Wirtschaft

»Russland wird diesen Abnutzungskrieg nicht gewinnen«

VEB-Chefökonom Andrej Klepatsch widerspricht der Siegeserzählung des Kreml und warnt vor einer sozialen Krise – kurz darauf verliert er seinen Posten

7 Min.

17.08.2026

Russlands wirtschaftliche Widerstandskraft gehört seit Beginn des Angriffskrieges zu den wichtigsten Argumenten des Kreml. Sanktionen seien verkraftet, die Wirtschaft habe sich angepasst und die Ukraine werde einem langen Abnutzungskampf früher erliegen als Russland. Ausgerechnet ein langjähriger Ökonom aus dem inneren staatlichen Wirtschaftssystem hat dieser Erzählung nun öffentlich widersprochen. Wenige Tage nachdem seine Aussagen größere Aufmerksamkeit erhielten, verlor Andrej Klepatsch seinen Posten bei der staatlich kontrollierten Entwicklungsbank VEB.RF.

Ein ungewöhnlicher Kritiker

Klepatsch ist kein russischer Oppositioneller und auch kein Ökonom im westlichen Exil.

Von 2008 bis 2014 war er stellvertretender russischer Wirtschaftsminister. Anschließend wechselte er zur staatlichen Entwicklungsbank VEB.RF und war dort seit 2014 als Chefökonom tätig. Noch 2025 und 2026 trat er regelmäßig als Vertreter der russischen Wirtschaftspolitik auf und argumentierte unter anderem für Importsubstitution und eine stärkere technologische Eigenständigkeit Russlands.

Gerade deshalb fallen Aussagen besonders ins Gewicht, die Klepatsch bereits im Mai vor anderen Ökonomen gemacht haben soll und die erst später größere Öffentlichkeit erreichten.

Seine zentrale Botschaft: Die Erwartung, dass die ukrainische Wirtschaft irgendwann einfach zusammenbrechen werde, sei falsch.

»Wir werden diesen Wettbewerb in einem Abnutzungskrieg mit der Ukraine nicht gewinnen«, sagte Klepatsch nach übereinstimmenden Medienberichten. Die russischen Kosten stiegen, während sich die Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Kollaps der Ukraine bislang nicht erfüllt habe.

Damit stellt er nicht notwendigerweise eine militärische Niederlage Russlands in Aussicht.

Seine Aussage ist subtiler – und wirtschaftlich möglicherweise interessanter: In einem langen Krieg entscheidet nicht allein, wer mehr Soldaten oder Waffen einsetzen kann. Entscheidend ist auch, welche Gesellschaft und welche Wirtschaft die Belastung länger tragen können.

Klepatsch warnt vor einer sozialen Krise

Noch weiter ging der Ökonom mit seiner Einschätzung der russischen Binnenlage.

Russland falle wirtschaftlich gegenüber den USA und China zurück, in einzelnen Bereichen sogar gegenüber der Ukraine. Die Belastungen würden nach seiner Einschätzung irgendwann in eine soziale Krise münden – möglicherweise zu einem Zeitpunkt, an dem diese kaum jemand erwarte.

Das widerspricht deutlich dem öffentlichen Bild des Kreml, nach dem Russland seine Wirtschaft erfolgreich auf die Kriegsbedingungen eingestellt hat.

VEB.RF selbst nannte bislang keinen Grund für Klepatschs Ausscheiden. Ein Bekannter des Ökonomen sagte der russischen Wirtschaftszeitung Vedomosti allerdings, dessen persönliche und ungewöhnlich scharfe Bewertungen der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung hätten nicht mit der Position des Konzerns übereingestimmt. Das unabhängige russische Medium The Bell berichtete unter Berufung auf Quellen, die Entscheidung sei auf eine Anweisung aus dem Kreml zurückgegangen. Unabhängig bestätigt ist diese Darstellung bislang nicht.

Diese Unterscheidung ist wichtig.

Die Entlassung steht fest. Dass sie indes direkt vom Kreml angeordnet wurde, ist eine Medieninformation – keine bestätigte offizielle Begründung.

Die russischen Zahlen machen Klepatschs Warnung interessant

Seine Analyse fällt allerdings in eine Phase, in der auch offizielle russische Daten zunehmend Belastungen zeigen.

Der russische Staatshaushalt wies bereits im ersten Halbjahr 2026 ein Defizit von rund 5,73 Billionen Rubel beziehungsweise 2,5 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Damit lag die Lücke deutlich über dem ursprünglich für das Gesamtjahr vorgesehenen Niveau. Die russische Regierung erwartet inzwischen selbst höhere Ausgaben als zunächst geplant.

Schon zwischen Januar und April waren die staatlichen Einnahmen gegenüber dem Vorjahr um 4,5 Prozent gesunken, während die Ausgaben um 15,7 Prozent zunahmen. Besonders auffällig waren die Öl- und Gaseinnahmen: Sie lagen 38,3 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Das russische Finanzministerium führte dies vor allem auf zuvor niedrigere Ölpreise zurück.

Inzwischen hat der Krieg im Nahen Osten die Ölpreise wieder erhöht und Russland damit zusätzliche Einnahmen verschafft. Das verschafft Moskau Luft – beseitigt die strukturellen Belastungen jedoch nicht.

