Wirtschaft

Mercedes spart weiter – trotz Milliardenpolster

Der Absatz in China bricht ein, nun wird der Stellenabbau erneut ausgeweitet

7 Min.

02.10.2026

Erst im Frühjahr war das vorherige Abfindungsprogramm ausgelaufen. Nun holt Mercedes-Benz das Instrument zurück: Voraussichtlich ab Dezember sollen Beschäftigte in Verwaltung, Entwicklung und anderen Bereichen außerhalb der Produktion erneut Angebote für ein freiwilliges Ausscheiden erhalten. Erstmals werden auch leitende Führungskräfte einbezogen. Der Zeitpunkt zeigt, wie tief der Druck inzwischen reicht. Denn das eigentliche Problem liegt Tausende Kilometer von Stuttgart entfernt.

China überkompensiert die Erfolge anderer Märkte

In einem Schreiben an die Belegschaft beschreibt der Mercedes-Vorstand die Lage ungewöhnlich deutlich. In einzelnen Regionen laufe das Geschäft gut, die Erfolge würden jedoch durch die Rückgänge in China »überkompensiert«.

Die Zahlen bestätigen das.

Im zweiten Quartal 2026 verkaufte Mercedes-Benz Cars weltweit 417.765 Pkw, knapp acht Prozent weniger als ein Jahr zuvor. In Europa stieg der Absatz um vier Prozent, in den Vereinigten Staaten sogar um zehn Prozent. Ohne China hätte Mercedes weltweit zwei Prozent mehr Fahrzeuge verkauft.

Doch im chinesischen Markt brachen die Verkäufe um 30 Prozent ein.

Mercedes nennt dafür drei Ursachen: intensiven Wettbewerb, eine verhaltene Nachfrage und Modellwechsel innerhalb des Portfolios. Gerade der erste Punkt reicht jedoch weit über ein schwaches Quartal hinaus.

China ist für deutsche Premiumhersteller längst nicht mehr nur ein großer Absatzmarkt. Dort treffen Mercedes, BMW und Porsche auf heimische Hersteller, die insbesondere bei Elektroautos, Software und digitaler Ausstattung schnell aufgeholt haben und häufig mit deutlich niedrigeren Kosten arbeiten.

Ab Dezember gibt es wieder Angebote

Mercedes will deshalb sein freiwilliges Abfindungsprogramm in Deutschland wieder aktivieren. Es richtet sich an die sogenannten indirekten Bereiche – also beispielsweise Verwaltung, Entwicklung und Produktionsplanung.

Neben Tarifbeschäftigten sollen diesmal auch Führungskräfte und leitende Führungskräfte individuelle Angebote erhalten.

Dabei bleibt es nach Angaben des Unternehmens beim Prinzip der doppelten Freiwilligkeit: Weder kann Mercedes einen Beschäftigten über dieses Programm zum Ausscheiden zwingen noch kann ein Mitarbeiter gegen den Willen des Unternehmens eine Abfindung verlangen.

Wie viele weitere Stellen auf diese Weise wegfallen sollen, nennt Mercedes bislang nicht. Das vorherige Programm lief von 2025 bis ins Frühjahr 2026. Nach Medienberichten verließen darüber rund 5.500 Beschäftigte den Konzern.

1,1 Milliarden Euro kostete der bisherige Stellenabbau

Wie ernst Mercedes die Verkleinerung seiner Kostenbasis nimmt, lässt sich inzwischen auch im Cashflow ablesen.

Allein im ersten Halbjahr 2026 flossen nach Unternehmensangaben rund 1,1 Milliarden Euro für Abfindungen im Rahmen des Sparprogramms »Next Level Performance« ab.

Dass wenige Monate später ein weiteres Programm gestartet wird, spricht deshalb gegen die Interpretation einer kurzfristigen Reaktion auf einzelne schwache Verkaufsmonate. Mercedes baut seine Kostenstruktur grundlegend um.

Bis 2027 sollen die Fixkosten gegenüber 2024 um zehn Prozent sinken. Auch die Produktionskosten je Fahrzeug sollen um zehn Prozent zurückgehen. Materialkosten sollen zunächst um etwa acht Prozent reduziert werden.

In China sind die Ziele noch ambitionierter: Dort sollen bis 2027 die lokalen Materialkosten um zehn Prozent, die variablen Produktionskosten um 20 Prozent und die Fixkosten ebenfalls um 20 Prozent sinken.

China trifft Mercedes an einer empfindlichen Stelle

Der chinesische Markt ist für Mercedes besonders wichtig, weil dort über Jahre nicht nur viele Fahrzeuge verkauft wurden, sondern auch besonders profitable Modelle.

Das Unternehmen zählt nach eigenen Angaben rund sieben Millionen Mercedes-Kunden in China. Seine Strategie bestand lange darin, sich bewusst auf das obere Preissegment zu konzentrieren und dort hohe Margen zu erzielen.

