Wirtschaft

24 Stunden ohne Landung

Airbus verschiebt die Grenzen der Langstrecke

8 Min.

29.07.2026

Mehr als 23.000 Kilometer, 24 Stunden und 24 Minuten in der Luft, zwei Ozeane und zwei Sonnenaufgänge: Der Rekordflug des Airbus A350-1000ULR zeigt, was technisch inzwischen möglich ist. Ob daraus auch ein erfolgreiches Geschäftsmodell wird, entscheidet sich jedoch nicht allein an Reichweite und Tankvolumen.

Mehr als einen Tag in der Luft

Der europäische Flugzeugbauer Airbus hat mit einem speziell für Qantas entwickelten A350-1000ULR einen außergewöhnlichen Testflug abgeschlossen. Die Maschine startete am Montag im australischen Melbourne und landete am Dienstagmorgen im französischen Toulouse.

Nach 24 Stunden und 24 Minuten sowie rund 23.076 zurückgelegten Kilometern setzte das Flugzeug wieder an seinem Produktionsstandort auf. Die bewusst verlängerte Route führte über den Pazifik, Nordamerika und den Atlantik. An Bord befanden sich Testpiloten und Ingenieure von Airbus sowie zwei Piloten der australischen Fluggesellschaft.

Der Flug war kein regulärer Passagierdienst und auch keine direkte Simulation der späteren Verbindung zwischen Sydney und London. Er gehörte zum Entwicklungsprogramm des neuen Flugzeugtyps und sollte nachweisen, dass die Maschine eine Blockzeit von bis zu 23 Stunden bewältigen kann.

Damit berücksichtigt Airbus neben der eigentlichen Flugzeit auch mögliche Warteschleifen, Umleitungen sowie das Rollen am Start- und Zielflughafen. Für die geplante Strecke zwischen Sydney und London rechnet Qantas mit einer reinen Flugzeit von etwa 21 Stunden und 40 Minuten.

3,6 Millionen Menschen verfolgten den Flug

Der Test entwickelte sich auch abseits der Luftfahrtbranche zum Ereignis. Mehr als 3,6 Millionen Menschen beobachteten die Route über den Flugverfolgungsdienst Flightradar24.

Nach Angaben des Unternehmens war es der am zweithäufigsten verfolgte Flug in dessen Geschichte. Größeres Interesse hatte lediglich der Transport des Sarges der britischen Königin Elizabeth II. ausgelöst.

Die enorme Aufmerksamkeit ist für Airbus und Qantas kostenlose Werbung. Noch bevor der erste zahlende Passagier an Bord geht, ist das sogenannte Project Sunrise weltweit bekannt.

Direkt von Sydney nach London

Qantas plant seit 2017, die Ostküste Australiens ohne Zwischenstopp mit London und New York zu verbinden. Die erste tägliche Direktverbindung zwischen Sydney und London soll im Oktober 2027 starten. Tickets sollen ab Februar 2027 verkauft werden.

Die Verbindung würde den Zeitaufwand gegenüber den schnellsten heutigen Reisen mit Zwischenstopp um bis zu vier Stunden reduzieren. Anschließend soll eine Direktstrecke zwischen Sydney und New York folgen.

Für Project Sunrise hat Qantas insgesamt zwölf A350-1000ULR bestellt. Die erste für den regulären Betrieb bestimmte Maschine mit dem Namen »Vega« soll im April 2027 ausgeliefert werden.

Der Name erinnert an die sogenannten Double-Sunrise-Flüge während des Zweiten Weltkriegs. Damals hielten Catalina-Flugboote eine wichtige Verbindung zwischen Australien und dem damaligen Ceylon aufrecht. Die Reisen dauerten bis zu 33 Stunden, sodass Passagiere während eines Fluges zweimal den Sonnenaufgang erlebten.

20.000 Liter zusätzlicher Treibstoff

Grundlage der enormen Reichweite ist ein zusätzlicher Tank im hinteren Teil des Rumpfes. Er fasst 20.000 Liter Treibstoff und erhöht die Reichweite des A350-1000 um rund 1.000 nautische Meilen.

