Javier Milei bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Knapp drei Jahre nach seinem Amtsantritt zeigen zentrale Wirtschaftsdaten, wie weit Argentiniens radikaler Stabilisierungskurs inzwischen gekommen ist.
Javier Mileis Wirtschaftsprogramm war von Beginn an hoch umstritten. Gewerkschaften organisierten bereits wenige Wochen nach seinem Amtsantritt einen Generalstreik gegen seine Spar- und Reformpolitik; Peronisten, linke Gruppen und andere gesellschaftliche Organisationen gingen auf die Straße. Bei späteren Protesten gegen Einschnitte an den Universitäten schlossen sich sogar konservative Politiker und Vertreter privater Hochschulen an. Die Befürchtung war groß, dass Mileis Schocktherapie soziale Verwerfungen auslösen könnte, ohne Argentiniens jahrzehntelange wirtschaftliche Probleme dauerhaft zu lösen.
Knapp drei Jahre später lässt sich zumindest bei seinem wichtigsten kurzfristigen Ziel eine Entwicklung nicht mehr übersehen: Die Inflation ist massiv gefallen. Im Dezember 2023 stiegen die Verbraucherpreise innerhalb eines einzigen Monats um 25,5 Prozent. Im August 2026 waren es noch 1,7 Prozent. Argentinien hat außerdem zwei Jahre in Folge Primärüberschüsse erzielt, die direkte monetäre Finanzierung des Staates beendet und ist 2025 wieder deutlich gewachsen. Der Internationale Währungsfonds spricht inzwischen von erheblichen Fortschritten bei der Stabilisierung.
Eine Inflationswende, die kaum zu übersehen ist
25,5 Prozent Preissteigerung in einem einzigen Monat: So endete das Jahr 2023 in Argentinien. Auf das Gesamtjahr gerechnet hatten sich die Verbraucherpreise um mehr als 200 Prozent erhöht. Supermärkte änderten ihre Preise beinahe täglich, der Peso verlor rapide an Kaufkraft und Ökonomen warnten vor der Gefahr einer Hyperinflation.
Im August 2026 meldete das staatliche Statistikamt INDEC nun eine monatliche Inflationsrate von 1,7 Prozent. Das ist noch keine Preisstabilität nach europäischen Maßstäben, weil sich eine monatliche Inflationsrate nicht direkt mit den hier üblichen Jahresraten vergleichen lässt. Aber gegenüber den zweistelligen Monatsraten, mit denen Milei sein Amt übernahm, ist der Unterschied enorm.
Auch der IWF bewertet die Stabilisierung inzwischen ausdrücklich positiv. Im Juli bezeichnete IWF-Chefin Kristalina Georgieva die Entwicklung als »impressive stabilization« und verwies auf sinkende Inflation, zwei aufeinanderfolgende Primärüberschüsse, fallende Armut, wieder aufgebaute Währungsreserven und niedrigere staatliche Finanzierungskosten.
Das ist bemerkenswert, weil gerade diese Stabilisierung das Kernversprechen von Mileis Wirtschaftspolitik war.
Der Staat gibt nicht mehr dauerhaft mehr aus, als er einnimmt
Ein wesentlicher Teil der Erklärung liegt tatsächlich dort, wo Milei ihn von Anfang an verortet hat: beim Staatshaushalt.
2025 erzielte der argentinische Zentralstaat zum zweiten Mal in Folge einen Primärüberschuss. Er belief sich auf etwa 1,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Selbst nach Zinszahlungen blieb ein finanzieller Überschuss von ungefähr 0,2 Prozent des BIP.
Der IWF bezeichnet die Geschwindigkeit und Größenordnung dieser Haushaltskonsolidierung als außergewöhnlich. Innerhalb eines Monats nach dem Regierungswechsel wurde der fiskalische Kurs um ungefähr fünf Prozentpunkte des BIP verschärft. Nach Analyse des Fonds war gerade dieser Schritt zentral dafür, wirtschaftliche Stabilität und Glaubwürdigkeit wiederherzustellen.
Damit änderte Milei einen Mechanismus, der Argentiniens Inflationsproblem über Jahre verschärft hatte.
Hohe Staatsdefizite waren immer wieder indirekt oder direkt durch die Zentralbank finanziert worden. Unter Milei wurde diese monetäre Staatsfinanzierung beendet. Der IWF nennt heute sowohl den fiskalischen Anker als auch das Ende dieser Finanzierung ausdrücklich als zentrale Elemente des argentinischen Stabilisierungsprogramms.
Die verkürzte Erklärung, die derzeit in sozialen Netzwerken kursiert – erst Haushaltsausgleich, dann sinkende Inflation –, besitzt also einen realen ökonomischen Kern.
