Angela Merkel, Dmitry Medvedev und Gerhard Schröder bei der offiziellen Eröffnungszeremonie der Nord Stream Pipeline am 08. November 2011
Eine Serie von Stefanie S. Klief
Deutschland hat nie beschlossen, sein Wirtschaftsmodell auf drei Länder zu bauen. Kein Kanzler legte einen Plan vor, nach dem das Land Gas in Russland kaufen, Autos und Maschinen in China verkaufen und seine Sicherheit in eine maßgeblich von den USA getragene Ordnung einbetten sollte. Trotzdem entstand genau daraus rückblickend eine erstaunlich treffende Kurzformel deutscher Stärke. Das Problem war nicht, dass diese Beziehungen wirtschaftlich keinen Sinn ergaben. Das Problem war, dass sie so lange so gut funktionierten.
Den deutschen Masterplan gab es nie
Nach Finanz- und Eurokrise entwickelte Deutschland eine wirtschaftliche Stärke, die wenige Jahre zuvor kaum jemand erwartet hatte.
Die Arbeitslosigkeit sank, Unternehmen erzielten Exportrekorde, die öffentlichen Haushalte stabilisierten sich und die Industrie behauptete einen deutlich größeren Anteil an der Wertschöpfung als in vielen anderen westlichen Volkswirtschaften.
Die Voraussetzungen dafür waren bereits gelegt: spezialisierte Industrieunternehmen, Maschinenbau und Automobilwirtschaft, ein eng verflochtener europäischer Produktionsraum, der Euro und eine außergewöhnlich starke Stellung auf den Weltmärkten.
Die Bundesbank beschreibt, wie Deutschlands Außenhandelsverflechtung während der Globalisierung deutlich stärker zunahm als etwa die Frankreichs, Italiens oder Großbritanniens. Der Fall des Eisernen Vorhangs, sinkende Handelsbarrieren und Transportkosten sowie die Integration Chinas in die Weltwirtschaft eröffneten gerade der deutschen Industrie enorme Möglichkeiten.
Auf dieses Fundament trafen drei Bedingungen, die fast verblüffend gut zusammenpassten.
Russland lieferte, was deutsche Industrie brauchte
Eine davon kam durch Pipelines.
Deutschland ist ein rohstoffarmes Industrieland und importierte schon lange den größten Teil seines Erdgasbedarfs. Russland entwickelte sich zum dominierenden Lieferanten. Noch 2021 kamen 52 Prozent der deutschen Gasimporte aus Russland; bezogen auf das in Deutschland verbrauchte Erdgas lag der russische Anteil zuletzt vor dem Krieg bei rund 55 Prozent.
Diese Verbindung war keineswegs nur das Ergebnis politischer Naivität.
Russisches Pipelinegas galt als günstig und zuverlässig. Für Chemie, Metall, Glas, Papier und andere energieintensive Branchen war das ein erheblicher Standortvorteil. Selbst die Bundesnetzagentur bezeichnete die Situation rückblickend als komfortabel: Das Gas kam zuverlässig über Nord Stream 1 – und es war billig.
Wie selbstverständlich diese Partnerschaft erschien, zeigt der 8. November 2011.
In Lubmin eröffneten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Russlands Präsident Dmitri Medwedew gemeinsam Nord Stream 1. Altkanzler Gerhard Schröder war ebenfalls dabei. Merkel bezeichnete die Pipeline damals als strategisches Projekt und Beispiel einer belastbaren Energiepartnerschaft zwischen Russland und Europa.
Was später als gefährliche Abhängigkeit gelten sollte, war damals vor allem eines: ein wirtschaftlicher Vorteil.
China kaufte genau das, was Deutschland besonders gut konnte
Die zweite günstige Entwicklung vollzog sich noch weiter entfernt.
Mit Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation 2001 begann eine Phase rasanter Industrialisierung und wirtschaftlicher Expansion. Fabriken, Städte und Verkehrsnetze entstanden, eine neue Mittelschicht wuchs – und China brauchte Maschinen, Fahrzeuge, Chemieanlagen und industrielle Ausrüstung.
Das passte beinahe ideal zum deutschen Angebot.
2021 exportierte Deutschland Waren im Wert von 103,6 Milliarden Euro nach China. Besonders wichtig waren Kraftfahrzeuge und Fahrzeugteile sowie Maschinen. Gleichzeitig kamen Importe im Wert von 141,7 Milliarden Euro aus China. Das Land war damit zum sechsten Mal in Folge Deutschlands wichtigster Handelspartner geworden.
