Wirtschaft

Merz sucht Verbündete gegen Handelsdruck

Warum Deutschland mit Japan und anderen Partnern ein Gegengewicht zur Machtpolitik der USA und Chinas schaffen will

8 Min.

28.10.2026

Bundeskanzler Friedrich Merz beim Treffen mit Japans Premierministerin Sanae Takaichi am 28. Oktober 2026 in Tokio. Merz wirbt für eine internationale Handelsallianz gegen wirtschaftlichen Druck.

Bundeskanzler Friedrich Merz wirbt in Japan für eine internationale Allianz, die den freien Handel gegen Zölle und wirtschaftlichen Druck verteidigen soll. Die Initiative richtet sich nicht ausdrücklich gegen die USA oder China, ist aber eine Reaktion auf deren wachsenden Einfluss auf die Weltwirtschaft. Während Peking zur Zusammenarbeit mahnt, verdeutlichen neue Handelszahlen, warum Deutschland dringend nach zusätzlichen Partnern sucht.

Bundeskanzler Friedrich Merz hat heute in Tokio die Gründung einer globalen politischen Allianz für regelgebundenen Handel vorgeschlagen. Auf dem deutsch-japanischen Wirtschaftsgipfel warb er dafür, dass sich gleichgesinnte Staaten enger zusammenschließen, um die internationale Handelsordnung zu verteidigen und auf wirtschaftliche Druckmittel gemeinsam reagieren zu können.

Das geplante Bündnis soll die Welthandelsorganisation (WTO) nicht ersetzen, sondern deren Reform unterstützen. Nach dem von Reuters zitierten Redemanuskript schlug Merz unter anderem vor, handelspolitische Reaktionen auf Regelverletzungen zu koordinieren und auch bei blockierten internationalen Streitverfahren verbindliche Lösungen zu ermöglichen.

Hinter der Initiative steht eine grundlegende Veränderung der weltwirtschaftlichen Machtverhältnisse. Die Vereinigten Staaten setzen ihre wirtschaftliche Stärke zunehmend als handelspolitisches Druckmittel ein. China wiederum verfügt in mehreren strategischen Industrien und Rohstofflieferketten über eine herausragende Stellung. Für exportorientierte Volkswirtschaften wie Deutschland wird es dadurch schwieriger, wirtschaftliche Interessen unabhängig von geopolitischen Konflikten zu verfolgen.

Ein Bündnis jenseits der Großmächte

Merz knüpft mit seinem Vorstoß an eine Debatte an, die Kanadas Premierminister Mark Carney Anfang des Jahres beim Weltwirtschaftsforum in Davos angestoßen hatte. Carney hatte dafür geworben, dass sich wirtschaftlich bedeutende Staaten außerhalb der beiden dominierenden Machtzentren enger abstimmen.

Der Gedanke dahinter: Länder, die einzeln nur begrenzten Einfluss auf die Handelspolitik der Großmächte besitzen, könnten durch gemeinsame Positionen größeres Gewicht gewinnen.

Merz griff diese Überlegung in Tokio auf. Aus einer Koalition wirtschaftlich miteinander verflochtener Partner könnte eine politische Kraft entstehen, die gegenüber Zollandrohungen, Exportbeschränkungen oder anderen Druckmitteln geschlossen auftritt.

Dabei geht es nicht allein um den Zugang zu Absatzmärkten. Auch der Schutz von Lieferketten, die Versorgung mit kritischen Rohstoffen und die Entwicklung strategisch wichtiger Technologien gehören zur wirtschaftlichen Sicherheit.

Japan ist für eine solche Zusammenarbeit ein naheliegender Partner. Beide Länder verfügen über bedeutende Industrieunternehmen, sind stark in internationale Wertschöpfungsketten eingebunden und haben ein Interesse an verlässlichen Handelsbedingungen. Auch bei Halbleitern, künstlicher Intelligenz und industriellen Zukunftstechnologien sieht Merz Möglichkeiten für eine engere Kooperation.

Die wirtschaftliche Abhängigkeit wächst

Wie dringend Deutschland neue wirtschaftliche Perspektiven benötigt, verdeutlicht eine aktuelle Analyse der bundeseigenen Wirtschaftsfördergesellschaft Germany Trade & Invest (GTAI).

