Wirtschaft

65 Milliarden Barrel: Was hinter Trumps gigantischem Venezuela-Deal steckt

Die USA sollen 55 Prozent eines neuen Ölprojekts kontrollieren und Rohöl zum Selbstkostenpreis beziehen können – gefördert ist davon allerdings noch nichts

8 Min.

29.08.2026

Donald Trump inszeniert Weltpolitik gern als persönliche Machtfrage – insofern ist auch sein jüngster vermeintlicher Deal mit Vorsicht zu genießen.

Donald Trump nennt es den »größten Öl-Deal der Weltgeschichte«: Die Vereinigten Staaten sollen künftig die Mehrheitskontrolle über mehr als 65 Milliarden Barrel nachgewiesener venezolanischer Erdölreserven erhalten. Das Volumen ist größer als sämtliche derzeit ausgewiesenen Ölreserven auf amerikanischem Boden. Doch aus venezolanischem Öl wird dadurch nicht plötzlich amerikanisches Eigentum. Was Washington tatsächlich bekommt, ist möglicherweise strategisch noch interessanter: jahrzehntelangen Zugriff auf einen Teil der größten Erdölvorkommen der Welt.

Ein Ölprojekt für 100 Jahre

Trump verkündete das Abkommen am Freitag über Truth Social. Außenminister Marco Rubio und Verteidigungsminister Pete Hegseth hätten gemeinsam mit Venezuelas Interimspräsidentin Delcy Rodríguez und privaten Unternehmen eine Vereinbarung ausgehandelt, die den USA die Mehrheitskontrolle über mehr als 65 Milliarden Barrel nachgewiesener Reserven sichere. Der amerikanische Steuerzahler werde dadurch nicht belastet, erklärte Trump.

Inzwischen sind erste Einzelheiten bekannt.

Nach Angaben eines US-Regierungsvertreters soll ein neues öffentlich-privates Gemeinschaftsunternehmen eine Konzession über 100 Jahre erhalten. Es soll insgesamt 17 Ölfelder entwickeln, unter anderem im gewaltigen Orinoco-Gürtel und im Gebiet des Maracaibo-Sees. Die US-Regierung soll effektiv 55 Prozent kontrollieren. Dieser Anteil setzt sich demnach aus einer Beteiligung am Unternehmen und dem Recht zusammen, einen Teil des geförderten Öls zum Selbstkostenpreis abzunehmen.

Welches private Unternehmen den operativen Part übernimmt, ist bislang nicht bekannt. Allein dieser Punkt macht deutlich, wie früh das Projekt trotz der spektakulären Ankündigung noch steht.

65 Milliarden Barrel sind mehr als die gesamten US-Reserven

Die Größenordnung ist dennoch außergewöhnlich.

Die US-Energiebehörde EIA weist für die Vereinigten Staaten zum Jahresende 2024 nachgewiesene Erdöl- und Kondensatreserven von rund 46 Milliarden Barrel aus. Die 65 Milliarden Barrel, auf die sich das Venezuela-Abkommen bezieht, entsprechen damit etwa dem 1,4-Fachen dieses Volumens.

Trump sagt deshalb, das Geschäft werde die amerikanischen Ölreserven »mehr als verdoppeln«.

Statistisch ist das allerdings eine sehr großzügige Interpretation.

Nachgewiesene Reserven werden dort bilanziert, wo sich die Lagerstätten befinden und wo sie unter bestehenden wirtschaftlichen und technischen Bedingungen mit hinreichender Sicherheit förderbar sind. Die 65 Milliarden Barrel liegen weiterhin in Venezuela. Ein langfristiges Nutzungs- oder Kontrollrecht verwandelt sie nicht in geologische US-Reserven.

Venezuela selbst verfügt über rund 303 Milliarden Barrel nachgewiesenes Erdöl und damit über die größten bekannten Reserven der Welt. Die jetzt erfassten Felder entsprechen gut einem Fünftel davon.

Was die USA erhalten sollen, ist also kein zusätzlicher Ölvorrat unter Texas oder Alaska, sondern wirtschaftlicher Zugriff auf venezolanische Lagerstätten.

Dieser Unterschied klingt technisch. Geopolitisch ist er erheblich.

Auch mit der strategischen Ölreserve hat das zunächst nichts zu tun

Hinzu kommt eine zweite begriffliche Verwechslungsgefahr.