Doch China war längst mehr als ein Exportmarkt.
Deutsche Unternehmen bauten dort Fabriken, Beteiligungen und Vertrieb auf. Das Engagement war außerordentlich profitabel: 2022 erzielten chinesische Tochtergesellschaften deutscher Konzerne nach Angaben der Bundesbank Gewinne von rund 23 Milliarden Euro. Etwa die Hälfte davon wurde wiederum in China investiert.
Für manche Branchen wurde der Markt enorm wichtig. Die Bundesbank verwies 2023 darauf, dass deutsche Autohersteller rund ein Drittel ihrer Fahrzeuge in China absetzten.
Warum hätte ein Unternehmen freiwillig auf einen solchen Markt verzichten sollen?
China wurde gleichzeitig zur Werkbank
Deutschland verkaufte aber nicht nur nach China.
Es kaufte dort zunehmend Elektronik, Maschinen, Batterien, Vorprodukte und Rohstoffe. Internationale Arbeitsteilung machte Produktion günstiger und effizienter. Unternehmen mussten schließlich nicht jedes Teil selbst herstellen, wenn ein spezialisierter Anbieter auf der anderen Seite der Welt es besser oder billiger produzieren konnte.
Auch das war zunächst kein Fehler. Globalisierung schafft Wohlstand gerade dadurch, dass Länder sich spezialisieren und miteinander handeln.
Problematisch wurde etwas anderes: Manche Produkte ließen sich kaum noch ersetzen. Bei der Verarbeitung Seltener Erden erreichte China beispielsweise eine dominante Weltmarktposition; deutsche Unternehmen bezogen entsprechende Materialien und spezialisierte Vorleistungen teilweise aus sehr konzentrierten Lieferketten. Die Bundesbank warnt inzwischen ausdrücklich davor, dass eine abrupte Entflechtung kurzfristig erhebliche Produktionsprobleme verursachen könnte.
Aus effizienter Arbeitsteilung konnte damit Abhängigkeit werden. Der Übergang war fließend.
Die dritte Säule tauchte in keiner Handelsbilanz auf
Noch schwieriger lässt sich der amerikanische Anteil am deutschen Erfolgsmodell in Euro beziffern.
Die Vereinigten Staaten lieferten nicht Deutschlands Energie und China war keineswegs Deutschlands einziger Absatzmarkt. Aber die Bundesrepublik entwickelte ihre wirtschaftliche Stärke innerhalb einer Sicherheitsordnung, deren militärisches Rückgrat zu einem erheblichen Teil amerikanisch war.
2021 entfielen 69 Prozent der gesamten Verteidigungsausgaben der NATO auf die Vereinigten Staaten – bei einem Anteil von 51 Prozent an der gemeinsamen Wirtschaftsleistung der Bündnisstaaten. Daraus folgt nicht, dass Washington schlicht »für Deutschlands Sicherheit bezahlte«. Deutschland unterhielt eigene Streitkräfte und war selbst Teil der NATO.
Aber es konnte sich wirtschaftlich in einer Ordnung entwickeln, in der die Vereinigten Staaten einen überproportional großen Teil militärischer Fähigkeiten bereitstellten. Deutschland konzentrierte enorme politische und wirtschaftliche Energie auf Handel, Industrie und europäische Integration.
Auch das war komfortabel.
Eigentlich gab es eine vierte Säule
Die populäre Formel Russland – China – USA ist deshalb nützlich, aber unvollständig. Denn ohne Europa hätte dieses Modell kaum funktioniert.
Der Binnenmarkt ermöglichte Handel ohne Zölle und weitgehend ohne nationale Barrieren. Der Euro beseitigte Wechselkursrisiken gegenüber wichtigen Absatzmärkten. Mittel- und osteuropäische Länder wurden eng in deutsche industrielle Produktionsketten eingebunden.
Deutschland konnte dadurch europäisch produzieren und global verkaufen.
Russland, China und die USA waren also weniger die Fundamente als drei besonders günstige Bedingungen auf einem Fundament aus europäischer Integration, Globalisierung und offenem Welthandel.
Und gerade darin liegt eine wichtige Korrektur der heutigen Erzählung:
Dieses Wirtschaftsmodell war nicht das Werk einer Regierung. Es war das Produkt einer ganzen Epoche.
Warum sollte man etwas ändern, das funktioniert?
