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Deutschlands Industrieproblem passt nicht auf die Stromrechnung

Warum Energiepreise allein nicht erklären, was Autoindustrie, Maschinenbau und andere Schlüsselbranchen unter Druck setzt

9 Min.

29.08.2026

Angela Merkel, Dmitry Medvedev und Gerhard Schröder bei der offiziellen Eröffnungszeremonie der Nord Stream Pipeline am 08. November 2011

»Deutschlands Wirtschaftsweg« – Weichenstellungen, die unsere Wirtschaft bis heute prägen

Eine Serie von Stefanie S. Klief


Wenn Deutschlands Industrie schwächelt, ist ein Schuldiger schnell gefunden: die Energiewende. Tatsächlich sind Energiepreise für viele Unternehmen ein ernstes Problem. Nur erklärt das nicht, warum ausgerechnet die Automobilindustrie derzeit stärker Beschäftigung abbaut als die Chemieindustrie – oder weshalb Investitionen und Produktivität schon seit Jahren schwächeln. Deutschlands Industrieproblem ist größer als seine Stromrechnung.

Die Industrie verliert tatsächlich Substanz

Die Zahlen lassen sich nicht kleinreden.

2025 sank die preisbereinigte Bruttowertschöpfung des Verarbeitenden Gewerbes zum dritten Mal in Folge, diesmal um 1,3 Prozent. Besonders Automobilindustrie und Maschinenbau hatten Probleme, während energieintensive Branchen wie Chemie ebenfalls auf niedrigem Niveau verharrten.

Im ersten Halbjahr 2026 setzte sich der Beschäftigungsabbau fort. Im Verarbeitenden Gewerbe arbeiteten Ende Juni 144.100 Menschen weniger als ein Jahr zuvor. Besonders stark war der Rückgang in der Autoindustrie: Dort sank die Beschäftigung um 5,8 Prozent auf 691.500 Personen – den niedrigsten Stand seit Beginn der vergleichbaren Reihe 2005. In der Chemieindustrie betrug das Minus 3,6 Prozent, im Maschinenbau 2,7 Prozent.

Das ist bemerkenswert. Denn die Autoindustrie gehört nicht zu den klassischen energieintensiven Branchen wie Chemie, Glas oder Metallerzeugung.

Wenn Energie allein das Problem wäre, müsste die Rangfolge anders aussehen.

Energie ist trotzdem ein echtes Standortproblem

Das bedeutet nicht, dass die Energiefrage überschätzt wird.

Im März 2026 nannten 61 Prozent der von der Bundesbank befragten Unternehmen hohe Energiepreise als drängende Herausforderung für die kommenden 6 Monate.

Interessant ist allerdings ein zweiter Blick auf die Zahlen.

Der durchschnittliche Strompreis für Industriekunden mit einem Jahresverbrauch zwischen 160.000 und 20 Millionen Kilowattstunden lag 2025 bei 18,31 Cent je Kilowattstunde. Damit lag er ungefähr auf dem Niveau von 2019 und sogar unter dem Wert von 2021. Möglich wurde das allerdings auch durch staatliche Entlastungen bei Steuern, Abgaben und Umlagen.

Die Aussage »Strom war früher billig, die Energiewende machte ihn teuer« greift deshalb ebenso zu kurz wie die Behauptung, Unternehmen hätten überhaupt kein Energieproblem.

Preise unterscheiden sich nach Branche, Verbrauch und Beschaffungsvertrag. Zugleich benötigen Unternehmen nicht nur günstigen Strom, sondern verlässliche Energie zu kalkulierbaren Preisen.

Hier liegt die eigentliche Herausforderung der Energiewende.

Der Strom ist schon erstaunlich grün

Deutschland hat sein Energiesystem bereits stärker verändert, als es in der Standortdebatte manchmal klingt.

2000 kamen lediglich 6,3 Prozent des Bruttostromverbrauchs aus erneuerbaren Energien. 2025 waren es 55,1 Prozent. Allein Photovoltaikanlagen erzeugten im vergangenen Jahr rund 92 Terawattstunden Strom.

Im ersten Halbjahr 2026 lag der Erneuerbaren-Anteil am Bruttostromverbrauch bei rund 57 Prozent. Die Energiewende ist also keineswegs ein Projekt, das irgendwann beginnen soll.

Sie findet statt.

