Die Zahl der stationären Einzelhandelsgeschäfte in Deutschland steht vor einem historischen Einschnitt. Erstmals seit der Wiedervereinigung könnte die Zahl der Läden unter die Marke von 300.000 fallen. Für das Jahr 2026 wird ein Rückgang auf rund 296.600 Geschäfte erwartet – ein Minus von etwa 4.900 Standorten innerhalb eines Jahres.
Damit setzt sich ein langfristiger Trend fort. Noch im Jahr 2015 lag die Zahl der Geschäfte bei rund 372.000. Seither hat sich das Netz des stationären Handels kontinuierlich ausgedünnt – beschleunigt durch die Pandemie und strukturelle Veränderungen im Konsumverhalten.
Strukturwandel statt kurzfristiger Krise
Die Entwicklung ist kein kurzfristiges Phänomen, sondern Ausdruck eines tiefgreifenden Strukturwandels. Der stationäre Handel steht unter Druck von mehreren Seiten gleichzeitig. Die Konsumlaune bleibt verhalten, während steigende Kosten für Energie, Personal und Mieten die Margen belasten. Gleichzeitig wächst der Onlinehandel weiter und verschiebt Kaufentscheidungen zunehmend ins Digitale.
Hinzu kommt ein verändertes Konsumverhalten. Kunden erwarten heute mehr Bequemlichkeit, größere Auswahl und schnellere Verfügbarkeit. Der klassische stationäre Handel kann diese Erwartungen oft nur schwer erfüllen, insbesondere kleinere und mittelständische Unternehmen geraten dadurch zunehmend unter Druck.
Steigende Insolvenzen verschärfen die Lage
Die wirtschaftliche Situation vieler Händler ist angespannt. Die Zahl der Insolvenzen im Einzelhandel hat zuletzt den höchsten Stand seit etwa zehn Jahren erreicht. Auch bekannte Marken und Filialketten mussten Standorte schließen oder ihr Geschäft vollständig einstellen.
Gleichzeitig zeigt eine Branchenumfrage, dass nur ein kleiner Teil der Händler seine aktuelle Geschäftslage positiv bewertet. Ein erheblicher Anteil rechnet mit weiter sinkenden Umsätzen, was auf eine anhaltend schwierige Marktlage hindeutet.
Folgen für Städte und Wirtschaft
Die Entwicklung hat weitreichende Konsequenzen über den Handel hinaus. Innenstädte verlieren zunehmend an Attraktivität, wenn Leerstände zunehmen und Frequenzbringer verschwinden. Der Einzelhandel ist traditionell ein zentraler Bestandteil urbaner Strukturen und spielt eine wichtige Rolle für Beschäftigung und wirtschaftliche Dynamik.
Die aktuelle Entwicklung zeigt, dass sich diese Funktion verändert. Während der stationäre Handel an Bedeutung verliert, entstehen neue Nutzungskonzepte für Innenstädte, etwa im Bereich Dienstleistungen, Gastronomie oder Wohnen.
Ein Wendepunkt für den Handel
Der erwartete Rückgang unter die Marke von 300.000 Geschäften markiert damit mehr als nur eine statistische Schwelle. Er steht symbolisch für einen grundlegenden Wandel im deutschen Einzelhandel.
Die Branche befindet sich in einer Phase der Neuordnung, in der sich entscheidet, welche Geschäftsmodelle langfristig bestehen können – und welche aus dem Markt verschwinden.
SK