Beim NATO-Gipfel in Ankara geht es nicht nur um Verteidigungsausgaben und Ukraine-Hilfen. Am Rand des Treffens wird sichtbar, wie stark sich die Türkei als Rüstungsstandort der Allianz positioniert. Der demonstrative Schulterschluss zwischen Donald Trump und Recep Tayyip Erdogan passt in dieses Bild: Ankara ist für die NATO unbequem, aber immer schwerer zu umgehen.
Mehr als ein Gastgeber
Die Türkei ist beim NATO-Gipfel in Ankara nicht nur Kulisse. Sie ist selbst Teil der Botschaft. Während die Allianz über höhere Verteidigungsausgaben, gemeinsame Beschaffung und industrielle Kapazitäten spricht, präsentiert sich das Gastgeberland als Beispiel dafür, was viele NATO-Staaten erst noch erreichen wollen: eine eigene, wachsende und exportfähige Rüstungsindustrie.
NATO-Generalsekretär Mark Rutte hatte die Türkei bereits im Frühjahr ausdrücklich gelobt. Bei einem Besuch des Technologiestandorts von ASELSAN sprach er von einer »defence industrial revolution«. Genau diese Formulierung ist bemerkenswert. Sie zeigt, dass Ankara innerhalb der NATO nicht mehr nur als schwieriger Partner, Grenzstaat oder politischer Störfaktor wahrgenommen wird, sondern auch als Produktions- und Technologiestandort.
Das passt zum Schwerpunkt des Gipfels. Das NATO Defence Industry Forum in Ankara dreht sich nicht um abstrakte Sicherheitsrhetorik, sondern um Produktion, Lieferketten, gemeinsame Beschaffung und die Frage, wie die neuen Verteidigungsziele überhaupt industriell umgesetzt werden sollen.
Erdogan bekommt neuen Spielraum
Der sichtbarste politische Akzent kommt aus Washington. US-Präsident Donald Trump hat beim Gipfel angekündigt, Sanktionen gegen die Türkei aufheben und über einen möglichen Verkauf von F-35-Kampfjets entscheiden zu wollen. Diese Sanktionen waren 2020 verhängt worden, nachdem Ankara das russische Luftabwehrsystem S-400 gekauft hatte. Die Türkei wurde deshalb aus dem F-35-Programm ausgeschlossen.
Dass dieses Thema nun wieder offen auf dem Tisch liegt, ist mehr als eine bilaterale Geste. Es zeigt, wie sich die Gewichte verschieben. Die Türkei bleibt ein schwieriger Partner, aber ihre strategische Lage, ihre Rüstungsindustrie und ihre Rolle zwischen Schwarzem Meer, Nahost, Kaukasus und Mittelmeer machen sie für die NATO wertvoll.
Trump und Erdogan senden damit ein Signal: Alte Konflikte können neu verhandelt werden, wenn die strategische Lage es verlangt. Ganz so einfach ist der Weg zurück zum F-35-Programm allerdings nicht. US-Gesetze und der Kongress bleiben Hürden. Doch politisch ist der Ton bereits ein anderer.
Vom Importeur zum Exporteur
Der wirtschaftliche Hintergrund ist entscheidend. Die türkische Verteidigungs- und Luftfahrtindustrie hat nach Angaben der türkischen Verteidigungsindustriebehörde im Zwölf-Monats-Zeitraum erstmals die Marke von 11 Milliarden Dollar Exportvolumen überschritten. Allein im Juni stiegen die Ausfuhren demnach um 29,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Diese Zahlen sind politisch aufgeladen. Ankara will zeigen, dass es nicht mehr nur westliche Systeme kauft, sondern selbst liefert: Drohnen, Munition, Elektronik, Luftabwehr, gepanzerte Fahrzeuge, Marine- und Luftfahrtsysteme. Unternehmen wie Baykar, ASELSAN, Roketsan, STM und Turkish Aerospace stehen für eine Industrie, die sich als eigenständig, kampferprobt und exportfähig versteht.
Gerade im Drohnenbereich hat die Türkei ihren Ruf ausgebaut. Der Krieg in der Ukraine, Konflikte im Kaukasus und die Nachfrage aus Staaten außerhalb des klassischen westlichen Rüstungsmarktes haben türkischen Systemen Sichtbarkeit verschafft. Für viele Käufer sind sie attraktiv, weil sie als vergleichsweise erschwinglich, verfügbar und praxiserprobt gelten.
Die NATO braucht Fabriken
Der Gipfel in Ankara macht eine größere Verschiebung sichtbar. Sicherheitspolitik wird zunehmend Industriepolitik. Es reicht nicht mehr, höhere Verteidigungsausgaben zu beschließen. Entscheidend ist, wer Munition, Drohnen, Ersatzteile, Sensorik, Luftabwehr und Transportkapazitäten tatsächlich in ausreichender Menge produzieren kann.
Genau dort gewinnt die Türkei an Gewicht. Während viele europäische Länder erst Produktionslinien hochfahren müssen, hat Ankara in den vergangenen Jahren gezielt ein eigenes Verteidigungsökosystem aufgebaut. Das verschafft Erdogan Verhandlungsmacht, auch gegenüber Partnern, die seine Innenpolitik kritisch sehen.
Für die NATO ist das unbequem, aber praktisch. Wer schneller aufrüsten will, muss dort einkaufen, kooperieren oder produzieren lassen, wo Kapazitäten vorhanden sind. Moralische Distanz und industrielle Abhängigkeit passen dabei nicht immer zusammen.
Ein neues Machtprofil
Die Annäherung zwischen Trump und Erdogan fügt sich deshalb in ein größeres Bild. Die Türkei nutzt den Gipfel, um ihre Rolle in der Allianz neu zu rahmen: nicht als Randstaat, sondern als Rüstungsstandort, Logistikknoten und strategischer Akteur.
Das bedeutet nicht, dass die alten Konflikte verschwunden sind. Die S-400-Frage, Menschenrechte, die Rolle in Syrien, das Verhältnis zu Russland und die Spannungen mit einzelnen NATO-Partnern bleiben bestehen. Doch Ankara kann heute selbstbewusster auftreten als noch vor einigen Jahren.
Der NATO-Gipfel zeigt damit eine nüchterne Wahrheit: In der neuen Sicherheitsordnung zählt nicht nur, wer politisch bequem ist. Es zählt auch, wer liefern kann. Und genau an diesem Punkt ist die Türkei für die NATO wichtiger geworden.
SK