Aus heutiger Perspektive erscheinen die Risiken beinahe offensichtlich. Damals sah die Rechnung anders aus.
Russisches Gas floss zuverlässig. Deutsche Konzerne verdienten Milliarden in China. Lieferketten wurden effizienter. Die NATO bestand. Der internationale Handel expandierte. Deutsche Unternehmen waren auf den Weltmärkten erfolgreich. Diversifizierung kostet dagegen Geld.
Ein Unternehmen, das mehrere Lieferanten für denselben Rohstoff unterhält, zahlt für Sicherheit. Ein Staat, der alternative Energieinfrastruktur bereithält, muss dafür investieren. Ein Konzern, der einen hochprofitablen Markt bewusst begrenzt, verzichtet zunächst auf Ertrag.
Resilienz ist teuer, solange nichts passiert.
Deshalb optimieren Unternehmen und Staaten in ruhigen Zeiten auf Effizienz. Und daher sehen Risiken häufig erst dann teuer aus, wenn sie eintreten.
Die Warnungen waren trotzdem da
Ganz überraschend kamen sie nicht. Bereits 2009 zeigten Konflikte zwischen Russland und der Ukraine, dass Gaslieferungen nach Europa geopolitisch gestört werden konnten. 2014 annektierte Russland die Krim.
China entwickelte sich währenddessen längst vom reinen Absatzmarkt zum technologischen Wettbewerber. Eigene Unternehmen wurden stärker und die chinesische Industriepolitik zielte auf genau jene hochwertigen Industriegüter, bei denen Deutschland traditionell besonders erfolgreich war. Die Bundesbank beobachtet inzwischen gerade in solchen Bereichen chinesische Marktanteilsgewinne zulasten deutscher Exporteure.
Auch die amerikanische Ordnung wurde weniger selbstverständlich. Unter Präsident Donald Trump eskalierten Handelskonflikte, Zusatzzölle trafen China und andere Partner und die internationale Handelspolitik wurde konfrontativer.
Die Warnsignale existierten. Nur existierten die Gewinne gleichzeitig ebenfalls.
Dann fehlten plötzlich Teile
2020 kam der erste außergewöhnliche Belastungstest. Die Corona-Pandemie ließ Fabriken schließen, unterbrach Transportwege und brachte internationale Lieferketten zeitweise durcheinander. Deutschland bekam erstmals sehr konkret zu spüren, wie weit entfernt die vermeintlich heimische Produktion inzwischen begann.
Eine Analyse der Bundesbank kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Rund ein Viertel des deutschen Produktionsrückgangs im April 2020 lässt sich auf Lieferkettenstörungen in China zurückführen.
Trotzdem erholte sich das System erstaunlich schnell. Selbst das deutsche Exportgeschäft mit China erwies sich 2020 als robust: Während die Ausfuhren in die USA um 12,5 Prozent sanken, gingen die Exporte nach China lediglich um 0,1 Prozent zurück.
Corona konnte deshalb noch als außergewöhnliche Störung erscheinen. Als Krise, nach der die alte Welt zurückkehren würde.
Genau das machte die Lage trügerisch.
Denn das deutsche Geschäftsmodell war nicht deshalb problematisch, weil Russland, China oder die USA darin vorkamen. Deutschland hatte real von jeder dieser Beziehungen profitiert. Das Risiko lag in ihrer Kombination.
Energieversorgung, Absatzmärkte, Lieferketten und geopolitische Stabilität beruhten zunehmend auf Voraussetzungen, deren Fortbestand Deutschland selbst nur begrenzt kontrollieren konnte.
Solange eine dieser Voraussetzungen schwächelte, konnte das System damit umgehen. Gefährlich wurde es, als mehrere gleichzeitig ins Wanken gerieten.
Deutschland hatte sein Geschäftsmodell nicht falsch gewählt.
Es hatte sich nur sehr lange daran gewöhnt, dass seine wichtigsten Voraussetzungen Normalität seien.
Sie waren es nicht.
Damit beschäftigt sich Teil 10:
Wie Deutschland seine drei wichtigsten Vorteile gleichzeitig verlor
Diese Folge ist Teil unserer Serie »Deutschlands Wirtschaftsweg – Weichenstellungen, die unsere Wirtschaft bis heute prägen«, die zentrale wirtschaftliche Weichenstellungen von der Währungsreform bis zur heutigen Standortdebatte nachzeichnet.