Der G7-Gipfel in Évian-les-Bains beginnt unter schwierigen Vorzeichen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron muss Gastgeber, Krisenmanager und Trump-Diplomat zugleich sein. Auf der Agenda stehen Ukraine, Iran, China, Künstliche Intelligenz und globale Ungleichgewichte – doch der Erfolg des Treffens könnte vor allem davon abhängen, ob Donald Trump am Tisch bleibt.
Der G7-Gipfel in Frankreich beginnt mit einer besonderen Herausforderung: Gastgeber Emmanuel Macron muss nicht nur eine übervolle Krisenagenda moderieren, sondern vor allem Donald Trump bei Laune halten. Der US-Präsident gilt als entscheidender, aber zugleich unberechenbarer Faktor des Treffens in Évian-les-Bains.
Schon im Vorfeld wurde deutlich, wie stark der Gipfel auf Trump ausgerichtet ist. Das Treffen wurde um einen Tag verschoben, weil Trumps 80. Geburtstag und die Feierlichkeiten in Washington Vorrang hatten. Zusätzlich lud Macron den US-Präsidenten zu einem Abendessen im Schloss von Versailles ein. Die Botschaft ist klar: Paris will verhindern, dass sich das Debakel des vergangenen Jahres wiederholt, als Trump den G7-Gipfel in Kanada vorzeitig verließ.
Für Europa steht viel auf dem Spiel. Die G7-Staaten müssen über Kriege, Handel, Rohstoffe, Schulden, Künstliche Intelligenz und globale Wirtschaftsungleichgewichte sprechen. Doch ohne die USA lässt sich kaum eine dieser Fragen wirksam beantworten. Genau deshalb wird der Gipfel auch zu einem Test, wie viel gemeinsame Handlungsfähigkeit der Westen unter Trump noch besitzt.
Macron sucht Geschlossenheit in einer brüchigen Runde
Offiziell steht beim G7-Gipfel das weltweite Ungleichgewicht im Mittelpunkt. Frankreich will über Chinas Handelsüberschuss, Europas Investitionsstau, die Versorgung mit kritischen Rohstoffen und die Schuldenlage der USA sprechen. Dahinter steckt eine große Frage: Wie lässt sich die Weltwirtschaft stabilisieren, wenn die wichtigsten Industriestaaten selbst immer stärker auseinanderdriften?
Macron will eine gemeinsame Linie gegen wirtschaftliche Verwerfungen finden, ohne neue Eskalationen auszulösen. Das ist heikel. China ist für Europa zugleich Wettbewerber, Absatzmarkt und Lieferant. Die USA treten unter Trump deutlich härter auf und setzen stärker auf Druck, Zölle und nationale Interessen. Europa wiederum wirkt wirtschaftlich angeschlagen und politisch uneinig.
Diese Ausgangslage macht die Rolle Frankreichs besonders schwierig. Macron muss vermitteln, moderieren und zugleich europäische Interessen sichtbar machen. Er braucht Trump, darf sich aber nicht vollständig von ihm abhängig machen. Genau darin liegt die diplomatische Gratwanderung dieses Gipfels.
Ukraine und Iran überschatten die Agenda
Im Zentrum der Gespräche stehen auch die Kriege gegen die Ukraine und gegen Iran. Die Europäer hoffen, Trump dazu bewegen zu können, Verhandlungen mit Russland wieder in Gang zu setzen, ohne dabei zu große Zugeständnisse von der Ukraine zu verlangen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj soll am Dienstag zu dem Treffen hinzukommen.
Für Europa ist das entscheidend. Sollte Washington den Druck auf Russland verringern oder eine Lösung zulasten Kiews forcieren, stünde die europäische Sicherheitsordnung erneut unter massivem Druck. Deutschland, Frankreich und Großbritannien wollen deshalb Geschlossenheit demonstrieren – auch wenn ihre eigene politische Lage schwach ist.
Parallel bleibt der Iran-Konflikt ein zentrales Risiko. Die Lage am Persischen Golf und die Sicherheit der Straße von Hormus sind für Energiepreise, Inflation und Welthandel von enormer Bedeutung. Frankreich, Deutschland und Großbritannien halten sich bereit, bei einer Absicherung der Meerenge mitzuwirken, sobald die politischen Bedingungen dafür erfüllt sind.
KI rückt auf die große politische Bühne
Neben den klassischen geopolitischen Konflikten spielt auch Künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle. Macron strebt ein Abkommen zum Umgang mit KI und zum Schutz von Kindern im digitalen Raum an. Dazu werden auch Spitzenvertreter der Tech-Branche erwartet, darunter OpenAI-Chef Sam Altman und Mistral-AI-Chef Arthur Mensch.
Das zeigt, wie stark sich die G7-Agenda verändert hat. KI ist längst kein reines Technologie- oder Wirtschaftsthema mehr. Sie betrifft Sicherheit, Bildung, Arbeitsmärkte, Demokratie, digitale Abhängigkeiten und den Schutz Minderjähriger. Gleichzeitig ist eine gemeinsame Linie schwierig, weil die USA, Europa und Japan unterschiedliche regulatorische Interessen verfolgen.
Gerade für Europa ist das Thema sensibel. Der Kontinent will eigene digitale Souveränität stärken, bleibt aber bei vielen KI-Plattformen, Chips und Cloudsystemen von den USA abhängig. Der Gipfel in Évian könnte deshalb auch zeigen, ob Europa bei KI nur reguliert oder tatsächlich strategisch mitgestaltet.
Klimapolitik rutscht nach hinten
Auffällig ist, was diesmal nicht im Mittelpunkt steht: die Klimafrage. Während frühere G7-Gipfel häufig stark von Klima, Emissionen und Energiewende geprägt waren, spielt das Thema in Évian eine deutlich kleinere Rolle. Der Grund ist offenbar fehlender Konsens innerhalb der Gruppe.
Das ist ein politisches Signal. In einer Phase hoher Energiepreise, geopolitischer Krisen und wirtschaftlicher Schwäche verliert Klimapolitik im Kreis der führenden Industriestaaten sichtbar an Priorität. Für Europa ist das unbequem, weil es selbst weiterhin auf Transformation setzt, international aber weniger Rückenwind bekommt.
Gleichzeitig zeigt sich damit, wie stark die Agenda durch akute Krisen verschoben wird. Ukraine, Iran, China, KI und wirtschaftliche Stabilität drängen die langfristige Klimafrage nach hinten. Das macht sie nicht weniger wichtig, aber politisch schwerer durchsetzbar.
Ein Gipfel unter keinem guten Stern
Der G7-Gipfel steht damit unter außergewöhnlichem Druck. Macron, Merz und Starmer gelten innenpolitisch als geschwächt. Die transatlantischen Beziehungen sind angespannt. Die USA folgen unter Trump einer deutlich eigenwilligeren Linie. Und die übrigen G7-Staaten sprechen längst nicht mehr selbstverständlich mit 1 Stimme.
Schon ein gemeinsames Schlusskommuniqué wäre deshalb ein Signal. Noch wichtiger wäre aber, ob die Europäer eine gemeinsame Haltung gegenüber Russland, China und der KI-Regulierung formulieren können. Gelingt nicht einmal das, würde der Gipfel vor allem eines zeigen: Der Westen trifft sich noch, aber er führt nicht mehr geschlossen.
Für Macron ist Évian deshalb mehr als ein diplomatisches Treffen. Es ist der Versuch, eine brüchige Ordnung zusammenzuhalten – mit einem US-Präsidenten, den Europa zugleich braucht und fürchtet.
SK