Kohlekraftwerk in Morgantown, West Virginia, USA
Amerikas Rechenzentren brauchen immer mehr Strom. Gleichzeitig will Donald Trumps Regierung Kohle- und Gaskraftwerke von zentralen bundesweiten CO₂-Vorgaben befreien. Die beiden Entwicklungen gehören zusammen: Die USA wollen im weltweiten KI-Wettlauf führen und dafür möglichst schnell zusätzliche Energie bereitstellen. Doch mit der angekündigten Deregulierung geht die Regierung weit über eine kurzfristige Antwort auf wachsenden Strombedarf hinaus. Sie versucht, die Klimapolitik des amerikanischen Stromsektors rechtlich neu zu ordnen.
Eine der wichtigsten Biden-Klimaregeln soll fallen
Die US-Umweltbehörde Environmental Protection Agency (EPA) steht unmittelbar davor, die bundesweiten Treibhausgasstandards für fossil betriebene Kraftwerke aufzuheben. EPA-Chef Lee Zeldin soll den Schritt nach übereinstimmenden Medienberichten am Montag im Umfeld eines Treffens der G20-Energieminister in Houston bekannt geben. Bis zum Montagnachmittag deutscher Zeit war die endgültige Regel auf der EPA-Seite noch nicht veröffentlicht.
Betroffen sind Vorschriften, die unter Präsident Joe Biden 2024 beschlossen worden waren. Sie begrenzten die CO₂-Emissionen neuer Gaskraftwerke und legten Vorgaben für bestehende Kohle-, Öl- und Gaskraftwerke fest.
Besonders langlebige Kohlekraftwerke und neue Gaskraftwerke im Grundlastbetrieb sollten ihre CO₂-Emissionen langfristig drastisch verringern. Für neue stark ausgelastete Gasturbinen sah die Regel ab 2032 einen Emissionsstandard vor, der auf einer Abscheidung von 90 Prozent des CO₂ beruhte. Auch langfristig weiterbetriebene Kohlekraftwerke sollten ihre Emissionen entsprechend weit reduzieren oder ihre Betriebsdauer begrenzen.
Die damalige EPA rechnete damit, dass die Vorschriften bis 2047 rund eine Milliarde Tonnen Treibhausgasemissionen verhindern könnten. Der Stromsektor gehört zu den größten Emissionsquellen der USA.
Nun soll dieser Kurs nahezu vollständig umgedreht werden.
Die EPA greift nicht nur die Grenzwerte an
Die politische Tragweite reicht über einzelne Emissionsgrenzen hinaus.
Schon im Juni 2025 hatte die Trump-EPA vorgeschlagen, sämtliche Treibhausgasstandards für fossil betriebene Kraftwerke unter Section 111 des Clean Air Act abzuschaffen. Ihre Argumentation: Bevor die Behörde solche Emissionen regulieren dürfe, müsse sie feststellen, dass die betreffende Kraftwerkskategorie erheblich zu gefährlicher Luftverschmutzung beitrage. Nach Auffassung der heutigen EPA sei diese Voraussetzung bei Treibhausgasemissionen fossil betriebener Kraftwerke nicht erfüllt.
Damit versucht die Regierung nicht lediglich zu entscheiden, dass die Biden-Regeln zu streng seien. Sie greift die rechtliche Begründung dafür an, dass die EPA CO₂ aus Kraftwerken in dieser Form überhaupt regulieren darf.
Sollte diese Interpretation vor Gericht Bestand haben, könnte das die Möglichkeiten einer späteren Regierung einschränken, vergleichbare Vorschriften einfach wieder einzuführen. Genau deshalb wird bereits mit umfangreichen Klagen gerechnet. Ob dieser Versuch juristisch dauerhaft funktioniert, ist offen.
Dabei ist eine Unterscheidung wichtig: Im Februar hatte die EPA bereits das sogenannte Endangerment Finding aus dem Jahr 2009 aufgehoben. Dieses bildete die Grundlage für bundesweite Treibhausgasregeln bei Kraftfahrzeugen unter einer anderen Vorschrift des Clean Air Act. Die jetzige Kraftwerksentscheidung betrifft einen eigenen Rechtsweg unter Section 111. Die beiden Schritte gehören zu derselben Deregulierungsstrategie, sind juristisch aber nicht identisch.
