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ETA: Kaufen statt gründen? Die USA zeigen wie es geht

Entrepreneurship through Acquisition könnte helfen, Nachfolgeprobleme im deutschen Mittelstand zu lösen

5 Min.

03.07.2026

Deutschland braucht mehr Unternehmertum. Doch dabei geht es nicht nur um neue Start-ups, neue Apps oder neue Geschäftsmodelle. Eine bislang wenig bekannte Form könnte für den Mittelstand besonders wichtig werden: Unternehmertum durch Übernahme. Gerade in einer alternden Wirtschaft kann daraus ein Hebel gegen Stillstand entstehen.
 

Deutschland diskutiert seit Jahren über Wachstumsschwäche, Investitionsstau, Bürokratie und fehlende Dynamik. Oft richtet sich der Blick dabei auf Start-ups. Mehr Gründungen, mehr Wagniskapital, mehr Technologieunternehmen – das alles bleibt wichtig. Doch ein anderes Problem liegt mindestens genauso schwer auf der deutschen Wirtschaft: Viele bestehende Unternehmen suchen Nachfolger.

Genau hier setzt ein Modell an, das in Deutschland noch wenig bekannt ist: »Entrepreneurship through Acquisition«, kurz ETA. Gemeint ist Unternehmertum durch Übernahme. Statt ein Unternehmen von Grund auf neu zu gründen, übernehmen angehende Unternehmer einen bestehenden Betrieb, führen ihn weiter und entwickeln ihn strategisch fort.

Im Ausland, besonders in den USA, ist dieser Weg längst etablierter. In Deutschland bleibt er eine Nische. Dabei könnte er ausgerechnet hier besonders relevant sein. Denn der deutsche Mittelstand steht vor einem Generationenwechsel, für den es zu wenige Nachfolger gibt.

Nachfolge wird zur Strukturfrage

Nach Daten der KfW planen bis Ende 2029 jährlich rund 109.000 mittelständische Unternehmen eine Nachfolgeregelung. Gleichzeitig erwägen jährlich rund 114.000 Betriebe eine bewusste Geschäftsaufgabe ohne Nachfolgelösung. Jeder vierte Betrieb könnte also nicht deshalb verschwinden, weil das Geschäftsmodell zwingend gescheitert ist, sondern weil niemand übernimmt.

Das ist wirtschaftlich brisant. Mit jedem geschlossenen Betrieb verschwinden Kundenbeziehungen, Fachwissen, Arbeitsplätze, regionale Wertschöpfung und oft auch Ausbildungsplätze. Gerade in ländlichen Räumen oder spezialisierten Industrien kann eine ungelöste Nachfolge mehr sein als ein privates Problem des Eigentümers. Sie wird zur Standortfrage.

Die Ursachen sind vielschichtig. Viele Unternehmer sind inzwischen deutlich älter als frühere Inhabergenerationen. Laut KfW sind 57 Prozent der mittelständischen Inhaberinnen und Inhaber 55 Jahre oder älter. Gleichzeitig wollen Kinder den Familienbetrieb häufiger nicht übernehmen. Dazu kommen hohe Kaufpreisvorstellungen, Bürokratie, Finanzierungshürden und die Unsicherheit, ob sich ein klassischer Mittelstandsbetrieb in einem stagnierenden Umfeld noch attraktiv weiterentwickeln lässt.

ETA als unterschätzter Gründerweg

ETA könnte hier eine Lücke schließen. Das Modell spricht Menschen an, die unternehmerisch arbeiten wollen, aber nicht zwingend eine eigene Produktidee oder ein Start-up-Risiko suchen. Sie steigen nicht bei null ein, sondern übernehmen ein Unternehmen mit Kunden, Mitarbeitern, Umsätzen und Marktposition.

Besonders verbreitet ist dabei das Modell sogenannter Search Funds. Angehende Unternehmer sammeln zunächst Kapital von Investoren ein, um gezielt nach einem passenden Unternehmen zu suchen. Wird ein Betrieb gefunden, finanzieren die Investoren meist auch die Übernahme mit. Der neue Unternehmer übernimmt anschließend die Führung und entwickelt das Unternehmen weiter.

Das klingt nüchterner als eine klassische Start-up-Geschichte. Kein Garagenmythos, kein schneller Exit, kein disruptiver Gründungsrausch. Aber gerade darin liegt die Stärke. Deutschland braucht nicht nur neue Unternehmen, sondern auch Menschen, die bestehende Unternehmen modernisieren, digitalisieren, professionalisieren und erhalten.

Stagnation entsteht auch durch fehlende Übergabe

Die deutsche Wachstumsschwäche hat viele Gründe. Energiepreise, Regulierung, Fachkräftemangel, Investitionszurückhaltung und internationale Konkurrenz gehören dazu. Doch auch fehlende Unternehmensnachfolge wirkt wie eine stille Wachstumsbremse.

Wenn Inhaber keinen Nachfolger finden, investieren sie oft weniger. Digitalisierung wird verschoben, neue Märkte werden nicht erschlossen, Maschinen werden später ersetzt, Personalentwicklung bleibt liegen. Ein Unternehmen, das eigentlich noch Substanz hat, kann dadurch langsam an Dynamik verlieren.

Eine erfolgreiche Übernahme kann genau das Gegenteil auslösen. Neue Eigentümer bringen oft strategischen Druck, frisches Kapital, digitale Kompetenz und Wachstumswillen mit. Sie müssen das Rad nicht neu erfinden, können aber ein bestehendes Geschäftsmodell auf den nächsten Stand bringen.

Nicht romantisch, aber wirksam

ETA ist kein Allheilmittel. Nicht jedes Unternehmen eignet sich für eine Übernahme. Nicht jeder ambitionierte Manager wird automatisch ein guter Unternehmer. Kaufpreise müssen realistisch sein, Finanzierung muss tragfähig bleiben, und auch die kulturelle Übergabe ist anspruchsvoll. Gerade in Familienunternehmen hängt vieles an Vertrauen, Belegschaft und gewachsenen Beziehungen.

Trotzdem verdient das Modell mehr Aufmerksamkeit. In Deutschland wird Unternehmertum oft entweder als Start-up-Gründung oder als klassische Familiennachfolge gedacht. Dazwischen liegt ein großer Raum: qualifizierte Menschen, die Verantwortung übernehmen wollen, und Betriebe, die genau solche Menschen suchen.

Wenn Deutschland aus seiner Stagnation herauskommen will, reicht es nicht, nur auf neue Ideen zu warten. Es muss auch besser darin werden, vorhandene Substanz nicht versanden zu lassen. Unternehmertum durch Übernahme könnte dafür ein pragmatischer Weg sein: weniger spektakulär als das nächste Unicorn, aber für den Mittelstand womöglich viel wirksamer.

SK

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