Die Strategic Petroleum Reserve, kurz SPR, ist keine Rohstoffreserve im Boden. Sie besteht aus bereits gefördertem Öl, das in großen unterirdischen Salzkavernen gelagert wird und in Versorgungskrisen auf den Markt gebracht werden kann. Gerade dieser Vorrat ist 2026 stark geschrumpft.

Am 21. August lagen noch rund 289,7 Millionen Barrel in der amerikanischen strategischen Reserve. Ende 2025 waren es nach EIA-Daten noch mehr als 400 Millionen Barrel gewesen.

Der Grund liegt vor allem im Krieg gegen Iran und den Störungen rund um die Straße von Hormus. Washington hat gemeinsam mit anderen Industriestaaten große Mengen Öl aus strategischen Beständen freigegeben, um Angebotsausfälle abzufedern. Noch im Juni hatte das US-Energieministerium eine weitere Freigabe im Rahmen eines insgesamt 172 Millionen Barrel umfassenden amerikanischen Programms vorbereitet.

Das neue Venezuela-Abkommen könnte langfristig helfen, diese Reserve günstig wieder aufzufüllen. Kurzfristig steht das Öl dafür aber noch nicht zur Verfügung.

Trump hat ein Benzinpreisproblem

Dass der Präsident ausgerechnet jetzt einen langfristigen Ölzugang zur innenpolitischen Erfolgsmeldung macht, hat einen handfesten Grund.

Der durchschnittliche Preis für eine Gallone Normalbenzin lag in den USA am 28. August bei rund 4,09 Dollar. Damit kostet Benzin fast 90 Cent mehr als vor einem Jahr. Nach Angaben des Automobilclubs AAA lag der Durchschnittspreis im August erstmals an jedem einzelnen Tag oberhalb von vier Dollar. Der Monat dürfte damit den bisherigen August-Rekord aus dem Jahr 2022 übertreffen.

Auch Rohöl bleibt teuer. Brent kostete am Donnerstag 89,70 Dollar je Barrel, nachdem Trump Spekulationen über eine Rückkehr zu den früheren Bedingungen eines Waffenstillstands mit Iran zurückgewiesen hatte.

Der Venezuela-Deal verbindet deshalb Außenpolitik, Energieversorgung und amerikanische Innenpolitik unmittelbar miteinander.

Trump verspricht niedrigere Benzinpreise. Ob das Abkommen dazu kurzfristig überhaupt beitragen kann, ist allerdings fraglich.

Das größte Ölland der Welt fördert erstaunlich wenig

Denn gigantische Reserven bedeuten nicht automatisch gigantische Produktion.

Venezuela fördert derzeit nur rund 1,2 Millionen Barrel Öl pro Tag. Zum Vergleich: Die Vereinigten Staaten produzieren mehr als das Zehnfache. Venezuelas Ölexporte lagen im Juli bei rund 1,16 Millionen Barrel täglich. Davon gingen bereits 786.000 Barrel pro Tag in die USA – so viel wie seit Anfang 2019 nicht mehr.

Der Widerspruch zwischen riesigen Vorkommen und geringer Förderung ist das Ergebnis von Jahrzehnten politischer Eingriffe, mangelnder Investitionen, Sanktionen, technischem Verfall und dem Verlust von Fachkräften.

Hinzu kommt die Beschaffenheit des Rohstoffs. Ein erheblicher Teil der venezolanischen Reserven besteht aus besonders schwerem Öl aus dem Orinoco-Gürtel. Es muss technisch aufwendig gefördert, teilweise mit leichteren Kohlenwasserstoffen verdünnt und anschließend in dafür geeigneten Raffinerien verarbeitet werden.

Gerade amerikanische Raffinerien an der Golfküste sind historisch auf solche schweren Rohölsorten ausgelegt. Das macht venezolanisches Öl für die USA wirtschaftlich attraktiver, als die reine Entfernung zwischen beiden Ländern vermuten lässt.

100 Milliarden Dollar müssen erst einmal investiert werden

Venezuela und Washington rechnen mit privaten Investitionen von annähernd 100 Milliarden Dollar in die 17 Felder. Caracas erwartet daraus nach den bislang veröffentlichten Angaben über die Laufzeit bis zu 209 Milliarden Dollar an staatlichen Einnahmen.

Solche Prognosen hängen jedoch davon ab, ob sich überhaupt genügend private Unternehmen finden, die dieses Kapital bereitstellen.

Genau daran hakt der Wiederaufbau der venezolanischen Ölindustrie seit Monaten.