Dafür musste Airbus nicht nur das Kraftstoffsystem verändern. Die Konstruktion wurde verstärkt, außerdem werden die Belüftung, die Temperaturregelung, die Kühlung der Bordküchen und der Lärmschutz für die außergewöhnlich langen Flüge angepasst.

Angetrieben wird die Maschine von zwei Rolls-Royce-Trent-XWB-97-Triebwerken. Während der insgesamt rund zweimonatigen Testphase sollen etwa 80 Flugstunden absolviert und die neu entwickelten Komponenten zugelassen werden.

Weniger Sitze, höhere Erlöse pro Passagier

Wirtschaftlich setzt Qantas nicht auf möglichst viele Fluggäste.

Der A350-1000 bietet bei anderen Fluggesellschaften häufig Platz für mehr als 300 Menschen. Qantas stattet seine Ultralangstreckenmaschinen dagegen mit lediglich 238 Sitzen aus – der niedrigsten Sitzdichte eines A350-1000 weltweit.

Mehr als 40 Prozent der Plätze entfallen auf First Class, Business Class und Premium Economy. Vorgesehen sind sechs abgeschlossene First-Class-Suiten, 52 Business-Suiten, 40 Premium-Economy- und 140 Economy-Sitze.

Damit wird sichtbar, worauf das Geschäftsmodell beruht: Qantas verkauft nicht nur den Transport zwischen zwei Städten, sondern vor allem den eingesparten Zwischenstopp.

Besonders Geschäftsreisende und zahlungskräftige Privatkunden könnten bereit sein, für eine schnellere und bequemere Verbindung einen erheblichen Aufpreis zu zahlen. Ihre Tickets müssen einen großen Teil der höheren Kosten auffangen, die durch den zusätzlichen Treibstoff, die geringe Sitzdichte und die aufwendige Kabinenausstattung entstehen.

Project Sunrise ist damit weniger ein Massenprodukt als eine Premiumstrategie.

Eine Zone gegen die Belastung

20 Stunden oder mehr in einem Flugzeug sind auch in einer modernen Kabine eine körperliche Belastung.

Qantas hat deshalb gemeinsam mit dem Charles Perkins Centre der Universität Sydney untersucht, wie sich Licht, Bewegung, Schlaf und Mahlzeiten auf Jetlag und Wohlbefinden auswirken.

Zwischen Premium Economy und Economy entsteht eine frei zugängliche »Wellbeing Zone«. Dort können Passagiere stehen, sich dehnen, Wasser trinken und angeleitete Bewegungsübungen ausführen. Zwölf verschiedene Lichtszenarien sollen die innere Uhr möglichst früh auf die Zeitzone des Zielortes vorbereiten.

Die Gestaltung zeigt, dass sich Qantas des zentralen Risikos bewusst ist: Ein Flug kann technisch machbar sein und trotzdem von Kunden als unzumutbar empfunden werden.

Der wirtschaftliche Erfolg hängt daher auch davon ab, ob Passagiere nach dem ersten Erlebnis freiwillig erneut 20 Stunden ohne Unterbrechung an Bord verbringen wollen.

Airbus gewinnt ein globales Schaufenster

Für Airbus ist die Bestellung von zwölf Maschinen zahlenmäßig überschaubar. Strategisch besitzt sie dennoch erheblichen Wert.

Der Hersteller kann mit dem A350-1000ULR demonstrieren, dass sein Großraumflugzeug auch die anspruchsvollsten kommerziellen Strecken bedienen kann. Die Technologie könnte später weitere Direktverbindungen ermöglichen, die bislang wegen ihrer Entfernung wirtschaftlich oder technisch kaum realisierbar waren.

Die A350-Familie verbraucht nach Angaben von Airbus durch leichtere Materialien, moderne Aerodynamik und neue Triebwerke rund 25 Prozent weniger Treibstoff als vergleichbare Flugzeuge der vorherigen Generation.

