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Wie Deutschland seine drei wichtigsten Vorteile gleichzeitig verlor

Russisches Gas verschwand, China wurde vom Kunden zum Konkurrenten und Amerika verlangte einen höheren Preis für Sicherheit und Handel

10 Min.

28.08.2026

Xi Jinping denkt in Jahrzehnten, nicht in Wahlperioden – strategische Geduld ist für ihn kein Zögern, sondern Methode.

»Deutschlands Wirtschaftsweg« – Weichenstellungen, die unsere Wirtschaft bis heute prägen

Eine Serie von Stefanie S. Klief


Deutschland verlor sein altes Geschäftsmodell nicht an einem einzigen Tag. Erst rissen während der Pandemie Lieferketten. Dann verschwand russisches Pipelinegas. Gleichzeitig wurde China in genau jenen Industrien stärker, von denen der deutsche Export lebte. Und schließlich zeigte sich, dass auch Amerika weder unbegrenzt Europas Sicherheitskosten tragen noch seinen Markt selbstverständlich offenhalten wollte. Innerhalb weniger Jahre wurden aus drei deutschen Vorteilen drei neue Rechnungen.

Corona war noch die Warnung

Als Anfang 2020 Fabriken in China schlossen, Container fehlten und internationale Transportwege ins Stocken gerieten, wirkte die Pandemie zunächst wie ein Ausnahmezustand.

Für Deutschland war sie mehr.

Eine später veröffentlichte Analyse der Bundesbank kam zu dem Ergebnis, dass rund ein Viertel des deutschen Produktionsrückgangs im April 2020 auf Lieferkettenstörungen in China zurückgeführt werden konnte. Industrien, die besonders stark von chinesischen Vorprodukten abhingen, wurden entsprechend härter getroffen.

Das war bemerkenswert. Eine Maschine konnte in Deutschland konstruiert und montiert werden – und trotzdem stillstehen, weil irgendwo in Asien ein einzelnes Bauteil fehlte. Doch die Lieferketten erholten sich.

China kaufte weiter deutsche Produkte, russisches Gas floss und auch die Weltwirtschaft sprang wieder an. Corona ließ sich deshalb noch als einmaliger Stresstest interpretieren.

Die alte Ordnung schien beschädigt. Noch war sie nicht vorbei.

Dann verschwand das russische Gas

Am 24. Februar 2022 griff Russland die Ukraine in großem Maßstab an.

Damit bekam eine wirtschaftliche Beziehung, die Deutschland jahrzehntelang vor allem unter Preis, Versorgungssicherheit und Handel betrachtet hatte, plötzlich eine vollkommen andere Bedeutung.

2021 waren noch 52 Prozent der deutschen Gasimporte aus Russland gekommen. 2022 sank der Anteil im Jahresdurchschnitt auf 22 Prozent. Über Nord Stream 1 wurden die Liefermengen zunächst stark reduziert; Anfang September fielen sie schließlich auf null. Erst knapp vier Wochen später, am 26. September 2022, beschädigten Explosionen Nord Stream 1 und 2 schwer.

Was das bedeutete, ließ sich unmittelbar an den Preisen erkennen.

Europa musste große Mengen Gas kurzfristig auf anderen Märkten beschaffen. Deutschland erhöhte die Importe aus Norwegen, Belgien und den Niederlanden, senkte den Verbrauch, füllte Speicher unter staatlichen Vorgaben und baute in außergewöhnlichem Tempo LNG-Infrastruktur auf. Noch im Dezember 2022 nahm das erste deutsche schwimmende LNG-Terminal in Wilhelmshaven den Betrieb auf.

Die Versorgung brach nicht zusammen. Aber der alte Vorteil war weg.

Deutschland konnte russisches Gas ersetzen – nicht seinen Preis

Das ist eine wichtige Unterscheidung. Die Energiekrise zeigte nicht, dass Deutschland ohne russisches Gas wirtschaftlich handlungsunfähig war. Innerhalb kurzer Zeit wurden neue Bezugswege geschaffen.

2025 kamen die größten deutschen Gasimporte aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien. Über deutsche LNG-Terminals wurden 106 Terawattstunden eingeführt, rund 10,3 Prozent aller Gasimporte. Rund 96 Prozent dieses LNG stammten nach Angaben der Bundesnetzagentur aus den USA.

Damit ist die Versorgung heute breiter aufgestellt.

Doch die neue Flexibilität hat einen Preis: Deutschland ist stärker vom Weltmarkt und dessen Preisschwankungen abhängig. Die Bundesnetzagentur beschreibt genau diesen Unterschied zur Situation vor 2022. Deutschland kann fehlende Mengen heute über verschiedene Wege beschaffen – spürt dafür aber Weltmarktpreise unmittelbarer.

Besonders energieintensive Industrien traf der Schock hart. Chemie, Papier oder Metallerzeugung litten stärker als andere Branchen unter den höheren Kosten. Die Bundesbank geht davon aus, dass Energiepreise auch nach dem unmittelbaren Krisenschock höher bleiben können als in der Zeit vor dem russischen Angriff.

