Als Lidl 1994 seine ersten Geschäfte in Großbritannien eröffnete, gehörte der deutsche Discounter zu den Herausforderern eines Marktes, der von Tesco, Sainsbury’s, Asda und Morrisons geprägt wurde. Drei Jahrzehnte später ist von dieser Ordnung nicht mehr viel übrig. Lidl hat Morrisons inzwischen überholt und ist zur Nummer fünf aufgestiegen. Aldi liegt bereits auf Rang vier. Nun investieren beide erneut Milliardenbeträge – und zeigen, wie grundlegend sie den britischen Lebensmittelhandel verändert haben.
600 Millionen Pfund für die nächste Wachstumsrunde
Lidl will im laufenden Geschäftsjahr mehr als 50 neue Filialen in Großbritannien eröffnen und dafür rund 600 Millionen Pfund investieren.
Das Geld fließt nicht nur in neue Geschäfte. Auch Logistik und bestehende Standorte werden ausgebaut. In Leeds entsteht ein neues Verteilzentrum, der Standort Belvedere in London soll erweitert werden.
Rund 2.000 neue Arbeitsplätze sollen durch die Expansion entstehen.
Lidl betreibt inzwischen gut 1.010 Filialen und 13 Logistikzentren in England, Schottland und Wales. Im vergangenen Geschäftsjahr kamen mehr als 40 neue Märkte hinzu. Die Expansion folgt damit nicht auf eine schwache Phase, die durch Wachstum repariert werden müsste. Lidl investiert aus einer Position zunehmender Stärke.
Umsatz steigt auf 13 Milliarden Pfund
Im Geschäftsjahr bis Ende Februar 2026 erhöhte Lidl GB seinen Umsatz um 10,8 Prozent auf 13 Milliarden Pfund. Der operative Gewinn stieg um 9,9 Prozent auf 345 Millionen Pfund. Gleichzeitig registrierte der Händler 43 Millionen zusätzliche Kundenbesuche. Insgesamt wurden 486 Millionen Artikel mehr verkauft als im Vorjahr.
Ein Teil dieses Wachstums geht auf neue Filialen und die allgemeine Lebensmittelpreisentwicklung zurück. Lidl selbst investierte gleichzeitig 315 Millionen Pfund in Preisreduzierungen und Verkaufsaktionen. Bemerkenswert ist deshalb weniger die reine Umsatzsteigerung als die Marktanteilsentwicklung.
Im Mai überholte Lidl erstmals Morrisons und wurde zum fünftgrößten Lebensmittelhändler Großbritanniens. Inzwischen kommt das Unternehmen auf rund 8,7 Prozent Marktanteil. Morrisons liegt bei etwa 8,4 Prozent.
Damit ist ein weiterer Name aus der traditionellen britischen Supermarktordnung hinter einen deutschen Discounter zurückgefallen.
Aldi wartet eine Stufe weiter oben
Noch größer ist Aldi. Der ebenfalls deutsche Discounter erreicht derzeit rund 10,6 Prozent Marktanteil und liegt damit auf Platz vier hinter Tesco, Sainsbury’s und Asda. Zusammengerechnet kommen Aldi und Lidl damit auf etwa 19,3 Prozent des britischen Lebensmittelmarktes.
Das bedeutet nicht, dass beide Unternehmen gemeinsam auftreten. Aldi und Lidl sind eigenständige Konkurrenten und unterscheiden sich in wichtigen Teilen ihrer Strategie.
Aber ihre kombinierte Größenordnung zeigt, wie stark sich der Markt verschoben hat. Vor zwei Jahrzehnten galten beide noch als Nischenanbieter für besonders preisbewusste Kunden. Heute entfallen rechnerisch fast 20 Prozent der britischen Lebensmittelausgaben auf die beiden deutschen Ketten.
Zum Vergleich: Sainsbury’s erreicht allein rund 15,2 Prozent Marktanteil.
Jetzt investieren beide gleichzeitig
Und der Wettbewerb wird härter. Aldi kündigte Ende September an, 2027 rund 900 Millionen Pfund in Großbritannien investieren zu wollen. Geplant sind 40 neue Filialen sowie weitere Investitionen in das Logistiknetz.
Lidl bringt nun 600 Millionen Pfund für seine laufende Expansion auf.
Beide Programme beziehen sich zwar auf unterschiedliche Zeiträume. Zusammen zeigen sie aber die Größenordnung des Kapitalaufwands, mit dem die deutschen Discounter ihre Position weiter ausbauen wollen.
Allein die aktuell angekündigten Investitionsprogramme summieren sich auf 1,5 Milliarden Pfund. Aldi verfolgt langfristig das Ziel, sein Netz auf 1.500 britische Filialen auszubauen. Lidl veröffentlicht regelmäßig Listen mit Hunderten Orten, an denen das Unternehmen weitere Standorte sucht.
Der britische Discountmarkt nähert sich damit keineswegs seiner Sättigung. Zumindest die beiden Unternehmen selbst sehen noch erheblichen Raum.
Lidl wächst derzeit schneller als Aldi
Interessant ist dabei, dass sich die Dynamik innerhalb des deutschen Duos verschoben hat. Aldi bleibt größer, doch Lidl wächst derzeit deutlich schneller.
In den zwölf Wochen bis Anfang September stiegen Lidls Verkäufe nach Marktdaten um rund acht Prozent. Aldi erreichte im gleichen Zeitraum nur etwa 0,7 Prozent Wachstum und verlor leicht Marktanteile.
