Wirtschaft

Auslandskapital steigt – doch Deutschlands Investitionsproblem bleibt

Was hinter dem Sprung auf 86 Milliarden Euro steckt

6 Min.

31.08.2026

Der Finanzplatz London: Britische Unternehmen waren 2025 mit rund 26 Milliarden Euro die mit Abstand wichtigsten ausländischen Investoren in Deutschland.

86 Milliarden Euro flossen 2025 als ausländische Direktinvestitionen nach Deutschland – rund 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl klingt nach einem überraschenden Comeback des Wirtschaftsstandorts. Gleichzeitig sank jedoch das Volumen neuer ausländischer Investitionsprojekte in Deutschland um fast die Hälfte. Beides kann gleichzeitig stimmen.

86 Milliarden Euro klingen nach einer Trendwende

Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) auf Grundlage von Bundesbank-Daten investierten ausländische Unternehmen 2025 rund 86 Milliarden Euro in Deutschland. Im Jahr zuvor waren es noch rund 57,5 Milliarden Euro gewesen. Selbst gegenüber dem Median der Jahre 2015 bis 2024 liegt der aktuelle Wert nach IW-Berechnung noch fast elf Prozent höher.

Das ist durchaus bemerkenswert. Nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie waren die Direktinvestitionszuflüsse nach Deutschland kontinuierlich zurückgegangen. Die Bundesbank spricht deshalb für 2025 ausdrücklich von einer Belebung. Gleichzeitig warnt sie davor, daraus bereits eine Trendwende abzuleiten.

Denn Direktinvestitionen sind eine besondere statistische Größe. Wer bei 86 Milliarden Euro an 86 Milliarden Euro für neue Fabrikhallen, Maschinen, Forschungszentren oder Arbeitsplätze denkt, greift zu kurz.

Direktinvestition bedeutet nicht automatisch neue Fabrik

Die Zahlungsbilanz erfasst zahlreiche Kapitalbewegungen zwischen verbundenen Unternehmen als Direktinvestitionen. Dazu gehören Beteiligungen an Unternehmen, aber ebenso reinvestierte Gewinne und Kredite innerhalb internationaler Konzerne.

Von den 2025 nach Deutschland geflossenen Mitteln entfielen nach Angaben der Bundesbank jeweils knapp 40 Prozent auf Beteiligungskapital im engeren Sinne und auf konzerninterne Kredite. Etwas mehr als ein Fünftel bestand aus Gewinnen, die ausländische Unternehmen nicht an ihre Eigentümer ausschütteten, sondern in ihren deutschen Gesellschaften beließen.

Auch Übernahmen bestehender Unternehmen können die Direktinvestitionsstatistik erhöhen. Wirtschaftlich sind solche Kapitalbewegungen keineswegs bedeutungslos. Sie können Unternehmen finanzieren, Eigenkapital stärken, Wissen übertragen oder weitere Investitionen ermöglichen.

Sie sagen aber nicht unmittelbar, wie viel zusätzliche Produktionskapazität in Deutschland entsteht.

Genau das zeigt eine zweite Statistik.

Bei neuen Investitionsprojekten zeigt die Kurve nach unten

Germany Trade & Invest (GTAI), die Außenwirtschaftsagentur des Bundes, betrachtet gezielt Neuansiedlungen und Erweiterungsinvestitionen ausländischer Unternehmen. Fusionen und Übernahmen werden dabei nicht mitgerechnet.

Für 2025 registrierte GTAI 1.564 entsprechende Projekte in Deutschland. Das waren 9,3 Prozent weniger als im Vorjahr. Noch deutlicher fiel der Rückgang beim angekündigten beziehungsweise geplanten Investitionsvolumen aus: Es sank von 23,2 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf 11,8 Milliarden Euro – ein Minus von knapp 49 Prozent.

Damit ergibt sich ein scheinbares Paradox:

Während die Bundesbank für 2025 einen Anstieg der ausländischen Direktinvestitionsströme um rund 50 Prozent ausweist, halbiert sich nahezu das Volumen jener Projekte, bei denen Unternehmen tatsächlich neue Standorte errichten oder bestehende Aktivitäten erweitern wollen.

Die Zahlen widersprechen einander nicht. Sie messen unterschiedliche Dinge.

Gerade deshalb sollte die Summe von 86 Milliarden Euro nicht als alleiniger Beweis dafür verstanden werden, dass die Standortprobleme der deutschen Wirtschaft überwunden wären.

Großbritannien ersetzt die USA

Auffällig ist zudem, woher das Kapital inzwischen kommt.

US-Unternehmen investierten 2025 noch 11,8 Milliarden Euro in Deutschland. Das waren fast 44 Prozent weniger als im Vorjahr. Ihr Anteil an den gesamten ausländischen Direktinvestitionen sank damit von mehr als 36 auf rund 14 Prozent.

