Wirtschaft

800 Milliarden versprochen – 52 Milliarden investiert

Merz’ Wirtschaftsoffensive wächst vor allem auf dem Papier

11 Min.

22.07.2026

Gruppenbild mit Kanzler am 21.07.2025 am Rande des »Made in Germany«-Treffens  im Kanzleramt

Vor einem Jahr versammelte Friedrich Merz Deutschlands Wirtschaftselite im Kanzleramt. Die Unternehmen versprachen Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe, die Bundesregierung bessere Bedingungen. Inzwischen ist die angekündigte Summe weiter gestiegen. Die erste Bilanz zeigt jedoch, wie schwer sich ein politischer Aufbruch messen lässt, wenn bereits Geplantes und tatsächlich Zusätzliches vermischt werden.

Aus 631 werden mehr als 800 Milliarden Euro

Am 21. Juli 2025 starteten 61 Unternehmen und Investoren die Initiative »Made for Germany«. Gemeinsam kündigten sie Investitionen von mindestens 631 Milliarden Euro am deutschen Standort bis 2028 an.

Zu den Initiatoren gehörten unter anderem Siemens, die Deutsche Bank und der Medienkonzern Axel Springer. Vertreter der beteiligten Unternehmen trafen sich mit Bundeskanzler Friedrich Merz im Kanzleramt und verbanden ihre Zusagen mit der Erwartung umfangreicher Strukturreformen.

Merz sprach von einer der größten Investitionsinitiativen der vergangenen Jahrzehnte. Die Botschaft war eindeutig: Wirtschaft und Politik wollten gemeinsam den Stillstand überwinden und das Vertrauen in Deutschland zurückbringen.

Ein Jahr später ist die Initiative deutlich größer.

Ihr gehören inzwischen 139 Unternehmen und Investoren an. Die angekündigten Investitionen für den Zeitraum von 2025 bis 2028 belaufen sich nach eigenen Angaben auf mehr als 800 Milliarden Euro. Das Kapital soll unter anderem in Innovation, Forschung, Infrastruktur und neue Arbeitsplätze fließen.

Auf dem Papier hat sich der wirtschaftliche Aufbruch damit nochmals beschleunigt.

Ob die größere Summe auch einen entsprechend größeren realen Investitionsschub beschreibt, ist jedoch eine andere Frage.

52 Milliarden Euro im ersten Bilanzjahr

Nach einer Auswertung der Wirtschaftswoche investierten die beteiligten Unternehmen 2025 rund 52 Milliarden Euro in Deutschland.

Gegenüber 2024 entsprach das einem Anstieg von 5,7 Prozent. Weltweit erhöhten die Unternehmen ihre Investitionen im selben Zeitraum um 3,5 Prozent auf rund 122 Milliarden Euro.

Dass die deutschen Investitionen stärker zunahmen als die weltweiten, spricht zunächst für eine gewisse Verbesserung.

Die Summe von 52 Milliarden Euro bleibt allerdings weit von dem entfernt, was die große Gesamtzusage vermuten lässt. Würden Investitionen von 631 Milliarden Euro gleichmäßig über vier Jahre verteilt, ergäbe sich rechnerisch ein deutlich höherer Jahresbetrag.

Eine solche lineare Rechnung wäre allerdings zu simpel.

Große Industrieprojekte werden nicht gleichmäßig umgesetzt. Grundstückskäufe, Genehmigungen, Forschung, Anlagenbau und Produktionshochläufe können sich über mehrere Jahre ziehen. Ein erheblicher Teil der Investitionen könnte deshalb erst 2027 oder 2028 zahlungswirksam werden.

Die 52 Milliarden Euro beweisen noch kein Scheitern.

Sie beweisen aber ebenso wenig den versprochenen Durchbruch.

Die Summe misst nicht nur neue Investitionen

Das grundlegende Problem liegt in der Definition.

»Made for Germany« zählt nicht ausschließlich Projekte, die erst nach Gründung der Initiative beschlossen wurden. In den Gesamtbetrag fließen auch bereits geplante Kapitalinvestitionen, Forschungs- und Entwicklungsausgaben sowie Zusagen internationaler Investoren ein.