Lidl wiederum gewann hinzu. Dahinter steckt auch eine unterschiedliche Strategie. Aldi hält stärker am klassischen Discounternarrativ möglichst einfacher, dauerhaft niedriger Preise fest. Lidl kombiniert den Preisanspruch zunehmend mit Kundenbindungsprogrammen, Premiumprodukten und digitalen Angeboten.
Die Zahl aktiver Nutzer von Lidl Plus stieg im vergangenen Geschäftsjahr um 23 Prozent. Auch das höherpreisige Deluxe-Sortiment wuchs um zwölf Prozent.
Das passt zu einer Entwicklung, die für traditionelle Supermärkte besonders unangenehm ist: Lidl zieht nicht mehr nur Kunden an, die möglichst billig einkaufen wollen. Der Discounter greift zunehmend auch dort an, wo klassische Vollsortimenter bisher mit Qualität, Komfort und Premiumangeboten punkten konnten.
650 Millionen Pfund wanderten von Konkurrenten zu Lidl
Wie unmittelbar dieser Wettbewerb geworden ist, zeigen sogenannte Switching-Daten. Lidl beziffert den Umsatz, der innerhalb eines Jahres von Kunden anderer Händler zum Unternehmen wechselte, auf mehr als 650 Millionen Pfund.
Solche Zahlen stammen aus Paneldaten und sind keine direkte Bilanzgröße. Sie zeigen jedoch, wie stark der Kampf um bestehende Kunden geworden ist.
Für Tesco, Sainsbury’s, Asda und Morrisons reicht es deshalb längst nicht mehr, Lidl und Aldi als reine Preiskonkurrenten zu behandeln. Die traditionellen Ketten haben ihrerseits Eigenmarken ausgebaut, Preise gesenkt und Kundenprogramme verstärkt.
Das ursprüngliche Discountmodell hat damit den gesamten Markt verändert. Nicht nur Aldi und Lidl sind gewachsen. Auch ihre Wettbewerber sehen heute anders aus, weil sie auf dieses Wachstum reagieren mussten.
Aus dem deutschen Discounter wird britische Infrastruktur
Lidl versucht zugleich, einen möglichen Schwachpunkt seines Images zu entschärfen. Trotz deutscher Herkunft präsentiert sich der Konzern zunehmend als Bestandteil der britischen Lebensmittelwirtschaft.
Rund zwei Drittel seines Sortiments bezieht Lidl nach eigenen Angaben von britischen Lieferanten. Für alltägliche Eigenmarkenprodukte wie Rind- und Schweinefleisch, Hähnchen, Milch, Butter, Sahne und Eier setzt das Unternehmen vollständig auf britische Herkunft.
Bis 2030 will Lidl Lieferverträge mit britischen Landwirtschafts- und Lebensmittelunternehmen im Wert von 30 Milliarden Pfund abschließen.
Das ist keine Kapitalinvestition im engeren Sinne, sondern der Wert geplanter Beschaffung über mehrere Jahre. Für Landwirte und Lebensmittelproduzenten kann eine solche langfristige Nachfrage dennoch Investitionssicherheit schaffen.
Aus dem ausländischen Discounter wird damit zunehmend ein Bestandteil heimischer Lieferketten. Das ist gerade in Großbritannien politisch relevant, wo Fragen der Ernährungssicherheit, Inflation und heimischen Lebensmittelproduktion stärker in den Vordergrund gerückt sind.
Inflation hilft den Discountern – aber erklärt nicht alles
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen spielen Lidl und Aldi grundsätzlich in die Hände. Steigende Lebensmittelpreise und belastete Haushaltsbudgets erhöhen den Anreiz, günstigere Anbieter auszuprobieren.
Doch Inflation allein erklärt Lidls Entwicklung nicht. Der Händler gewinnt Marktanteile gegenüber Wettbewerbern, die unter denselben wirtschaftlichen Bedingungen operieren. Gleichzeitig steigen Kundenfrequenz und Absatzmenge.
Das deutet darauf hin, dass der Discounter nicht nur von höheren Preisen profitiert, sondern tatsächlich mehr Geschäft an sich zieht. Während andere Handelsbereiche seit Jahren darüber diskutieren, wie viel Verkaufsfläche in einer digitalisierten Wirtschaft überhaupt noch benötigt wird, bleibt der Lebensmittelhandel bemerkenswert standortabhängig.
Nähe entscheidet. Wer keine Filiale in erreichbarer Entfernung hat, verliert einen erheblichen Teil des potenziellen Marktes.
Die alte britische Ordnung zerbricht
Der vielleicht stärkste Beleg für die Veränderung liegt deshalb nicht in den 600 Millionen Pfund. Er liegt in den Ranglisten. Aldi hat sich bereits vor Jahren zwischen die großen britischen Lebensmittelketten geschoben. Lidl hat nun Morrisons überholt.
Die sogenannte Big-Four-Struktur aus Tesco, Sainsbury’s, Asda und Morrisons existiert damit wirtschaftlich kaum noch in ihrer alten Form. Und der Druck könnte weiter steigen. Tesco bleibt mit rund 27,8 Prozent Marktanteil mit Abstand Marktführer. Sainsbury’s folgt mit gut 15 Prozent. Dahinter wird der Abstand jedoch deutlich kleiner.
Für Lidl besteht damit die nächste Wachstumsphase nicht mehr darin, sich überhaupt Zugang zum britischen Massenmarkt zu verschaffen. Diesen Schritt hat das Unternehmen längst geschafft. Die neue Frage lautet, wie weit die deutschen Discounter innerhalb der etablierten britischen Hierarchie noch aufsteigen können.
600 Millionen Pfund sind darauf eine ziemlich konkrete Antwort.
Stefanie S. Klief