Jahrestreffen am 30.09.2026 der Initiative „Made for Germany“ in Berlin: BlackRock-Deutschlandchef Dirk Schmitz im Gespräch mit Bundeskanzler Friedrich Merz.
Mehr als 850 Milliarden Euro wollen die Mitglieder der Initiative »Made for Germany« bis 2028 in Deutschland investieren. Eine neue Untersuchung zeigt nun, dass 71 Prozent der darin erfassten Einzelprojekte bereits vor dem offiziellen Start der Initiative öffentlich bekannt waren. Zugleich lassen sich bislang nur begrenzte Aussagen darüber treffen, welche Investitionen tatsächlich zusätzlich entstanden sind. Die Ergebnisse werfen eine grundsätzliche Frage auf: Wie lässt sich die Wirkung einer milliardenschweren Standortinitiative überhaupt messen?
850 Milliarden Euro für den Wirtschaftsstandort Deutschland
Als sich im Juli 2025 führende Unternehmen und Investoren unter dem Namen »Made for Germany« zusammenschlossen, war die Botschaft eindeutig: Die deutsche Wirtschaft glaubt an ihren Standort und ist bereit, umfangreiches Kapital zu investieren. Bei der Vorstellung im Bundeskanzleramt kündigten die damals 61 Mitglieder Investitionen von mindestens 631 Milliarden Euro bis 2028 an.
Seither ist die Initiative erheblich gewachsen. Inzwischen beteiligen sich 147 Unternehmen und Investoren, darunter Siemens, Deutsche Bank, Volkswagen, Telekom und zahlreiche internationale Konzerne. Bei der Jahresbilanz am 30. September 2026 bezifferte das Bündnis seine gemeinsamen Investitionspläne für die Jahre 2025 bis 2028 auf mehr als 850 Milliarden Euro.
Bundeskanzler Friedrich Merz würdigte die Initiative als ermutigendes Signal für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Die Unternehmen wiederum fordern verlässlichere Rahmenbedingungen und weitere Reformen, um Investitionen zu erleichtern.
Doch die eindrucksvolle Summe allein beantwortet noch nicht, wie viel zusätzliche wirtschaftliche Aktivität durch die Initiative tatsächlich entsteht.
Eine neue Untersuchung des AfD-nahen Instituts für konservative Wirtschaftspolitik (IKW), versucht nun, die Investitionsankündigungen anhand öffentlich verfügbarer Unternehmensdaten genauer aufzuschlüsseln. Ihr Ergebnis lenkt den Blick auf einen bislang nur begrenzt transparenten Teil der Milliardenoffensive.
71 Prozent der untersuchten Projekte waren bereits bekannt
Für seine Analyse hat das IKW die 147 Mitglieder der Initiative erfasst und ihre öffentlich dokumentierten Investitionsvorhaben untersucht. Dazu werteten die Autoren unter anderem Geschäftsberichte, Kapitalflussrechnungen, Projektankündigungen und Unternehmensmitteilungen aus.
Insgesamt identifizierten sie 135 einzelne Investitionsprojekte, deren öffentliche Bekanntgabe zeitlich eingeordnet werden konnte oder bei denen entsprechende Angaben überprüft wurden.
Von diesen Vorhaben waren 96 bereits vor dem 21. Juli 2025 öffentlich bekannt, dem Tag der offiziellen Vorstellung von »Made for Germany«. Das entspricht 71,1 Prozent der untersuchten Projekte.
Weitere 33 Vorhaben wurden in den ausgewerteten Quellen erstmals nach diesem Stichtag öffentlich dokumentiert. Bei sechs Projekten ließ sich der Zeitpunkt nicht eindeutig bestimmen.
Das Ergebnis ist bemerkenswert. Es zeigt, dass zahlreiche der untersuchten Investitionen keineswegs erst mit der öffentlichen Präsentation der Initiative angekündigt wurden.
Allerdings ist dabei eine wichtige Unterscheidung notwendig: Die 71,1 Prozent beziehen sich auf die Anzahl der erfassten Projekte, nicht auf deren finanzielles Volumen.
