Politik

Kanada rückt näher an Europa – Trump droht mit hohen Zöllen

Von der Leyen bietet Ottawa eine neue Form der Partnerschaft an. Washington warnt vor Strafmaßnahmen – obwohl der geplante Status noch gar nicht definiert ist

8 Min.

17.09.2026

Noch existiert die neue Partnerschaft nicht. Es gibt keinen Vertrag, keinen fertigen Rechtsstatus und keine festgelegten Rechte für Kanada innerhalb der Europäischen Union. Trotzdem reicht die Idee bereits für eine scharfe Reaktion aus Washington: US-Präsident Donald Trump droht Europa mit hohen Zöllen und sogar Handelsbeschränkungen, falls er eine engere Verbindung Kanadas mit der EU als »feindseligen Akt« bewertet. Kanadas Premierminister Mark Carney reagiert mit einer ebenso grundsätzlichen Botschaft: Über die eigenen internationalen Partnerschaften entscheide Kanada selbst. Aus einer noch recht vagen europäischen Initiative wird damit eine Frage darüber, wie weit wirtschaftlicher Druck inzwischen in die Bündnispolitik des Westens hineinreicht.

Trump reagiert auf eine Partnerschaft, die es noch gar nicht gibt

Auslöser war Ursula von der Leyens Rede zur Lage der Europäischen Union am Mittwoch.

Die EU-Kommissionspräsidentin schlug vor, Kanada zum ersten „assoziierten Mitglied“ der Europäischen Union zu machen. Dahinter steht nach ihrer Darstellung eine deutlich engere Zusammenarbeit bei Verteidigung, Energie, kritischen Rohstoffen, Batterien, künstlicher Intelligenz, Quantentechnologie, Cybersicherheit und wirtschaftlicher Sicherheit. Gleichzeitig soll aus dem bestehenden Freihandelsabkommen CETA eine umfassendere »Alliance for the Future« entstehen.

Der Begriff klingt allerdings konkreter, als er derzeit ist.

Eine solche assoziierte Mitgliedschaft existiert in den EU-Verträgen bislang nicht. Welche Rechte und Pflichten Kanada erhalten könnte, ist offen. Nach Angaben von Reuters wäre mindestens die Zustimmung der EU-Mitgliedstaaten erforderlich; je nach Ausgestaltung könnten sogar Änderungen der europäischen Verträge notwendig werden. Kanada selbst strebt ausdrücklich keine gewöhnliche Vollmitgliedschaft an. Carney spricht vielmehr von einer besonderen oder »einzigartigen« Allianz.

Trump reagierte dennoch bereits am Mittwochabend.

Sollte er den europäischen Vorstoß als feindselig bewerten, werde er Europa mit „sehr ernsthaften“ beziehungsweise hohen Zöllen belegen oder den Handel in bestimmten Bereichen einstellen, sagte der Präsident vor Journalisten. Welche Waren betroffen wären, welche Zollsätze er erwägt und auf welche Rechtsgrundlage er sich dabei stützen würde, sagte er nicht.

Es handelt sich damit bislang um eine politische Drohung – nicht um eine angekündigte konkrete Zollmaßnahme.

Carney antwortet ausgerechnet im Europäischen Parlament

Wenige Stunden später stand der kanadische Premierminister in Straßburg vor den Abgeordneten des Europäischen Parlaments.

Carney begrüßte von der Leyens Vorschlag ausdrücklich. Europa und Kanada seien gemeinsam stärker, sagte er. Zugleich stellte er klar, dass Kanada keinen neuen Machtblock schaffen wolle, der mit den Vereinigten Staaten oder China konkurriert. Ziel sei vielmehr größere Widerstandsfähigkeit gegen wirtschaftlichen und politischen Druck.

Auf Trumps Kritik reagierte Carney noch grundsätzlicher: Kanada werde selbst entscheiden, mit welchen Partnern es seine Beziehungen vertieft. Eine engere Beziehung zur EU könne Kanada nach seiner Darstellung sogar zu einem stärkeren Partner der Vereinigten Staaten machen.