Nur die ganze Geschichte erzählt sie noch nicht.
Der Weg nach unten begann zunächst mit einem Sprung nach oben
Die heute oft zitierte Entwicklung von 25,5 Prozent monatlicher Inflation im Dezember 2023 auf 1,7 Prozent im August 2026 wirkt spektakulär. Sie ist es auch – allerdings begann Mileis Stabilisierungspolitik zunächst in die entgegengesetzte Richtung. Im November 2023, dem letzten vollständigen Monat vor seinem Amtsantritt, hatte die monatliche Inflationsrate noch bei 12,8 Prozent gelegen. Im Dezember sprang sie auf 25,5 Prozent – nahezu das Doppelte.
Der Grund lag zu einem erheblichen Teil in Mileis ersten Reformschritten selbst. Nur wenige Tage nach seinem Amtsantritt ließ die neue Regierung den offiziell stark überbewerteten Peso drastisch abwerten und begann zugleich, zuvor verzerrte Preise und Subventionen anzupassen. Der Internationale Währungsfonds führt den Inflationssprung im Dezember ausdrücklich weitgehend auf diese massive Wechselkursanpassung zurück.
Damit ist die Marke von 25,5 Prozent kein unveränderter Krisenwert, den Milei schlicht von seiner Vorgängerregierung übernommen hätte. Er übernahm bereits eine extreme Inflation – und nahm zunächst bewusst zusätzlichen Preisdruck in Kauf, um Wechselkurs- und Preisverzerrungen zu korrigieren. Erst danach begann die eigentliche Disinflation. Schon bis April 2024 war die monatliche Rate auf 8,8 Prozent gefallen; der IWF führte diesen schnelleren als erwarteten Rückgang später auf das Zusammenspiel aus fiskalischer Stabilisierung, schwächerer Nachfrage und begrenzterer Weitergabe der Peso-Abwertung an die Preise zurück.
Daher sollte man erst Recht die Zahl 12,8 neben die 25,5 – 1,7 Prozent stellen. Denn so erzählen sie wesentlich mehr als der bloße Vergleich von Anfangs- und Endwert vermuten lässt:
Mileis Regierung senkte nicht einfach eine bereits vorhandene Rate von 25,5 Prozent. Sie entschied sich zunächst für einen abrupten Korrekturschritt, der die Inflation noch einmal stark beschleunigte – und brachte sie anschließend über mehr als zweieinhalb Jahre auf einen Bruchteil dieses Spitzenwerts zurück.
Nicht nur Sparen brachte die Inflation herunter
Auch wirtschaftlich wäre es zu einfach, den Rückgang ausschließlich mit dem Staatshaushalt zu erklären.
Der IWF nennt mehrere Faktoren: die straffe Fiskalpolitik, restriktive monetäre Bedingungen, Handelsliberalisierungen sowie Veränderungen des Geld- und Wechselkursregimes. Der ursprünglich eng gesteuerte Peso half zunächst ebenfalls, Inflationserwartungen zu stabilisieren. Diese Kombination ist wichtig.
Wenn der Staat seine Defizite nicht mehr mit neu geschaffenem Geld finanzieren muss, fällt ein zentraler Inflationstreiber weg. Eine restriktive Geldpolitik begrenzt zusätzlich die Liquidität. Ein stabilerer Wechselkurs vermindert wiederum den Druck auf Importpreise.
Mileis Erfolg bei der Inflation lässt sich deshalb durchaus mit seinem wirtschaftspolitischen Kurs verbinden – nur eben nicht mit einer einzigen Maßnahme.
Die erste Phase hatte einen hohen Preis
Der Umbau verlief allerdings keineswegs schmerzfrei.
Mileis Regierung kürzte Subventionen, stoppte öffentliche Bauprojekte, reduzierte staatliche Stellen und senkte reale Staatsausgaben. Die Wirtschaftsleistung schrumpfte 2024 um 1,3 Prozent. Besonders Bauwirtschaft und Industrie litten zunächst unter dem abrupten Anpassungsprozess.
Auch die Armut stieg zunächst massiv. Im ersten Halbjahr 2024 lebten nach INDEC 52,9 Prozent der Bevölkerung der untersuchten Ballungsräume unter der Armutsgrenze. Diese Entwicklung gehörte zu den stärksten Argumenten der Kritiker seiner Politik.
Die Zahlen sind wichtig, weil sie zeigen, dass die Inflationsbekämpfung kein kostenloses Experiment war.
Aber auch sie erzählen noch nicht die ganze weitere Entwicklung.
2025 kam die Wirtschaft zurück
Denn nach der Rezession folgte eine deutliche Erholung.
