US-Präsident Donald Trump droht jedem Land, das Iran unterstützt, mit »Wirtschaftskrieg und Isolation in beispiellosem Ausmaß«. Fast zeitgleich überschreitet die amerikanische Staatsverschuldung erstmals 40 Billionen Dollar. Beide Nachrichten scheinen zunächst unabhängig voneinander. Tatsächlich berühren sie dieselbe Frage: Wie lange kann die größte Volkswirtschaft der Welt ihre wirtschaftliche Macht außenpolitisch immer offensiver einsetzen, wenn Krieg, steigende Zinskosten und hohe Defizite den finanziellen Spielraum im Inneren zunehmend belasten?
Trump will nicht nur Iran isolieren
Die jüngste Drohung richtet sich nicht mehr allein gegen Teheran. Trump kündigte an, jedes Land wirtschaftlich zu bestrafen, das Iran unterstütze. Was genau unter der angekündigten »Economic Warfare« zu verstehen ist, ließ der Präsident offen. Die amerikanische Regierung arbeitet jedoch bereits an einer weiteren Verschärfung ihrer Sanktionen.
Die Möglichkeiten sind enorm: Washington kann Unternehmen und Banken vom amerikanischen Finanzsystem ausschließen, Vermögenswerte einfrieren, Geschäfte mit sanktionierten Unternehmen kriminalisieren und sogenannte Sekundärsanktionen verhängen. Dann geraten selbst Unternehmen außerhalb der USA unter Druck, wenn sie weiterhin Geschäfte mit Iran machen und gleichzeitig Zugang zum amerikanischen Markt oder Finanzsystem behalten wollen.
Das US-Finanzministerium hat nach Angaben von Reuters im Verlauf der aktuellen Kampagne bereits mehr als 1.000 Personen und Unternehmen ins Visier genommen. Im Mittelpunkt steht insbesondere Irans Ölgeschäft.
China wird damit zwangsläufig zum entscheidenden Problem. Nach Angaben des amerikanischen Office of Foreign Assets Control kaufte China zuletzt rund 90 Prozent der iranischen Ölexporte. Besonders unabhängige chinesische Raffinerien spielen dabei eine zentrale Rolle. Mehrere wurden bereits sanktioniert.
Will Washington den wirtschaftlichen Druck tatsächlich auf ein bislang unbekanntes Niveau erhöhen, müsste es deshalb zunehmend jene Unternehmen, Banken und Staaten treffen, die den iranischen Außenhandel überhaupt noch ermöglichen. Damit steigt allerdings auch das Risiko von Gegenmaßnahmen.
Amerikas schärfste Waffe ist noch immer wirtschaftlich
Dass die USA solche Drohungen überhaupt aussprechen können, beruht auf einer außergewöhnlichen Stellung. Der Dollar bleibt die wichtigste internationale Reserve- und Transaktionswährung. US-Staatsanleihen bilden einen zentralen Bestandteil des weltweiten Finanzsystems, amerikanische Banken und Kapitalmärkte sind für internationale Unternehmen kaum zu umgehen.
Wer vom Dollarraum ausgeschlossen wird, verliert deshalb nicht lediglich Zugang zu einem einzelnen nationalen Markt. Genau daraus entsteht die außergewöhnliche Reichweite amerikanischer Sanktionen.
Die aktuelle Staatsschuldenentwicklung bedeutet daher nicht, dass die USA ihre wirtschaftliche Macht plötzlich verlieren oder unmittelbar zahlungsunfähig werden könnten. Doch ausgerechnet diese Macht beruht auch auf dem Vertrauen der Welt in amerikanische Finanzmärkte und Staatsanleihen. Und dort wächst inzwischen der Druck.
40 Billionen Dollar Schulden
Am 19. August überschritt die gesamte amerikanische Bruttostaatsverschuldung erstmals die Marke von 40 Billionen Dollar. Erst im März waren 39 Billionen erreicht worden, im Oktober 2025 waren es 38 Billionen Dollar gewesen.
