Die USA greifen gemeinsam mit Japan am Devisenmarkt ein, Donald Trump setzt neue Angriffe auf den Iran vorläufig aus und kündigt Gespräche an. Die unmittelbare Reaktion ist deutlich: Der Yen erholt sich, der Ölpreis fällt und der Dax erreicht einen neuen Rekord. Gelöst ist damit allerdings keines der Probleme, die die Märkte in den vergangenen Wochen belastet haben.
Der Dax ist am Montagmorgen bis auf 25.984 Punkte gestiegen. Das waren zeitweise mehr als 1,3 Prozent Gewinn und ein neuer Rekord. Der bisherige Höchststand von 25.900 Punkten war erst Anfang Juli erreicht worden. Nun nähert sich der deutsche Leitindex erstmals der Marke von 26.000 Punkten.
Den unmittelbaren Auslöser lieferte die Hoffnung auf eine Entspannung im Krieg zwischen den USA und dem Iran. US-Präsident Donald Trump hat eine weitere Angriffswelle vorerst abgesagt und für Montag neue Gespräche angekündigt. Zugleich bestätigten Washington und Tokio eine gemeinsame Intervention zur Stützung des japanischen Yen.
Die beiden Ereignisse wirken auf den ersten Blick unabhängig voneinander. Tatsächlich hängen sie über Ölpreise, Inflation, Zinsen und internationale Kapitalströme eng zusammen.
Washington kauft erstmals seit Jahrzehnten wieder Yen
Japan und die USA haben am Freitag gemeinsam Yen gekauft, um den Absturz der japanischen Währung zu stoppen. Zuvor war der Kurs zeitweise auf fast 164 Yen je US-Dollar gefallen – den niedrigsten Stand seit rund 40 Jahren. Nach der Intervention erholte sich die Währung bis auf 155,20 Yen je Dollar.
Es war die erste koordinierte Devisenmarktintervention beider Staaten seit 2011. Damals ging es allerdings darum, den nach dem schweren Erdbeben stark gestiegenen Yen zu schwächen. Eine gemeinsame Intervention zur Stützung der japanischen Währung hatte es zuletzt in den 1990er-Jahren gegeben.
Trump bezeichnete den Eingriff als »Zeichen der Freundschaft« gegenüber Japan. Die Maßnahme sei zugleich gut für die Weltwirtschaft und bringe den USA einen finanziellen Nutzen. US-Finanzminister Scott Bessent erklärte, Washington werde bei weiteren ungeordneten Kursbewegungen nicht zögern, erneut gemeinsam mit Tokio einzugreifen.
Damit geht die amerikanische Unterstützung weit über eine symbolische Geste unter Verbündeten hinaus.
Der schwache Yen wurde zum globalen Risiko
Ein schwacher Yen verbilligt japanische Waren im Ausland und unterstützt damit Exporteure wie Toyota, Sony oder Mitsubishi. Für japanische Haushalte und Unternehmen verteuert er jedoch sämtliche in US-Dollar gehandelten Importe – insbesondere Öl und Flüssiggas.
Der Iran-Krieg und die zeitweise weitgehende Schließung der Straße von Hormus hatten den Druck noch verstärkt. Japan ist stark von Energieimporten abhängig. Steigende Ölpreise und eine fallende Landeswährung verteuern dieselbe Lieferung gleich doppelt.
Die Yen-Schwäche erfasste außerdem zunehmend den japanischen Anleihemarkt. Investoren verlangten höhere Renditen, während Japan zur Finanzierung seiner Eingriffe möglicherweise große Bestände amerikanischer Staatsanleihen hätte verkaufen müssen.
Genau das wollten die USA verhindern. Umfangreiche japanische Verkäufe von US-Staatsanleihen könnten deren Kurse drücken und die Renditen in den Vereinigten Staaten weiter erhöhen. Die gemeinsame Intervention schützt deshalb nicht nur Japan, sondern auch den amerikanischen Anleihemarkt.
Washington unterstützt damit einen Verbündeten – und zugleich die Finanzierung des eigenen Staates.
Die Intervention löst Japans Zinsproblem nicht
Der Kursverfall des Yen ist nicht allein das Ergebnis von Spekulation. Er besitzt einen strukturellen Grund: Die Zinsen in Japan liegen trotz der jüngsten Erhöhung weiterhin deutlich unter dem amerikanischen Niveau.
