Wirtschaft

KI macht Rechenleistung zur neuen Machtfrage

Lula da Silva setzt auf digitale Souveränität: Brasilien will seine KI nicht länger im Ausland rechnen lassen

10 Min.

26.08.2026

Der brasilianische Präsident Lula da Silva bei einer Wahlkampfveranstaltung in Rio De Janeiro am 22.08.2026. Im Vordergrund das Logo seiner linken Arbeiterpartei. 

Wer künstliche Intelligenz entwickeln will, braucht nicht nur Daten und gute Modelle. Er braucht vor allem Rechenleistung. Brasilien besitzt davon bislang zu wenig: Nach Angaben der Regierung wird rund 60 Prozent der für künstliche Intelligenz benötigten Verarbeitung außerhalb des Landes erledigt. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva will diese Abhängigkeit nun verringern. Ein neuer Supercomputer soll zu den weltweit leistungsfähigsten Systemen für KI-Anwendungen gehören. Parallel entstehen weitere Rechenkapazitäten mit chinesischer Technologie, eine brasilianische Cloud und Projekte für offene Chiparchitekturen. Dabei verfolgt Brasilien eine bemerkenswerte Strategie: Das Land will sich weder vollständig an China noch an die USA binden.

7.200 Petaflops für Brasiliens KI

Im Technologiepark Augusto Severo im nordöstlichen Bundesstaat Rio Grande do Norte soll bis Ende 2027 ein neuer nationaler KI-Supercomputer entstehen.

Rund eine Milliarde Real, umgerechnet etwa 160 Millionen Euro, will die brasilianische Regierung dafür bereitstellen. Die Anlage soll nach Regierungsangaben eine Rechenleistung von etwa 7.200 Petaflops erreichen und damit zu den zehn leistungsfähigsten Systemen der Welt für KI-Verarbeitung gehören.

Zum Vergleich: Brasiliens derzeit leistungsfähigster wissenschaftlicher Supercomputer Santos Dumont kommt nach Regierungsangaben auf rund 27 Petaflops.

Allerdings sind solche Leistungsangaben mit Vorsicht zu vergleichen. Die 7.200 Petaflops beziehen sich auf die geplante KI-Verarbeitungskapazität und sind nicht ohne Weiteres mit den klassischen Linpack-Werten der internationalen TOP500-Liste gleichzusetzen. Ob das System tatsächlich zu den zehn weltweit schnellsten Rechnern zählt, wird sich daher erst nach Fertigstellung und standardisierten Benchmarks beurteilen lassen.

Für Brasilien liegt die Bedeutung ohnehin weniger im Ranglistenplatz.

Die Rechenleistung soll Unternehmen, Universitäten, Forschungseinrichtungen und staatlichen Stellen zur Verfügung stehen. Sie sollen darauf Modelle trainieren, wissenschaftliche Anwendungen entwickeln und neue KI-Produkte aufbauen können. Das nationale Labor für wissenschaftliches Rechnen LNCC übernimmt die Umsetzung.

60 Prozent der KI-Rechnung findet bislang im Ausland statt

Wissenschaftsministerin Luciana Santos nennt als Begründung eine Zahl, die den eigentlichen strategischen Hintergrund zeigt: Rund 60 Prozent der brasilianischen KI-Verarbeitung findet derzeit außerhalb des Landes statt.

Wer auf ausländische Rechenzentren angewiesen ist, mietet damit nicht nur Rechenleistung. Er hängt auch von deren Verfügbarkeit, Preisen, Exportregeln und technischer Infrastruktur ab.

Für einzelne Unternehmen ist das zunächst ein betriebswirtschaftliches Problem. Auf Ebene eines Staates wird daraus eine Frage technologischer Souveränität.

Brasilien will deshalb Kapazitäten schaffen, über deren Nutzung es selbst entscheiden kann. Der neue Rechner soll ausdrücklich auch jungen Unternehmen und Forschungsteams offenstehen, die sich eigene große Rechencluster kaum leisten könnten. Zugleich enthält die geplante Ausschreibung Anforderungen an Technologietransfer, lokale Zulieferer sowie Forschung und Entwicklung. Innerhalb von fünf Jahren sollen rund 5.000 Brasilianer entsprechend qualifiziert werden.

Damit finanziert die Regierung nicht einfach einen besonders großen Computer. Sie versucht, um ihn herum ein eigenes technologisches Ökosystem aufzubauen.

Brasilien verteilt seine Milliarden zwischen China und den USA

Besonders interessant wird die Strategie beim Blick auf die Lieferanten.

Für den neuen Rechner in Rio Grande do Norte wird ein offenes Vergabeverfahren vorbereitet. Nach Reuters-Informationen gilt Nvidia als wahrscheinlicher Technologieanbieter.