Die Initiative selbst hatte bereits bei einer früheren Erhöhung auf 735 Milliarden Euro erklärt, die Summe umfasse sowohl geplante als auch neue Investitionen. Lediglich ein nicht näher bezifferter »dreistelliger Milliardenbetrag« sollte auf Neuinvestitionen entfallen.

Damit lässt sich aus der wachsenden Gesamtsumme nicht unmittelbar ableiten, dass sich das Investitionsklima entsprechend verbessert hat.

Ein Unternehmen kann ein bereits beschlossenes Werk, einen regulären Forschungsetat oder eine ohnehin notwendige Erneuerung seiner Anlagen bei der Initiative melden. Das Geld wird tatsächlich in Deutschland ausgegeben. Die Initiative hat es jedoch nicht zwingend ausgelöst.

Bosch erklärte schon zum Start, bei den gemeldeten Beträgen handle es sich um bereits geplante, langfristig angelegte Investitionen.

Das macht die Ausgaben nicht weniger wertvoll.

Es verändert aber die politische Aussage.

Eine Zusage ist noch keine Standortentscheidung

Unternehmen planen Investitionen oft Jahre im Voraus. Gleichzeitig können Projekte verschoben, verkleinert oder vollständig aufgegeben werden, wenn sich Marktbedingungen, Technologien oder politische Vorgaben ändern.

Auch die mehr als 800 Milliarden Euro sind deshalb keine verbindliche Garantie, dass sämtliche Beträge bis Ende 2028 tatsächlich fließen.

Die Initiative spricht von Investitionszusagen. Eine vollständige, öffentlich überprüfbare Aufstellung der einzelnen Projekte, Zeitpläne und Bedingungen gibt es bislang nicht.

Das erschwert jede Erfolgskontrolle.

Steigt die Mitgliederzahl, wächst automatisch auch die Gesamtsumme. Neue Unternehmen bringen ihre eigenen, teils längst geplanten Ausgaben mit. Dadurch kann »Made for Germany« immer größer werden, ohne dass sich bei den ursprünglichen Teilnehmern oder im gesamten Standort zwingend eine vergleichbare Dynamik entwickelt.

Die Initiative misst dann vor allem ihre eigene Expansion.

Auch die Bundesregierung kennt nur die Gesamtsumme

Die Bundesregierung ist nicht Teil von »Made for Germany«. Sie begrüßt die privatwirtschaftliche Initiative und nutzt sie politisch als Vertrauenssignal, verfügt aber nach früheren eigenen Angaben nicht über detailliertere Informationen als die öffentlich kommunizierten Gesamtsummen.

Das ist bemerkenswert.

Der Kanzler stellt die Investitionszusagen als Beleg für eine wirtschaftspolitische Wende heraus. Gleichzeitig kann die Regierung nicht im Einzelnen prüfen, welche Beträge neu sind, welche Projekte bereits vorher feststanden und wie viel davon tatsächlich umgesetzt wurde.

Die politische Wirkung der Zahl ist damit größer als ihre wirtschaftsstatistische Aussagekraft.

800 Milliarden Euro klingen nach einem enormen Vertrauensvorschuss.

Ohne Vergleichsszenario bleibt jedoch offen, wie viel davon auch ohne Initiative investiert worden wäre.

Merz hatte selbst vor bloßer Symbolpolitik gewarnt

Beim Auftakttreffen im Juli 2025 erklärte Merz, es dürfe nicht bei dem Eindruck bleiben, man habe sich lediglich getroffen. Entscheidend sei, dass die Unternehmen ihre Investitionen umsetzten und die Politik die notwendigen Rahmenbedingungen schaffe.

Genau an diesem gegenseitigen Versprechen muss sich die Initiative messen lassen.

Die Unternehmen stellen Investitionen in Aussicht.

Die Bundesregierung verspricht Reformen bei Steuern, Energie, Bürokratie, Infrastruktur, Arbeitsmarkt und Genehmigungen.

Nach einem Jahr sind beide Seiten unzufrieden.

Die Unternehmen sehen zwar Fortschritte, verlangen aber weitere und schnellere Veränderungen. Die Bundesregierung wiederum verweist darauf, dass sie bereits umfangreiche steuerliche Entlastungen, Investitionsprogramme und Infrastrukturmittel beschlossen habe.

Der Schulterschluss wird damit zunehmend zu einem Tauschgeschäft:

Die Wirtschaft stellt Kapital in Aussicht – unter der Bedingung, dass die Politik liefert.