Ein milliardenschwerer Fabrikneubau und ein wesentlich kleineres Investitionsvorhaben zählen in dieser Statistik jeweils als ein Projekt. Aus dem Anteil bereits bekannter Vorhaben lässt sich deshalb nicht ableiten, dass auch 71 Prozent der angekündigten 850 Milliarden Euro aus älteren Planungen stammen.
Ebenso wenig lässt sich allein aus dem Zeitpunkt der ersten Veröffentlichung feststellen, ob Unternehmen ihre Investitionsbudgets später erhöht, Projekte beschleunigt oder neue Finanzierungszusagen getroffen haben.
Die Untersuchung liefert damit einen konkreten Befund zur Vorgeschichte vieler Projekte. Wie stark die Initiative deren tatsächliche Umsetzung beeinflusst, bleibt dagegen offen.
Investitionszusage ist nicht gleich Neuinvestition
Die fehlende Trennung zwischen bereits geplanten und zusätzlich beschlossenen Vorhaben begleitet »Made for Germany« seit dem Start.
Schon im Juli 2025 berichtete Table.Briefings anhand eines internen Kommunikationsdokuments, dass zahlreiche der zunächst angekündigten Projekte bereits zuvor geplant waren. Genannt wurden beispielsweise Vorhaben von BASF, Bosch und DHL.
Das ist für sich genommen kein Hinweis auf eine fehlende wirtschaftliche Bedeutung. Auch eine seit Jahren geplante Fabrik, ein Forschungszentrum oder ein Logistikstandort kann Arbeitsplätze schaffen und die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands verbessern.
Für die Bewertung der Initiative ist jedoch entscheidend, welche Wirkung ihr zugeschrieben wird.
Eine Investition, die ein Unternehmen ohnehin vorgenommen hätte, trägt zur wirtschaftlichen Entwicklung bei. Sie ist aber nicht automatisch eine zusätzliche Investition, die durch »Made for Germany« ausgelöst wurde.
Die offizielle Gesamtsumme umfasst ausdrücklich sowohl bereits geplante als auch neue Investitionen. Berücksichtigt werden unterschiedliche Kategorien, darunter Sachinvestitionen, Forschung und Entwicklung sowie Beiträge internationaler Investoren.
Sie beschreibt damit eine umfangreiche wirtschaftliche Selbstverpflichtung der beteiligten Unternehmen, aber keinen ausschließlich neu geschaffenen Investitionsbetrag. Für die Konjunkturpolitik ist dieser Unterschied wesentlich. Soll die Initiative als eigenständiger Wachstumsmotor bewertet werden, müsste erkennbar sein, welche zusätzlichen Investitionen ohne sie nicht, später oder nur in geringerem Umfang stattgefunden hätten.
Warum 8,65 Milliarden Euro nicht mit 850 Milliarden vergleichbar sind
Eine zweite Zahl der IKW-Untersuchung könnte zunächst den Eindruck erwecken, die tatsächliche Umsetzung der Investitionszusagen falle äußerst gering aus.
Das Institut konnte in einem besonders eng abgegrenzten Quellenregister bislang 8,65 Milliarden Euro an zahlungswirksamen Anlageninvestitionen in Deutschland eindeutig dokumentieren.
Dieser Betrag umfasst ausschließlich Investitionszahlungen, die sich anhand öffentlich verfügbarer Unternehmensunterlagen sowohl geografisch als auch zeitlich hinreichend klar zuordnen ließen.
Nach der zur Untersuchung gehörenden Quellenmatrix setzt sich diese Summe aus fünf Positionen zusammen, die den Unternehmen 50Hertz beziehungsweise Eurogrid, Deutsche Telekom und E.ON zugeordnet sind.
Die 8,65 Milliarden Euro bilden somit keine vollständige Übersicht aller tatsächlich getätigten Investitionen der 147 Mitglieder.
In vielen Geschäftsberichten werden Investitionen nicht für jeden einzelnen Standort ausgewiesen. Häufig veröffentlichen Konzerne lediglich internationale Gesamtbeträge oder unterscheiden nicht so detailliert zwischen einzelnen Zahlungsarten, wie es die Untersuchung für diese Kategorie verlangt.
Eine Investition kann deshalb tatsächlich erfolgt sein, ohne in diesem besonders engen Nachweisregister aufzutauchen.
