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»Whatever it takes« – und was längst verloren war

Wie Europa den Euro rettete – und Griechenland dabei einen Teil seiner wirtschaftlichen Zukunft verlor

11 Min.

24.08.2026

Athen 2012: Ein Mann bittet mit einem Schild »Ich habe Hunger« um Hilfe. Während Europa um den Fortbestand des Euro rang, traf die Wirtschaftskrise die griechische Bevölkerung mit voller Wucht.

»Deutschlands Wirtschaftsweg« – Weichenstellungen, die unsere Wirtschaft bis heute prägen

Eine Serie von Stefanie S. Klief


Kaum eine Wirtschaftskrise ist im deutschen Gedächtnis so sehr zur Moralgeschichte geworden wie die griechische: Athen hatte über seine Verhältnisse gelebt, seine Zahlen geschönt – und am Ende mussten andere zahlen. Der erste Teil dieser Geschichte ist gut belegt. Der zweite ist unvollständig. Denn die Milliardenhilfen gingen nicht einfach als Geschenk nach Griechenland. Sie waren Kredite – und sie sollten zugleich verhindern, dass aus einem griechischen Staatsbankrott die nächste europäische Banken- und Währungskrise wurde.

Griechenland hatte ein echtes Schuldenproblem

Die Krise war nicht erfunden und Griechenland kein unschuldiges Opfer äußerer Mächte.

Nach dem Regierungswechsel im Herbst 2009 wurde deutlich, dass das Haushaltsdefizit wesentlich größer war als zuvor ausgewiesen. Eurostat bezifferte es später für 2009 auf 15,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, die Staatsverschuldung auf rund 127 Prozent. Das Land hatte über Jahre hohe Defizite aufgebaut, seine Steuerverwaltung funktionierte schlecht und die Wettbewerbsfähigkeit hatte sich verschlechtert.

Mit dem Euro hatte Griechenland zudem jahrelang zu deutlich günstigeren Konditionen Kredite aufnehmen können. Als die Finanzmärkte das Risiko plötzlich neu bewerteten, stiegen die Zinsen auf griechische Staatsanleihen rasant. Im Frühjahr 2010 konnte sich das Land praktisch nicht mehr regulär refinanzieren.

Das Problem war real. Nur gehörte es längst nicht mehr Griechenland allein.

Ein griechischer Staatsbankrott hätte Europas Banken getroffen

Anfang 2010 hielten europäische Banken erhebliche Forderungen gegenüber Griechenland.

Nach Auswertungen, die der Internationale Währungsfonds später zusammentrug, beliefen sich die Forderungen europäischer Banken gegenüber dem Land im ersten Quartal 2010 auf rund 183 Milliarden Euro. Allein griechische Staatsanleihen in den Büchern von 84 untersuchten europäischen Banken machten rund 81,5 Milliarden Euro aus. Besonders große grenzüberschreitende Engagements bestanden unter anderem bei Banken in Deutschland und Frankreich.

Damit bekam die Frage nach einem griechischen Schuldenschnitt eine zweite Dimension. Wenn Athen seine Anleihen nicht mehr vollständig bediente, mussten nicht nur griechische Gläubiger Verluste verkraften. Auch Banken in anderen Euroländern wären betroffen gewesen – ausgerechnet zu einer Zeit, in der das europäische Finanzsystem die Krise von 2008 noch längst nicht überwunden hatte.

Es gab noch keinen Europäischen Stabilitätsmechanismus, keine Bankenunion und keinen erprobten europäischen Krisenapparat.

Griechenland war damit zugleich ein Test, den die noch junge Währungsunion nie vorgesehen hatte.

2010 kaufte Europa vor allem Zeit

Im Mai 2010 vereinbarten die Eurostaaten und der Internationale Währungsfonds das erste Hilfsprogramm.

Die Länder der Eurozone stellten bilateral 52,9 Milliarden Euro bereit, der IWF weitere rund 20 Milliarden Euro. Deutschlands Anteil an den europäischen bilateralen Krediten lag bei rund 15,2 Milliarden Euro.

Das Wort Kredite ist dabei entscheidend.