Auch die Europäische Kommission weist die Vorstellung zurück, die Initiative richte sich gegen Washington. Von der Leyen hatte bereits in ihrer Rede betont, die Partnerschaft sei nicht „gegen jemand anderen“, sondern solle die gemeinsame Stärke erhöhen.

Damit stehen sich zwei sehr unterschiedliche Lesarten gegenüber.

Für Brüssel und Ottawa geht es um Diversifizierung.

Trump behandelt dieselbe Diversifizierung zumindest potenziell als feindseligen Schritt.

Kanada hat einen wirtschaftlichen Grund für mehr Distanz

Dass Ottawa neue Partner sucht, ist nicht überraschend.

Die USA bleiben für Kanada mit großem Abstand der wichtigste Absatzmarkt. 2025 gingen 71,7 Prozent der kanadischen Warenexporte in die Vereinigten Staaten. Ein Jahr zuvor waren es noch 75,9 Prozent gewesen. Gleichzeitig stiegen Kanadas Exporte in andere Länder 2025 um 17,2 Prozent.

Die Abhängigkeit ist damit etwas zurückgegangen – sie bleibt aber enorm.

Diese Konzentration hat sich während der jüngsten Handelskonflikte als Risiko erwiesen. Statistics Canada stellte bereits im Frühjahr fest, dass Exporte in die USA Ende 2025 deutlich unter den Werten vor den Zollkonflikten lagen, während Lieferungen in andere Märkte zunahmen.

Die EU ist wiederum Kanadas zweitgrößter Handelspartner.

Seit CETA vorläufig angewendet wird, ist der bilaterale Warenhandel nach Angaben der Europäischen Kommission um 76 Prozent auf 81,5 Milliarden Euro im Jahr 2025 gewachsen. Nimmt man Dienstleistungen hinzu, erreichte der Handel 130 Milliarden Euro.

Europa kann den US-Markt damit nicht einfach ersetzen. Aber es kann Kanadas wirtschaftliche Abhängigkeit von einem einzigen Partner verringern.

Aus Handelsdiversifizierung wird Sicherheitspolitik

Entscheidend ist dabei, dass sich die Annäherung längst nicht mehr auf Zölle und Warenströme beschränkt.

Bereits beim EU-Kanada-Gipfel im Juni 2025 vereinbarten beide Seiten eine neue strategische Partnerschaft und ein Sicherheits- und Verteidigungsabkommen. Seitdem arbeiten sie unter anderem an engerer Verteidigungsindustrie-Kooperation, Cybersicherheit, militärischer Mobilität, kritischen Rohstoffen und einem digitalen Handelsabkommen.

Am Mittwoch setzte Kanada einen weiteren Schritt.

Ottawa beantragte offiziell die Aufnahme in die britisch geführte Joint Expeditionary Force. Zu diesem schnellen militärischen Reaktionsverbund gehören bislang zehn europäische NATO-Staaten, darunter Großbritannien, Norwegen, die Niederlande, Schweden und mehrere baltische Länder.

Parallel wirbt von der Leyen für einen neuen Europäischen Sicherheitsrat, in den ausdrücklich auch Nicht-EU-Partner wie Großbritannien, Norwegen, die Ukraine und Kanada eingebunden werden könnten.

Zusammengenommen entsteht daraus kein europäisch-kanadischer Gegenblock zur NATO. Aber es entsteht ein dichteres Netz westlicher Kooperation, das weniger stark ausschließlich über Washington läuft.

Rohstoffe, Energie und KI machen Kanada für Europa interessant

Dabei ergänzen sich die Interessen beider Seiten auffällig.

Europa sucht nach sichereren Lieferketten für kritische Rohstoffe, Energie und Verteidigungstechnologie.

Kanada verfügt über große Vorkommen unter anderem an Nickel, Lithium, Kobalt, Uran und Seltenen Erden sowie über erhebliche Energieressourcen. Gleichzeitig sucht das Land neue Absatzmärkte und Investoren.

Carney nannte in Straßburg deshalb ausdrücklich kritische Mineralien, Verteidigungsindustrie, künstliche Intelligenz, Rechenkapazitäten, Energie, Raumfahrt und Zahlungsverkehr als Felder einer vertieften Zusammenarbeit. Er stellte außerdem LNG- und Wasserstofflieferungen sowie neue Infrastrukturverbindungen nach Europa in Aussicht.