Kapital fließt deshalb bevorzugt in höher verzinste Dollar-Anlagen. Solange dieser Unterschied bestehen bleibt, bleibt auch der wirtschaftliche Anreiz erhalten, Yen zu verkaufen und Dollar zu kaufen. Die japanische Notenbank gerät nun unter zusätzlichen Druck, ihren Leitzins möglicherweise bereits im September erneut anzuheben.
Eine Devisenintervention kann Spekulanten kurzfristig abschrecken und einen schnellen Kursverfall stoppen. Sie kann den Zinsunterschied und Japans hohe Abhängigkeit von Energieimporten jedoch nicht beseitigen.
Der Yen hat deshalb vor allem Zeit gewonnen.
Trump verschiebt den Angriff – der Ölpreis fällt sofort
Ähnlich reagierten die Rohstoffmärkte auf Trumps Ankündigung neuer Gespräche mit dem Iran.
Der US-Präsident erklärte, der Iran und weitere Staaten der Region hätten um zusätzliche Zeit für eine Vereinbarung gebeten. Diese solle zu einer vollständigen Öffnung der Straße von Hormus und zu einem Ende der iranischen nuklearen Bedrohung führen. Einen Ort, die Teilnehmer oder eine Frist für die Gespräche nannte Trump zunächst nicht.
Der Preis für die Nordseesorte Brent fiel daraufhin um mehr als vier Prozent auf rund 84 US-Dollar je Barrel. US-Öl der Sorte WTI verbilligte sich ähnlich stark auf etwa 81 US-Dollar.
Noch im Juli waren die Ölpreise um mehr als 20 Prozent gestiegen. Angriffe auf Schiffe, neue Kämpfe und die eingeschränkte Passage durch die Straße von Hormus hatten die Risikoprämie immer weiter erhöht. Vor Beginn des Krieges liefen rund 20 Prozent des weltweit gehandelten Öls und Flüssiggases durch die Meerenge.
Der Kursrückgang bedeutet deshalb nicht, dass plötzlich deutlich mehr Öl verfügbar wäre. Händler bewerten zunächst lediglich das Risiko einer weiteren Eskalation niedriger.
Von einem Friedensschluss kann keine Rede sein
Die Märkte reagieren auf die Aussicht auf Gespräche – nicht auf ein bereits ausgehandeltes Abkommen.
Trump hat in den vergangenen Monaten mehrfach Angriffe angekündigt, verschoben oder nach diplomatischen Signalen erneut aufgenommen. Auch die iranische Seite hat amerikanischen Darstellungen über angebliche Fortschritte wiederholt widersprochen.
Zudem blieb die Lage auf See am Wochenende angespannt. Die britische Schifffahrtsbehörde meldete weitere Angriffe auf Tanker, während der Verkehr durch die Straße von Hormus erneut zurückging. Zusätzlich beschloss die Opec+, ihre Förderung ab September um rund 188.000 Barrel pro Tag zu erhöhen. Auch dieses zusätzliche Angebot drückt auf den Ölpreis.
Der Preissturz beruht damit auf zwei Erwartungen: weniger geopolitisches Risiko und ein etwas größeres Angebot. Beide können sich schnell wieder ändern.
Fallendes Öl ist für den Dax besonders wertvoll
Für den deutschen Aktienmarkt ist ein niedrigerer Ölpreis bedeutsamer als für viele technologielastige Börsen.
Der Dax enthält zahlreiche Industrie-, Chemie-, Automobil-, Transport- und Konsumunternehmen. Diese benötigen Energie unmittelbar für ihre Produktion oder sind von den Energie- und Transportkosten ihrer Lieferanten abhängig.
Sinkt der Ölpreis dauerhaft, entlastet das Unternehmen wie BASF, Mercedes-Benz, BMW, Volkswagen, DHL oder Lufthansa. Gleichzeitig schwächt sich der Inflationsdruck ab. Dadurch sinkt das Risiko, dass Zentralbanken ihre Zinsen länger hoch halten oder erneut anheben müssen.
Der Rückgang des Brent-Preises um rund 5 Prozent war deshalb ein wesentlicher Grund für den neuen Dax-Rekord. Eine Perspektive niedrigerer Energiepreise begünstigt gerade die zyklischen und energieabhängigen Unternehmen des deutschen Leitindex.
