Der damalige Bundesaußenminister Joschka Fischer auf einer Sonderbundesdelegiertenkonferenz am 14.06.2003 zur Agenda 2010.
Eine Serie von Stefanie S. Klief
Die Geschichte klingt im Rückblick wunderbar geradlinig: Deutschland war der »kranke Mann Europas«, Gerhard Schröder setzte die Agenda 2010 durch, der Arbeitsmarkt wurde reformiert – und wenig später war das Land Exportweltmeister. Nur stimmt die Reihenfolge nicht. Deutschland trug diesen Titel bereits 2003. Hartz IV kam erst 2005. Das deutsche Exportwunder hatte also früher begonnen – und seine Ursachen reichen weit über eine einzelne Reform hinaus.
Exportweltmeister mitten in der Krise
2003 war Deutschland alles andere als eine Volkswirtschaft in Siegerlaune.
Wachstumsschwäche, hohe Arbeitslosigkeit und steigende Sozialausgaben bestimmten die Debatte. Trotzdem geschah im Außenhandel etwas Bemerkenswertes: Mit Warenexporten von rund 664 Milliarden Euro überholte Deutschland die Vereinigten Staaten und wurde erstmals seit Jahren wieder zum weltweit größten Warenexporteur. Seit 2003 führte Deutschland diese Rangliste mehrere Jahre hintereinander an.
Bis 2007 stieg der Wert der deutschen Warenausfuhren auf rund 965 Milliarden Euro. Der Außenhandelsüberschuss erreichte rund 195 Milliarden Euro.
In nur wenigen Jahren wurde aus einem Land, dessen Wachstumsschwäche international als strukturelles Problem galt, eine Exportmaschine.
Die Versuchung liegt nahe, diesen Wandel einem einzelnen politischen Projekt zuzuschreiben.
Doch die entscheidenden Voraussetzungen waren bereits vorher entstanden.
Die Lohnzurückhaltung begann vor der Agenda 2010
Ein zentraler Faktor war die Entwicklung der Arbeitskosten.
Bereits seit Mitte der 1990er-Jahre hatten Arbeitgeber und Gewerkschaften ihre Tarifpolitik verändert. Betriebliche Öffnungsklauseln, flexiblere Arbeitszeiten und vergleichsweise moderate Lohnabschlüsse sollten Unternehmen helfen, Beschäftigung und Produktion in Deutschland zu halten. Die OECD weist ausdrücklich darauf hin, dass diese Veränderungen im System der Lohnfindung den Hartz-Reformen vorausgingen.
In den 2000er-Jahren wurde der Effekt außergewöhnlich deutlich.
Zwischen 2001 und 2007 stiegen die Arbeitnehmerentgelte in Deutschland langsamer als die Produktivität. Die Lohnstückkosten gingen dadurch sogar zurück – eine Entwicklung, die innerhalb des Euroraums ausgesprochen ungewöhnlich war. Deutschland verbesserte seine preisliche Wettbewerbsfähigkeit gegenüber vielen europäischen Partnern erheblich.
Das war für exportierende Unternehmen ein gewaltiger Vorteil.
Denn seit Einführung des Euro konnten wichtige Handelspartner ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Deutschland nicht mehr durch eine Abwertung ihrer nationalen Währung verbessern.
Was wir in Teil 5 als deutschen Vorteil innerhalb der Währungsunion gesehen haben, bekam nun seine volle Wirkung.
Dann kam die Agenda 2010
Im März 2003 stellte Bundeskanzler Gerhard Schröder seine Agenda 2010 vor. Der grüne Koalitionspartner rang mit dem Kurs. Er löste innerhalb von Bündnis 90/Die Grünen heftige Debatten aus. Doch auf einem Sonderparteitag in Cottbus im Juni 2003 stellte sich die Partei schließlich mit großer Mehrheit hinter die Reformagenda der rot-grünen Bundesregierung und zwischen 2003 und 2005 folgten die Hartz-Reformen
Arbeitsvermittlung und Bundesagentur für Arbeit wurden umgebaut, Zeitarbeit und Minijobs neu geregelt, Anforderungen an Arbeitslose verschärft und schließlich Arbeitslosen- und Sozialhilfe für Erwerbsfähige im Arbeitslosengeld II zusammengeführt. Das Prinzip lautete stärker als zuvor: fördern und fordern.
Die Reformen veränderten den deutschen Arbeitsmarkt nachhaltig. Untersuchungen von OECD und IAB kommen zu dem Ergebnis, dass sie zu höherer Arbeitsmarktflexibilität und einer besseren Aufnahmefähigkeit für Arbeitslose beitrugen; zugleich hatten bereits zuvor veränderte Tarifstrukturen und Lohnbildungsprozesse einen Anteil an dieser Entwicklung.
Der unmittelbare Eindruck war zunächst allerdings ein anderer.