Aus Klimapolitik wird Energiepolitik für das KI-Zeitalter
Die Trump-Regierung begründet den Rückbau nicht allein ideologisch. Sie verbindet ihn ausdrücklich mit der Frage, wie die USA künftig ausreichend Strom produzieren können.
Die EPA hatte ihren Aufhebungsvorschlag bereits 2025 mit Versorgungssicherheit, niedrigeren Energiekosten und einer Stärkung der amerikanischen Energieproduktion begründet. Die Behörde schätzte damals, dass ein Wegfall der Vorgaben regulatorische Kosten von bis zu 19 Milliarden Dollar über rund zwei Jahrzehnte vermeiden könnte – durchschnittlich etwa 1,2 Milliarden Dollar pro Jahr. Das sind Berechnungen der deregulierten Behörde selbst, keine unabhängige Kostenanalyse.
Parallel wächst der amerikanische Stromverbrauch nach Jahren relativ geringer Dynamik wieder deutlich. Die US-Energiebehörde EIA erwartet für 2026 einen Stromverbrauch von rund 4.270 Milliarden Kilowattstunden und für 2027 von etwa 4.349 Milliarden Kilowattstunden – jeweils neue Rekordwerte. Zu den wichtigsten Treibern gehören Rechenzentren und Anwendungen künstlicher Intelligenz.
Wie groß dieser Effekt werden könnte, zeigt eine im Juni aktualisierte Untersuchung des Lawrence Berkeley National Laboratory.
2023 entfielen noch etwa 4,4 Prozent des gesamten amerikanischen Stromverbrauchs auf Rechenzentren. Für 2030 kommt die neue Modellrechnung im mittleren Szenario bereits auf 11,8 Prozent. Je nach Entwicklung reicht die Spanne von 9,5 bis 15,3 Prozent. Die Berechnung basiert unter anderem auf erwarteten Lieferungen von IT-Hardware, deren Strombedarf sowie dem Energieverbrauch für Kühlung und andere Rechenzentrumsinfrastruktur.
Damit könnte innerhalb weniger Jahre ungefähr jeder neunte in den USA verbrauchte Stromkilowattstunde in Rechenzentren fließen.
Kohle und Gas sollen verfügbar bleiben
Die Trump-Regierung betrachtet fossile Kraftwerke dabei ausdrücklich als Teil der Antwort. Das zeigt sich nicht nur in der EPA-Politik. Das Energieministerium hat wiederholt versucht, geplante Stilllegungen älterer Kohlekraftwerke hinauszuschieben. Begründet wurde dies unter anderem mit steigender Nachfrage und der Versorgungssicherheit angesichts des Wachstums von Rechenzentren.
Erst am Freitag erlitt die Regierung dabei allerdings eine juristische Niederlage. Ein Bundesberufungsgericht hob eine Anordnung auf, mit der das Energieministerium das Kohlekraftwerk J.H. Campbell in Michigan trotz geplanter Stilllegung am Netz gehalten hatte. Die Richter urteilten einstimmig, dass die Regierung ihre Notstandsbefugnisse überschritten habe. Die zusätzlichen Betriebskosten beliefen sich nach Angaben im Verfahren inzwischen auf rund 295 Millionen Dollar.
Der Fall zeigt zugleich, dass die Auseinandersetzung nicht nur zwischen Klimaschutz und Versorgungssicherheit verläuft. Es geht auch darum, welche Kraftwerke wirtschaftlich überhaupt noch sinnvoll betrieben werden können – und wer die zusätzlichen Kosten trägt.
Die Abschaffung von Klimaregeln garantiert keine Renaissance der Kohle
An dieser Stelle wird die Entwicklung komplizierter, als es die politische Rhetorik nahelegt. Denn selbst die aktuellen Prognosen der amerikanischen Energiebehörde sagen keine Rückkehr zu einer kohledominierten Stromversorgung voraus.
Nach der jüngsten EIA-Schätzung dürfte der Anteil der Kohle an der US-Stromerzeugung von rund 17 Prozent im Jahr 2025 auf etwa 14 Prozent im Jahr 2027 sinken. Erdgas soll mit ungefähr 40 Prozent die wichtigste Quelle bleiben. Gleichzeitig steigt der Anteil der erneuerbaren Energien von 24 auf voraussichtlich 27 Prozent. Kernenergie bleibt bei rund 18 Prozent.
