Bio ist längst kein Nischenmarkt mehr. Im ersten Halbjahr 2026 gaben Verbraucher in Deutschland mehr als 9,6 Milliarden Euro für Bio-Lebensmittel aus. Doch während die Nachfrage wächst, hält die heimische Produktion kaum Schritt. Ausgerechnet jetzt plant die Bundesregierung deutliche Kürzungen bei Forschung und Förderung des Ökolandbaus. Landwirtschaftsminister Alois Rainer muss sich deshalb zunehmend fragen lassen, ob seine Politik einen Wachstumsmarkt ausbremst, von dem deutsche Betriebe eigentlich profitieren könnten.
Der Grünen-Politiker Karl Bär hat Alois Rainer bereits als »Tu-Nix-Minister« bezeichnet. Das ist politische Polemik und als Bilanz der Arbeit des Bundesministers für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat zu einfach.
Rainer hat seit seinem Amtsantritt die Agrardieselrückvergütung vollständig wieder eingeführt, ein Liquiditätshilfeprogramm von 200 Millionen Euro für krisengeplagte Höfe auf den Weg gebracht, Vorschriften abgebaut und Änderungen beim Düngerecht, bei Pflanzenschutzmitteln und beim Wolf vorangetrieben. Er selbst zieht deshalb eine positive Zwischenbilanz und spricht von einem vollzogenen Kurswechsel.
Gerade beim Ökolandbau entsteht jedoch ein immer schwerer erklärbarer Widerspruch. Der Markt wächst. Die heimische Produktion wächst kaum mit. Und die Bundesregierung will ausgerechnet bei Programmen kürzen, die Forschung, Innovation und Umstellung unterstützen sollen.
Bio wächst selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten
Die jüngsten Marktdaten sind bemerkenswert. Im 2. Quartal 2026 setzte der deutsche Einzelhandel mit Bio-Lebensmitteln 4,75 Milliarden Euro um. Das waren 3,8 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Im gesamten ersten Halbjahr summierte sich der Umsatz auf mehr als 9,6 Milliarden Euro.
Bereits 2025 hatte der deutsche Bio-Markt einen Rekord erreicht. Der Umsatz stieg um 6,7 Prozent auf 18,23 Milliarden Euro. Die ökologisch bewirtschaftete Fläche nahm im selben Zeitraum dagegen lediglich um 1,1 Prozent zu und erreichte 11,7 Prozent der gesamten deutschen Agrarfläche. Jeder siebte landwirtschaftliche Betrieb wirtschaftet ökologisch.
Der Unterschied zwischen Nachfrage- und Produktionswachstum lässt sich inzwischen im Regal beziehungsweise in der Handelsbilanz sehen.
2024 wurden rund 40 Prozent der in Deutschland verkauften Bio-Möhren importiert, bei Bio-Zwiebeln lag der Anteil bei rund 25 Prozent. Auch bei Milch, Butter und Fleisch nehmen die Einfuhren zu. Mehr als ein Drittel des Bio-Schweinefleischs kam bereits 2024 aus Nachbarländern; 2025 kamen mit Belgien und Spanien weitere Lieferländer hinzu.
Das ist zunächst kein wirtschaftliches Problem. Ein europäischer Binnenmarkt lebt vom Handel, und Importe sind weder ungewöhnlich noch grundsätzlich negativ.
Für die deutsche Landwirtschaft bedeutet die Entwicklung jedoch: Ein wachsender Markt entsteht vor ihrer Haustür – und ein zunehmender Teil dieser zusätzlichen Nachfrage wird von Betrieben außerhalb Deutschlands bedient.
Rainers eigenes Marktargument dreht sich inzwischen gegen ihn
Rainer hatte zu Jahresbeginn vor einem politisch erzwungenen Ausbau der Bio-Produktion gewarnt. Die Produktion müsse mit dem Markt wachsen und dürfe nicht am Absatz vorbei ausgeweitet werden. Andernfalls könnten die Preise fallen und Bio-Höfe ihre höheren Produktionskosten nicht mehr erlösen.
Ökonomisch ist dieses Argument nachvollziehbar. Eine staatlich geförderte Produktionsausweitung ohne entsprechende Nachfrage kann Überkapazitäten schaffen.
Nur zeigt der Markt derzeit genau das umgekehrte Problem.