Schwieriger ist der nächste Schritt: Stromerzeugung, Netze, Speicher, flexible Verbraucher und gesicherte Leistung müssen gleichzeitig ausgebaut werden, während Industrie, Wärmeversorgung und Verkehr zunehmend elektrifiziert werden sollen.

Für Unternehmen zählt deshalb nicht nur, wie viele Windräder oder Solaranlagen installiert sind. Entscheidend ist, ob daraus ein Energiesystem entsteht, das preislich und technisch zu einer Industrienation passt.

Doch selbst ein perfektes Stromsystem würde Deutschlands Industrieprobleme nicht lösen.

Der Automobilindustrie fehlt nicht nur billiger Strom

Kaum eine Branche zeigt das deutlicher.

Deutschlands Automobilindustrie befindet sich gleichzeitig in einem technologischen und geopolitischen Umbruch: Verbrennungsmotoren verlieren langfristig an Bedeutung, Elektromobilität benötigt andere Komponenten und weniger klassische Antriebstechnik, Software wird wichtiger und chinesische Hersteller sind zu ernsthaften Wettbewerbern geworden.

Wie Teil 10 gezeigt hat, sind die deutschen Fahrzeugexporte nach China in wenigen Jahren massiv zurückgegangen.

Das ist kein Strompreisproblem. Es ist ein Technologie-, Produkt- und Wettbewerbsproblem.

Besonders Zulieferer geraten dadurch unter Druck. Ende des 1. Halbjahres 2026 beschäftigten Hersteller von Autoteilen und Zubehör 7,6 Prozent weniger Menschen als ein Jahr zuvor.

Ein Unternehmen, dessen Produkt im Elektroauto nicht mehr benötigt wird, wird durch billigeren Strom allein nicht wettbewerbsfähig.

Es braucht ein neues Produkt.

Deutschland investiert zu wenig in seine nächste Version

Seit 2019 sind die preisbereinigten Bruttoanlageinvestitionen in Deutschland erkennbar zurückgegangen. Besonders schwach entwickelten sich die Unternehmens- und Ausrüstungsinvestitionen. Nach Abzug der Abschreibungen waren die Anlageinvestitionen 2024 und 2025 erstmals seit der Wiedervereinigung sogar negativ.

Deutschland vergrößerte seinen Kapitalstock also nicht mehr – es zehrte unter dem Strich davon. Das betrifft nicht nur Fabriken.

Auch öffentliche Infrastruktur ist Teil industrieller Wettbewerbsfähigkeit: Straßen und Brücken, Schulen, digitale Netze, Verwaltung, Energie- und Verkehrsinfrastruktur.

Das KfW-Kommunalpanel bezifferte den von Städten und Gemeinden wahrgenommenen Investitionsrückstand 2026 auf einen Rekordwert von 231,2 Milliarden Euro. Allein bei Schulen fehlten danach knapp 69 Milliarden Euro, bei Straßen und Verkehr knapp 54 Milliarden Euro.

Eine moderne Fabrik wird nicht allein dadurch produktiv, dass ihr Strompreis sinkt, wenn gleichzeitig Brücken gesperrt, Genehmigungen langsam und digitale Netze unzureichend sind.

Bürokratie schlägt Energie inzwischen sogar

Auch die Unternehmen selbst benennen das inzwischen auffällig deutlich.

Während 61 Prozent der von der Bundesbank befragten Firmen im März 2026 hohe Energiepreise als drängendes Problem bezeichneten, nannten 69 Prozent Regulierung und staatliche Vorschriften. Damit blieb Bürokratie die am häufigsten genannte kurzfristige Herausforderung.

Eine aktuelle Bundesbank-Auswertung kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass die von Unternehmen geschätzten Bürokratiekosten zwischen 2022 und 2024 von durchschnittlich etwa 5 auf rund 7 Prozent des Jahresumsatzes gestiegen sind. Kleine Unternehmen sind relativ besonders stark betroffen.

In Zeiten knapper Arbeitskräfte bekommt das eine zusätzliche Dimension. Wer Fachkräfte dafür einsetzen muss, Berichts-, Dokumentations- und Genehmigungspflichten zu erfüllen, kann dieselben Menschen nicht gleichzeitig in Produktion, Entwicklung oder Vertrieb beschäftigen.

Und Deutschland gehen die Menschen aus

Damit kommen wir zu einem Problem, das sich durch keinen Konjunkturaufschwung erledigt.

2025 dürfte die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter nach Einschätzung der Bundesbank ihren Höhepunkt erreicht haben. Die Alterung der Bevölkerung reduziert das Arbeitsangebot bereits seit Jahren; mit dem Ausscheiden der Babyboomer wird sich dieser Effekt verstärken.

