Wirtschaft

Weniger Personalnot — aber wachsender »Brain Drain«

Arbeitsmarkt zeigt Entspannung auf den ersten Blick, strukturelle Krise dahinter

Weniger Unternehmen klagen über Personalnot, gleichzeitig verlassen viele junge Fachkräfte Deutschland. Experten warnen vor langfristigen Risiken für Wachstum und Wohlstand.

2 Min.

19.02.2026

In Deutschland klagen derzeit so wenige Unternehmen über Fachkräftemangel wie seit fünf Jahren nicht mehr. Laut Ifo-Institut meldeten zuletzt nur noch rund 22,7 Prozent der Firmen Engpässe bei qualifiziertem Personal. Hauptgrund ist die schwache wirtschaftliche Lage, die Neueinstellungen bremst und die Nachfrage nach Arbeitskräften kurzfristig reduziert.

Gleichzeitig zeigt sich jedoch eine gegenläufige Entwicklung: Immer mehr junge und gut ausgebildete Menschen verlassen das Land. Besonders betroffen ist die Altersgruppe im erwerbsfähigen Alter, die für Innovation, Produktivität und Finanzierung der Sozialsysteme entscheidend ist. Diese Abwanderung kann langfristig zu einem Verlust an Humankapital führen, selbst wenn der Arbeitsmarkt aktuell weniger angespannt erscheint.

Ökonomen sprechen deshalb von einer konjunkturellen Entspannung bei gleichzeitig strukturellen Risiken. In wirtschaftlich schwachen Phasen sinkt die Nachfrage nach Fachkräften, doch mit einer Erholung könnte der Mangel schnell wieder auftreten — dann allerdings auf einem kleineren Arbeitskräftefundament.

Hinzu kommt, dass Migration kein einheitlicher Prozess ist. Während Deutschland weiterhin Zuwanderung verzeichnet, unterscheiden sich Zu- und Abwanderer häufig stark in Alter, Qualifikation und Berufsfeld. Entscheidend für die wirtschaftliche Zukunft ist daher weniger die Gesamtzahl der Einwohner als die Zusammensetzung der Erwerbsbevölkerung.

Langfristig droht dadurch ein doppelter Effekt: Unternehmen investieren weniger, weil Fachkräfte fehlen könnten, während gleichzeitig potenzielle Leistungsträger das Land verlassen. Schon heute gilt der Arbeitskräftemangel als mögliches Hemmnis für Wachstum und Transformation, etwa bei Digitalisierung oder Energiewende.

Für Politik und Wirtschaft rückt damit die Standortattraktivität stärker in den Mittelpunkt. Faktoren wie Steuerbelastung, Bürokratie, Wohnkosten, Karrierechancen und Lebensqualität beeinflussen zunehmend, ob qualifizierte Fachkräfte bleiben oder ins Ausland wechseln.

Insgesamt zeigt die Kombination aus kurzfristiger Entspannung und langfristiger Abwanderung ein ambivalentes Bild: Der Fachkräftemangel scheint statistisch zurückzugehen, doch die strukturellen Ursachen — demografischer Wandel, Qualifikationsdefizite und internationale Konkurrenz um Talente — bestehen weiterhin und könnten sich in Zukunft sogar verschärfen.

SK

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