Von der Leyen wiederum will Kanada stärker in Europas Industrie- und Verteidigungsstruktur integrieren. Damit bekommt die Partnerschaft einen strategischen Charakter: Europa diversifiziert weg von russischer Energie und teilweise von chinesischen Rohstoffen. Kanada diversifiziert weg von seiner extremen Abhängigkeit vom US-Markt.

Daher ist der Begriff politisch attraktiv – rechtlich aber problematisch.

Sollte Kanada beispielsweise tieferen Zugang zum europäischen Binnenmarkt erhalten, müsste das Land vermutlich einen Teil seiner Regeln stärker an EU-Standards angleichen. Damit könnte ein klassisches Problem entstehen: Kanada würde europäische Regeln übernehmen, ohne als Vollmitglied über deren Entstehung mitentscheiden zu können.

Auch innerhalb der EU wären schwierige Fragen zu klären.

  • Welche Rechte erhält ein assoziiertes Mitglied?
  • Gilt Freizügigkeit?
  • Gibt es Zugang zum Binnenmarkt?
  • Beteiligt sich Kanada an EU-Programmen und Haushalten?
  • Hat es Mitspracherechte?
  • Und wie unterscheidet sich dieser Status von den Beziehungen zu Norwegen, der Schweiz oder den offiziellen Beitrittskandidaten?

Darauf gibt es bislang keine fertigen Antworten. Die politische Symbolik ist der institutionellen Konstruktion weit voraus.

Die eigentliche Verschiebung liegt deshalb woanders

Bemerkenswert ist weniger, dass Kanada morgen plötzlich Teil der Europäischen Union werden könnte. Das steht derzeit gar nicht zur Debatte.

Interessant ist vielmehr, wie selbstverständlich Ottawa und Brüssel inzwischen über gemeinsame Industriepolitik, Verteidigung, Rohstoffe, Technologie und Infrastruktur sprechen – Bereiche, die noch vor wenigen Jahren überwiegend getrennt behandelt worden wären.

Und ebenso augenfällig ist, dass der amerikanische Präsident diese engere Zusammenarbeit zweier enger US-Verbündeter mit möglichen Handelsmaßnahmen beantwortet.

Zölle werden damit nicht nur als Instrument gegen Handelsdefizite, Subventionen oder vermeintlich unfaire Wettbewerbsbedingungen eingesetzt. Sie werden zumindest rhetorisch auch zu einem möglichen Mittel, außenpolitische Entscheidungen von Partnerstaaten zu beeinflussen.

Das verändert die Logik innerhalb westlicher Bündnisse.

Washington bleibt unverzichtbar – aber nicht mehr automatisch alternativlos

Weder Kanada noch die EU sprechen davon, die Vereinigten Staaten strategisch zu ersetzen. Kanada bleibt eng in die nordamerikanische Wirtschaft eingebunden und Mitglied der NATO. Die USA bleiben Europas wichtigster militärischer Partner.

Gleichzeitig zeigen sowohl Ottawa als auch europäische Regierungen ein wachsendes Interesse daran, Abhängigkeiten zu reduzieren und eigene Handlungsoptionen aufzubauen. Reuters dokumentiert dieselbe Entwicklung inzwischen auch bei europäischen Verteidigungsbeschaffungen: Mehrere NATO-Staaten suchen verstärkt nach nichtamerikanischen Lieferanten, während Zweifel an der Verlässlichkeit amerikanischer Sicherheitszusagen zugenommen haben.

Kanadas Annäherung an Europa passt damit in einen größeren Trend. Nicht Abkopplung. Sondern Absicherung.

Trump könnte mit seiner Drohung allerdings genau jenen Mechanismus verstärken, den er kritisiert. Denn je stärker wirtschaftliche Abhängigkeit als politisches Druckmittel wahrgenommen wird, desto größer wird für Staaten der Anreiz, diese Abhängigkeit zu verringern.

Stefanie S. Klief

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach oben