Politik

50 Jahre Atomrückbau - ohne wirkliches Ende

Bundesumweltminister Schneider will die Endlagersuche beschleunigen – doch Zwischenlager, Abfälle und Kosten bleiben

5 Min.

06.07.2026

Dekontaminierung von radiokativ belasteten Teilen aus dem ehemaligen Kernkraftwerk Greifswald

Deutschland hat seine letzten Atomkraftwerke 2023 abgeschaltet. Erledigt ist das Kapitel Kernenergie damit aber nicht. Beim Besuch im Zwischenlager Nord zeigt sich, wie langwierig Rückbau, Zwischenlagerung und Endlagersuche bleiben – und warum diese Aufgaben nicht erst mit dem Atomausstieg entstehen.

Deutschland hat die Stromproduktion aus Atomkraft beendet, aber die Folgen der Nutzung bleiben. Bundesumweltminister Carsten Schneider besuchte nun das Zwischenlager Nord in Lubmin. Dort lagern und durchlaufen Teile aus den früheren Kernkraftwerken Greifswald und Rheinsberg aufwendige Verfahren: Sie werden sortiert, geprüft, gesichert, dekontaminiert und zwischengelagert.

Der Besuch lenkt den Blick auf einen Punkt, der in der energiepolitischen Debatte oft zu kurz kommt. Bei Kernenergie endet die Verantwortung nicht mit dem Abschalten eines Reaktors. Rückbau, Zwischenlagerung und Endlagerung gehören zum vollständigen Lebenszyklus einer solchen Technologie. Dass Deutschland ausgestiegen ist, macht diese Aufgabe politisch besonders sichtbar. Verursacht hat der Ausstieg sie aber nicht. Auch ein weiter betriebenes Atomkraftwerk muss irgendwann stillgelegt, zerlegt und entsorgt werden.

In Deutschland dauerte das Atomzeitalter etwas mehr als 60 Jahre. Die Abwicklung wird deutlich länger dauern. Nach Angaben des GMX/WEB.DE-Berichts geht es allein bei den hochradioaktiven Abfällen um rund 27.000 Kubikmeter Material, für das bis heute kein Endlager existiert. Bis dahin bleiben die Abfälle in oberirdischen Zwischenlagern. Das BASE weist für Deutschland 16 Zwischenlager für radioaktive Abfälle aus.

Schon ohne die ungelöste Endlagerfrage bleibt der Atomrückbau eine Aufgabe über Jahrzehnte. Pro Anlage veranschlagen Betreiber häufig zehn bis 15 Jahre, doch ältere und komplexere Standorte zeigen, dass der Prozess deutlich länger dauern kann. Das frühere AKW Rheinsberg etwa wird seit 1995 zurückgebaut und der Vorgang könnte noch bis Mitte der 2040er Jahre dauern. Das wären dann rund 50 Jahre Rückbaugeschichte für eine Anlage

Nicht jeder Abfall ist gleich problematisch

Zum Rückbau eines Atomkraftwerks gehören sehr unterschiedliche Stoffe. Brennelemente und stark radioaktive Komponenten stellen die größte Herausforderung dar. Daneben entstehen aber auch große Mengen schwach- und mittelradioaktiver Abfälle. Dazu können Werkzeuge, Schutzkleidung, Bauteile, Metalle oder Bauschutt gehören.

Ein Teil dieser Stoffe kann nach Messungen und behördlichen Verfahren freigegeben werden, wenn die Strahlenbelastung unter den gesetzlichen Grenzwerten liegt. Andere Abfälle müssen verpackt, gesichert und später in geeignete Lager gebracht werden. Gerade diese Differenzierung ist wichtig: Atomrückbau ist nicht einfach ein einziger großer Atommüllberg, sondern ein technischer, rechtlicher und logistischer Prozess mit vielen Kategorien.

Für schwach- und mittelradioaktive Abfälle gibt es mit dem Endlager Konrad in Salzgitter zumindest einen konkreten Zielort. Die BGE gibt das genehmigte Volumen dort mit 303.000 Kubikmetern an. Ab Anfang der 2030er Jahre soll Konrad nach aktuellen Planungen Abfälle aufnehmen. Für hochradioaktive Abfälle ist die Lage deutlich schwieriger. Hier fehlt weiterhin ein betriebsbereites Endlager.