Demnach dürfte das deutsche Handelsdefizit mit den 29 wichtigsten Volkswirtschaften des Asien-Pazifik-Raums im Jahr 2026 auf knapp 146 Milliarden Euro steigen. Während die deutschen Exporte in die Region voraussichtlich um 3,2 Prozent auf 185,3 Milliarden Euro zurückgehen, sollen die Importe um 6,4 Prozent auf 330,9 Milliarden Euro zulegen.

Besonders auffällig ist die Rolle Chinas. Nach Berechnungen der GTAI würden Deutschlands Exporte in den asiatisch-pazifischen Raum ohne China um 2,8 Prozent wachsen. Auch das regionale Handelsdefizit wäre mit knapp 35 Milliarden Euro erheblich geringer.

Die Zahlen zeigen, dass sich hinter der allgemeinen Entwicklung des Asienhandels sehr unterschiedliche Marktbedingungen verbergen. Während deutsche Unternehmen in mehreren Ländern zusätzliche Absatzmöglichkeiten finden, verliert China als Exportmarkt an Dynamik.

Betroffen sind insbesondere die Automobilindustrie und der Maschinenbau. In den ersten sieben Monaten des Jahres lagen die deutschen Maschinenexporte nach China um 18 Prozent unter dem entsprechenden Vorjahreswert. Bei Fahrzeugen betrug der Rückgang sogar 30 Prozent.

Ein wesentlicher Grund ist die zunehmende Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Hersteller. China produziert längst zahlreiche hochwertige Industrieerzeugnisse selbst und hat insbesondere bei Elektroautos und Batterietechnologien leistungsfähige eigene Wertschöpfungsketten aufgebaut.

Das deutsche Handelsdefizit ist allerdings nicht mit einem entsprechenden wirtschaftlichen Verlust gleichzusetzen. Einfuhrüberschüsse können beispielsweise auch auf notwendige Vorprodukte oder Investitionsgüter zurückgehen. Problematisch wird die Entwicklung vor allem dort, wo wichtige Absatzmärkte schrumpfen und gleichzeitig schwer ersetzbare Lieferabhängigkeiten bestehen.

China fordert einen rationalen Kurs

Peking reagierte auf die Initiative des Kanzlers mit demonstrativer Gesprächsbereitschaft. Außenamtssprecher Guo Jiakun erklärte am Mittwoch, China wolle mit allen Beteiligten zusammenarbeiten, um stabile internationale Handels- und Lieferketten zu gewährleisten.

Zugleich forderte er Deutschland und die Europäische Union auf, »objektiv und rational« zu bleiben und Differenzen durch Dialog zu lösen.

Die Reaktion verdeutlicht die diplomatische Schwierigkeit des deutschen Vorstoßes. Eine engere Zusammenarbeit mit anderen asiatischen Volkswirtschaften kann Deutschlands wirtschaftlichen Handlungsspielraum erweitern. Wird sie jedoch als gezielte Ausgrenzung Chinas verstanden, drohen zusätzliche Spannungen mit einem der wichtigsten Handelspartner Deutschlands.

Merz hatte deshalb bereits am Dienstag in Singapur eine vollständige wirtschaftliche Abkopplung von China abgelehnt. Stattdessen müsse es darum gehen, ungesunde einseitige Abhängigkeiten abzubauen.

Die Unterscheidung ist wirtschaftlich relevant. Eine umfassende Entflechtung bestehender Handels- und Produktionsbeziehungen könnte erhebliche Kosten verursachen. Eine breitere Verteilung von Absatzmärkten und Bezugsquellen soll dagegen die Widerstandsfähigkeit von Unternehmen erhöhen, ohne gewachsene Geschäftsbeziehungen grundsätzlich aufzugeben.

Warum die WTO allein nicht mehr ausreicht

Ein wesentlicher Bestandteil von Merz' Vorschlag betrifft die Welthandelsorganisation. Sie bildet seit Jahrzehnten den institutionellen Rahmen für internationale Handelsregeln. Doch ausgerechnet ihre Fähigkeit, Streitigkeiten verbindlich beizulegen, ist seit Ende 2019 erheblich eingeschränkt.

Damals wurde die Berufungsinstanz der WTO handlungsunfähig, nachdem die Vereinigten Staaten die Neubesetzung von Richterstellen blockiert hatten. Die USA begründen ihre Haltung mit grundlegenden Einwänden gegen das bestehende Streitbeilegungssystem.

Dadurch können Entscheidungen in Handelsstreitigkeiten unter bestimmten Voraussetzungen angefochten werden, ohne dass eine funktionsfähige Berufungsinstanz abschließend darüber entscheidet.

