Symbolbild
Mehr als 120.000 verlorene Industriejobs im vergangenen Jahr waren bereits ein deutliches Warnsignal. Nun erreicht die Schwäche einen Bereich, der Deutschlands Arbeitsmarkt lange stabilisiert hat. Im zweiten Quartal 2026 sank erstmals seit der Corona-Krise auch die Zahl der Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig zeigt eine neue Auswertung von ZEW und Creditreform: 2025 stellten fast 188.000 Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit ein – so viele wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Beide Zahlen messen unterschiedliche Entwicklungen. Zusammengenommen erzählen sie jedoch dieselbe Geschichte: Die wirtschaftliche Schwäche verbreitert sich.
Fast 188.000 Unternehmen verschwanden vom Markt
187.744 Unternehmen stellten 2025 nach der neuen gemeinsamen Analyse von Creditreform und dem ZEW Mannheim ihre Geschäftstätigkeit ein. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Anstieg um knapp 10 Prozent. Einen höheren Wert weist die neu berechnete Zeitreihe zuletzt für 2007 mit fast 208.000 Schließungen aus.
Dabei ist ein methodischer Hinweis wichtig: ZEW und Creditreform haben die Zahlen früherer Jahre auf einer erweiterten Datenbasis neu berechnet. Der jetzt veröffentlichte Wert für 2025 sollte deshalb nicht einfach mit den im vergangenen Jahr kommunizierten 196.100 Schließungen für 2024 verglichen werden. Die damalige Untersuchung beruhte auf dem zu diesem Zeitpunkt verfügbaren Datenstand.
Noch wichtiger ist jedoch eine andere Unterscheidung:
Unternehmensschließung bedeutet nicht Insolvenz.
Nur rund 13 Prozent der 2025 erfassten Geschäftsaufgaben gingen mit einem Insolvenzverfahren einher. Die große Mehrheit verschwindet wesentlich geräuschloser vom Markt.
Viele Unternehmen scheitern nicht – ihre Eigentümer hören auf
Damit steckt hinter den Zahlen nicht ausschließlich die Konjunkturkrise.
Nach Angaben der ZEW-Forscherin Sandra Gottschalk erfolgt inzwischen fast ein Drittel der freiwilligen Schließungen aus Altersgründen. Unternehmerinnen und Unternehmer gehen in den Ruhestand und finden niemanden, der ihren Betrieb übernehmen will.
Das macht den Befund wirtschaftspolitisch komplizierter. Ein insolventes Unternehmen verschwindet, weil sein Geschäftsmodell beziehungsweise seine Finanzierung nicht mehr trägt.
Ein rentabler Betrieb ohne Nachfolger kann dagegen verschwinden, obwohl Kunden, Know-how und Nachfrage vorhanden wären.
Deutschland verliert in diesem Fall nicht nur ein Unternehmen. Es verliert unternehmerische Infrastruktur. Die demografische Entwicklung wird damit selbst zu einem Teil der Standortschwäche.
Besonders sichtbar wird das bei Arztpraxen und Gaststätten
Im Gastgewerbe schlossen 2025 rund 15.000 Betriebe, 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Im Gesundheitswesen wurden knapp 11.000 Schließungen registriert. Allein bei Arztpraxen waren es rund 5.500 – 23 Prozent mehr als 2024. Gerade dort spielt die fehlende Nachfolge eine wichtige Rolle.
Auch die Industrie verlor erneut rund 11.000 Betriebe. Das waren etwa zehn Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Damit verändert sich das Bild des deutschen Firmensterbens.
Es sind nicht mehr nur spektakuläre Insolvenzen großer Unternehmen, die auf wirtschaftliche Probleme hinweisen. Viel Substanz verschwindet kleinteilig: eine Praxis, ein Restaurant, ein mittelständischer Betrieb, eine kleinere Produktionsfirma.
Genau deshalb taucht ein großer Teil dieser Entwicklung in der Insolvenzstatistik überhaupt nicht auf.
Jetzt kippt auch die Beschäftigung bei den Dienstleistern
Parallel dazu veröffentlichte das Statistische Bundesamt am Dienstag neue Erwerbstätigendaten für das zweite Quartal 2026. Insgesamt arbeiteten rund 45,7 Millionen Menschen in Deutschland. Das waren 0,5 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Saisonbereinigt sank die Erwerbstätigkeit auch gegenüber dem vorherigen Quartal um 0,1 Prozent.
Der entscheidende Punkt liegt jedoch tiefer in den Daten.
Die Zahl der Erwerbstätigen in den Dienstleistungsbereichen sank erstmals seit der Corona-Krise wieder im Vorjahresvergleich – um 27.000 Menschen beziehungsweise 0,1 Prozent. Noch im ersten Quartal hatte es dort ein kleines Plus von 45.000 Personen gegeben. 0,1 Prozent klingt zunächst nach wenig. Strukturell ist der Richtungswechsel trotzdem bedeutsam.
Der Dienstleistungssektor hat die Industriekrise lange abgefedert
Deutschland verliert schließlich nicht erst seit diesem Sommer Arbeitsplätze. Im Produzierenden Gewerbe ohne Bau sank die Erwerbstätigkeit bereits im ersten Quartal 2026 gegenüber dem Vorjahr um 2,1 Prozent. Im zweiten Quartal lag das Minus weiterhin bei rund 2,0 Prozent.
Dass die Gesamtbeschäftigung trotzdem lange erstaunlich stabil blieb, lag wesentlich daran, dass an anderer Stelle neue Arbeitsplätze entstanden.