Selbst die Zentralbank beschreibt eine deutlich schwächere Wirtschaft

Auch die russische Zentralbank zeichnet inzwischen ein wesentlich zurückhaltenderes Bild als noch in den ersten Kriegsjahren.

Ende Juli senkte sie ihren Leitzins lediglich um 0,25 Prozentpunkte auf weiterhin hohe 14 Prozent. Gleichzeitig erklärte sie, dass Unternehmen ihre Erwartungen für Nachfrage und Produktion deutlich reduziert hätten. Wegen höherer Treibstoffpreise und expansiverer Fiskalpolitik erwartet sie für 2026 inzwischen eine Inflation von sechs bis sieben Prozent.

Bereits im Frühjahr hatte die Zentralbank für das Gesamtjahr lediglich ein Wirtschaftswachstum von 0,5 bis 1,5 Prozent prognostiziert. Für das erste Quartal schätzte sie die Wirtschaftsleistung sogar 0,5 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Das bedeutet noch keinen wirtschaftlichen Zusammenbruch.

Russland verfügt weiterhin über erhebliche Rohstoffeinnahmen, kann sich im Inland verschulden und hat große Teile seiner Wirtschaft auf die Bedürfnisse des Krieges umgestellt. Auch westliche Analysen warnen deshalb davor, aus Haushaltsdefiziten einen unmittelbar bevorstehenden Kollaps abzuleiten.

Aber genau hier liegt Klepatschs Argument.

Ein Abnutzungskrieg muss nicht mit einem spektakulären wirtschaftlichen Zusammenbruch enden. Er kann eine Volkswirtschaft langsam immer stärker beanspruchen.

Die Kriegswirtschaft war zunächst Teil der Lösung

Dass Russland überhaupt so lange wirtschaftlich widerstandsfähig blieb, hat mehrere Gründe.

Hohe staatliche Rüstungsausgaben stützten Produktion und Einkommen. Arbeitskräftemangel ließ Löhne steigen. Öl- und Gasexporte brachten trotz Sanktionen weiterhin erhebliche Einnahmen. Zugleich wurde Handel zunehmend nach China und andere asiatische Märkte verlagert.

Klepatsch selbst hatte diese Effekte früher durchaus hervorgehoben. Noch 2025 argumentierte er, der Krieg habe einen deutlichen Lohnschub ausgelöst und dadurch die Konsumnachfrage gestützt. Gleichzeitig warnte er bereits damals davor, dass das Angebot mit dieser Nachfrage nicht Schritt halte und dadurch Inflation entstehe.

Genau darin steckt ein grundlegendes Problem jeder Kriegswirtschaft. Staatliche Militärausgaben können das Bruttoinlandsprodukt erhöhen. Sie machen eine Volkswirtschaft dadurch aber nicht zwangsläufig produktiver.

Eine produzierte Rakete zählt zur Wirtschaftsleistung. Wird sie anschließend abgeschossen, entsteht daraus weder eine neue Fabrik noch eine bessere Straße oder eine Maschine, die künftig weitere Güter produziert.

Je länger ein Krieg dauert, desto stärker wird deshalb die Frage, welche Ressourcen der militärische Sektor anderen Teilen der Wirtschaft entzieht.

Die Ukraine muss denselben Abnutzungskampf bestehen

Klepatschs Warnung bedeutet allerdings keineswegs, dass die ukrainische Seite wirtschaftlich komfortabel dasteht.

Auch die Ukraine ist massiv von externer finanzieller und militärischer Unterstützung abhängig. Der ehemalige ukrainische Oberbefehlshaber Waleri Saluschnyj hat den Krieg ebenfalls ausdrücklich als Abnutzungskrieg bezeichnet und darauf hingewiesen, dass beide Länder bereits mehr verloren als gewonnen hätten. Die Fähigkeit einer Gesellschaft, die Kosten des Krieges zu tragen, werde immer wichtiger.

Damit nähert sich die Einschätzung eines früheren ukrainischen Oberbefehlshabers ausgerechnet jener des langjährigen Ökonomen einer russischen Staatsbank.

Nicht ein einzelner Geländegewinn entscheidet diesen Krieg. Entscheidend wird zunehmend, welche Seite wirtschaftliche, militärische und gesellschaftliche Belastungen länger verkraften kann – und welche Unterstützung sie dafür erhält.

Mehr als eine Personalentscheidung

Deshalb ist Klepatschs Entlassung politisch interessanter als die Personalie selbst. Seine Warnungen sind keine objektive Gewissheit darüber, wie der Krieg enden wird. Auch ein renommierter Ökonom kann die weitere Entwicklung nicht vorhersagen. Bemerkenswert ist vielmehr, woher die Warnung kommt.

Klepatsch arbeitete mehr als einem Jahrzehnt in einer der wichtigsten staatlichen russischen Entwicklungsinstitutionen. Er kennt die russische Wirtschaft nicht aus westlichen Sanktionstabellen, sondern aus dem eigenen System.

Und seine zentrale Aussage lautet gerade nicht, Russland stehe unmittelbar vor dem Kollaps. Sie lautet: Zeit arbeitet nicht zwangsläufig für Moskau. Das ist für den Kreml eine unangenehmere Botschaft.

Stefanie S. Klief

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