Die frühere Schwäche des Dax wird zum Vorteil
Der Dax profitiert zugleich von einer ungewöhnlichen Verschiebung an den internationalen Aktienmärkten.
Über weite Teile des Jahres galten seine geringe Technologiequote, der hohe Industrieanteil und die großen Autohersteller als Belastung. Während Nvidia, Halbleiterkonzerne und andere KI-Werte die US- und asiatischen Börsen nach oben trieben, blieb der deutsche Markt zurück.
Im Juli drehte sich dieses Verhältnis.
Der Nasdaq verlor im Monatsverlauf mehr als drei Prozent, der japanische Nikkei etwa 8 Prozent und der stark von Samsung und SK Hynix geprägte südkoreanische Kospi trotz einer späten Erholung rund 22 Prozent. Der Dax legte dagegen um 2,5 Prozent zu.
Der IT-Anteil eines großen Dax-ETF liegt derzeit bei etwa 14 Prozent und damit bei weniger als der Hälfte des entsprechenden Anteils im S&P 500. Unter den großen Halbleiterherstellern ist im Dax im Wesentlichen nur Infineon vertreten.
Als Chipwerte stiegen, war diese Zusammensetzung ein Nachteil. Seit Investoren die enormen Bewertungen und Investitionskosten der KI-Branche kritischer betrachten, wirkt sie wie ein Schutzschild.
SAP und die Autobauer liefern zusätzliche Unterstützung
Gleichzeitig haben sich jene Branchen erholt, die den Dax zuvor gebremst hatten.
SAP legte im Juli nach überzeugenden Quartalszahlen um knapp 18 Prozent zu. Der Softwarekonzern besitzt im Index ein Gewicht von mehr als neun Prozent und kann den Dax deshalb erheblich bewegen.
Auch die Aktien der Autohersteller erholten sich. Mercedes-Benz und Volkswagen gewannen im Juli jeweils mehr als 6 Prozent, BMW mehr als drei Prozent.
Der neue Rekord beruht somit nicht allein auf der Iran-Nachricht. Er trifft auf einen Markt, in dem frühere Verlierer wieder steigen und die geringe Abhängigkeit von Halbleiterwerten erstmals seit Längerem zum Vorteil wird.
Der Rekord sieht größer aus, als er ist
Bei der Einordnung des Höchststands ist allerdings eine Besonderheit des Dax wichtig.
Der üblicherweise genannte Dax ist ein Performanceindex. Dividendenzahlungen der enthaltenen Unternehmen werden rechnerisch wieder in das Aktienportfolio investiert. Viele internationale Vergleichsindizes werden dagegen vor allem als reine Kursindizes betrachtet, bei denen Dividenden nicht enthalten sind.
In der Version als Kursindex hat der Dax 2026 bislang lediglich etwa drei Prozent gewonnen und liegt noch knapp unter seinem Höchststand vor Beginn des Iran-Kriegs. Beim häufiger genannten Performanceindex beträgt der Zuwachs rund sechs Prozent. Der S&P 500 lag im gleichen Zeitraum mehr als neun Prozent im Plus.
Der Rekord von fast 26.000 Punkten ist real. Er bedeutet aber nicht, dass deutsche Aktien international bereits die erfolgreichste Anlage des Jahres wären.
Zwei Eingriffe stabilisieren denselben Kreislauf
Die Yen-Stützung und die Iran-Gespräche wirken auf unterschiedliche Märkte. Wirtschaftlich greifen sie jedoch ineinander.
Ein niedrigerer Ölpreis reduziert Japans Importkosten und nimmt Druck vom Yen. Ein stärkerer Yen wiederum schwächt den Dollar etwas ab und verringert das Risiko ungeordneter Bewegungen an den japanischen Anleihemärkten.
Sinkende Energiepreise entlasten gleichzeitig Unternehmen und Verbraucher in Europa, reduzieren Inflationserwartungen und drücken die Renditen amerikanischer Staatsanleihen. Nach dem Ölpreisrückgang gab auch die Rendite 30-jähriger US-Anleihen nach.
Für den Dax entsteht daraus eine ungewöhnlich günstige Kombination: weniger geopolitisches Risiko, niedrigere Energiepreise, geringerer Zinsdruck und eine Marktstruktur, die von der Schwäche internationaler Halbleiterwerte kaum betroffen ist.
SK