Deutschland überwies Griechenland nicht einfach 15,2 Milliarden Euro und schrieb das Geld ab. Griechenland begann 2020 mit der vereinbarten Rückzahlung dieser bilateralen Darlehen; vollständig getilgt werden sollen sie bis 2041.

Damit wird eine bis heute verbreitete Kurzformel schief: Die Griechenlandhilfe war kein Geschenk. Aber auch die gegenteilige Erzählung wäre zu bequem.

Denn die Kredite wurden nicht allein aus Solidarität mit der griechischen Bevölkerung vergeben. Sie dienten ausdrücklich der Finanzstabilität des Euroraums und verhinderten zunächst einen ungeordneten Zahlungsausfall – mit schwer kalkulierbaren Folgen für Banken und andere Staaten.

Der Schuldenschnitt kam spät

Genau hier liegt einer der unangenehmsten Punkte der Geschichte.

Schon 2010 bestanden erhebliche Zweifel daran, ob Griechenlands Schulden ohne Umschuldung dauerhaft tragfähig waren. Trotzdem wurde das erste Hilfsprogramm zunächst ohne einen umfassenden Schuldenschnitt beschlossen. Der Internationale Währungsfonds änderte dafür sogar seine Regeln für außergewöhnlich große Kredite, weil man eine Ansteckung anderer Euroländer fürchtete.

Erst 2012 wurden private Gläubiger umfassend beteiligt. Griechenland tauschte Staatsanleihen mit einem Nennwert von rund 199 Milliarden Euro um; private Investoren mussten erhebliche Verluste hinnehmen.

Der IWF bewertete das spätere Vorgehen rückblickend kritisch.

Die verzögerte Umschuldung habe privaten Gläubigern Zeit gegeben, ihre Engagements zurückzufahren und Forderungen teilweise in öffentliche Hände zu verlagern. Das bedeutet nicht, dass 2010 heimlich ein Programm zur Rettung deutscher und französischer Banken beschlossen wurde. Die Angst vor einer systemischen Finanzkrise war real.

Aber es bedeutet: Mit der Rettung Griechenlands wurden zugleich Gläubiger und das europäische Finanzsystem geschützt.

Genau dieser zweite Teil verschwand in Deutschland häufig hinter der moralischen Debatte über griechische Staatsausgaben.

Dann begann das Sparen

Im Gegenzug für die Kredite verpflichtete sich Griechenland zu einer drastischen Konsolidierung.

Staatsausgaben wurden gekürzt, Renten und Löhne im öffentlichen Dienst sanken, Steuern stiegen, Privatisierungen und Strukturreformen wurden beschlossen. Das Ziel war nachvollziehbar: Ein Land, das keinen Zugang mehr zum Kapitalmarkt hatte und hohe Defizite aufwies, musste seine öffentlichen Finanzen stabilisieren und wettbewerbsfähiger werden.

Doch die wirtschaftlichen Folgen wurden erheblich unterschätzt.

Zwischen Beginn der Krise 2009 und 2016 sank das reale griechische Bruttoinlandsprodukt um mehr als 25 Prozent – der stärkste Einbruch unter den Euroländern. Die Arbeitslosenquote erreichte zeitweise rund 27 Prozent.

Das war keine gewöhnliche Rezession. Es war eine wirtschaftliche Depression.

Der IWF hatte sich verrechnet

Später räumte der Internationale Währungsfonds selbst ein, dass zentrale Annahmen der Hilfsprogramme zu optimistisch gewesen waren.

Das erste Programm hatte erwartet, dass die griechische Wirtschaft deutlich weniger stark schrumpfen würde. Tatsächlich lag das reale Bruttoinlandsprodukt bereits 2012 rund 17 Prozent unter dem Niveau von 2009; ursprünglich waren lediglich etwa 5,5 Prozent Rückgang erwartet worden. Auch die Arbeitslosigkeit wurde massiv unterschätzt.

Ein Grund waren die sogenannten Fiskalmultiplikatoren.

Vereinfacht gesagt hatten die Modelle unterschätzt, wie stark Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen während einer tiefen Krise die gesamte Wirtschaft nach unten ziehen würden. Spätere IWF-Evaluationen kamen zu dem Schluss, dass die Multiplikatoren zu niedrig angesetzt und die Wachstumswirkungen der Reformen teilweise zu optimistisch eingeschätzt worden waren.