Project Sunrise stärkt zugleich die Position des europäischen Herstellers im Wettbewerb mit Boeing um den lukrativen Langstreckenmarkt. Qantas hatte sich 2022 ausdrücklich für Airbus entschieden und neben den zwölf A350 auch zahlreiche kleinere A220 und A321XLR bestellt.

Direktflüge verändern die Luftfahrtkarte

Die neuen Verbindungen könnten auch den Wettbewerb zwischen Flughäfen und Fluggesellschaften verändern.

Reisende zwischen Australien und Europa steigen heute häufig in Singapur, Dubai, Doha oder anderen asiatischen und arabischen Drehkreuzen um. Qantas will zumindest einen Teil dieser Kunden künftig direkt von Sydney nach London bringen.

Damit konkurriert die Airline nicht nur mit anderen Fluggesellschaften, sondern mit einem ganzen Hub-Modell. Anbieter wie Emirates, Qatar Airways oder Singapore Airlines bündeln Passagiere aus vielen Herkunftsorten an ihren Drehkreuzen und verteilen sie anschließend auf weitere Flüge.

Qantas setzt dagegen auf zahlungskräftige Kunden, die einen Zwischenstopp vermeiden möchten.

Das Modell lässt sich allerdings nicht auf jede Strecke übertragen. Es funktioniert vor allem zwischen großen Wirtschaftszentren, die ausreichend direkte Nachfrage erzeugen und hohe Ticketpreise erlauben.

Die Klimafrage fliegt mit

Die technische Effizienz des A350 löst die ökologische Debatte nicht.

Ein modernes Flugzeug benötigt pro Sitz weniger Treibstoff als ältere Modelle. Auf einer extrem langen Strecke muss es jedoch große Mengen Treibstoff mitführen – und einen Teil davon verbrauchen, um das Gewicht des übrigen Treibstoffs zu transportieren.

Hinzu kommt die besonders großzügige Kabine. Je weniger Menschen sich den Treibstoffverbrauch eines Fluges teilen, desto höher kann die Klimabelastung pro Passagier ausfallen. Der hohe Anteil großer Premiumsitze verschärft diesen Effekt.

Dem steht gegenüber, dass ein Direktflug eine Zwischenlandung, einen zusätzlichen Start und Umwege über ein Drehkreuz vermeidet. Ob die Nonstop-Verbindung pro Passagier tatsächlich klimafreundlicher ist als eine Reise mit Zwischenstopp, hängt daher von Auslastung, Vergleichsflugzeugen, Sitzklasse und konkreter Route ab.

Qantas setzt langfristig auch auf nachhaltigere Flugkraftstoffe. Diese stehen bisher jedoch nur in begrenzten Mengen zur Verfügung und bleiben deutlich teurer als fossiles Kerosin.

Was bleibt

Der 24-Stunden-Flug von Melbourne nach Toulouse war vor allem ein technischer Belastungstest. Seine eigentliche Bedeutung liegt jedoch in dem Geschäftsmodell, das Airbus und Qantas damit vorbereiten.

Ab 2027 soll die Entfernung zwischen Australien und Europa nicht mehr durch einen Zwischenstopp unterbrochen werden. Qantas verkauft Zeitgewinn, Bequemlichkeit und Exklusivität – und richtet die Maschine konsequent auf Passagiere aus, die dafür einen Aufpreis zahlen können.

Airbus wiederum erhält ein weltweit beachtetes Schaufenster für die Leistungsfähigkeit des A350.

Ob Project Sunrise die Langstrecke dauerhaft verändert, entscheidet sich deshalb nicht daran, ob ein Flugzeug 24 Stunden in der Luft bleiben kann. Das hat der Test bewiesen.

Entscheidend ist, ob sich genügend Menschen finden, die für mehr als 20 Stunden einsteigen – und für die ersparte Zwischenlandung auch entsprechend bezahlen.

SK

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