischen Subprime-Papieren Kapitalprobleme bekamen. Bei der HRE lag dagegen im September 2008 vor allem ein Liquiditätsproblem vor: Ihr Geschäftsmodell war auf eine ständig funktionierende kurzfristige Refinanzierung angewiesen – und genau dieser Markt brach nach Lehman zusammen.
Damit zeigte sich, wie weit die Krise inzwischen reichte.
Selbst Banken, die nicht unmittelbar an amerikanischen Subprime-Hypotheken zu scheitern drohten, konnten zusammenbrechen, sobald das Finanzsystem selbst nicht mehr funktionierte.
Der Staat wurde zum letzten Sicherheitsnetz
Im Oktober 2008 reagierte Deutschland mit einem Rettungspaket von bis zu 480 Milliarden Euro.
Davon konnten bis zu 400 Milliarden Euro für staatliche Garantien eingesetzt werden; weitere Mittel waren unter anderem für Rekapitalisierungen und die Übernahme problematischer Risiken vorgesehen. Diese 480 Milliarden Euro waren ein maximaler Handlungsrahmen und nicht gleichbedeutend mit tatsächlich ausgezahlten Verlusten des Steuerzahlers.
Die Größenordnung zeigte trotzdem, was inzwischen auf dem Spiel stand.
Banken wurden nicht deshalb gerettet, weil Politiker ihre Eigentümer vor Verlusten bewahren wollten. Das zentrale Problem war die Vernetzung: Fällt ein großes Institut unkontrolliert aus, kann es andere Banken, Unternehmen und schließlich die Kreditversorgung der gesamten Wirtschaft mitreißen.
Genau deshalb war die Finanzkrise etwas anderes als die Pleite eines normalen Unternehmens.
Ein schlecht geführter Industriebetrieb kann vom Markt verschwinden.
Bei einer systemisch wichtigen Bank kann ihr ungeordneter Zusammenbruch den Markt selbst beschädigen.
Deutschland traf die Krise ausgerechnet auf dem Höhepunkt seines Exporterfolgs
Für die deutsche Wirtschaft kam der Schock zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.
Das Erfolgsmodell aus Teil 6 war inzwischen tief in internationale Produktions- und Handelsketten eingebunden. Als die Finanzkrise auf die Realwirtschaft übersprang, brachen weltweit Investitionen und Handel ein. Besonders hart traf das exportorientierte Länder mit einem hohen Anteil an Maschinenbau, Fahrzeugproduktion und Investitionsgütern. Die Bundesbank stellte fest, dass Deutschlands Industriestruktur wesentlich dazu beitrug, dass der globale Nachfrageeinbruch besonders stark durchschlug.
Damit schloss sich ein bemerkenswerter Kreis.
Deutschlands Industrie hatte vom globalen Wirtschaftsboom außergewöhnlich profitiert.
Deutschlands Banken hatten gleichzeitig versucht, an der globalisierten Finanzwelt mitzuverdienen.
Als dieses System kollabierte, traf beides gleichzeitig zurück.
Aus privaten Risiken wurden öffentliche Risiken
Die unmittelbare Bankenkrise wurde schließlich eingedämmt.
Doch ihre wirtschaftlichen Folgen verschwanden nicht.
Bankenrettungen, Konjunkturprogramme und der massive Einbruch der Wirtschaft belasteten die öffentlichen Haushalte vieler Staaten. Was zunächst als Krise privater Kreditnehmer und Finanzinstitute begonnen hatte, verlagerte einen Teil seiner Risiken auf staatliche Bilanzen.
Damit geriet eine Annahme ins Wanken, die für die europäische Währungsunion entscheidend gewesen war:
Dass Staaten des Euroraums grundsätzlich sichere Schuldner seien.
Ende 2009 begann ausgerechnet bei einem Land der Zweifel besonders schnell zu wachsen.
Griechenland.
Doch die Geschichte, die Deutschland sich später über diese Krise erzählte, war ebenfalls einfacher als die Wirklichkeit.
Damit beschäftigt sich Teil 8:
»Whatever it takes« – und was längst verloren war
Diese Folge ist Teil unserer Serie »Deutschlands Wirtschaftsweg – Weichenstellungen, die unsere Wirtschaft bis heute prägen«, die zentrale wirtschaftliche Weichenstellungen von der Währungsreform bis zur heutigen Standortdebatte nachzeichnet.