Der erste deutsche Vorteil war damit nicht einfach verschwunden. Er war teurer geworden.

China kaufte plötzlich lieber chinesisch

Beim zweiten Vorteil verlief der Bruch leiser. Kein Pipelineventil wurde zugedreht. Kein einzelner Tag markiert das Ende. China wuchs schlicht in eine neue Rolle hinein.

Über Jahre hatte Deutschlands Industrie davon profitiert, dass eine aufstrebende Volkswirtschaft genau jene Produkte brauchte, auf die deutsche Unternehmen spezialisiert waren: Maschinen, Anlagen, Chemie und Fahrzeuge.

Doch China wollte diese Produkte irgendwann nicht mehr nur kaufen. Es wollte sie selbst herstellen. Und zunehmend gelang das.

Die Bundesbank erkennt seit 2019 ein neues Muster: Deutsche Exporteure verlieren auf wichtigen Absatzmärkten besonders dort Marktanteile, wo chinesische Anbieter hinzugewinnen. Betroffen sind ausgerechnet klassische deutsche Stärken wie Automobilindustrie, Maschinenbau und Elektrotechnik.

Was jahrzehntelang komplementär war – Deutschland liefert Technologie, China wächst –, wurde zunehmend Konkurrenz.

Ausgerechnet das Auto zeigt den Wandel

Kaum irgendwo ist diese Verschiebung deutlicher als in der Automobilindustrie.

Zwischen 2021 und 2025 gingen die deutschen Exporte nach China insgesamt um rund ein Fünftel zurück. Die deutschen Kraftfahrzeugexporte dorthin haben sich nach Angaben der Bundesbank nahezu halbiert. Mehr als 60 Prozent des gesamten Exportrückgangs nach China entfielen allein auf Fahrzeuge.

Dabei schrumpfte der chinesische Automarkt keineswegs entsprechend.

Im Gegenteil: Die Nachfrage nach Elektroautos und Plug-in-Hybriden nahm zu. Nur profitierten davon zunehmend chinesische Hersteller.

Deutsche Unternehmen hatten über Jahrzehnte enorme Gewinne in China erzielt und dort Produktionskapazitäten aufgebaut. Jetzt treffen sie auf Konkurrenten, die bei Elektromobilität, Batterien und digitaler Fahrzeugtechnik stark geworden sind und auf ihrem Heimatmarkt Vorteile genießen.

2025 stellte die Bundesbank deshalb nüchtern fest, eine bislang wichtige Ertragsquelle der deutschen Automobilindustrie beginne zu versiegen.

Das ist etwas anderes als ein kurzfristiger Nachfrageeinbruch.

Deutschland verlor nicht nur einen Kunden. Es bekam einen Konkurrenten.

Amerika blieb Verbündeter – aber nicht mehr kostenloser Komfortfaktor

Bei der dritten Säule muss man besonders genau hinsehen.

Die USA haben Deutschland nicht ihre Sicherheitsgarantie entzogen. Die NATO besteht, Artikel 5 gilt weiterhin und beim Gipfel von Den Haag 2025 bekräftigten die Bündnispartner ausdrücklich ihre Verpflichtung zur kollektiven Verteidigung.

Verändert hat sich etwas anderes:

Die Erwartung, dass Europa dauerhaft vergleichsweise wenig für seine eigene Verteidigung ausgeben und sich zugleich auf einen uneingeschränkt offenen amerikanischen Absatzmarkt verlassen könne.

Bereits während Donald Trumps erster Präsidentschaft war die Kritik an der europäischen Lastenteilung unüberhörbar geworden. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine wurde daraus eine grundlegend neue europäische Sicherheitsdebatte.

2025 verpflichteten sich die NATO-Staaten in Den Haag, bis 2035 insgesamt 5 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für Verteidigung und sicherheitsrelevante Investitionen aufzuwenden – davon mindestens 3,5 Prozent für klassische Verteidigung. Deutschland kündigte an, den Kernwert von 3,5 Prozent bereits 2029 erreichen zu wollen.

Europa soll künftig einen wesentlich größeren Teil seiner Sicherheit selbst finanzieren. Der Komfortfaktor schrumpft.

Und dann geriet auch der Handel mit Amerika unter Druck

Noch deutlicher wurde der Wandel auf einem Gebiet, das unmittelbar zum deutschen Geschäftsmodell gehört: Export.

Die Vereinigten Staaten waren für deutsche Unternehmen zu einem der wichtigsten Absatzmärkte geworden. Doch 2025 führte die neue US-Regierung umfassende zusätzliche Zölle ein – unter anderem auf Stahl, Aluminium, Fahrzeuge und Fahrzeugteile sowie zeitweise auf breite Teile der übrigen Einfuhren.

Eine Vereinbarung zwischen EU und USA legte schließlich für die meisten europäischen Waren einen Zollsatz von bis zu 15 Prozent fest.