Im zweiten Quartal sank das bereinigte operative Ergebnis der Pkw-Sparte von 1,23 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum auf 909 Millionen Euro. Die bereinigte Umsatzrendite fiel von 5,1 auf vier Prozent.

Mercedes nennt ausdrücklich den verschärften Marktdruck – insbesondere in China – als eine Ursache. Hinzu kam eine Wertminderung von 704 Millionen Euro auf Beteiligungen in China. Sie führte zwar nicht zu einem entsprechenden unmittelbaren Geldabfluss, macht aber sichtbar, dass sich die wirtschaftlichen Annahmen für den Markt verändert haben.

Der Sparkurs ist keine Notoperation

Trotz der drastischen Personalmaßnahmen steht Mercedes nicht vor einem Liquiditätsproblem.

Zum Ende des ersten Halbjahres verfügte das Industriegeschäft über eine Nettoliquidität von 30,4 Milliarden Euro. Allein in den ersten sechs Monaten hatte der Konzern fünf Milliarden Euro für Dividenden und Aktienrückkäufe ausgegeben.

Seit September läuft zudem ein weiteres Aktienrückkaufprogramm. Bis April 2027 kann Mercedes eigene Aktien für bis zu eine Milliarde Euro erwerben.

Der Stellenabbau dient daher nicht dazu, kurzfristig Zahlungsfähigkeit zu sichern. Er soll die Profitabilität auf einem dauerhaft schwierigeren Markt absichern.

2025 war der Konzerngewinn bereits von 10,4 Milliarden Euro auf 5,3 Milliarden Euro gefallen. Mercedes reagiert darauf mit einer Kombination aus neuen Modellen, geringeren Investitionen, niedrigeren Material- und Produktionskosten sowie einer kleineren Organisation.

Deutschland gerät dabei stärker unter Kostendruck

Der Personalumbau ist nur ein Teil der Debatte.

Nach einem Bericht der WirtschaftsWoche will Mercedes die Arbeitskosten in Deutschland um rund 800 Millionen Euro reduzieren. Diskutiert werden unter anderem längere Arbeitszeiten ohne entsprechenden Lohnausgleich sowie Veränderungen bei Sonderzahlungen. Mercedes selbst äußert sich zu den laufenden Verhandlungen nicht im Detail.

Produktionsvorstand Michael Schiebe hatte zuletzt zugleich deutlich gemacht, dass die deutschen Werke ihre Produktivität erhöhen müssten.

Das fügt sich in eine Entwicklung ein, die inzwischen die gesamte deutsche Autoindustrie erfasst. Volkswagen, BMW, Porsche und zahlreiche Zulieferer reduzieren Kosten und Beschäftigung oder überprüfen Produktionsstandorte.

China wirkt dabei doppelt: Deutsche Hersteller verkaufen dort weniger – und chinesische Wettbewerber drängen gleichzeitig stärker nach Europa.

Mercedes versucht, China mit mehr China zu beantworten

Ein Rückzug aus dem Markt ist dennoch nicht vorgesehen.

Im Gegenteil: Mercedes will Entwicklung und Produktion stärker lokalisieren. Unter dem Prinzip »In China für China« baut der Konzern Partnerschaften mit chinesischen Technologieunternehmen aus. Dazu gehören unter anderem Momenta beim automatisierten Fahren und ByteDance im digitalen Bereich.

Damit verändert sich auch die Arbeitsteilung.

Über Jahrzehnte entwickelten deutsche Autokonzerne Technologien überwiegend in Deutschland und brachten sie anschließend in ihre weltweiten Märkte. In China entsteht inzwischen zunehmend Technik vor Ort – speziell für chinesische Kunden und gemeinsam mit lokalen Partnern.

Das ist ein strategischer Wandel. China ist nicht mehr nur Absatzmarkt, sondern zugleich Entwicklungsstandort, Technologiezentrum und Heimat der schärfsten Wettbewerber.

Die eigentliche Herausforderung beginnt nach dem Sparen

Mercedes befindet sich damit in einem schwierigen Übergang.

Der Konzern hat genug finanzielle Substanz, um neue Modelle zu entwickeln und seine Transformation zu finanzieren. Zwischen 2025 und 2027 sollen mehr als 40 neue oder überarbeitete Fahrzeuge auf den Markt kommen. Gleichzeitig muss das Unternehmen seine Kosten deutlich senken, während sich gerade einer seiner wichtigsten Märkte strukturell verändert.

Das erneute Abfindungsprogramm ist deshalb weniger die Nachricht über einige Tausend mögliche Stellen weniger.

Es zeigt, dass Mercedes inzwischen mit einer anderen Realität plant.

Stefanie S. Klief

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