Nach Einführung des neuen SGB II stieg die registrierte Arbeitslosigkeit im Februar 2005 auf 5,29 Millionen Menschen. Ein Teil dieses Sprungs war statistisch bedingt, weil zuvor nicht als arbeitslos erfasste Sozialhilfebezieher nun in der Statistik erschienen. Die Bundesagentur für Arbeit bezifferte diesen Hartz-IV-Effekt für 2005 auf rund 380.000 Menschen im Jahresdurchschnitt.
Danach sank die Arbeitslosigkeit kräftig. Im Herbst 2008 lag die Zahl der registrierten Arbeitslosen erstmals wieder unter drei Millionen.
Aber auch dieser Erfolg hatte mehr als eine Ursache.
Deutschland reformierte seinen Arbeitsmarkt genau in einem Moment, in dem sich die Weltwirtschaft für seine Industrie außergewöhnlich günstig entwickelte.
Europa rückte näher – und die Werkbank wurde größer
Am 1. Mai 2004 traten zehn weitere Staaten der Europäischen Union bei, darunter Polen, Tschechien, Ungarn, die Slowakei und die baltischen Länder. Damit entstand nicht nur ein größerer Absatzmarkt.
Für die deutsche Industrie öffnete sich direkt vor der Haustür ein neuer Produktionsraum.
Deutsche Unternehmen hatten schon nach dem Fall des Eisernen Vorhangs begonnen, ihre Lieferketten neu zu organisieren. Produktionsschritte konnten in mittel- und osteuropäische Länder verlagert werden, während besonders wertschöpfungsintensive Tätigkeiten, Entwicklung und große Teile der industriellen Endfertigung in Deutschland blieben.
Die Bundesbank beschreibt diese Entwicklung als zunehmende internationale Arbeitsteilung: Deutsche Unternehmen erschlossen neue Absatzmärkte, orientierten ihre Zulieferketten neu und nutzten internationale Produktionsnetzwerke, um Kostenvorteile zu erzielen.
Das deutsche Exportprodukt war damit immer weniger ausschließlich »Made in Germany«.
Es wurde zunehmend Made in Europe – organisiert aus Deutschland.
Diese Arbeitsteilung erhöhte die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen und band zugleich die Volkswirtschaften Mittel- und Osteuropas immer enger an die deutsche Industrie.
Und dann wollte China genau das kaufen, was Deutschland besonders gut konnte
Parallel veränderte sich die Weltwirtschaft noch grundlegender. China entwickelte sich innerhalb weniger Jahre von einer verlängerten Werkbank zu einer der größten Volkswirtschaften der Welt. Fabriken, Städte, Verkehrsnetze und Energieversorgung wurden in ungeheurer Geschwindigkeit ausgebaut.
Dafür brauchte das Land Maschinen, Anlagen, Fahrzeuge und industrielle Ausrüstung. Genau dort lag eine der traditionellen Stärken Deutschlands. Die Bundesbank stellte später fest, dass deutsche Unternehmen stärker als große Wettbewerber aus Frankreich, Italien oder Spanien von der wachsenden chinesischen Nachfrage profitierten. Besonders deutsche Maschinen und Premiumfahrzeuge passten zum chinesischen Importbedarf.
Noch 2008, als die internationale Finanzkrise bereits begann, stiegen die deutschen Maschinenexporte nach China gegenüber dem Vorjahr um 17,5 Prozent. Bei Kraftfahrzeugen betrug der Zuwachs knapp 17 Prozent.
Damit trafen mehrere Entwicklungen gleichzeitig zusammen:
Deutschland hatte seine Kostenposition verbessert. Der Euro beseitigte Wechselkursrisiken in einem großen Teil Europas. Die EU-Osterweiterung erleichterte grenzüberschreitende Produktionsnetzwerke. Und die Schwellenländer – allen voran China – erzeugten eine Nachfrage, die besonders gut zur deutschen Industriestruktur passte.
Das Exportwunder war also kein Wunder. Es war erneut eine Konstellation.
Der Preis war nicht einfach »niedrige Löhne«
Damit kommen wir zur schwierigsten Frage dieser Folge. Hat Deutschland seinen Exporterfolg auf Kosten seiner Beschäftigten erkauft?
So schlicht lässt sich das nicht beantworten.
Die Lohnzurückhaltung verbesserte die preisliche Wettbewerbsfähigkeit und half Unternehmen, Arbeitsplätze im internationalen Wettbewerb zu halten oder neu aufzubauen. Die Beschäftigung entwickelte sich nach Mitte der 2000er-Jahre deutlich besser, und die strukturellen Arbeitsmarktreformen trugen nach Einschätzung von OECD und IAB dazu bei.
Gleichzeitig veränderte sich die Verteilung der Arbeitseinkommen.
Die Lohnungleichheit hatte bereits seit Mitte der 1990er-Jahre zugenommen – also ebenfalls vor den Hartz-Reformen. In den folgenden Jahren setzte sich diese Entwicklung fort, und der Niedriglohnsektor wuchs. Das IAB warnt deshalb ausdrücklich vor der verbreiteten Vereinfachung, diese Entwicklung allein Hartz IV zuzuschreiben.