Die Bundesbank stellte für 2025 bereits einen deutlichen Dämpfer bei den deutschen Exporten in die USA fest. Allein die Ankündigung der neuen Zölle beeinflusste die Handelsströme.

Damit veränderte sich auch die dritte Rechnung. Die Vereinigten Staaten blieben Partner. Aber sie waren weniger selbstverständlich Markt und Sicherheitsgarant zugleich, während Europa seine wirtschaftliche Kraft fast ausschließlich auf andere Bereiche konzentrieren konnte.

Gleichzeitig – aber nicht am selben Tag

Deutschland verlor seine drei Vorteile nicht am Montagmorgen um 9 Uhr. Die Veränderungen überlappten sich.

Die Konkurrenz aus China hatte bereits vor der Pandemie begonnen. Corona legte Lieferkettenrisiken offen. Russlands Angriff 2022 machte aus Energieabhängigkeit eine akute Krise. Amerikas handelspolitische und sicherheitspolitische Neuausrichtung entwickelte sich über mehrere Präsidentschaften hinweg und verschärfte sich erneut Mitte der 2020er-Jahre.

Historisch betrachtet ist das trotzdem beinahe gleichzeitig.

Denn ein Wirtschaftsmodell, das sich über mehrere Jahrzehnte entwickelt hatte, musste innerhalb von kaum mehr als fünf Jahren mit einer vollkommen anderen Außenwelt zurechtkommen.

Aus Rückenwind wurde Gegenwind

Und hier zeigt sich die eigentliche Bedeutung dieser drei Verluste.

  • Russisches Gas hatte Kosten gesenkt.
  • China hatte zusätzliche Nachfrage erzeugt.
  • Die amerikanisch geprägte Ordnung hatte Sicherheit und weitgehend offene Handelswege begünstigt.

Keine dieser Bedingungen allein erklärt Deutschlands früheren Erfolg. Aber alle drei gaben Rückenwind.

Heute ist dieser Rückenwind schwächer oder hat die Richtung gewechselt.

Die Folgen sind inzwischen messbar. Deutschlands Exportmarktanteile gehen bereits seit 2017 zurück, besonders deutlich seit 2021. Mehr als Dreiviertel der Verluste zwischen 2021 und 2023 erklärt die Bundesbank mit einer verschlechterten Wettbewerbsposition deutscher Anbieter. Pandemie und Energiekrise spielten dabei eine Rolle – aber eben nicht allein.

Darin liegt die unangenehme Pointe: Die Welt hat sich verändert. Aber nicht jedes deutsche Problem kommt aus der Welt.

Das alte Geschäftsmodell verdeckte eigene Schwächen

Solange Energie vergleichsweise günstig, Exportmärkte wachsend und internationale Rahmenbedingungen günstig waren, konnte Deutschland strukturelle Probleme leichter tragen.

  • Investitionen konnten verschoben werden.
  • Langsame Digitalisierung fiel weniger auf.
  • Demografischer Wandel blieb beherrschbar, solange Unternehmen über andere Vorteile verfügten.
  • Hohe bürokratische Belastungen waren ärgerlich, aber nicht automatisch existenzbedrohend.

Mit dem Wegfall des äußeren Rückenwinds änderte sich die Gewichtung.

Die Bundesbank sieht heute nicht nur Energiepreise, China oder geopolitische Konflikte als Ursache der Wachstumsschwäche. Sie nennt ebenso Fachkräftemangel, Demografie, steigende Lohnstückkosten, Bürokratie und schwache Investitionen. Zwischen 1999 und 2019 lag das deutsche Potenzialwachstum noch deutlich über 1 Prozent jährlich; für die kommenden Jahre erwartet die Bundesbank nur noch rund 0,4 Prozent.

Das ist der entscheidende Übergang. Deutschland kann die alte Welt nicht zurückholen.

Aber es muss auch nicht darauf warten, dass Russland wieder billiges Gas liefert, China wieder deutsche Verbrenner kauft oder Amerika Europas alte Sicherheitsrechnung übernimmt.

Die Frage lautet inzwischen vielmehr:

Wie wettbewerbsfähig ist Deutschlands Industrie, wenn sie ohne diese außergewöhnlichen Vorteile auskommen muss?

Und damit geraten Dinge in den Mittelpunkt, die sich tatsächlich im eigenen Land verändern lassen: Energieversorgung und Netze, Investitionen, Infrastruktur, Digitalisierung, Arbeitskräfte, Genehmigungen – und die Art, wie eine klassische Industrienation ihren technologischen Umbau organisiert.

Die Energiewende ist dabei ein gewaltiger Teil der Aufgabe.

Aber sie ist längst nicht der einzige.

Damit beschäftigt sich Teil 11:
Warum die Energiewende nicht Deutschlands einziges Industrieproblem ist


Diese Folge ist Teil unserer Serie »Deutschlands Wirtschaftsweg – Weichenstellungen, die unsere Wirtschaft bis heute prägen«, die zentrale wirtschaftliche Weichenstellungen von der Währungsreform bis zur heutigen Standortdebatte nachzeichnet.

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