Das argentinische Bruttoinlandsprodukt wuchs 2025 um 4,4 Prozent. Landwirtschaft, Bergbau und Finanzdienstleistungen gehörten zu den wichtigsten Wachstumstreibern. Privater Konsum, Investitionen und Exporte legten ebenfalls wieder zu.
Auch die Armut ging nach ihrem vorherigen starken Anstieg wieder zurück. Im ersten Halbjahr 2026 waren nach den neuesten INDEC-Zahlen 32,3 Prozent der Menschen von Armut betroffen. Das ist weiterhin sehr hoch – aber rund 20 Prozentpunkte weniger als auf dem Höhepunkt im ersten Halbjahr 2024.
Damit wird eine Bewertung von Mileis erster wirtschaftspolitischer Phase schwieriger. Die sozialen Kosten des anfänglichen Schocks waren real.
Aber ebenso real ist, dass sich einige jener Kennzahlen, die zunächst dramatisch schlechter wurden, anschließend wieder deutlich verbesserten.
Auch der IWF spricht inzwischen von einem grundlegenden Fortschritt
Bemerkenswert ist deshalb, wie sich auch die internationale Bewertung verändert hat.
Im Mai 2026 stellte der IWF einen starken Rückgang der Inflation, den fiskalischen Primärüberschuss und erhebliche Fortschritte beim Umbau hin zu einer marktwirtschaftlicheren Ordnung fest. Gleichzeitig lobte das Direktorium ausdrücklich die konsequente Einhaltung des fiskalischen Ankers.
Im Juli ging IWF-Chefin Georgieva noch weiter. Zwei aufeinanderfolgende Primärüberschüsse seien erstmals seit 15 Jahren erreicht worden, die Armut sei deutlich gefallen, die Kreditwürdigkeit habe sich verbessert und bereits mehr als 45 Milliarden Dollar an Großinvestitionen seien unter Argentiniens neuem Investitionsregime genehmigt worden.
Das bedeutet nicht, dass der IWF Mileis gesamtes Programm für abgeschlossen oder risikolos hält.
Der Fonds fordert weiterhin Wechselkursflexibilität, den Aufbau ausreichender Währungsreserven, zielgerichtete Sozialhilfen und weitere Reformen. Die wirtschaftliche Stabilisierung muss also erst dauerhaft werden.
2026 erinnert daran, dass die Arbeit nicht beendet ist
Auch die jüngsten Konjunkturdaten mahnen zur Vorsicht.
Die Arbeitslosenquote lag im zweiten Quartal 2026 bei 7,9 Prozent. Die Industrieproduktion sank im Juli gegenüber dem Vorjahr um fünf Prozent, und der monatliche Aktivitätsindikator fiel saisonbereinigt um 2,9 Prozent gegenüber Juni.
Das widerspricht der Inflationswende nicht. Es zeigt vielmehr, dass niedrigerer Preisauftrieb und kräftiges Wirtschaftswachstum nicht automatisch gleichzeitig entstehen.
Der IWF erwartet für 2026 insgesamt weiterhin reales Wachstum und sieht die Stabilisierung als deutlich fortgeschritten an, betont aber zugleich bestehende Verwundbarkeiten und die Notwendigkeit, Wachstum und Beschäftigung neben der Disinflation stärker abzusichern.
Mileis wichtigstes Versprechen hat messbare Ergebnisse geliefert
Nach knapp drei Jahren ist deshalb ein Zwischenfazit möglich, ohne daraus ein politisches Urteil zu machen.
Argentinien befand sich Ende 2023 in einer extremen Inflationskrise. Milei versprach einen radikalen Bruch mit der bisherigen Wirtschafts- und Finanzpolitik und setzte tatsächlich einen außergewöhnlich schnellen fiskalischen Anpassungskurs durch.
Heute stehen zwei aufeinanderfolgende Primärüberschüsse, das Ende der monetären Haushaltsfinanzierung und eine monatliche Inflationsrate von 1,7 Prozent in der Bilanz. Nach der Rezession 2024 wuchs die Wirtschaft 2025 wieder um 4,4 Prozent, und die zuvor stark gestiegene Armutsquote ist erheblich zurückgegangen.
Das bedeutet nicht, dass jedes Element von Mileis Politik funktioniert hat oder dass Argentinien seine strukturellen Probleme gelöst hätte.
Aber ebenso wenig lässt sich die Entwicklung inzwischen noch als bloßes wirtschaftspolitisches Experiment ohne nachweisbare Ergebnisse beschreiben.
Die 1,7 Prozent Inflation vom August sind dafür vielleicht das sichtbarste Symbol.
Der entscheidende Test folgt jetzt: Kann Argentinien die erreichte Stabilität bewahren und daraus dauerhaft Investitionen, Wachstum, steigende Einkommen und Beschäftigung entstehen lassen?
Stefanie S. Klief