Börse

Kleider und Kanonen bewegen die Börse

Zalando verliert bis zu 18 Prozent – Rheinmetall präsentiert das nächste milliardenschwere Wachstumsversprechen

4 Min.

04.08.2026

Sommermode und Raketenfregatten gehören selten in dieselbe Geschichte. An der Börse treffen sie dennoch aufeinander: Zalando wird trotz zweistelligen Wachstums abgestraft, während Rheinmetall mit starken Vorabzahlen und einem neuen Kriegsschiff auf weitere Staatsaufträge zielt. Der Gegensatz zeigt, dass Aktienkurse nicht die Gegenwart bewerten – sondern den Abstand zwischen Erwartung und Wirklichkeit.

Zalando steigerte den Bruttowarenwert im 2. Quartal um 20,7 Prozent auf 4,9 Milliarden Euro. Der Umsatz wuchs ebenfalls um rund 21 Prozent auf 3,4 Milliarden Euro, das bereinigte operative Ergebnis um zehn Prozent auf 205 Millionen Euro. Mehr als 62 Millionen aktive Kunden, ein wachsendes Geschäft mit Logistik- und Softwareleistungen sowie erste Erträge aus KI-Anwendungen klingen zunächst nicht nach einem Krisenbericht.

An der Börse verlor die Aktie dennoch zeitweise bis zu 18 Prozent – der größte Tagesverlust ihrer Geschichte. Umsatz, Warenvolumen und operativer Gewinn blieben leicht hinter den Analystenschätzungen zurück. Ohne die Übernahme von About You verlangsamte sich das Wachstum zudem, während Zalando seine Kunden als weiterhin vorsichtig und preissensibel beschreibt.

Nach der Rally genügt gut nicht mehr

Für das Gesamtjahr erwartet Zalando bei Umsatz und Bruttowarenwert nun nur noch ein Wachstum in der unteren Hälfte der bisherigen Spanne von 12 bis 17 Prozent. Die Prognose für das bereinigte operative Ergebnis wurde von 660 bis 740 Millionen auf 680 bis 720 Millionen Euro eingeengt.

Das ist kein klassischer Gewinneinbruch. Doch nach einer Kursrally von rund 50 Prozent hatten Anleger offenbar deutlich mehr Dynamik eingepreist. Die Aktie fiel deshalb nicht, weil Zalando schrumpft, sondern weil das gelieferte Wachstum den zuvor gestiegenen Erwartungen nicht genügte.

Rheinmetall verkauft eine andere Zukunft

Rheinmetall setzt dagegen auf einen Markt, dessen Nachfrage weniger vom privaten Konsum als von staatlichen Verteidigungshaushalten abhängt. Der Konzern stellte mit der GMF 140 eine 140 Meter lange Lenkwaffenfregatte mit mehr als 6.000 Tonnen Verdrängung vor.

Das Schiff soll Luft- und Raketenabwehr, U-Boot-Bekämpfung sowie weitreichende Präzisionsschläge verbinden. Vorgesehen sind unter anderem 64 vertikale Startzellen und die mögliche Integration des amerikanischen AEGIS-Kampfsystems. Zunächst will Rheinmetall die Fregatte bei einem Beschaffungsvorhaben in Nordamerika anbieten. Ein konkreter Auftrag ist damit noch nicht verbunden.

Die eigentliche Überraschung kam schon vor Donnerstag

Der vollständige Halbjahresbericht erscheint am 6. August. Die wichtigsten Zahlen hat Rheinmetall allerdings bereits veröffentlicht: Der Umsatz stieg im 2. Quartal vorläufig um 69 Prozent auf knapp 3,3 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis erreichte 562 Millionen Euro und übertraf damit die Markterwartung von rund 470 Millionen Euro deutlich. Der Auftragsbestand wuchs auf mehr als 80 Milliarden Euro.

Am Donnerstag geht es deshalb weniger um eine völlig offene Zahlenüberraschung als um die Details dahinter: Wie entwickeln sich Margen, Produktion und Auftragseingang? Wie schnell lassen sich die gewaltigen Bestellungen abarbeiten? Und wie stark belastet der Ausbau der Kapazitäten den freien Geldfluss?

Rheinmetall hatte bereits vor einem deutlich negativen operativen Free Cashflow im Quartal gewarnt. Zudem zeigte die Stornierung des deutschen F126-Fregattenprogramms, dass politische Aufrüstungspläne nicht automatisch zu sicheren Aufträgen für einen bestimmten Hersteller werden.

Die Börse kennt keine Branchenromantik

Zalando verkauft Kleidung an Verbraucher, Rheinmetall Waffensysteme an Staaten. Moralisch, wirtschaftlich und politisch liegen Welten zwischen beiden Unternehmen.

An der Börse gilt dennoch dieselbe Rechnung.

Zalando muss beweisen, dass die Integration von About You, KI-gestützte Dienstleistungen und das Geschäft mit externen Händlern mehr Gewinn bringen als der schwache Konsum kostet. Rheinmetall muss zeigen, dass politische Zusagen, Produktentwürfe und ein gewaltiger Auftragsbestand tatsächlich in pünktliche Lieferungen, stabile Margen und verfügbares Geld übersetzt werden können.

Beim Modehändler war zu viel Optimismus bereits eingepreist. Beim Rüstungskonzern bezahlen Anleger weiterhin für die Erwartung, dass Europas Aufrüstung über Jahre anhält.

Was bleibt

Zalandos Zahlen sind nicht schlecht. Sie waren nur nicht gut genug für einen Kurs, der zuvor stark gestiegen war. Rheinmetalls Aussichten sind außergewöhnlich – aber auch dort genügt die Präsentation einer mächtigen Fregatte noch nicht. Erst ein Auftrag macht aus dem Kriegsschiff ein Geschäft.

Mode und Rüstung passen kaum zusammen. Als Börsengeschichte ergänzen sie sich gerade deshalb perfekt.

Denn beide zeigen dieselbe alte Regel: Nicht das Wachstum bewegt den Kurs, sondern die Frage, ob es größer oder kleiner ausfällt als das Wachstum, das Anleger längst bezahlt haben.

Stefanie S. Klief

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