Parallel entsteht in Rio de Janeiro eine zweite große Supercomputing-Infrastruktur. Dafür sind über fünf Jahre rund 1,3 Milliarden Real vorgesehen. Dieses Projekt wird gemeinsam mit den chinesischen Technologieunternehmen Huawei und iFlytek entwickelt. Es soll unter anderem für große Sprachmodelle und branchenspezifische KI-Anwendungen genutzt werden.

Insgesamt hat die brasilianische Regierung für die beiden großen Infrastrukturvorhaben rund 2,3 Milliarden Real angekündigt.

Dass ein Projekt chinesische und das andere voraussichtlich amerikanische Technologie nutzt, ist kein Zufall.

Lula verfolgt seit Langem eine Politik strategischer Autonomie gegenüber den großen Machtblöcken. Brasilien will wirtschaftlich mit China kooperieren, ohne sich vollständig von Peking abhängig zu machen, und zugleich den Zugang zu amerikanischer Technologie behalten.

Die KI-Infrastruktur wird damit Teil einer wesentlich größeren geopolitischen Balance.

Ein eigenes Sprachmodell für Portugiesisch

Das Projekt mit Huawei und iFlytek soll zudem nicht bei Hardware enden.

Brasilien will unter anderem ein eigenes großes Sprachmodell entwickeln, das stärker auf portugiesische Sprache, brasilianische Daten und nationale Anforderungen zugeschnitten ist. Dazu soll ein sogenannter souveräner Software-Stack entstehen.

Der Begriff »souverän« taucht in nationalen KI-Strategien inzwischen immer häufiger auf.

Die meisten leistungsfähigen Basismodelle stammen derzeit aus den USA oder China. Unternehmen und Behörden greifen damit häufig auf Systeme zurück, deren Architektur, Trainingsdaten und Infrastruktur sie nur begrenzt kontrollieren.

Für kleinere Sprachräume entsteht ein zusätzliches Problem. Große internationale Modelle werden überwiegend mit englischsprachigen Daten trainiert. Portugiesisch ist zwar eine Weltsprache mit mehr als 250 Millionen Sprechern, spielt im globalen KI-Training jedoch eine deutlich kleinere Rolle.

Ein brasilianisches Modell soll deshalb nicht nur sprachlich besser angepasst werden. Es soll Anwendungen ermöglichen, bei denen sensible staatliche oder wirtschaftliche Daten nicht zwingend über ausländische Systeme verarbeitet werden müssen.

Brasilien plant zusätzlich eine eigene Cloud

Auch bei der Datenspeicherung soll die Abhängigkeit sinken.

Mehrere staatliche Institutionen einschließlich der Entwicklungsbank BNDES haben eine Kooperation für eine brasilianische Cloudlösung vereinbart. Ziel ist eine Alternative zu ausländischen Hyperscalern bei Speicherung, Verarbeitung und staatlichen IT-Systemen.

Damit folgt Brasilien einem Trend, der längst auch Europa erreicht hat.

Regierungen stellen zunehmend die Frage, ob kritische Daten und digitale Infrastruktur dauerhaft von einigen wenigen amerikanischen oder chinesischen Konzernen abhängig sein sollten.

Technologische Souveränität bedeutet dabei nicht zwangsläufig, sämtliche Hardware und Software selbst zu entwickeln. Kein großer Wirtschaftsraum kann heute eine vollständige Halbleiter-, Cloud- und KI-Wertschöpfungskette allein kontrollieren.

Das Ziel ist vielmehr, Abhängigkeiten zu verteilen und eigene Kompetenzen dort aufzubauen, wo sie strategisch besonders relevant sind.

Selbst bei Chips sucht Brasilien einen dritten Weg

Dieser Gedanke zeigt sich auch bei einem weiteren Projekt.

Brasilien arbeitet mit Partnern in Spanien an der Entwicklung von Chips auf Grundlage der offenen RISC-V-Architektur. RISC-V unterscheidet sich von proprietären Prozessorarchitekturen dadurch, dass der zugrunde liegende Befehlssatz offen genutzt und weiterentwickelt werden kann.

Das Projekt soll brasilianisches Know-how in einer Technologie aufbauen, die für Hochleistungsrechnen und KI langfristig strategische Bedeutung gewinnen könnte. Die Regierung rechnet allerdings mit einem Entwicklungszeitraum von zehn bis fünfzehn Jahren.

Auch hier ist der Anspruch bemerkenswert. Brasilien versucht nicht, Nvidia oder TSMC kurzfristig zu ersetzen. Es investiert vielmehr in Fähigkeiten, die langfristig größere technologische Eigenständigkeit ermöglichen könnten.

23 Milliarden Real für den Schritt vom Nutzer zum Entwickler

Die neuen Rechner sind Teil des bereits 2024 gestarteten brasilianischen KI-Plans PBIA. Bis 2028 sollen insgesamt rund 23 Milliarden Real in künstliche Intelligenz fließen. Das entspricht derzeit ungefähr 4 Milliarden Euro. Der Plan umfasst neben Infrastruktur auch Forschung, Unternehmensförderung, Ausbildung, Anwendungen im öffentlichen Sektor sowie Regulierung und Governance.