Das heißt nicht, dass Griechenland einfach hätte weiter Schulden machen können.

Es heißt etwas anderes: Die Alternative bestand nicht nur zwischen Sparen und Nichtstun. Entscheidend war auch, wann Schulden restrukturiert wurden, wie schnell konsolidiert wurde und wer die Verluste trug.

Aus Griechenland wurde eine Eurokrise

Schon bald ging es ohnehin nicht mehr nur um Athen.

Investoren begannen zu fragen, ob auch Portugal, Irland, Spanien oder Italien in Schwierigkeiten geraten könnten. Risikoprämien stiegen, Banken zogen sich hinter nationale Grenzen zurück und Kapital floss aus besonders gefährdeten Ländern ab. Die EZB beschrieb später ausdrücklich Ansteckungseffekte zwischen den Staaten des Euroraums.

Damit offenbarte sich jene Schwäche, die bereits bei der Einführung des Euro angelegt worden war:

Die Mitglieder hatten eine gemeinsame Währung, aber keine gemeinsame Finanzpolitik, keinen gemeinsamen Krisenhaushalt und zunächst keinen dauerhaften Rettungsmechanismus.

Ein griechisches Problem konnte dadurch zur Existenzfrage für den gesamten Euro werden. Und irgendwann reichten Rettungspakete allein nicht mehr.

Dann sagte Draghi drei Worte

Am 26. Juli 2012 sprach EZB-Präsident Mario Draghi auf einer Investorenkonferenz in London. Sein entscheidender Satz enthielt drei Worte, die zu den berühmtesten der jüngeren Wirtschaftsgeschichte gehören:

»whatever it takes«

Die Europäische Zentralbank werde im Rahmen ihres Mandats alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten. Und, fügte Draghi hinzu, es werde genug sein.

Der Satz war keine Griechenlandhilfe. Er war größer.

Die Finanzmärkte mussten nun damit rechnen, dass die EZB ein Auseinanderbrechen des Währungsraums nicht einfach hinnehmen würde. Wenige Wochen später konkretisierte sie dies mit dem OMT-Programm für mögliche Käufe von Staatsanleihen. Die Angst davor, einzelne Länder könnten aus dem Euro fallen und Schulden anschließend in einer abgewerteten nationalen Währung bedienen, ging deutlich zurück.

Das eigentlich Bemerkenswerte: Die EZB kaufte im Rahmen von OMT keinen einzigen Staatsanleihetitel. Das Programm wurde nie aktiviert. Nach Jahren, in denen Regierungen Banken gestützt, die EZB Banken mit außergewöhnlicher Liquidität versorgt und bereits Staatsanleihen über ein anderes Programm gekauft hatte, genügte 2012 plötzlich ein glaubwürdiges Versprechen. Die Finanzmärkte mussten Draghi abnehmen, dass die EZB ein Auseinanderbrechen des Euro verhindern würde – und genau das veränderte die Lage.

Das heißt: Das OMT-Programm musste nie tatsächlich eingesetzt werden. Schon das glaubwürdige Versprechen veränderte die Erwartungen. Schon das glaubwürdige Versprechen veränderte die Erwartungen.

Die Griechenlandkrise hatte damit endgültig gezeigt, dass die gemeinsame Währung mehr brauchte als Regeln für Defizite. Sie brauchte jemanden, der im Ernstfall hinter ihr stand.

Angela Merkel mit Alexis Tsipras am 23.03.2015

2015 wäre Griechenland trotzdem beinahe aus dem Euro gefallen

Drei Jahre später eskalierte der Konflikt noch einmal. Die linksgeführte Regierung von Alexis Tsipras stellte sich gegen weitere Sparauflagen, Banken mussten zeitweise schließen, Kapitalverkehrskontrollen wurden eingeführt und ein Referendum lehnte die von den Gläubigern verlangten Bedingungen deutlich ab.

Trotzdem einigte sich Griechenland schließlich auf ein drittes Hilfsprogramm. Der neu geschaffene Europäische Stabilitätsmechanismus stellte dafür Kredite von bis zu 86 Milliarden Euro in Aussicht.