Die Nachfrage wächst seit Jahren stärker als die heimische Produktion. Bio wächst selbst in einer Phase schwacher Konsumstimmung. Im 1. Quartal 2026 legte der Umsatz sogar um 6 Prozent zu, während der gesamte Lebensmittelmarkt nur um 2,5 Prozent wuchs. Besonders stark entwickeln sich Drogeriemärkte und der Online-Handel.
Wenn gleichzeitig immer mehr Bio-Lebensmittel importiert werden müssen, kann schwerlich von einer Produktion »am Markt vorbei« gesprochen werden.
Der Markt ist da. Die Frage lautet vielmehr, warum deutsche Betriebe ihn nicht stärker bedienen.
Ausgerechnet jetzt sollen die Bio-Mittel sinken
Noch problematischer wird die politische Linie mit Blick auf den Bundeshaushalt 2027.
Der vom Kabinett beschlossene Haushaltsentwurf sieht vor, den Etat des Landwirtschaftsministeriums gegenüber 2026 lediglich um 0,28 Prozent auf 6,973 Milliarden Euro zu reduzieren. Der Titel »Zukunftsfähige, umwelt- und ressourcenschonende Landwirtschaft und ökologischer Landbau« soll jedoch um 21 Millionen Euro beziehungsweise 31,3 Prozent gekürzt werden.
Auch bei der Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz, kurz GAK, sind Einschnitte vorgesehen. Für nicht investive Bereiche, aus denen unter anderem Maßnahmen für Ökolandbau und ländliche Entwicklung finanziert werden, sollen nach Angaben des Bio-Spitzenverbands mehr als 100 Millionen Euro weniger zur Verfügung stehen. Gleichzeitig sollen die investiven GAK-Mittel für Stallneubauten um 50 Millionen Euro steigen.
Der Haushaltsentwurf ist noch kein beschlossenes Gesetz. Der Bundestag kann die Ansätze verändern – und hat das beim Haushalt 2026 bereits getan. Damals erhöhte der Haushaltsausschuss den Titel für ressourcenschonende Landwirtschaft und Ökolandbau gegenüber dem Regierungsentwurf um 12,5 Millionen Euro auf 66,91 Millionen Euro.
Die politische Richtung des aktuellen Regierungsentwurfs bleibt trotzdem bemerkenswert.
Denn sie widerspricht zumindest dem Wortlaut des Koalitionsvertrags.
Union und SPD haben dort vereinbart, den Ausbau des Ökolandbaus deutlich zu stärken, mehr Mittel für Forschung und Bildung bereitzustellen, das Bundesprogramm Ökologischer Landbau auszubauen und Hindernisse für Bio-Betriebe zu reduzieren.
Eine Kürzung des betreffenden Haushaltstitels um mehr als 30 Prozent lässt sich damit zumindest nicht ohne Weiteres in Einklang bringen.
Auch aus der Landwirtschaft kommt keine Jubelbilanz
Rainers Problem ist dabei größer als die Kritik grüner Politiker oder ökologischer Anbauverbände.
Auch der Deutsche Bauernverband, der viele politische Positionen des CSU-Ministers wesentlich eher teilt, zog nach dem ersten Regierungsjahr eine ernüchternde Bilanz. Präsident Joachim Rukwied erklärte, der angekündigte Politikwechsel sei bislang nicht wirklich erkennbar. Hohe Energiepreise und der gestiegene Mindestlohn belasteten die Höfe, während Erzeugerpreise gesunken seien. Auch beim Umbau der Tierhaltung und bei Planungssicherheit sieht der Verband weiterhin erheblichen Handlungsbedarf.
Von anderer Seite fällt die Kritik noch wesentlich schärfer aus. Der Deutsche Tierschutzbund bezeichnete Rainers erstes Amtsjahr als »Nullnummer«. Demeter spricht von einem Jahr der Zurückhaltung und des Stillstands und kritisiert, zentrale Empfehlungen der Zukunftskommission Landwirtschaft und der Borchert-Kommission würden nicht konsequent umgesetzt.
Diese Verbände verfolgen unterschiedliche Interessen. Ihre Bewertungen können deshalb nicht einfach zu einem objektiven Urteil über Rainers Amtsführung addiert werden.
Bemerkenswert ist jedoch, wie breit die Unzufriedenheit inzwischen reicht: konventionelle Landwirtschaft, Bio-Branche und Tierschutz kritisieren den Minister aus jeweils völlig unterschiedlichen Richtungen.
Der Ökolandbau ist längst Wirtschaftspolitik
Gerade deshalb wäre es zu kurz gedacht, die Debatte lediglich als Konflikt zwischen »Bio« und konventioneller Landwirtschaft zu behandeln.