Chevron verhandelt bereits über eine deutliche Erweiterung seiner Aktivitäten. Der Konzern will bestehende Gemeinschaftsunternehmen neu strukturieren und zusätzliche Gebiete im Orinoco-Gürtel erschließen. Auch der US-Öldienstleister SLB hat wieder Zugang zum Land und soll unter anderem die teilweise veralteten oder verlorenen Felddaten der staatlichen PDVSA digitalisieren.

Andere amerikanische Ölkonzerne sind wesentlich zurückhaltender. ExxonMobil und ConocoPhillips haben die Enteignungen ihrer venezolanischen Anlagen unter Hugo Chávez nicht vergessen und verlangen belastbare rechtliche Sicherheiten, bevor sie erneut Milliarden investieren.

Damit entscheidet sich der wirtschaftliche Wert des Trump-Abkommens nicht an der Zahl 65 Milliarden.

Er entscheidet sich daran, wie viele dieser Barrel tatsächlich zu vertretbaren Kosten aus dem Boden geholt werden können.

Venezuela hat seine Ölordnung bereits umgebaut

Caracas hat dafür in diesem Jahr einen bemerkenswerten politischen Kurswechsel vollzogen.

Ende Januar unterzeichnete Delcy Rodríguez eine Reform des venezolanischen Kohlenwasserstoffrechts, die privaten und ausländischen Unternehmen erheblich mehr Spielraum gibt. Sie können Projekte stärker selbst betreiben, ihre Produktionsanteile vermarkten und Streitigkeiten teilweise außerhalb venezolanischer Gerichte klären lassen. Auch Steuer- und Abgabenlasten können bei bestimmten Projekten reduziert werden.

Das ist eine deutliche Abkehr von jener Ölpolitik, mit der Chávez ab 2007 den staatlichen Einfluss massiv ausgeweitet und ausländische Unternehmen enteignet hatte.

Dennoch bleiben rechtliche Fragen.

Venezuelas Verfassung und seine Rohstoffgesetzgebung betrachten die Vorkommen grundsätzlich als Eigentum der Republik. Experten bezweifeln deshalb, ob eine Vereinbarung, die einem ausländischen Staat über 100 Jahre Mehrheitskontrolle über einen erheblichen Teil der Reserven verschafft, ohne weitere gesetzliche und verfassungsrechtliche Absicherung dauerhaft Bestand haben kann.

Auch die politische Legitimation ist umstritten. Rodríguez führt Venezuela seit der amerikanischen Festnahme Nicolás Maduros im Januar interimistisch; ein Termin für eine neue Präsidentschaftswahl steht bislang nicht fest.

Der Deal verändert mehr als Amerikas Ölversorgung

Trumps Ankündigung ist deshalb gleichzeitig kleiner und größer, als seine Formulierung vom »größten Öl-Deal der Weltgeschichte« suggeriert.

Kleiner, weil am Wochenende nach der Bekanntgabe kein zusätzliches Barrel Öl auf dem Weltmarkt erscheint. Milliardeninvestitionen, neue Förderanlagen, Pipelines, Aufbereitung und eine rechtlich belastbare Vertragsstruktur müssen erst entstehen. Die Auswirkungen auf den Benzinpreis dürften deshalb zunächst begrenzt sein.

Größer ist das Geschäft, weil Washington sich nicht lediglich weitere Öllieferungen einkauft.

Eine 100-jährige Konzession mit amerikanischer Mehrheitskontrolle über 17 Felder würde die geopolitische Ausrichtung eines Landes verändern, das über Jahrzehnte enge Energiebeziehungen zu China und Russland unterhielt und zu den Gründungsmitgliedern der OPEC gehört. Noch am Donnerstag berichtete Reuters, Venezuela könne im Zuge seiner Neuausrichtung sogar einen Austritt aus der Organisation erwägen.

Die Vereinigten Staaten hätten damit direkten Einfluss auf einen erheblichen Teil der größten bekannten Ölreserven der Erde – unmittelbar vor ihrer eigenen Haustür.

65 Milliarden Barrel im venezolanischen Boden sind deshalb nicht plötzlich amerikanische Ölreserven.

Aber sollten die Verträge Bestand haben und private Unternehmen das nötige Kapital tatsächlich investieren, könnte der Zugriff darauf für Washington langfristig mindestens ebenso wertvoll sein.

Stefanie S. Klief

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