Bemerkenswert ist, dass ein großer Teil der Finanzierung aus öffentlichen beziehungsweise staatlich gesteuerten Mitteln stammt. Allein die brasilianische Innovationsagentur Finep soll rund 15 Milliarden Real über Kredite, Zuschüsse und Beteiligungsmodelle mobilisieren.

Brasilien betrachtet KI damit ausdrücklich als industriepolitisches Projekt. Das Land will nicht nur Anwendungen importieren, sondern eigene Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Modelle hervorbringen.

Diese Strategie unterscheidet sich vom bislang dominierenden europäischen Ansatz, bei dem die öffentliche Debatte häufig zunächst über Regulierung geführt wurde. Brasilien versucht, Infrastruktur, Ausbildung und Regulierung parallel aufzubauen.

Energie könnte zum Standortvorteil werden

Auch die Wahl des Standorts Rio Grande do Norte ist nicht zufällig. Der Nordosten Brasiliens besitzt sehr gute Bedingungen für Wind- und Solarenergie. Die Regierung nennt das hohe Energiepotenzial der Region ausdrücklich als einen Grund für die Ansiedlung des neuen Rechners.

Bei KI-Rechenzentren wird Energie zunehmend zum zentralen Standortfaktor.

Große Rechencluster benötigen nicht nur enorme Strommengen, sondern möglichst dauerhaft verfügbare und kalkulierbare Energie. Länder mit günstigem Strom und großen Flächen können deshalb im globalen KI-Wettbewerb einen Vorteil bekommen, obwohl sie bislang keine klassischen Technologiestandorte waren.

Brasilien besitzt hier ungewöhnliche Voraussetzungen: große Mengen erneuerbarer Energie, eigene Wasserkraft, erhebliche Flächen und gleichzeitig einen Binnenmarkt mit mehr als 200 Millionen Menschen.

In Rio de Janeiro wird bereits an einem Datacenter-Hub gearbeitet, der langfristig eine Leistung von bis zu drei Gigawatt erreichen könnte. Das dafür genannte Investitionsvolumen liegt bei bis zu 65 Milliarden Dollar.

Damit wird KI zunehmend auch zu einem Infrastruktur- und Energieprojekt.

Der Wettlauf wird multipolar

Die USA verfügen weiterhin über die leistungsfähigsten KI-Unternehmen und einen großen Teil der führenden Chiptechnologie. China baut parallel eigene Modelle, Halbleiter und Rechenzentren auf. Europa versucht, mit sogenannten AI Factories und Gigafactories eigene Kapazitäten zu schaffen.

Brasiliens Strategie zeigt jedoch, dass der Wettbewerb nicht zwangsläufig nur zwischen diesen drei Blöcken entschieden wird. Schwellenländer beginnen ebenfalls, Rechenleistung als strategische Infrastruktur zu betrachten.

Dabei könnten sie einen anderen Weg wählen als die großen Technologiemächte. Brasilien versucht beispielsweise, amerikanische und chinesische Anbieter gegeneinander auszubalancieren und gleichzeitig offene Technologien wie RISC-V aufzubauen.

Das reduziert Abhängigkeit nicht vollständig. Aber es verhindert zumindest, dass eine einzige technologische Beziehung zur einzigen Option wird.

Rechenleistung wird zur Frage nationaler Handlungsfähigkeit

Noch vor wenigen Jahren wäre ein Supercomputer vor allem als Forschungsinfrastruktur betrachtet worden. Mit generativer KI verändert sich seine politische Bedeutung.

Wer keine eigene Rechenleistung besitzt, kann moderne Modelle trotzdem nutzen. Er muss die benötigte Infrastruktur allerdings bei anderen einkaufen. Damit können Entscheidungen über Preise, Kapazitäten, Sanktionen oder Exportbeschränkungen außerhalb des eigenen Landes getroffen werden.

Die amerikanischen Einschränkungen beim Export leistungsfähiger KI-Chips nach China haben gezeigt, wie schnell Technologie in geopolitischen Konflikten zum Druckmittel werden kann.

Brasilien zieht daraus offenbar eine Konsequenz: Rechenleistung soll ähnlich wie Energie, Telekommunikation oder Verkehrsnetze zu einer Infrastruktur werden, über die das Land zumindest teilweise selbst verfügen kann.

Ob der neue Supercomputer tatsächlich zu den weltweit leistungsfähigsten gehören wird, lässt sich erst nach seiner Fertigstellung beurteilen.

Wirtschaftlich interessanter ist ohnehin etwas anderes. Brasilien investiert nicht nur in einen Rechner. Das Land versucht, aus einem Kunden des globalen KI-Marktes einen eigenen technologischen Standort zu machen – und will dabei weder Washington noch Peking allein den Schlüssel zum Rechenzentrum überlassen.

Stefanie S. Klief

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