Einige WTO-Mitglieder haben darauf mit einem freiwilligen Ersatzmechanismus reagiert. Zu den Teilnehmern dieser vorläufigen Schiedslösung gehören unter anderem die Europäische Union, Japan, Kanada und auch China.

Eine neue Handelsallianz müsste folglich nicht sämtliche Institutionen neu schaffen. Sie könnte auf vorhandenen Verfahren aufbauen, deren Nutzung ausweiten und gemeinsame politische Positionen entwickeln.

Die Beteiligung Chinas am bestehenden Ersatzmechanismus zeigt allerdings, dass die handelspolitischen Interessen nicht vollständig entlang einer einfachen Trennlinie zwischen westlichen Staaten und China verlaufen.

Die EU arbeitet bereits mit den Pazifikstaaten zusammen

Auch außerhalb der WTO existieren längst wirtschaftliche Verbindungen, die für Merz' Initiative genutzt werden könnten.

Die Europäische Union verfügt seit Februar 2019 über ein umfassendes Wirtschaftspartnerschaftsabkommen mit Japan. Bereits im November 2025 eröffnete die EU zudem einen gemeinsamen Handels- und Investitionsdialog mit den Mitgliedern der transpazifischen Partnerschaft CPTPP.

Zu dieser Gruppe gehören zwölf Staaten, darunter Japan, Kanada, Australien, Singapur und Großbritannien. Zusammen repräsentieren die EU und die CPTPP-Partner ungefähr ein Drittel der globalen Wirtschaftsleistung.

Im März 2026 verständigten sich beide Seiten auf eine engere Zusammenarbeit bei der Reform der WTO, der Diversifizierung von Handelsbeziehungen und der Sicherung internationaler Lieferketten.

Merz hatte schon am Dienstag in Singapur zusätzlich ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und der transpazifischen Partnerschaft ins Gespräch gebracht.

Die neue politische Allianz wäre jedoch nicht mit einer solchen Freihandelszone gleichzusetzen. Während Handelsverträge konkrete Zollbedingungen, Marktzugänge und rechtliche Verpflichtungen regeln, soll das vorgeschlagene Bündnis vor allem gemeinsame politische Handlungsfähigkeit schaffen.

Entscheidend wäre damit weniger die Gründung einer zusätzlichen Organisation als die Frage, ob bestehende Partnerschaften zu verbindlichen gemeinsamen Reaktionen auf wirtschaftlichen Druck führen können.

Zwischen politischem Anspruch und wirtschaftlicher Realität

Bislang handelt es sich um einen politischen Vorschlag, nicht um ein beschlossenes Bündnis. Welche Staaten einer solchen Allianz beitreten würden, wie verbindlich ihre Zusagen wären und welche konkreten Gegenmaßnahmen sie gemeinsam tragen könnten, ist noch offen.

Hinzu kommt, dass die gemeinsame Handelspolitik in die Zuständigkeit der Europäischen Union fällt. Deutschland kann dafür politische Initiativen anstoßen, aber nicht eigenständig umfassende internationale Handelsverträge im Namen der EU abschließen.

Auch die Interessen potenzieller Partner unterscheiden sich. Japan ist sicherheitspolitisch eng mit den Vereinigten Staaten verbunden und zugleich wirtschaftlich mit China verflochten. Andere Staaten der Pazifikregion verfolgen ebenfalls das Ziel, sich möglichst viele außenwirtschaftliche Optionen offenzuhalten.

Eine Allianz, die wirtschaftlichen Druck begrenzen soll, müsste deshalb so gestaltet werden, dass ihre Mitglieder nicht automatisch in die Konflikte anderer Partner hineingezogen werden.

Für Deutschland liegt der mögliche Nutzen vor allem in einer größeren Auswahl wirtschaftlicher Handlungsmöglichkeiten. Neue Absatzmärkte können den Verlust bestehender Geschäfte jedoch nicht kurzfristig ausgleichen. Ebenso wenig lassen sich hoch spezialisierte Lieferketten ohne erhebliche Investitionen verlagern.

Merz' Initiative zielt deshalb auf eine langfristige Verschiebung der Verhandlungsmacht. Ob Staaten, die gemeinsam über einen erheblichen Teil des Welthandels verfügen, daraus auch eine gemeinsame politische Position entwickeln können, wird über den praktischen Wert einer solchen Allianz entscheiden.

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