Deutschland braucht Reservekraftwerke für Zeiten, in denen Wind und Sonne nicht genug Strom liefern. Doch Katherina Reiches Kraftwerksplan ist mehr als ein technisches Detail der Energiewende: Er ist eine politische Richtungsentscheidung zugunsten neuer gasbasierter Großanlagen und damit zugunsten jener Konzerne, die solche Projekte überhaupt stemmen können.
Eine Richtungsentscheidung für Gas
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche stellt Versorgungssicherheit ins Zentrum ihrer Energiepolitik. Das ist nachvollziehbar: Mit dem Kohleausstieg verliert Deutschland steuerbare Leistung, während Wind- und Solarstrom schwanken. In Dunkelflauten braucht das System Kraftwerke, Speicher oder andere flexible Kapazitäten, die zuverlässig einspringen können.
Reiche entscheidet sich nun erkennbar für einen Weg, der neue Gaskraftwerke besonders attraktiv macht. Diese Anlagen sollen zunächst mit Erdgas laufen und später auf Wasserstoff umgestellt werden können. Politisch verkauft sich das als Brücke zwischen Versorgungssicherheit und Klimaneutralität. Ökonomisch bedeutet es: Der Staat schafft einen Markt, in dem Betreiber nicht nur für erzeugten Strom bezahlt werden, sondern auch für das bloße Bereithalten von Leistung.
Genau darin liegt der kritische Punkt. Reiches Kraftwerkspläne schaffen ein Modell, in dem große Energiekonzerne über Jahre verlässliche Einnahmen erzielen können – bezahlt am Ende von den Stromkunden.
Warum Reiche diesen Weg geht
Die Begründung der Ministerin und der Energiewirtschaft lautet: Ohne höhere Förderanreize werden nicht genug neue Kraftwerke gebaut. Die bisherigen Konditionen gelten Investoren offenbar als zu knapp kalkuliert. Planung, Bau, Finanzierung und spätere Wasserstofffähigkeit solcher Anlagen sind kapitalintensiv. Wer Milliarden in neue Kraftwerkskapazitäten steckt, will langfristige Sicherheit.
Deshalb will die Koalition den Preisdeckel in den Ausschreibungen von 173.000 Euro auf 244.000 Euro je Megawatt und Jahr anheben. Das entspricht einem Plus von rund 41 Prozent. Auch das sogenannte Langzeitkriterium wurde investorenfreundlicher ausgestaltet. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft begrüßt die Einigung, weil der neue Höchstwert aus Sicht der Branche die Wirtschaftlichkeit der Investitionen absichert.
Das ist der Kern der Richtungsentscheidung: Reiche priorisiert Investitionssicherheit für Kraftwerksbetreiber, damit neue Kapazitäten überhaupt entstehen. Die Gegenfrage lautet, ob der Staat dafür einen zu hohen Preis zahlt – und ob er damit alte Marktstrukturen zementiert.
Milliarden für Bereitschaft
Die Kapazitätsvergütung wird nicht für tatsächlich produzierten Strom gezahlt, sondern für die Bereitschaft, im Notfall liefern zu können. Bei einem Gaskraftwerk mit 500 Megawatt wären beim neuen Höchstwert rechnerisch bis zu 122 Millionen Euro pro Jahr möglich. Über 15 Jahre käme ein einzelnes Kraftwerk auf 1,83 Milliarden Euro.
Das ist nicht automatisch der spätere Zuschlagspreis. Aber der höhere Preisdeckel verschiebt die Verhandlungsmacht. Wenn der Wettbewerb in den Auktionen schwach bleibt, kann aus dem Höchstwert sehr schnell ein Kostenrisiko für Verbraucher werden.
Das Problem der Marktmacht
Besonders heikel ist, wer solche Kraftwerke bauen kann. Der Kreis möglicher Anbieter ist begrenzt. Große Energieunternehmen verfügen über Kapital, Standorte, Netzanbindung und Kraftwerkserfahrung. Genau bei diesen Akteuren sieht das Bundeskartellamt bereits heute wachsende Marktmacht im Strommarkt.
Damit wird Reiches Plan zu mehr als einer Sicherheitsreserve. Er kann darüber entscheiden, wem die künftige Sicherheitsarchitektur des deutschen Stromsystems gehört. Das Bundeskartellamt hat gewarnt, dass die kommenden Kraftwerksausschreibungen die Marktkonzentration für Jahrzehnte prägen können. Trotzdem entsteht nun ein Modell, das etablierten Kraftwerksbetreibern besonders entgegenkommt.
Speicher bleiben im Nachteil
Zwar ist formal von Technologieoffenheit die Rede. Praktisch aber haben Batteriespeicher schlechtere Karten. Die Anforderungen an Dauer, Wiederverfügbarkeit und Netzanschluss begünstigen große Kraftwerksprojekte gegenüber vielen Speicherlösungen. Das Kartellamt hatte bereits kritisiert, dass Batteriespeicher dadurch faktisch aus Teilen der Ausschreibung gedrängt werden könnten.
Damit verengt sich der Markt. Statt möglichst viele Flexibilitätsoptionen gegeneinander antreten zu lassen, setzt die Politik stark auf neue gasbasierte Großanlagen. Das ist genau jene Richtungsentscheidung, die Reiche verantworten muss.
Der Wasserstoff-Vorbehalt
Der klimapolitische Rettungsanker des Modells heißt Wasserstoff. Die neuen Kraftwerke sollen später mit Wasserstoff laufen können. Doch ob grüner Wasserstoff rechtzeitig, in ausreichender Menge und zu tragbaren Preisen verfügbar sein wird, ist offen.
Damit zahlen Stromkunden heute für eine Option, deren praktische Einlösung erst in vielen Jahren entschieden wird. Wenn der Wasserstoffhochlauf langsamer kommt als geplant, bleiben Anlagen übrig, die teuer gefördert wurden und weiterhin mit Erdgas laufen.
Der eigentliche Skandal
Der Skandal liegt nicht darin, dass Deutschland Reservekraftwerke braucht. Die braucht es. Der Skandal liegt in der politischen Konstruktion: Eine Ministerin entscheidet sich für ein Modell, das Versorgungssicherheit über hohe, langfristig abgesicherte Zahlungen an wenige kapitalstarke Anbieter organisiert.
Das mag Investoren beruhigen. Für Verbraucher ist es riskant. Denn sie könnten am Ende für eine Kraftwerksreserve zahlen, die Wettbewerb schwächt, Speicher benachteiligt und den großen Energiekonzernen eine neue Einnahmequelle sichert.
SK