Dabei muss zwischen zwei Schuldenbegriffen unterschieden werden.
Die häufig zitierte Gesamtsumme umfasst auch Verbindlichkeiten des Bundes gegenüber eigenen staatlichen Institutionen und Treuhandfonds. Für die Belastung der Finanzmärkte ist deshalb vor allem die von Investoren gehaltene öffentliche Verschuldung relevant. Auch sie erreicht jedoch historisch außergewöhnliche Dimensionen.
Das Congressional Budget Office erwartete bereits zu Jahresbeginn, dass die vom Publikum gehaltenen Bundesschulden 2026 etwa 101 Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung erreichen. Bis 2036 sollen es unter geltendem Recht 120 Prozent sein. Damit würde der bisherige Rekord von 106 Prozent aus der unmittelbaren Nachkriegszeit deutlich überschritten.
Das Problem ist dabei weniger eine einzelne runde Schuldenmarke. Entscheidend ist, wie schnell die Schulden wachsen – und was ihre Finanzierung kostet.
Eine Billion Dollar allein für Zinsen
Das Haushaltsamt des Kongresses rechnet für das laufende Fiskaljahr mit einem Defizit von etwa 1,9 Billionen Dollar. Bis Juli hatte das Haushaltsloch bereits rund 1,8 Billionen Dollar erreicht und damit das gesamte Defizit des vorangegangenen Fiskaljahres übertroffen – obwohl noch zwei Monate des Haushaltsjahres ausstanden.
Besonders problematisch ist inzwischen die Zinsrechnung. Das CBO erwartet für 2026 Nettozinsausgaben von rund einer Billion Dollar. Damit gibt Washington allein für die Finanzierung seiner bestehenden Schulden mehr aus als für fast jeden einzelnen anderen großen Ausgabenbereich außerhalb von Social Security und Medicare.
Bis 2036 könnten die jährlichen Zinsausgaben nach der CBO-Projektion auf 2,1 Billionen Dollar steigen. Das erzeugt einen selbstverstärkenden Effekt. Je größer die Schulden werden, desto mehr Zinsen muss der Staat bezahlen. Werden diese zusätzlichen Ausgaben wiederum über neue Schulden finanziert, wächst auch die künftige Zinsrechnung.
Der Iran-Krieg kommt auf diese Rechnung noch obendrauf
Ausgerechnet in diese Haushaltslage fällt der Krieg gegen Iran. Das Pentagon bezifferte die amerikanischen Kriegskosten bereits im Juli auf 37,5 Milliarden Dollar. Darin waren laufende und erwartete Ausgaben bis Ende September enthalten. Gleichzeitig hatte die Regierung vom Kongress fast 90 Milliarden Dollar zusätzliche Mittel im Zusammenhang mit dem Krieg verlangt.
Gemessen an einem amerikanischen Bundeshaushalt von mehreren Billionen Dollar entscheidet dieser Betrag allein nicht über die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen. Doch die eigentlichen Kosten des Konflikts reichen weiter.
Die Auseinandersetzung am Persischen Golf hat Öltransport und Raffineriekapazitäten beeinträchtigt. Brent-Rohöl kostete am Donnerstag zeitweise rund 93 Dollar je Barrel und erreichte damit ein Dreiwochenhoch.
Höhere Energiepreise wirken wiederum auf Inflation, Unternehmen und Verbraucher. Und für einen hoch verschuldeten Staat entsteht daraus eine besonders unangenehme Kette. Bleibt die Inflation hoch, können die Zinsen weniger stark sinken oder sogar erneut steigen. Höhere Marktzinsen verteuern anschließend die Refinanzierung neuer und auslaufender Staatsschulden.
Der Krieg belastet den Haushalt damit nicht nur über Raketen, Flugzeuge und Soldaten. Er kann indirekt auch die Finanzierung des gesamten amerikanischen Schuldenbergs verteuern.