2018 verließ Griechenland schließlich das letzte Programm. Insgesamt erhielt das Land über die drei Programme nahezu 290 Milliarden Euro öffentliche Finanzhilfe – zu sehr langen Laufzeiten und teilweise erheblich vergünstigten Konditionen.

Auch diese Geschichte ist noch nicht abgeschlossen. Teile der europäischen Kredite laufen über Jahrzehnte. Griechenland zahlt die bilateralen Darlehen des ersten Programms bis 2041 zurück; bei EFSF- und ESM-Krediten reichen einzelne Laufzeiten noch wesentlich weiter.

Was Deutschland dabei verdrängt

Griechenland hatte seine Krise selbst mit verursacht. Das Land hatte zu hohe Defizite, problematische Statistiken, eine schwache Steuerverwaltung und verlor innerhalb des Euroraums an Wettbewerbsfähigkeit. Eine Erzählung, die daraus ausschließlich ein Opfer deutscher Sparpolitik macht, wäre genauso falsch wie die deutsche Moralgeschichte vom verschwenderischen Süden.

Wie aufgeladen die deutsche Debatte inzwischen war, zeigte 2015 selbst eine Handbewegung. Finanzminister Yanis Varoufakis wurde in der ARD mit einem älteren Video konfrontiert, das ihn mit ausgestrecktem Mittelfinger zeigte. Tage lang diskutierte Deutschland darüber, ob der »Stinkefinger« echt sei. Der entscheidendere Kontext geriet dabei beinahe unter: Die Aufnahme stammte aus einem Vortrag von 2013, in dem Varoufakis über eine mögliche griechische Strategie zu Beginn der Krise 2010 gesprochen hatte. Aus einem komplizierten Streit über Schulden, Banken und die Konstruktion des Euro war längst auch ein Konflikt über nationale Charaktere und vermeintliches Fehlverhalten geworden.

Aber auch Deutschland und Europa mussten etwas lernen: Die Hilfskredite retteten nicht bloß Griechenland.

Sie verhinderten einen ungeordneten Staatsbankrott, schützten damit auch europäische Gläubiger und kauften Zeit, in der ein völlig unzureichend vorbereitetes Währungssystem neue Rettungsmechanismen aufbauen konnte. Der Internationale Währungsfonds räumte später selbst ein, dass die Umschuldung zu spät kam und die wirtschaftlichen Folgen der Anpassung unterschätzt worden waren.

Und das Land, das damals häufig als abschreckendes Beispiel galt, sieht heute anders aus. Für 2026 erwartet die Europäische Kommission in Griechenland 1,8 Prozent Wirtschaftswachstum, eine Arbeitslosenquote von 8,3 Prozent und einen Haushaltsüberschuss. Die Staatsverschuldung bleibt mit voraussichtlich rund 141 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sehr hoch, sinkt aber deutlich.

Griechenland ist damit weder die Erfolgsgeschichte, die sämtliche damaligen Maßnahmen nachträglich rechtfertigt, noch das dauerhaft zerstörte Land, als das es zeitweise erschien.

Die wichtigere Erkenntnis liegt woanders: Die Eurokrise zeigte, dass innerhalb einer gemeinsamen Währung Schulden des einen Landes schnell zum Risiko der anderen werden können.

Deutschland hatte gleichzeitig längst ein Wirtschaftsmodell aufgebaut, das von genau dieser europäischen Verflechtung profitierte – und darüber hinaus auf drei Bedingungen setzte, die erstaunlich komfortabel erschienen: günstige Energie, wachsende Märkte und eine vergleichsweise stabile geopolitische Ordnung.

Lange sah es so aus, als würden diese Bedingungen einfach bleiben.

Damit beschäftigt sich Teil 9:
Das deutsche Geschäftsmodell war bequemer, als wir wahrhaben wollten


Diese Folge ist Teil unserer Serie »Deutschlands Wirtschaftsweg – Weichenstellungen, die unsere Wirtschaft bis heute prägen«, die zentrale wirtschaftliche Weichenstellungen von der Währungsreform bis zur heutigen Standortdebatte nachzeichnet.

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