Unternehmen stellen bereits die nächsten Forderungen

Ende September will »Made for Germany« erneut mit der Bundesregierung beraten.

Siemens-Chef Roland Busch erklärte, das zuletzt beschlossene Reformpaket gehe wichtige Probleme an, reiche aber nicht aus. Die Maßnahmen müssten schnell umgesetzt und um weitere Reformen ergänzt werden.

Busch fordert unter anderem flexiblere Arbeitszeiten. Deutschland solle stärker von täglichen zu wöchentlichen Höchstarbeitszeiten übergehen. Zudem kritisiert er die hohe Teilzeitquote und verlangt insgesamt mehr geleistete Arbeitsstunden.

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing zeichnet ein optimistischeres Bild. Die jüngsten Reformen hätten die Zuversicht internationaler Investoren gestärkt. Ausländische Kapitalgeber planten nach seiner Darstellung Investitionen in Deutschland in substanzieller dreistelliger Milliardenhöhe.

Beide Aussagen folgen derselben Logik:

Das Kapital ist grundsätzlich vorhanden.

Ob es tatsächlich nach Deutschland fließt, hängt von weiteren politischen Entscheidungen ab.

Die Initiative ist auch ein Lobbyinstrument

Das macht »Made for Germany« nicht automatisch unglaubwürdig.

Unternehmen müssen Standortbedingungen bewerten und dürfen öffentlich benennen, welche Kosten, Vorschriften oder Engpässe Investitionen erschweren.

Die Initiative ist dennoch mehr als ein neutraler Investitionsclub.

Sie bündelt wirtschaftspolitische Forderungen großer Unternehmen und verbindet sie mit einer eindrucksvollen Zahl. Je größer die Summe, desto stärker der politische Druck: Wer Reformen ablehnt oder verzögert, riskiert scheinbar Hunderte Milliarden Euro an Investitionen.

Dabei bleibt häufig unklar, ob konkrete Projekte tatsächlich von einzelnen Forderungen abhängen.

Wird eine Fabrik nur gebaut, wenn das Arbeitszeitgesetz geändert wird? Hängt ein Forschungszentrum an niedrigeren Unternehmenssteuern? Würden Investitionen vollständig ausfallen oder lediglich in geringerem Umfang stattfinden?

Ohne diese Zuordnung bleibt aus dem Versprechen schnell ein allgemeiner Wunschzettel.

Der Ökonom Stefan Kooths vom Kiel Institut für Weltwirtschaft warnt deshalb davor, dass solche Initiativen verpuffen, wenn daraus keine echte Politik folgt. Gleichzeitig fordert er grundsätzlich bessere marktwirtschaftliche Bedingungen statt öffentlich inszenierter Bündnisse.

Deutschland braucht den privaten Investitionsschub tatsächlich

Die Kritik an der Messbarkeit darf das eigentliche Problem nicht verdecken.

Deutschland leidet seit Jahren unter einer schwachen Investitionsdynamik. Hohe Energiepreise, langsame Genehmigungen, Fachkräftemangel, Bürokratie und geopolitische Unsicherheit belasten Industrie und Mittelstand.

Gleichzeitig müssen Unternehmen enorme Summen für Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Klimaneutralität, neue Produktionsverfahren und resilientere Lieferketten aufbringen.

Der Staat allein kann diese Transformation nicht finanzieren.

Das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen schafft zusätzlichen Spielraum für öffentliche Infrastruktur. Wirtschaftliches Wachstum entsteht aber erst dann, wenn private Unternehmen ebenfalls Fabriken, Forschung, Netze, Rechenzentren und neue Geschäftsmodelle finanzieren.

In diesem Sinne ist »Made for Germany« wichtig.

Die Initiative zeigt, dass große Unternehmen den Standort nicht aufgegeben haben und grundsätzlich bereit sind, erhebliche Mittel einzusetzen.

Die Frage ist nur, ob sie einen neuen Investitionszyklus auslöst – oder hauptsächlich ohnehin geplante Ausgaben unter einer gemeinsamen Überschrift versammelt.

Mehr Mitglieder machen die Bilanz nicht automatisch besser

Die Entwicklung von 61 auf 139 Unternehmen ist politisch beeindruckend.