Die Differenz zwischen 8,65 und 850 Milliarden Euro darf folglich nicht als Beleg dafür verstanden werden, dass bisher nur rund ein Prozent der angekündigten Investitionen realisiert wurde.
Auch die IKW-Methodik unterscheidet ausdrücklich zwischen tatsächlichen Auszahlungen, bilanzierten Investitionen, abgeschlossenen Verträgen und angekündigten Projekten. Die entsprechenden Beträge lassen sich nicht ohne Weiteres addieren, weil Überschneidungen möglich sind.
Die Untersuchung räumt zudem ein, dass fehlende öffentliche Nachweise nicht mit ausgebliebenen Investitionen gleichzusetzen sind.
Ihre Aussagekraft liegt deshalb vor allem darin, die Grenzen der öffentlich überprüfbaren Investitionsdaten sichtbar zu machen – nicht darin, eine abschließende Umsetzungsquote zu liefern.
Andere Untersuchungen sehen ebenfalls keinen klaren Zusatzeffekt
Die Frage nach der tatsächlichen Wirkung von »Made for Germany« wird auch außerhalb des IKW gestellt.
Für Table.Briefings untersuchte das ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung die Jahresabschlüsse und Investitionsplanungen beteiligter Unternehmen.
Nach dieser Auswertung beliefen sich deren Inlandsinvestitionen 2025 auf rund 52 Milliarden Euro. Das waren 5,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Dennoch ließ sich aus den verfügbaren Daten bislang kein klarer zusätzlicher Investitionseffekt der Initiative erkennen.
Allerdings unterscheiden sich auch hier die statistischen Grundlagen erheblich.
Während das ZEW anhand von Unternehmensabschlüssen bestimmte Investitionen nachvollzieht, umfasst die Selbstauskunft von »Made for Germany« einen breiteren Kreis von Unternehmen und Finanzinvestoren sowie unterschiedliche Investitionskategorien.
Die ZEW-Zahl lässt sich deshalb ebenfalls nicht unmittelbar mit der Gesamtsumme der Initiative verrechnen.
Der Befund ist dennoch aufschlussreich: Eine positive Entwicklung der Unternehmensinvestitionen allein beweist noch nicht, dass sie durch eine bestimmte Standortinitiative verursacht wurde.
Dafür müsste sich nachvollziehen lassen, wie sich die Investitionsentscheidungen ohne diese Initiative voraussichtlich entwickelt hätten.
Die Unternehmen melden bereits mehr als 200 Milliarden Euro
»Made for Germany« selbst zieht eine deutlich positivere Zwischenbilanz.
Nach Angaben der Initiative investierten ihre Mitglieder bereits 2025 mehr als 200 Milliarden Euro in Deutschland. Auch die Summe der geplanten Investitionen hat sich seit dem Start um mehr als 200 Milliarden Euro erhöht.
Ein erheblicher Teil dieses Anstiegs geht allerdings mit der Aufnahme weiterer Unternehmen und Investoren einher. Die wachsende Gesamtsumme ist deshalb nicht gleichbedeutend mit einer entsprechenden Aufstockung der Investitionsbudgets der ursprünglichen Mitglieder.
Gleichzeitig gibt es Hinweise auf tatsächliche Veränderungen der Planungen.
Bei jenen Unternehmen, die der Initiative bereits bis Februar 2026 angehörten, stieg das angekündigte Investitionsvolumen nach Angaben des Bündnisses netto um einen niedrigen zweistelligen Milliardenbetrag.
Dabei erhöhten insbesondere Energieunternehmen und Investoren ihre Planungen, während andere Branchen zurückhaltender wurden.
Diese Entwicklung spricht gegen die Annahme, sämtliche gemeldeten Investitionen seien unverändert aus älteren Planungen übernommen worden.
Sie beantwortet allerdings nicht, inwieweit die Aufstockungen auf »Made for Germany« selbst zurückgehen oder unabhängig davon beschlossen wurden.
Die wirtschaftliche Leistung der Initiative lässt sich deshalb weder durch die 850 Milliarden Euro vollständig belegen noch durch den hohen Anteil zuvor bekannter Projekte widerlegen.