Nach Angaben des BÖLW arbeiten mindestens 388.000 Menschen in der deutschen Bio-Wertschöpfungskette. 45 Prozent der Bio-Herstellungs- und Handelsunternehmen hatten zu Jahresbeginn angegeben, zusätzliche Beschäftigte einstellen zu wollen.
Dahinter stehen Landwirte, Mühlen, Molkereien, Bäckereien, Fleischverarbeiter, Logistikunternehmen, Einzelhandel und Gastronomie – häufig kleine und mittelständische Unternehmen in ländlichen Regionen.
Wenn die Nachfrage nach einem Produktsegment dauerhaft wächst, die heimische Produktion aber nicht folgen kann, ist das deshalb nicht nur eine ökologische Frage.
Es ist eine Frage von Wertschöpfung, Investitionen und Marktanteilen.
Jede importierte Bio-Möhre ist selbstverständlich kein volkswirtschaftliches Desaster. In der Summe zeigt die Entwicklung aber, dass Deutschland einen Teil eines wachsenden Lebensmittelmarktes anderen Produzenten überlässt, obwohl die Nachfrage im eigenen Land vorhanden ist.
Nicht Nichtstun ist Rainers eigentliches Problem
Die Bezeichnung »Tu-Nix-Minister« trifft den entscheidenden Punkt deshalb gerade nicht.
Alois Rainer tut einiges – nur liegen seine Schwerpunkte erkennbar woanders. Agrardiesel, Bürokratieabbau, Exportförderung, Pflanzenschutz und eine stärkere Betonung konventioneller Landwirtschaft gehören zu seiner politischen Linie.
Diese Prioritäten kann man politisch teilen oder ablehnen.
Beim Bio-Markt muss sich Rainer jedoch an einem nüchterneren Maßstab messen lassen: Passen seine Entscheidungen zu der wirtschaftlichen Entwicklung, die tatsächlich stattfindet?
Die Bundesregierung selbst hält an einer Bio-Strategie fest, die Forschung, Verarbeitung, Wertschöpfungsketten und den Abbau von Hemmnissen stärken soll. Die aktuelle Bio-Strategie des Ministeriums nennt weiterhin 30 Prozent ökologisch bewirtschaftete Fläche bis 2030 als Ziel. Im schwarz-roten Koalitionsvertrag wurde diese konkrete Zielmarke zwar nicht wiederholt, der Ökolandbau aber ausdrücklich als Innovationsmotor bezeichnet und seine stärkere Förderung zugesagt.
Vor diesem Hintergrund wirken Kürzungen bei Forschung und Förderprogrammen nicht wie ein neutraler Sparkurs. Sie sind eine politische Prioritätensetzung.
Und genau darüber darf man einen Minister kritisieren.
Was bleibt
Deutschlands Bio-Markt braucht derzeit keinen staatlichen Nachfrageimpuls, um überhaupt zu existieren. Die Verbraucher liefern ihn längst.
Mehr als 9,6 Milliarden Euro Umsatz im 1. Halbjahr 2026, ein Wachstum von 3,8 Prozent allein im 2. Quartal und zunehmende Bio-Sortimente bei Discountern, Supermärkten und Drogerien zeigen, dass aus der einstigen Nische ein stabiler Milliardenmarkt geworden ist.
Das Problem liegt inzwischen auf der Angebotsseite. Die deutsche Ökofläche wächst wesentlich langsamer als die Nachfrage, Standardprodukte werden zunehmend importiert und der Abstand zu den politischen Ausbauzielen bleibt groß.
Alois Rainer kann zu Recht darauf verweisen, dass ein Landwirtschaftsminister keinen Bauern zur Umstellung zwingen kann und wirtschaftlich tragfähiger Ökolandbau nicht per Regierungsdekret entsteht.
Aber Politik entscheidet mit darüber, ob eine Umstellung attraktiv ist, ob Forschung finanziert wird, ob Verarbeitungskapazitäten entstehen und ob Betriebe Planungssicherheit haben.
Wenn ein Markt wächst und Deutschland gleichzeitig seine Förderung für genau diesen Bereich kürzt, reicht es deshalb nicht, auf »marktorientiertes Wachstum« zu verweisen.
Der Markt hat gesprochen.
Die spannendere Frage ist inzwischen, ob die deutsche Agrarpolitik ihm überhaupt folgen will.
Stefanie S. Klief