Sie erschwert jedoch den Vergleich.

Die ursprüngliche Zusage von 631 Milliarden Euro stammte von einem kleineren Teilnehmerkreis. Inzwischen melden mehr als doppelt so viele Unternehmen ihre Investitionsplanungen. Dass dadurch die Gesamtsumme auf über 800 Milliarden Euro steigt, ist kaum überraschend.

Für eine belastbare Bilanz müsste deshalb getrennt ausgewiesen werden:

  • Wie haben sich die Investitionen der ursprünglichen 61 Mitglieder entwickelt?
  • Welche Beträge bringen später hinzugekommene Unternehmen mit?
  • Wie viel davon war bereits vor Eintritt in die Initiative geplant?
  • Welche Projekte wurden nach dem Start neu beschlossen?
  • Welche Investitionen wurden verschoben oder gestrichen?
  • Und welcher Anteil floss tatsächlich bereits ab?

Erst dann ließe sich beurteilen, ob die Initiative einen eigenen Effekt erzeugt.

Solange diese Daten fehlen, bleibt die wichtigste Kennzahl zugleich die ungenaueste.

Auch höhere Investitionen beweisen noch keine Kausalität

Der Anstieg der Investitionen um 5,7 Prozent ist positiv.

Er beweist aber nicht, dass »Made for Germany« die Ursache war.

Unternehmen können aus vielen Gründen mehr investieren: technologische Erneuerung, gestiegene Preise für Maschinen und Bauleistungen, gesetzliche Vorgaben, neue Verteidigungsaufträge oder bereits früher beschlossene Projekte.

Um den Erfolg der Initiative zu bewerten, wäre ein Vergleich notwendig.

Wie entwickelten sich die Investitionen ähnlicher Unternehmen, die nicht beteiligt sind? Wie hoch wäre die Summe ohne die Initiative ausgefallen? Welche Projekte wurden nachweislich wegen veränderter politischer Rahmenbedingungen nach Deutschland verlagert?

Eine solche Gegenrechnung existiert bislang nicht.

Die Initiative veröffentlicht eine Summe, aber kein belastbares wirtschaftliches Vergleichsszenario.

Merz braucht den Erfolg politisch

Für Friedrich Merz ist »Made for Germany« mehr als eine Unternehmensinitiative.

Sie gehört zur Erzählung seiner Kanzlerschaft: Deutschland soll wieder wirtschaftsfreundlicher, investitionsstärker und international wettbewerbsfähiger werden.

Die gemeinsame Inszenierung mit Konzernchefs sollte zeigen, dass sich das Verhältnis zwischen Bundesregierung und Wirtschaft nach Jahren der Standortdebatten verbessert.

Genau deshalb ist die erste Jahresbilanz politisch heikel.

Wenn die zugesagten Summen steigen, reale Investitionen aber nur langsam folgen, verliert das Signal an Kraft. Je häufiger die Bundesregierung die 800 Milliarden Euro als Erfolg verbucht, desto stärker muss sie erklären, welcher Anteil davon tatsächlich auf ihre Politik zurückgeht.

Ein privates Investitionsversprechen kann eine Regierung unterstützen.

Es kann ihre Reformbilanz nicht ersetzen.

Die Sommerpause legt den Widerspruch frei

Während Berlin in die politische Sommerpause geht, steht die Initiative an einem interessanten Zwischenpunkt.

Die Unternehmen haben ihre Zusagen nochmals erhöht. Gleichzeitig kündigen sie an, nach der Sommerpause neue Forderungen zu stellen.

Damit wird sichtbar, dass »Made for Germany« kein abgeschlossener Investitionsplan ist.

Es ist ein fortlaufender Verhandlungsprozess.

Die Politik verweist auf Hunderte Milliarden Euro privates Kapital, um Vertrauen zu demonstrieren. Die Unternehmen nutzen dieselbe Summe, um mehr Reformtempo zu verlangen.

Beide Seiten profitieren kommunikativ voneinander.

Ob der Standort ebenfalls profitiert, entscheidet sich nicht an Gipfelbildern oder Gesamtsummen. Es entscheidet sich daran, ob Projekte tatsächlich gebaut, Forschungsstellen geschaffen, Anlagen bestellt und Arbeitsplätze gesichert werden.

SK

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