Das Vereinigte Königreich bewegte sich in die entgegengesetzte Richtung. Britische Unternehmen stellten Deutschland rund 26 Milliarden Euro zur Verfügung – etwa 284 Prozent mehr als 2024. Damit entfielen fast 31 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen auf Großbritannien.

Der außergewöhnlich starke Sprung zeigt zugleich, weshalb einzelne Jahreswerte vorsichtig interpretiert werden müssen. Große Beteiligungen oder konzerninterne Kapitalbewegungen können die Länderstatistik erheblich verändern. Das IW weist selbst darauf hin, dass Direktinvestitionsflüsse stark schwanken und später revidiert werden können.

Europa bleibt Deutschlands wichtigster Kapitalraum

Stabiler als einzelne Länderbewegungen ist die regionale Struktur. Rund 43 Milliarden Euro und damit etwa die Hälfte der ausländischen Direktinvestitionen kamen 2025 aus anderen Staaten der Europäischen Union. Zusammen mit dem Vereinigten Königreich stammten mehr als 80 Prozent des Kapitals aus Europa.

China spielt in dieser Statistik dagegen trotz eines Anstiegs um rund 51 Prozent nur eine geringe Rolle. Mit 199 Millionen Euro erreichten chinesische Direktinvestitionen einen Anteil von lediglich 0,2 Prozent.

Auch hierbei zeigt sich jedoch, wie stark die gewählte Messmethode das Bild bestimmt. GTAI, das konkrete Neuansiedlungs- und Erweiterungsprojekte zählt, sah China 2025 sogar vor den USA als wichtigstes Herkunftsland gemessen an der Zahl der Projekte.

Die Frage »Wer investiert in Deutschland?« lässt sich deshalb nicht mit einer einzigen Rangliste beantworten. Kapitalvolumen, Zahl der Projekte und tatsächlich neu geschaffene Produktionskapazitäten sind unterschiedliche Größen.

Auch 2026 bleiben die Kapitalströme sprunghaft

Die bisherigen Bundesbank-Zahlen für 2026 bestätigen, wie vorsichtig kurzfristige Bewegungen interpretiert werden müssen.

Allein im März erhöhten ausländische Unternehmen ihre Direktinvestitionen in Deutschland um 21,5 Milliarden Euro. Davon entfielen allerdings 19,8 Milliarden Euro auf konzerninterne Kredite. Im April zogen ausländische Unternehmen per saldo 6,6 Milliarden Euro an Direktinvestitionsmitteln aus Deutschland ab. Im Mai flossen wiederum 11,8 Milliarden Euro zu, im Juni weitere 3,8 Milliarden Euro.

Ein einzelner Monats- oder Jahreswert kann deshalb schnell ein wirtschaftliches Signal suggerieren, das sich bei genauerer Betrachtung als Finanzierungsvorgang innerhalb weniger internationaler Konzerne erweist.

Auch UN Trade and Development warnt in seinem Weltinvestitionsbericht 2026 vor einer vorschnellen Interpretation steigender Direktinvestitionszahlen. Der weltweite Kapitalzufluss nahm 2025 zwar wieder zu, doch die Organisation betont, dass hohe FDI-Werte nicht zwangsläufig neue Fabriken, Infrastruktur, Arbeitsplätze oder Technologietransfer bedeuten.

Die entscheidende Frage ist, was mit dem Kapital geschieht

Die neuen Zahlen sind deshalb weder eine schlechte Nachricht noch der Beweis für eine plötzliche Renaissance des Standorts Deutschland.

Dass internationale Konzerne Deutschland 2025 wieder wesentlich mehr Kapital zur Verfügung gestellt haben, ist zunächst ein positives Signal. Von einem flächendeckenden Rückzug internationaler Unternehmen kann jedenfalls keine Rede sein.

Für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit ist jedoch eine andere Frage entscheidend: Wird aus diesem Kapital zusätzliche wirtschaftliche Aktivität?

Neue Werke, Forschungsstandorte, Maschinen und Arbeitsplätze verändern die Produktionsmöglichkeiten einer Volkswirtschaft unmittelbar. Eine Unternehmensübernahme, ein einbehaltener Gewinn oder ein konzerninterner Kredit kann ebenfalls sinnvoll sein – muss aber nicht denselben Effekt haben.

Gerade darin liegt die eigentliche Botschaft der unterschiedlichen Statistiken: Deutschland hat 2025 wieder mehr ausländisches Kapital angezogen. Dass aus diesem Kapital bereits ein neuer Investitionsboom entstanden wäre, lässt sich aus den 86 Milliarden Euro nicht ableiten.

Stefanie S. Klief

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach oben