Vor allem öffentliche Dienstleistungen, Erziehung und Gesundheit bauten kontinuierlich Beschäftigung auf. Noch im ersten Quartal kamen dort 181.000 Erwerbstätige hinzu. Auch im zweiten Quartal wuchs dieser Bereich erneut um 1,5 Prozent.
Genau deshalb ist »Dienstleistungssektor« als Gesamtbegriff inzwischen fast irreführend. Die Entwicklung geht stark auseinander.
Handel, Verkehr und Gastgewerbe verlieren – öffentliche Bereiche wachsen
Im Bereich Handel, Verkehr und Gastgewerbe sank die Erwerbstätigkeit im zweiten Quartal um 1,1 Prozent. Bereits zu Jahresbeginn hatte es dort ein Minus von 0,8 Prozent beziehungsweise 81.000 Menschen gegeben.
Auch Unternehmensdienstleister standen bereits im ersten Quartal deutlich unter Druck. Dort wurden 72.000 Erwerbstätige weniger gezählt als ein Jahr zuvor. Besonders schwach war unter anderem die Arbeitnehmerüberlassung – traditionell ein früher Indikator dafür, dass Unternehmen weniger Personal benötigen.
Auf der anderen Seite wachsen weiterhin öffentliche Dienstleistungen sowie Erziehung und Gesundheit. Damit wird ein bislang eher verdeckter Strukturwandel sichtbar:
Beschäftigung verschiebt sich weg von Industrie und Teilen der privatwirtschaftlichen Dienstleistungen hin zu gesellschaftsnahen Bereichen wie Gesundheit, Pflege, Bildung und öffentlicher Verwaltung.
Das ist nicht zwangsläufig negativ. Eine alternde Gesellschaft benötigt beispielsweise mehr Gesundheits- und Pflegeleistungen.
Für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit stellt sich jedoch eine andere Frage: Wo entstehen künftig jene produktiven, exportfähigen und steuerzahlenden Unternehmen, die diese Strukturen finanzieren?
Auch die Selbstständigkeit schrumpft weiter
Im zweiten Quartal gab es außerdem nur noch rund 3,6 Millionen Selbstständige in Deutschland. Ihre Zahl ging erneut überdurchschnittlich zurück. Bereits im ersten Quartal hatte Destatis gegenüber dem Vorjahr ein Minus von 37.000 beziehungsweise 1,0 Prozent festgestellt. Das ist kein neuer Trend.
Aber er trifft inzwischen auf eine niedrige Gründungsdynamik. Nach ZEW-Daten entstanden 2024 rund 157.000 neue Unternehmen. Zwar waren das drei Prozent mehr als im Vorjahr, das Niveau blieb jedoch historisch niedrig. Vor allem in forschungs- und technologieintensiven Bereichen entwickelte sich die Dynamik schwach. Genau hier liegt langfristig das größere Problem.
Eine funktionierende Marktwirtschaft braucht Unternehmensschließungen. Schwache Geschäftsmodelle verschwinden, neue Unternehmen übernehmen Ressourcen, entwickeln bessere Produkte und schaffen neue Arbeitsplätze.
Problematisch wird es, wenn Unternehmen schneller verschwinden, ohne dass ausreichend neue und produktive Betriebe nachwachsen.
Nicht jede Schließung ist ein Krisensignal
Auch deshalb wäre es falsch, aus 187.744 Unternehmensschließungen einen unmittelbar bevorstehenden wirtschaftlichen Kollaps abzuleiten.
Unternehmen werden aus sehr unterschiedlichen Gründen geschlossen. Manche werden verkauft oder ihre Tätigkeit endet planmäßig. Andere verschwinden aufgrund von Alter, fehlender Nachfolge oder geringer wirtschaftlicher Aktivität. Das Mannheimer Unternehmenspanel des ZEW versucht solche Marktaustritte umfassender abzubilden als die reine Insolvenzstatistik.
Zudem gibt es erste Gegenzeichen.
2025 wurden nach Destatis 7,6 Prozent mehr Betriebe mit größerer wirtschaftlicher Bedeutung gegründet als im Vorjahr. Auch im ersten Quartal 2026 lagen die Gründungen solcher Betriebe nochmals 2,8 Prozent über dem Vorjahreswert.
Und das ifo Beschäftigungsbarometer verbesserte sich im Juli von 92,2 auf 93,0 Punkte. Die Unternehmen planten damit etwas weniger Stellenabbau als zuvor. Von einer Trendwende spricht das Institut allerdings ausdrücklich noch nicht. Selbst bei Dienstleistern besteht nach der jüngsten Befragung weiterhin eine leichte Tendenz zum Personalabbau.
Das Warnsignal ist die Breite der Entwicklung
Genau darin liegt der Unterschied zu früheren Phasen der deutschen Wirtschaftsschwäche.
Nun dreht erstmals seit der Pandemie auch die Gesamtbeschäftigung im Dienstleistungssektor ins Minus. Gleichzeitig wächst Beschäftigung vor allem dort weiter, wo demografische und gesellschaftliche Nachfrage vergleichsweise unabhängig von der klassischen Konjunktur besteht: Gesundheit, Erziehung und öffentliche Dienstleistungen.
Das heißt nicht, dass Deutschland keine neuen Arbeitsplätze mehr schafft.
Es heißt aber, dass der privatwirtschaftliche Beschäftigungsmotor deutlich weniger gleichmäßig läuft.
Stefanie S. Klief