Endlagersuche bleibt der Engpass

Schneider will die Suche nach einem Standort beschleunigen. Politisch steht inzwischen wieder das Ziel im Raum, spätestens bis 2050 einen Standort festzulegen. Das ist ambitioniert, denn ein Gutachten des Öko-Instituts im Auftrag des BASE kam 2024 zu dem Ergebnis, dass die Standortentscheidung unter idealen Bedingungen auch erst 2074 fallen könnte.

Selbst eine Standortentscheidung wäre allerdings noch nicht das Ende. Danach müssten Genehmigungen, Bau, Sicherheitskonzepte, Einlagerung und späterer Verschluss folgen. Zwischenlager bleiben also noch lange Teil der deutschen Entsorgungsrealität. In Lubmin zeigt sich genau dieser Zustand des Dazwischen: Der Müll ist gesichert, aber noch nicht am endgültigen Ziel.

Das ist kein Detailproblem, sondern ein zentraler Punkt jeder Kernenergiepolitik. Wer über neue Reaktoren, Laufzeitverlängerungen oder kleine modulare Reaktoren spricht, muss diesen hinteren Teil der Rechnung mitführen. Stromerzeugung, Rückbau und Entsorgung lassen sich nicht seriös voneinander trennen.

Die Kostenfrage bleibt politisch sensibel

Auch finanziell ist der Rückbau eine Langstreckenaufgabe. Die Betreiber früherer Kernkraftwerke haben 2017 rund 24 Milliarden Euro in den staatlichen Entsorgungsfonds KENFO eingezahlt. Der Fonds soll dem Bund Kosten für die sichere Entsorgung radioaktiver Abfälle erstatten. Stilllegung, Rückbau und fachgerechte Verpackung verbleiben grundsätzlich in der Verantwortung der Betreiber.

Trotzdem entstehen erhebliche öffentliche Aufgaben. Nach Angaben des GMX/WEB.DE-Berichts rechnet das Bundesumweltministerium zwischen 2023 und 2080 mit Kosten für die öffentliche Hand in Höhe von 15,2 Milliarden Euro für Rückbau und Entsorgung; Standortauswahl, Bau, Betrieb und Stilllegung eines Endlagers sind dabei noch nicht vollständig eingepreist.

Gerade deshalb ist die Debatte wirtschaftlich relevant. Kernenergie wird oft über laufende Stromproduktion diskutiert: CO₂-Bilanz, Versorgungssicherheit, Netzstabilität, Strompreise. Der Rückbau zeigt aber, dass die Gesamtrechnung viel weiter reicht. Eine Anlage produziert über Jahrzehnte Strom, bindet danach aber ebenfalls über Jahrzehnte Kapital, Personal, Fläche, Aufsicht und politische Aufmerksamkeit.

Keine einfache Pro-oder-Contra-Frage

Der Rückbau der deutschen Atomkraftwerke beweist nicht automatisch, dass Kernenergie grundsätzlich keine Rolle spielen kann. Er zeigt aber, dass sie eine Technologie mit langer Nachlaufzeit ist. Wer sie nutzt, entscheidet nicht nur über Stromerzeugung in der Gegenwart, sondern auch über Entsorgungsverantwortung in der Zukunft.

Genau darin liegt die eigentliche Nachricht: Atomkraft ist nicht mit dem Abschalten erledigt. Sie bleibt ein Infrastrukturprojekt über Generationen. Für Deutschland heißt das nun: Auch nach dem Atomausstieg müssen Zwischenlager überwacht, Abfälle kategorisiert, Endlager vorbereitet und Kosten getragen werden.

Das ist keine ideologische Zuspitzung, sondern die nüchterne Rückseite einer Energieform, deren Vorteile und Belastungen zeitlich weit auseinanderfallen. Der Strom wurde in der Vergangenheit genutzt. Die Verantwortung reicht weit in die Zukunft.

SK

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