Das ist für eine Industrienation besonders relevant. Industrie benötigt Ingenieure und Softwareentwickler – aber ebenso Elektriker, Mechatroniker, Facharbeiter und Handwerker. Automatisierung kann einen Teil des Mangels ausgleichen. Sie erhöht allerdings die nächste Anforderung: Unternehmen müssen investieren und produktiver werden.

Genau dabei schwächelt Deutschland ebenfalls

Das trendmäßige Wachstum der sogenannten totalen Faktorproduktivität lag in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren nach Berechnungen der Bundesbank im Durchschnitt bei lediglich 0,2 Prozent jährlich. In den 2010er-Jahren waren es noch 0,5 Prozent.

Das klingt nach einer kleinen Differenz.

Über Jahre entscheidet sie jedoch mit darüber, wie stark Löhne steigen können, ohne Unternehmen international aus dem Markt zu drücken, wie eine alternde Bevölkerung finanziert werden kann und ob weniger Arbeitskräfte trotzdem mehr Wertschöpfung erzeugen.

Auch technologisch ist das Problem unbequem: Deutschlands Forschungs- und Entwicklungsstärke konzentriert sich stark auf sogenannte Mid-Tech-Branchen wie die Automobilindustrie. Bei Investitionen in besonders produktivitätsstarke High-Tech-Bereiche sieht die Bundesbank dagegen Rückstände.

Damit verändert sich die industrielle Aufgabe. Deutschland muss nicht bloß seine bestehenden Fabriken klimaneutral machen. Es muss gleichzeitig entscheiden, was diese Fabriken künftig überhaupt herstellen sollen.

Die Energiewende kann Problem und Teil der Lösung zugleich sein

Daher führt auch die umgekehrte Erzählung in die Irre.

Die Energiewende ist nicht bloß Belastung.

Wer Strom, Wärme, Verkehr und industrielle Prozesse elektrifiziert, benötigt neue Netze, Speicher, Leistungselektronik, Anlagen, Software und Maschinen. Eine Volkswirtschaft mit starkem Maschinenbau und elektrotechnischem Know-how kann daran verdienen.

Auch Digitalisierung und künstliche Intelligenz bieten Produktivitätspotenzial. Laut Bundesbank stieg der Anteil der Unternehmen, die generative KI nutzen oder dies planen, von 26 Prozent im Jahr 2024 auf voraussichtlich 56 Prozent 2026. Mehr als die Hälfte der KI-nutzenden Unternehmen erwartet dadurch Produktivitätsgewinne von mindestens zwei Prozent.

Transformation bedeutet deshalb nicht automatisch Deindustrialisierung. Aber sie garantiert ebenso wenig industrielle Zukunft.

Der bequemste Schuldige hilft am wenigsten

Die Standortdebatte verengt sich gern auf eine einzige Entscheidung.

  • Atomausstieg.
  • Energiewende.
  • Bürokratie.
  • China.
  • Fachkräftemangel.
  • Steuern.

Für jeden dieser Punkte gibt es Argumente.

Das Problem ist gerade, dass mehrere gleichzeitig wirken.

Die Bundesbank schätzt das jährliche Wachstum der deutschen Produktionsmöglichkeiten inzwischen nur noch auf rund 0,4 Prozent. Für 2027 und 2028 erwartet sie sogar lediglich etwa 0,3 Prozent. Als Gründe nennt sie ausdrücklich eine Kombination aus Demografie, Fachkräftemangel, hohen Energiekosten, Bürokratie, schwachen Investitionen und wachsender Konkurrenz auf den Exportmärkten.

Die Energiewende ist damit Teil einer historischen Transformation.

Aber Deutschlands Industrieproblem begann nicht mit einem Windrad und es endet auch nicht mit einem niedrigeren Strompreis.

Nach 11 Folgen bleibt deshalb die entscheidende Frage:

Wie ungewöhnlich schlecht ist diese Lage eigentlich wirklich?

Damit beschäftigt sich Teil 12:
Ist Deutschlands Wirtschaft wirklich so schlecht wie nie?


Diese Folge ist Teil unserer Serie »Deutschlands Wirtschaftsweg – Weichenstellungen, die unsere Wirtschaft bis heute prägen«, die zentrale wirtschaftliche Weichenstellungen von der Währungsreform bis zur heutigen Standortdebatte nachzeichnet.

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