Auch die Beschäftigungsformen veränderten sich. Während reguläre Beschäftigung später kräftig zunahm, wuchsen in den Reformjahren zunächst auch Minijobs, Zeitarbeit und befristete Beschäftigung. Untersuchungen des IAB zeigen für die 2000er-Jahre zugleich bessere Übergänge aus Arbeitslosigkeit und einen höheren Anteil weniger stabiler Neueinstellungen.
Das ist die erste Rechnung des Exportwunders:
Deutschland schuf mehr Beschäftigung – aber nicht jede neue Arbeit entsprach dem alten westdeutschen Versprechen vom sicheren, gut bezahlten Normalarbeitsplatz.
Die zweite Rechnung lag im Inland
Zurückhaltende Löhne helfen Exporteuren über niedrigere Kosten. Sie bedeuten aber zugleich, dass die Einkommen der Beschäftigten weniger stark steigen – und damit auch der private Konsum weniger kräftig wachsen kann.
Deutschland setzte in dieser Phase deshalb immer stärker auf Nachfrage aus dem Ausland. Die OECD sah später gerade in einer stärkeren Binnenwirtschaft eine Voraussetzung dafür, die entstandenen wirtschaftlichen Ungleichgewichte abzubauen. Das zeigte sich besonders deutlich in der Leistungsbilanz.
Deutschland entwickelte immer größere Überschüsse: Das Land verkaufte dauerhaft mehr Waren und Dienstleistungen ins Ausland, als es von dort bezog. Gleichzeitig entstanden in anderen europäischen Staaten große Defizite. Die auseinanderlaufenden Lohnstückkosten innerhalb des Euroraums gehörten nach Einschätzung der OECD zu den wesentlichen Treibern dieser Ungleichgewichte.
Doch auch hier wäre die einfache Erzählung falsch: Deutschland nahm seinen europäischen Nachbarn nicht einfach deren Wohlstand weg.
Vom deutschen Exportboom profitierten auch andere
Denn deutsche Exportwaren enthielten immer mehr importierte Vorleistungen.
Motoren, Elektronik, Metallteile und andere Komponenten durchquerten während ihrer Herstellung mehrfach Grenzen. Die Bundesbank errechnete später, dass der in Deutschland erzeugte Anteil am Wert deutscher Exporte gesunken war: In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre entstanden noch rund 78 Prozent der Exporterlöse als heimische Wertschöpfung, 2010 und 2011 waren es im Durchschnitt rund 70 Prozent.
Der Rest stammte zunehmend aus internationalen Lieferketten.
Gerade Länder in Mittel- und Osteuropa profitierten davon, Zulieferer der deutschen Industrie zu werden. Der Exporterfolg Deutschlands war damit zugleich Teil eines europäischen Produktionssystems.
Das macht die Geschichte komplizierter – aber auch interessanter.
Deutschland war Exportweltmeister. Doch hinter dem Label stand längst keine allein deutsche Fabrikhalle mehr.
Aus Stärke wurde eine neue Abhängigkeit
Bis 2007 wirkte das Modell beinahe ideal. Die Exporte boomten. Die Arbeitslosigkeit sank. Deutsche Unternehmen waren weltweit wettbewerbsfähig. Die Erweiterung Europas bot neue Produktionsmöglichkeiten und China einen scheinbar unerschöpflichen Markt.
Aber genau darin lag die dritte Rechnung. Je stärker eine Volkswirtschaft auf internationale Nachfrage und grenzüberschreitende Produktionsketten setzt, desto stärker treffen sie Störungen außerhalb der eigenen Grenzen.
Die deutsche Industrie hatte sich außergewöhnlich erfolgreich in die Weltwirtschaft integriert. Die Bundesbank beschreibt, wie stark Unternehmen Absatzmärkte, Zulieferbeziehungen und Produktionsnetzwerke internationalisierten.
Das machte sie leistungsfähig. Und verwundbar. Ende 2007 begann in den Vereinigten Staaten eine Immobilienkrise, die zunächst weit entfernt von deutschen Maschinenbauern und Automobilwerken zu liegen schien.
Doch die Globalisierung hatte Deutschland nicht nur über seine Fabriken mit der Welt verbunden.
Während die Industrie erfolgreich deutsche Waren exportierte, hatten deutsche Banken längst etwas ganz anderes importiert: amerikanische Finanzrisiken.
Damit beschäftigt sich Teil 7:
Die Rolle der deutschen Banken bei Amerikas Immobiliencrash
Diese Folge ist Teil unserer Serie »Deutschlands Wirtschaftsweg – Weichenstellungen, die unsere Wirtschaft bis heute prägen«, die zentrale wirtschaftliche Weichenstellungen von der Währungsreform bis zur heutigen Standortdebatte nachzeichnet.