Deregulierung beseitigt zwar Kosten und gesetzliche Hürden. Sie ändert aber nicht automatisch die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen Technologien.
Alte Kohlekraftwerke konkurrieren mit günstiger werdender Solar- und Windenergie, Batteriespeichern, neuen Gaskraftwerken und Kernenergie. Hinzu kommen hohe Wartungs- und Brennstoffkosten sowie regional sehr unterschiedliche Strommärkte.
Der politische Kurs kann deshalb die Lebensdauer einzelner fossiler Anlagen verlängern und den Neubau von Gaskraftwerken erleichtern, ohne zwangsläufig eine flächendeckende Renaissance der Kohle auszulösen.
Bei Erdgas ist der Zusammenhang mit dem Rechenzentrumsboom bereits deutlicher. In mehreren Regionen planen Energieversorger neue Gaskraftwerke, um den stark wachsenden Bedarf großer Rechenzentren zu bedienen. Eine Analyse vom Sommer kam zu dem Ergebnis, dass allein geplante, direkt für Rechenzentren vorgesehene Gasanlagen erhebliche zusätzliche Emissionen verursachen könnten.
Quecksilber bleibt reguliert – allerdings weniger streng als zuvor
Auch andere Umweltstandards hat die EPA inzwischen gelockert.
Im Februar nahm die Behörde die 2024 unter Biden verschärften Regeln für Quecksilber und andere toxische Luftschadstoffe aus Kohle- und Ölkraftwerken zurück. Damit gelten wieder ältere Anforderungen. Unter anderem entfielen ein strengerer Quecksilbergrenzwert für Braunkohlekraftwerke sowie verschärfte Vorgaben für Feinstaubmessungen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Kohlekraftwerke Quecksilber nun unbegrenzt ausstoßen dürfen. Die grundlegenden Mercury and Air Toxics Standards bleiben bestehen. Zurückgenommen wurden die zusätzlichen Verschärfungen aus dem Jahr 2024.
Die Trennung ist wichtig, weil die nun erwartete CO₂-Entscheidung ebenfalls ausschließlich Klimagase betrifft. Klassische Schadstoffe wie Quecksilber, Schwefeldioxid, Stickoxide oder Feinstaub werden über andere Vorschriften reguliert.
Der Strombedarf ist real – die fossile Antwort ist eine politische Entscheidung
Der starke Anstieg des Stromverbrauchs durch KI und Rechenzentren stellt die USA tatsächlich vor ein Infrastrukturproblem. Neue Kraftwerke allein reichen dafür nicht. Stromnetze müssen ausgebaut, Anschlüsse geschaffen und zusätzliche Erzeugungs- und Speicherkapazitäten integriert werden. In manchen Regionen wachsen angekündigte Großverbraucher bereits schneller als Netze und Kraftwerkskapazitäten.
Aus diesem Problem folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass bestehende Klimaregeln aufgehoben werden müssen.
Der steigende Strombedarf kann grundsätzlich durch unterschiedliche Kombinationen aus Gas, erneuerbaren Energien, Kernkraft, Speichern, neuen Netzen und effizienterer Nutzung gedeckt werden. Welche Technologien politisch bevorzugt, subventioniert oder von Regulierung entlastet werden, ist eine Entscheidung – keine technische Zwangsläufigkeit.
Die Trump-Regierung reagiert auf den neuen Energiehunger der digitalen Wirtschaft nicht nur mit dem Versuch, schneller mehr Strom bereitzustellen. Sie verbindet den KI-Boom mit einem grundlegenden Umbau der amerikanischen Klima- und Energiepolitik.
Sollte die neue Rechtsauffassung der EPA vor den Gerichten bestehen, könnte die Wirkung deshalb weit über die nächsten Jahre hinausreichen.
Dann würde der Stromhunger der KI nicht lediglich beeinflussen, wie viel Energie Amerika erzeugt.
Er könnte mit darüber entscheiden, welche Klimaregeln für diese Energie künftig überhaupt noch möglich sind.
Stefanie S. Klief