Wer hinter der neuen Untersuchung steht
Bei der Bewertung der IKW-Analyse ist auch die institutionelle Herkunft der Daten zu berücksichtigen.
Das Institut für konservative Wirtschaftspolitik wurde 2025 gegründet und ist politisch klar positioniert. Sein Geschäftsführer Christopher Kofner ist unter anderem wirtschaftspolitischer Referent der AfD-Fraktion im Bayerischen Landtag und Sprecher des Landesfachausschusses für Finanzen und Steuern der AfD Bayern.
Vertreter des Instituts treten zudem bei wirtschaftspolitischen Veranstaltungen der AfD auf.
Das IKW ist damit nicht mit einem parteipolitisch unabhängigen, etablierten Forschungsinstitut wie dem ZEW oder dem ifo Institut gleichzusetzen.
Seine politische Einordnung ersetzt jedoch keine Prüfung der vorgelegten Daten.
Die Untersuchung dokumentiert ihre Auswertungsmethode vergleichsweise ausführlich. Die dazugehörige Quellenmatrix enthält Unternehmenslisten, Projektchronologien, verschiedene Investitionsregister und mehrere hundert Quellenangaben. Die zentralen Projektzahlen sind innerhalb dieser Dokumentation rechnerisch nachvollziehbar.
Zugleich beschreiben die Autoren selbst erhebliche methodische Grenzen. Insbesondere lässt sich aus ihrer Untersuchung nicht bestimmen, wie hoch der zusätzliche Investitionseffekt von »Made for Germany« tatsächlich ausfällt.
Für die journalistische Bewertung sind deshalb sowohl die politische Herkunft als auch die belastbaren Ergebnisse und die ausdrücklich benannten Unsicherheiten relevant.
Wie sich eine Investitionsoffensive wirklich messen ließe
Dass bislang keine eindeutige Bilanz des zusätzlichen Investitionseffekts möglich ist, bedeutet nicht, dass die Initiative wirtschaftlich wirkungslos wäre.
Bereits die öffentliche Selbstverpflichtung großer Unternehmen kann Erwartungen beeinflussen, Investitionsbereitschaft signalisieren und den Dialog mit der Politik stärken. Das gehört ausdrücklich zu den Zielen von »Made for Germany«.
Ein solcher Vertrauens- und Kommunikationseffekt ist allerdings etwas anderes als eine unmittelbar nachweisbare Zunahme der Investitionen.
Um beides voneinander zu unterscheiden, wäre eine systematische und fortlaufende Dokumentation notwendig. Bei größeren Einzelprojekten müsste nachvollziehbar sein, wann sie erstmals beschlossen wurden, welches Investitionsvolumen ursprünglich vorgesehen war und ob es nach dem Beitritt zur Initiative Veränderungen gab. Hinzu käme die getrennte Erfassung von Projektankündigungen, verbindlichen Aufträgen und tatsächlich geleisteten Investitionszahlungen.
Selbst eine solche Übersicht könnte den ursächlichen Beitrag der Initiative nicht vollständig beweisen. Sie würde aber erheblich deutlicher zeigen, ob die zugesagten Summen zu zusätzlichen Investitionen führen oder vor allem bereits bestehende Vorhaben bündeln.
Die neue IKW-Untersuchung legt einen Teil dieses Problems offen. Ihre 71-Prozent-Zahl belegt, wie viele der untersuchten Projekte schon vor dem Start bekannt waren. Die Milliardenregister zeigen zugleich, wie schwer sich tatsächliche Investitionszahlungen anhand öffentlich verfügbarer Daten vollständig zuordnen lassen.
Für die wirtschaftliche Bewertung der Initiative reichen weder die Zahl bereits bekannter Projekte noch die Gesamtgröße der Investitionszusagen allein aus.
Die Unternehmen können bis 2028 durchaus erhebliche Summen am Standort Deutschland investieren. Ob »Made for Germany« darüber hinaus eigenständig einen zusätzlichen Wachstumsschub ausgelöst hat, wird sich jedoch nicht an der Höhe ihrer Ankündigungen entscheiden, sondern daran, welche Investitionen tatsächlich neu hinzukommen.