Die Anleihemärkte senden bereits ein Signal
Genau das war in dieser Woche sichtbar. Die Rendite 30-jähriger amerikanischer Staatsanleihen stieg zeitweise über 5,3 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 2007. Auch andere langfristige Staatsanleihen gerieten unter Druck. Als Gründe nannten Marktbeobachter unter anderem Inflationsrisiken, die hohe Staatsverschuldung und den ungelösten Iran-Konflikt.
Das US-Finanzministerium reagierte ungewöhnlich deutlich. Es verdoppelte das Volumen seiner Rückkäufe langfristiger Staatsanleihen auf mindestens vier Milliarden Dollar je Operation. Dadurch sollen Liquidität und Funktionsfähigkeit des Marktes verbessert werden. Die Maßnahme drückte die Renditen zunächst wieder. Sie löst jedoch das strukturelle Problem nicht. Das CBO warnt bereits seit längerem, dass wachsende Staatsschulden die Finanzierungskosten erhöhen, private Investitionen verdrängen und den Spielraum der Politik bei zukünftigen Krisen einschränken können.
Wirtschaftskrieg ist nicht kostenlos
Trump setzt bevorzugt auf wirtschaftlichen Druck, weil Sanktionen zunächst weniger riskant erscheinen als eine weitere militärische Eskalation.
Auch Verteidigungsminister Pete Hegseth erklärte zuletzt, die Vereinigten Staaten könnten ihre Seeblockade gegen Iran praktisch unbegrenzt aufrechterhalten. Finanzminister Scott Bessent kündigte parallel weitere wirtschaftliche Maßnahmen an.
Doch auch Wirtschaftskrieg besitzt Rückwirkungen. Wird iranisches Öl vom Markt gedrängt, kann das Angebot sinken und der Weltmarktpreis steigen. Werden chinesische Raffinerien oder Banken sanktioniert, kann daraus ein Konflikt mit der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt entstehen. Werden Drittstaaten gezwungen, sich zwischen Iran und dem US-Finanzsystem zu entscheiden, wächst zugleich deren Interesse an Zahlungswegen, die weniger abhängig vom Dollar sind.
Schon heute suchen Staaten und Unternehmen bei sanktionierten Handelsströmen verstärkt nach Geschäften in anderen Währungen und außerhalb westlicher Finanzsysteme. Das hebt die Dominanz des Dollars keineswegs kurzfristig auf. Es zeigt aber, dass wirtschaftliche Macht häufiger umgangen wird, je stärker sie als politisches Druckmittel eingesetzt wird.
Die Grenze amerikanischer Macht
Trump kann Iran wirtschaftlich weiter unter Druck setzen. Er kann ausländische Unternehmen sanktionieren, Banken vom Dollarraum abschneiden und Staaten vor die Wahl stellen, ob ihnen Geschäfte mit Teheran wichtiger sind als der Zugang zur amerikanischen Wirtschaft.
Die 40-Billionen-Dollar-Marke ändert daran zunächst wenig. Sie macht jedoch sichtbar, dass wirtschaftliche Macht und finanzielle Stärke nicht dasselbe sind.
Amerika besitzt weiterhin Instrumente, mit denen kaum ein anderes Land vergleichbaren Druck auf Dritte ausüben kann. Gleichzeitig muss Washington immer größere Summen aufbringen, um seine bestehenden Verpflichtungen, seine militärischen Einsätze und inzwischen allein die Zinsen auf seine Schulden zu finanzieren.
Darin liegt der eigentliche Widerspruch dieser beiden Nachrichten:
Während Trump anderen Staaten mit einem Wirtschaftskrieg »in beispiellosem Ausmaß« droht, wird immer deutlicher, dass auch die Vereinigten Staaten den Preis ihrer geopolitischen Macht bezahlen. Und ein wachsender Teil dieses Preises wird auf Kredit finanziert.
Stefanie S. Klief